Ich saß auf einer extrem bequemen Couch und starrte an die Decke. In meinem Ohr sang India, dass sie bereit für die Liebe sei und meine Gedanken kehrten bestimmt zum hunderten Mal zu dem Anruf von vor zwei Wochen zurück.

„Frau Hummel?“
„Ja, das bin ich.“
„Ahh, wunderbar. Mein Name ist Sandra Kirsch von RTL. Wir machen demnächst eine Sendung zu dem Thema „Unentdeckte Künstler“ und möchten Sie gerne dabei haben. Wie klingt das?“
„Mich? Dabei haben?“ Ich fragte mich gerade, ob die gute Frau sich wohl verwählt hatte, als sie auch schon weiter sprach
„Ja, genau Sie. Wir haben gehört, das sie eigene Songs schreiben und auch das Zeug zu einer guten Sängerin haben und wir möchten gerne zwei Titel von Ihnen in unserer Sendung vorstellen.“ Ihr Stimme klang, wie bei einer dieser Zahnpasta-Werbungen. Mindestens zwei Oktaven zu hoch und mit diesem typischen Zahnpastalächeln im ebenmäßigen Gesicht. Ich gebe zu, ich war misstrauisch.
„Sind Sie sicher, das es sich hier nicht um eine Verwechslung handelt?“
„Sie sind doch Mariska Hummel, oder?“
„Ähm...ja.“
„Und sie schreiben Songs und singen?“
„Ähm...ebenfalls ja.“
„Na, dann habe ich wohl die Richtige am Apparat.“ Frau Kirsch lachte und mir wurde die Sache langsam richtig unheimlich. Wie kamen die bloß auf mich? Gut, ab und zu trete ich vor Publikum auf, aber kann man dreihundert betrunkene Motorradfahrer auf einem Motorradtreffen im tiefsten Bayern als Publikum bezeichnen? Und ich konnte mir auch nicht vorstellen, das Frau Sandra „Miss Colgate“ Kirsch mich dort gesehen haben sollte. Immerhin nutze ich jedes Mal nur die Bandpause, um meinem dankbaren Publikum „Country Roads“ und „Mercedes Benz“ accapella entgegen zu schmettern. Seltsam, seltsam. Doch ich spielte weiter mit. Immerhin konnte an der Sache ja doch irgendwie etwas dran sein. Sollte sich hier jemand einen schlechten Scherz mit mir erlauben, hatte ich jedenfalls bei diesem Jemand für gute Laune gesorgt.

Tja, und diese ganze Geschichte endete hier, im Warteraum der RTL-Studios. Ich war fertig gestylt (rote Lederjeans, schwarzes Top), die Stylistin hatte ein wahres Wunder mit meinen Harren vollbracht (fluffig würde meine beste Freundin Maike sagen) und ich war kunstvoll geschminkt. Meine Gitarre stand mir gegenüber spielbereit an die Wand gelehnt und meine Hände zitternden, als wäre ich ein Junkie auf Entzug. Ich hatte mich für das Beruhigungsprogramm „Musik“ entschieden und langsam kam mein Herz wieder in den üblichen Takt.
Unvermittelt ging die Tür auf und Angela, die junge Produktionsassistentin mit den riesigen Kopfhörern und ganz in schwarz gekleidet, kam freundlich lächelnd auf mich zu. „Also Mariska, es ist soweit. Bist Du bereit?“ Ich schüttelte den Kopf wärend gleichzeitig ein „aber klar doch“ über meine Lippen kamen. Ich verstaute den CD-Player in meiner Tasche und schnappte meine Gitarre. Irgendwie beruhigte mich das Gefühl, etwas so Vertrautes in der Hand zu haben.
Doch das hielt nicht lange an. Angela führte mich durch ein Gewirr von Gängen, hinter einer Pappwand vorbei auf die Bühne. Diese war mit so einer Art Schiebetür versehen, so dass mich das Publikum noch nicht sehen konnte, ich aber durchaus das Klatschen und Lachen auf der anderen Seite mitbekam. Da war es wieder. Dieses Gefühl, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen oder einen Marathon laufen. Vom Lampenfieber hatte ich schon viel gehört und ich war eigentlich der Meinung, das ich das bereits kannte. Aber das hier war wirklich extrem und ich widerstand dem Drang einfach auf dem Absatz kehrt zu machen und davon zu rennen. Möglichst auf die nächste Toilette oder das dunkelste Loch, wo mich ganz bestimmt keiner finden würde.
Statt dessen stöpselte ich das Verstärkerkabel in meine Gitarre und warf einen Blick in die Runde. Die Band, mit der ich spielen sollte, bestand aus liebenswerten Chaoten, die alle ihr Handwerk äußerst gut verstanden. Wir hatten am Tag zuvor zwei Stunden geprobt und man hatte mir zu verstehen gegeben, das ich einiges Talent hatte. Pfh, was wussten die schon? Doch jetzt war keine Zeit mehr für solche Gedanken. An der Seite sah ich Angela stehen, die mit den Fingern langsam von fünf abwärts zählte und kaum war sie bei null angelangt, begann das Schlagzeug, ich fand tatsächlich meinen Einsatz und die Schiebetüren gingen auf. Gleißendes Licht blendete mich, als ich die ersten Worte sang. Schnell hatte ich mich daran gewöhnt und ich versuchte mein eigenes Wort unter den vielen Rufen und Grölen zu verstehen. Das halbe Studio war von meinen liebsten Freunden in Beschlag genommen worden und sie taten alles, um mich spüren zu lassen, das sie bei mir waren. Langsam fühlte ich mich sicherer und nachdem die ersten Sekunden des zugegeben recht sanften Anfangs vorüber waren, setzte mit Vehemenz der Bass und das Schlagzeug ein und ich glaubte zu schweben. Das war es also? Das Hochgefühl, das Künstler immer beschrieben, wenn sie auf einer Bühne standen? Es war fantastisch.
Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Bewegung wahr und als ich hinüber sah, war ich zum ersten Mal froh, das ich dieses Lied in den letzten zwei Wochen so oft geprobt hatte, das ich es im Schlaf spielen und singen konnte. Ich fragte mich gerade, ob zu viel Ausschüttung von Adrenalin Halluzinationen hervorrufen konnte, als die Backstreet Boys im Gänsemarsch an mir vorbei spazierten. Sie tanzten ein wenig im Takt des hämmernden Beats und setzten sich gleich darauf direkt mir gegenüber auf die Studiotreppe, wo sie mich mit breitem Grinsen weiter beobachteten. Zwischen meinen einzelnen Textzeilen bekam ich ein schiefes Grinsen in ihre Richtung zu Stande und beschloss dann, sie einfach zu ignorieren. Sie waren nicht echt, das konnten sie gar nicht sein. Es war unmöglich, das meine Lieblingsband da drüben auf der Treppe saß und sie sich augenscheinlich recht gut bei MEINER Musik amüsierten.
Das erste Stück neigte sich dem Ende zu und mit einem kurzen Gitarrensolo, bei dem meine Finger wie von Geisterhand geleitet den Gitarrenhals hinauf und hinunter spazierten, beendete ich das Lied. Donnernder Applaus und Jubelrufe brandeten mir entgegen und mit einem seligen Grinsen im Gesicht verbeugte ich mich.
Kaum hatte ich die Gitarre beiseite gestellt, erklangen auch schon die ersten Akkorde von „Dangerously in love“, das ich in einem Anflug von wahnsinniger Verliebtheit für einen Mistkerl namens Patrick geschrieben hatte. Im Nachhinein war er so viel Aufwand nicht wert gewesen, aber das Stück war einfach perfekt um sich zum Schluss mit Improvisation und Überstimme vollkommen zu verausgaben. Verstohlen sah ich dabei immer wieder zu der Fatamorgana der Backstreet Boys hinüber und registrierte befriedigt, das Kevin mit geschlossenen Augen meinem Vortrag lauschte, wärend Brian mit stetigem Kopfnicken irgendetwas bestätigt fand.
Der letzte Ton verklang und wieder nahm ich glücklich den Applaus entgegen. Von rechts näherte sich Günter Jauch mit ausgestreckten Händen und den Worten „das war einfach fantastisch.“ Die Backstreet Boys erhoben sich unter dem Gekreische der anwesenden Fans von ihrem Platz auf der Treppe und kamen zu uns herüber geschlendert. Ich erwartete eigentlich, das sie sich jetzt jeden Moment in Luft auflösen würden, doch nichts geschah. Schließlich hatten sie mich erreicht A.J. war der Erste, der mich wie selbstverständlich in die Arme schloss. „Fantastic,“ flüsterte er „that was really great,“ „Thanks,“ bekam ich nur heraus. Ich hoffte, die Maskenbildnerin hatte gute Arbeit geleistet und man sah nicht, wie mein Gesicht rot wie eine Tomate anlief. Als nächstes kam Kevin. Er zog mich an sich und mein Gesicht kam direkt auf seiner Brust zu liegen. Erschrocken fragte ich mich, ob man hinterher etwas von der Schminke sehen würde. Wäre bestimmt urkomisch, wenn ein Smily mit meinem Konterfei zurück blieb. „Beautifull voice,“ sagte er mit breitem Grinsen. Dann kam Nick. „Wow, that was great,“ sagte er und nahm mich in den Arm. „Thank you, but ... what the hell are you doing here?“ ich konnte mich einfach nicht mehr zurück halten. Allgemeines Gelächter war die einzige Antwort, die ich bekam. „Das klären wir gleich,“ wandte sich Günter an mich „nach einer kurzen Werbepause.“ (*Anm. d. Autorin: ab jetzt nur noch Deutsch, da ich das mit dem Englisch nicht so kann. Ihr wisst ja wie das ist).
Werbepause? Gut. Irgendwie erwartete ich wohl, das ich jetzt hier verschwinden würde, um den Anbietern von Waschmittel und Handydiensten Platz zu machen, aber natürlich passierte davon nichts. Nachdem auch Brian und Howie mich einmal gedrückt hatten und mir versicherten, wie toll sie doch meine Darbietung gefunden hatten, kam ein Tontechniker auf mich zu. Mit flinken Fingern befestigte er ein kleines Mikrofon an meinem Shirt und mit misstrauischem Blick beäugte ich das Ganze. Der sollte sich bloß nicht einfallen lassen, aus Versehen (natürlich, ha!) an die falsche Stelle zu fassen. Schließlich befestigte er den kleinen Sender an der Rückseite meiner Hose und ich konnte mir den Kommentar „das ist bestimmt ein sehr beliebter Ausbildungsberuf“ nicht verkneifen. Günter führte mich dann hinüber zu einer riesigen, himmelblauen Couch, die ich vorher von der Bühne aus nicht hatte sehen können. Dahinter prangte das Logo der Sendung und hätte ich mich nicht schon vorher gefragt, ob hier alles mit rechten Dingen zu ging, wäre ich jetzt sicher gewesen. Die Show hatte wohl weniger mit Kunst als mit Überraschungen zu tun. „Surprise“ prangte dort in fast 1,50 m hohen Buchstaben. Das konnte ja heiter werden.
Nun begann so etwas wie „die Reise nach Jerusalem“. Ich setzte mich, bekam angedeutet, das ich wieder aufstehen sollte, ich stand auf, wurde auf die andere Seite dirigiert, setzte mich erneut, was wohl auch wieder nicht das gelbe vom Ei war und schließlich saß ich zwischen Günter und A.J. und fühlte mich abgehetzt.
Die Jungs bekamen kleine Männer ins Ohr gesetzt, damit sie uns auch verstehen konnten und schon erschien Angela erneut auf der Bildfläche, hob die Hand und zählte erneut von fünf rückwärts. „Willkommen zurück bei Surprise. Neben mir sitzt Mariska Hummel und sie hat noch keine Ahnung, was jetzt gleich auf sie zukommen wird,“ dabei grinste Günter relativ unnatürlich über das ganze Gesicht, als mache ihm die ganze Sache einen riesigen Spaß. „Mariska,“ wandte er sich dann direkt an mich „wie fühlst Du Dich bis jetzt?“ „Oh,“ fieberhaft suchte ich in meinem Gehirn nach einer möglichst witzigen Antwort. Als mir nichts einfiel, sagte ich das erstbeste was mir einfiel „mir geht es bestens, kommt ja nicht alle Tage vor, dass man zwischen Günter Jauch und A.J. McLean auf einer himmelblauen Couch sitzt und gerade von einer Bühne kommt, auf der man Musik gemacht hat.“ Ich presste die Lippen aufeinander. Wenn ich jetzt nicht aufpasste, würde ich die restliche Konversion des Abends alleine bestreiten. Ich kannte mich, mach mich nervös und ich plappere ohne Unterlass. Günter tätschelte mir verständnisvoll die Hand. „Du wirkst...oh, Entschuldigung ... darf ich überhaupt noch Du sagen?“ ich hasste diese Frage. Entweder sagte man Du oder lies es bleiben, aber erst so tun als ob man sich versprochen hatte und sich dann dafür entschuldigen.... Aber ich machte gute Mine zum bösen Spiel „sicherlich darfst DU noch Du zu mir sagen, Günter,“ entgegnete ich mit einem provozierenden Lächeln. Er reagierte anders als erwartet. Er lachte laut auf. „Gut Mariska, dann wäre das ja geklärt,“ ich hatte eigentlich Empörung oder leisen Tadel erwartet. Vielleicht war er doch cooler, als er aussah. „Also Mariska, Du machst nicht den Eindruck als ob Du besonders aufgeregt wärest.“ Ha, ha, wie kam er nur darauf? Ich saß hier zwischen den Backstreet Boys in einem Fernsehstudio und die halbe Welt sah mir dabei zu, wie ich mich lächerlich machte. Mir ging es prima! „Das sieht nur so aus,“ entgegnete ich und aus einem plötzlichen Impuls heraus griff ich an mein kleines Mikro „kann man das...hört mal,“ sagte ich und drückte das kleine Schaumstoffteil an meine Brust. Sofort erscholl im Studio das laute Rasen meines Herzens und zwischen verhaltenem Gelächter vernahm ich ein „Wow,“ von A.J. und Nick, die zu meiner Linken saßen. Als ich zu ihnen hinüber sah, starrten sie mich mit hoch gezogenen Augenbrauen an. Hey, die Jungs waren aber schnell zu beeindrucken. A.J. nahm meine Hand und sagte in theatralischem Tonfall „Baby, ich bin bei Dir.“ „Das macht es jetzt nicht wirklich besser,“ entgegnete ich trocken und ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Ich hätte gerne noch etwas gesagt, aber Günter unterbrach unsere traute Zweisamkeit. Immerhin kam er jetzt endlich auf den Punkt. „Also Mariska, möchtest Du wissen, warum Du hier bist?“ Bescheuerte Frage „aber sicher,“ immer schön lächeln. Er zog ein zusammen gefaltetes Blatt Papier aus dem Jackett und glättete es auf seinem Hosenbein. Neugierig wie ich war, beugte ich mich sofort zu ihm hinüber, aber bevor ich auch nur irgendetwas erkennen konnte, hatte er das Blatt schon an seine Brust gedrückt „he, he, spicken gilt nicht,“ sagte er und enttäuscht lehnte ich mich zurück. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß und wartete auf die Katastrophe, die ganz sicher kommen würde. „Wir haben eine E-Mail erhalten. Könntest Du Dir vorstellen, von wem?“ Hm, wahrscheinlich gehörte es zu seinem Job, dämliche Fragen zu stellen „nein, keine Ahnung,“ antwortete ich wahrheitsgemäß. Ich wußte ja noch nicht einmal genau, um was es hier eigentlich ging. Wie sollte ich also wissen, wer eine E-Mail an RTL geschickt hatte? „Das Mail kommt von Caro und Sabina,“ er sah mich erwartungsvoll an und in diesem Moment wurde mir so Einiges klar. Was die Situation nicht besser machte. Caro und Sabina waren wirklich sehr gute Freundinnen von mir, die ich allerdings bisher erst einmal in meinem Leben persönlich gesehen hatte. Wir hatten uns im Internet kennen gelernt, da wir alle drei die selbe Leidenschaft teilten: die Backstreet Boys und Fanfictions über sie. Mittlerweile gluckten wir fast jeden Tag via Mail zusammen, erzählten uns unsere Problemchen und waren uns trotz der räumlichen Distanz sehr nahe gekommen. Was soll ich sagen? Ich hatte sie wirklich unheimlich lieb. Tja, und jetzt schrieben sie eine Mail an RTL. Ich war immer noch baff. Endlich drang auch Günters Stimme wieder in mein Bewusstsein „...sehr nette Mail. Sie schreiben hier:

Liebes RTL Team, lieber Günter,

mit Interesse haben wir Euren Aufruf im Fernsehen verfolgt. Wir kennen tatsächlich jemanden, dem eine Stunde Überraschung gut tun würde. (EINE STUNDE? GUT TUN?) Unsere Freundin heißt Mariska und sie ist nicht nur ein Schatz sondern setzt sich auch selbstlos für ihre Mitmenschen ein. (Das klang doch schon um einiges besser)
Nur ein Beispiel: Wir hatten geplant, zusammen ein Konzert von Linkin Park zu besuchen. Leider fehlte uns dafür sowohl das Geld als auch die Erlaubnis unserer Eltern. Mariska hat sich für uns eingesetzt, die Bahntickets und Eintrittskarten besorgt und uns in ihrem äußerst bequemen Gästezimmer nächtigen lassen (nun ja, die Geschichte an sich war nicht zu leugnen, aber so besonders war das doch nun auch nicht gewesen, oder?).
Außerdem unterstützt sie eine kleinen Jungen in Somalia, für den sie sozusagen eine Patenschaft übernommen hatte (oh ja, Kimi, ein süßer Schatz, der wahrscheinlich noch nicht einmal wußte, das ich existiere).
Leider hatte sie in letzter Zeit ziemliches Pech mit den Männern (großartig, jetzt wussten das ca. 2 Millionen Menschen, das war ja schon immer mein Traum gewesen. Seht her, die beziehungsunfähige Mariska, wirklich klasse). Ein bisschen Abwechslung würde ihr deshalb bestimmt gut tun.
Als Anregung senden wir anbei ihre Homepage-Adresse mit, auf der sind auch ihre dringendsten Wünsche aufgeführt. (in meinem Kopf arbeitete es, was hatte ich, in Gottes Namen, da bloß drauf geschrieben? Mein Leben konnte jetzt davon abhängen).
Ein kleiner Tipp: Die Backstreet Boys sind in ein paar Wochen in Deutschland. Vielleicht lässt sich da was draus machen?

Liebe Grüße

Caro und Sabina

Ich saß erstmal ziemlich geplättet auf meinem Platz und wagte nicht, nach links und rechts zu schauen. Mal ganz abgesehen davon, das die ganze Welt jetzt wußte, wie ich mit Männern klar kam, saßen hier die BACKSTREET BOYS und gleich würde irgendetwas mit meiner Homepage passieren...ich beschloss, einfach so zu tun, als stünde ich über den Dingen. Nervöses Gekicher passte einfach nicht zu mir und machte zudem noch keinen guten Eindruck. „Also Mariska, was sagst Du zu dem Mail?“ fragte Günter mit einem breiten sag-jetzt-bloß-nichts-falsches-Lächeln. „Das...das ist wirklich unheimlich lieb von den Beiden,“ brachte ich heraus „allerdings finde ich meine „Taten“ nicht wirklich erwähnenswert. Ich könnte mir vorstellen, das es da sicherlich geeignetere Personen als mich gibt.“ Schluss Mariska, schließ Deinen Mund und beiß Dir auf die Zunge. Aber atmen nicht vergessen. Erneut tätschelte mir A.J. die Hand. Als ich kurz zu ihm hinüber sah, blickte er mich direkt an und mein Magen schlug Purzelbäume. „Ich will zu meiner Mama,“ dachte ich und wandte mich wieder Günter zu. „Wir haben uns natürlich Deine Homepage angesehen. Vielleicht kannst Du unseren Zuschauern mal erklären, was Fanfictions eigentlich sind.“ „Ähm...ja...eigentlich sind das ganz normale Geschichten. Wir...uhm...schreiben sozusagen Romane, vielleicht nicht ganz so umfangreich, aber mindestens genau so spannend,“ gut, nicht mehr soviel übertreiben, aber weiter im Text „zusätzlich hat jede Geschichte eine gleiche Komponente, die Backstreet Boys oder auch nur ein Teil von ihnen, spielen eine wichtige Rolle darin. Deshalb Fanfictions.“ Ich hatte es einigermaßen gut hinbekommen, fand ich. Allerdings wagte ich jetzt nicht mehr nach rechts oder links zu blicken. Ich überlegte, wie ich mich fühlen würde, wenn jemand über mich eine Story schreiben würde, kam aber zu keinem richtigen Ergebnis. Den Zuschauern schien meine Erklärung gefallen zu haben, denn es wurde ausgiebig geklatscht. Dann erblickte ich einen Mann, der mit dem Gesicht zum Publikum stand und auffällig mit den Armen wedelte und in die Hände klatschte. Wieder wurde mir eine Illusion genommen. Sie klatschten nicht wegen mir, sondern wegen dem Hampelmann da vorne.
"Dann würde ich sagen, das wir mal einen Blick auf Deine Homepage werfen," fuhr Günter fort. Dabei starrte er auf einen Punkt irgendwo vor meinen Füßen und ich brauchte einen Moment um den winzigen Bildschirm da unten zu entdecken. Selbst wenn ich keine Brille gebraucht hätte, hätte ich wohl darauf nichts erkennen können. Das Einzige was ich sofort sah, war der gelbe Hintergrund meiner Homepage. Den Jungs schien es nicht besser zu gehen, denn einer nach dem anderen drehte sich schließlich auf der Couch um und starrte auf die große Leinwand hinter uns. Ich ergab mich in mein Schicksal und tat es ihnen gleich. Und da war sie. Überlebensgroß und in Farbe. Für einen kurzen Augenblick huschte mir der beunruhigende Gedanke durch den Kopf, das jetzt sicherlich sämtliche Spinner in Deutschland auf die Seite gehen würden um irgendwelche fiesen Kommentare in mein Gästebuch zu hinterlassen. Naja, was soll’s, shit happens, oder etwa nicht?
Die Seite sah genau so aus, wie das letzte mal, als ich sie gesehen hatte. Das letzte Update war von vorgestern, das war ja dann wohl ziemlich aktuell. "Sehen wir uns doch mal Deine Wunschliste an," meinte Günter, der sich mittlerweile mit uns zusammen umgedreht hatte. Mehrere Kameramänner rannten panisch durch das Studio. Es war sicherlich nicht gut für die Quote, wenn man die restliche halbe Stunde nur unsere Hintern zu sehen bekam.
Wie von Geisterhand öffnete sich plötzlich meine Wunschliste und als ich sie hektisch überflog wurde mir dann doch fast schlecht. Wie sagte man so schön ""Sei vorsichtig mit dem, was Du Dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen". Die obersten zwei Punkte waren bereits durch einen Geisterfilzstift abgehakt worden. Punkt eins: Die Backstreet Boys einmal treffen. Punkt zwei: Einmal für Brians Plattenlabel vorspielen dürfen. Das hatte ich nun davon. Das wirklich peinliche kam aber erst unter Punkt drei und vier und Günter ging auch direkt zu Punkt drei über. "Einmal eine Lesung meiner Fanfictions halten," las er laut vor "nichts leichter als das," fügte er noch hinzu. Ohne weitere Umschweife stand er auf und bedeutete mir, ihm zu folgen. Ich fühlte mich, als würde ich zum Schafott geführt. Dann spürte ich auf einmal, wie sich an meiner Rückseite etwas löste und geistesgegenwärtig faste ich hinter mich und konnte gerade noch den kleinen Sender auffangen. Bevor auch nur irgend jemand von der Crew reagieren konnte, war A.J. schon aufgesprungen und hatte die paar Schritte zwischen der Couch und mir zurück gelegt. Galant nahm er mir den Sender aus der Hand und begann, an meiner Hose herum zu fummeln. Nicht das jetzt irgendwelche Missverständnisse aufkommen: wären wir alleine gewesen, hätte ich das sicherlich sehr genossen, aber uns sahen im Moment eine Masse von Leuten zu und so stand ich einfach nur stocksteif da und betete, das der Moment schnell vorüber ging, wärend ich mir auf der anderen Seite wünschte, er würde nie enden. Schließlich hatte er es geschafft und mit einem breiten Grinsen hielt er mir seine Wange hin. Ach ja, bedanken sollte ich mich also auch noch. Aber gerne und ich haucht ihm einen sanften Kuss auf die Wange.
Und schon ging es weiter im Programm. Wärend Günter noch versucht, mit schlechten Witzen die Situation zu retten, führte er mich zu einem Podium, das wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Ich trat dahinter und da lagen fein säuberlich einige bedruckte Seiten Papiers. Als ich näher hinsah, erkannte ich das erste Kapitel meiner ersten Fanfiction - Dunkle Schatten. Im selben Moment schoß mir durch den Kopf, wie viele Menschen das schon in der Hand gehalten und sich darüber lustig gemacht hatten. Ist doch logisch, wenn man für eine so genannte Boyband schwärmt und dann auch noch Liebesromane über sie schreibt. Dachte ich zumindest. Denn im selben Moment sagte Günther "diese Geschichten waren übrigens in den letzten Tagen DAS Gesprächsthema Nummer eins in der Redaktion. Es hat uns alle verblüfft, von welch guter Qualität diese Geschichten sind und damit sie auch unser Publikum ein Bild davon machen kann...," bla, bla, bla. Was hatte er denn gedacht? Nur weil es um die Backstreet Boys geht, ist alles Schrott? Ich merkte gerade, wie schizophren meine Gedanken waren...auf der einen Seite schämte ich mich fast für meine "Babys", auf der anderen Seite war ich von meinem Können überzeugt. Ich beschloss, wenn ich diesen Abend heil überstehen sollte, mir vielleicht doch eine anständige Therapeutin zu suchen.
Plötzlich merkte ich, das es ruhig im Studio geworden war. Günther klopfte mir noch einmal aufmunternd auf die Schulter und dann stand ich ganz alleine im grellsten Scheinwerferspot auf Gottes weiter Welt und versuchte den Klos in meinem Hals hinunter zu schlucken. Leise begann ich vor zu lesen.

"Kapitel 1

Sie schrie, doch niemand schien Sie zu hören. Nicht einmal er. Obwohl sein Gesicht nicht weiter als zehn Zentimeter von Ihrem entfernt war und Sie seinen heißen, nach Alkohol stinkendem Atem riechen konnte, reagierte er nicht. „Du Schlampe“ presste er aus zusammengebissenen Zähnen hervor „ ich werde Dir zeigen wer hier der Herr im Haus ist. Mich verlässt man nicht.“ Sie versuchte vor Ihm zurückzuweichen, doch ihr Handgelenk war in seinen Fingern eingeklemmt wie in einem Schraubstock und sie erreicht nur, dass er noch fester zudrückte..."


Irgendwann verlor ich mich in meinen eigenen Worten. Es hatte etwas beflügelndes, die Worte laut zu hören und zu wissen, das eine Menge, um nicht zu sagen eine wahnsinnig riesige Menge an meinen Lippen hing. Zwischendurch dachte ich daran, das der Übersetzer momentan bestimmt ganz glücklich war, das er nur von seinem vorbereiteten Zettel ablesen musste und für einen kurzen, süßen Moment überlegte ich, ob ich, nur um ihn zu ärgern, den Text ein wenig verändern sollte. Doch schon hatte mich die von mir selbst erschaffenen Welt wieder eingefangen und ich dachte nicht an irgend jemanden anderen als an meine Hauptfigur, die gerade um ihr Leben kämpfte. Als ich die ersten zwei Kapitel beendet hatte, brandete mir Ohren betäubender Applaus entgegen und ich vermutete, dass das selbst der begabteste Vorturner nicht geschafft hätte. Günter trat wieder an mich heran und nahm mich wieder mit zurück zu der hellblauen Couch, wo (welch Wunder) immer noch die Backstreet Boys saßen. Aus den Augenwinkeln sah ich, das Punkt drei auf meiner Homepage bereits abgehakt war.
Als ich mich setzte, entstand aufgeregtes Geplapper auf der Couch, so dass der Dolmetscher einige Probleme hatte, der Konversation zu folgen. So viel ich in dem Chaos und mit meinem bemitleidenswerten Englisch verstand, war mein Hobbygeschreibsel wohl ganz gut angekommen. Ich wurde gedrückt und bekam freundschaftliche Klapse auf die Schulter und für einen Moment war ich tatsächlich glücklich.
Blieb nur noch Punkt vier auf meiner verfluchten Liste und der bereitete mir im wahrsten Sinne Bauchschmerzen. "Das war wirklich fantastisch," sagte Günther gerade und ich hoffte für ihn, das er das ernst meinte. "Kommen wir nun zu Punkt vier auf Deiner Liste." Hatte ich es mir doch gedacht. Erst so tun als sei er mein Freund und dann doch wieder auf mich drauf hauen. Hätte er nicht wenigstens den Punkt auslassen können? Nur diesen einen? Er zauberte mehrere Blätter Papier unter der Couch hervor. "Also, Punkt vier lautet hier: Einmal ein Rollenspiel mit den echten Hauptdarstellern meiner Geschichten spielen." Erst jetzt kam ich auf die Idee mich zu fragen, welche Stelle sie wohl ausgewählt hatten. Ich betete, das mir eine Kußszene erspart bleiben würde. Davon gab es leider einige und jede war für sich gesehen sehr intim und romantisch. Ich befürchtete nur, das ich mich hier in diesem Studio voller Menschen im entscheidenden Moment übergeben müsste. Ich denke, dann würde ich einfach tod umfallen oder zumindest, wenn mir das verwehrt bleiben sollte, einfach so tun als ob.
Doch ich hatte Glück. Als ich mir das Skript, das Günther mir reichte, genauer besah, stellte ich fest, das sie eine recht witzige Szene aus "On nights like this" ausgewählt hatten. Sie trug die Überschrift "Kentucky Fried Chicken" und war relativ unverfänglich.
Die Jungs standen also mit mir zusammen auf und mal wieder schweiften meine Gedanken ab. Wie viel Geld sie wohl für diesen Abend bekommen würden? Freiwillig tat sich das doch kein einigermaßen intelligenter Mensch an. Wir stellten uns als auf und taten so, als betrachteten wir eine imaginäre Bühne vor uns. Das Stück war natürlich in Englisch geschrieben worden und ich umklammerte meinen Text, bis mir die Finger weh taten.
„Das ist beeindruckend,“ war mein erster Satz.
„Ja, wenn Du darunter stehst, fühlst Du Dich wie ein Hähnchen unter der Warmhaltelampe bei Kentucky Fried Chicken,“ sagte Nick und betrachtete interessiert die Scheinwerfer über uns. Ich versuchte zu lachen, so wie es das Skript vorgab. Es klang mehr nach dem Meckern einer Ziege und schnell sprach ich meinen Text weiter.
„Das würde ich gerne erleben. Du siehst bestimmt sehr süß in einem Hähnchenkostüm aus.“ „Aber sicher! Putt, putt, gag, gag,“ flötete Nick, nahm die Hände unter die Achseln und schlug mit seinen imaginären Flügeln.
„Kikeriki,“ mischte sich nun Brian ein. Er schlug ebenfalls mit seinen Ellbogen wild durch die Luft und scharrte mit dem Fuß. Ich bewunderte die Eleganz, mit der sich die Jungs zum Volldepp machten.
„So wie es aussieht, bekommen wir morgen legefrische Eier zum Frühstück,“ bemerkte A.J, der scheinbar voll in seiner Rolle aufging. Erneut meckerte ich.
„Ehrlich gesagt hätte ich jetzt eher Lust auf einen knusprigen Hähnchenschenkel. Meinst Du, Du kannst da was für mich tun?“ und ich begleitete meine Worte mit einem ziemlich dämlich wirkenden Augengeklimper.
„Schon unterwegs,“ grinste A.J. und stürzte sich auf Nick.
„Hiiilfe,“ schrie dieser „ich werde geschlachtet.“
„Lass meine arme Henne in Ruhe,“ brüllte Brian lachend und eilte seinem Freund zu Hilfe. Kürzen wir diese peinliche Vorstellung ein wenig ab. Nach einigem Gerangel und hin und her endete es damit, das wir wie die Bescheuerten durch die Halle rannten. Mein Text sah vor, das ich von A.J. eingefangen wurde und er mich "mühelos" hoch hob. Leider hat man in der Literatur mehr Kraft durch die Fantasie. In der Realität sahen wir wohl etwas kläglich aus. Wie gewollt und nicht gekonnt, trotzdem waren wir zu diesem Zeitpunkt schon völlig albern und voll in unserer Rolle aufgegangen. „Hilfe,“ rief ich also wie die Jungfrau, die aus dem Turm gerettet werden wollte „Kev, D., bitte ich will noch nicht sterben.“ Dann kam für mich der schlimmste Part. Brian und Nick begannen mich zu kitzeln und sofort lag ich kreischend auf dem Boden. Wohl gemerkt, es liefen immer noch Kameras mit, wir waren in keinster Weise allein und höchstwahrscheinlich sprang der Pressefutzi der Backstreet Boys gerade aus dem Fenster. Ich landete unfreiwillig, aber genau so, wie es mein Text vorsah auf A.J., der ein gekonntes „Urgh,“ von sich gab, Brian und Nick hatten sich daneben drapiert und versuchten wieder zu Atem zu kommen.
„Alles o.k. bei Dir da unten,“ fragte ich immer noch kichernd an A.J. gewandt.
„Wenn Du vielleicht Deinen Ellbogen aus meinen Rippen nehmen könntest? Damit wäre mir schon sehr geholfen,“ antwortete dieser gequält und ich konnte in diesem Moment wirklich nicht mehr sagen, ob das nun gespielt oder ernst war.
„Oh, natürlich,“ und so schnell wie möglich rollte ich von ihm hinunter und kam neben ihm zu liegen. Ich warf schnell noch einen letzten Blick auf mein Skript und sagte an A.J. gewandt
„Jetzt besser?“ A.J. wandte sein Gesicht meinem zu und sein intensiver Blick raubte mir für einen Moment den Atem. Dieser Augenblick war alle vorherigen Blamagen und Erniedrigungen wert gewesen.
„Eigentlich hatte ich ja nur was gegen Deinen Ellenbogen,“ sagte er und lächelte sanft.
„Hey,“ Brian knuffte A.J. theatralisch in die Seite „reiß Dich los. Ich glaube wir sollten langsam mit dem Soundcheck anfangen.“
„Ja, sicher,“ A.J. zwinkerte mir noch einmal zu und erhob sich dann. Der Moment war vorbei. Wir waren einfach nur Backstreet Boys und durch geknallter Fan und ich glaube, in diesem Moment wünschte ich mich einfach nur noch ganz weit weg.
Plötzlich erklang die Stimme von Jörg Kachelmann in meinem Kopf "die Aussichten für morgen ... im Westen ein Mix aus Sonne und Quellwolken ... ," ich zuckte zusammen und öffnete die Augen. Für einen Moment fühlte ich mich desorientiert, doch dann dämmerte es mir. Gott sei Dank ... nur ein Traum ... aber wenigstens ein schöner.

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