
Können wir die Eisenbahn kaufen Mom? fragte mich Jason gerade und es tat mir weh ihm antworten zu müssen.
Nein mein Schatz, Du weißt doch, dass wir uns das nicht leisten können.
Ich sah, wie ein enttäuschter Ausdruck über sein Gesicht huschte, doch gleich darauf leuchteten seine Augen wieder.
Macht nix. Vielleicht das nächste mal, sagte er und klang dabei älter als ein fünf jähriger es eigentlich sein sollte.
Er wandte sich wieder der Holzeisenbahn zu, die in der Mitte des großen Spielzeugladens aufgebaut worden war. Unermüdlich zog die kleine Lock mit ihren drei Anhängern ihre Kreise und etwa ein dutzend glänzender Kinderaugenpaare folgten ihr dabei und das, obwohl es erst früher Vormittag war.
Die meisten Kinder waren mit ihren Eltern hier. Mutter und Vater wohl gemerkt und es würde wohl nicht lange dauern, bis das auch meinem Sohn auffallen würde. Am liebsten hätte ich ihn sofort hier heraus gebracht, doch es war offensichtlich, dass er sich nicht so schnell von der Attraktion vor ihm lösen würde und ich wollte ihn auch nicht gewaltsam hinter mir her schleifen. Wir hatten uns beide ein wenig Frieden verdient.
Was meinst Du, fragte Jason ohne mich an zu sehen wird Dad dieses Jahr zu Weihnachten kommen?
Die Frage sollte beiläufig klingen, aber ich wußte aus Erfahrung, dass sein kleines Kinderherz heftig schlug und er darauf hoffte, eine positive Antwort von mir zu erhalten. Er liebte seinen Vater immer noch abgöttisch, auch wenn das diesen nicht zu kümmern schien. Auch für dieses Jahr hatte er abgesagt. Er war mit seiner neuen Familie beschäftigt, darin hatten wir keinen Platz mehr.
Ich befürchte, wir werden wieder alleine feiern, antwortete ich also ehrlich und sah, wie Jason vor mir kaum merklich zusammen zuckte. Beruhigend legte ich ihm meine Hände auf die Schultern.
Wir werden es uns trotzdem gemütlich machen. Wir schmücken zusammen den Baum mit diesen tollen, goldenen Kugeln und werden uns einen riesigen Berg Popcorn machen. Was hältst Du davon?
Das alles war nur ein billiger Ersatz - das wußte Jason und das wußte ich - aber was sollte ich sonst tun? Es hatte keine Sinn ihm die heile Welt vorspielen zu wollen. Er hätte mich sowieso durchschaut.
Darf ich die Spitze oben drauf setzen? fragte er und drehte sich dabei zu mir herum. Seine Wangen glühten erwartungsvoll und ich fuhr ihm zärtlich durch sein sandfarbenes Haar.
Na klar mein Schatz. Du bist jetzt der Herr im Haus, also ist das auch Deine Aufgabe.
Er nickte ernst, so als hätte ich ihm gerade die Aufgabe übertragen, die Welt zu retten und ich lächelte liebevoll auf ihn hinunter. Was würde ich wohl nur ohne ihn machen?
Als ich aufsah, begegnete ich dem Blick eines jungen Mannes, der uns gegenüber auf der anderen Seite der Eisenbahn stand. Er hatte einen großen Karton unter dem Arm und starrte uns unverwandt aus unergründlichen, dunklen Augen an.
Nun gut Jason, lass uns gehen. Wir haben noch eine ganze Menge zu erledigen, sagte ich deshalb. Es war mir unangenehm so unverhohlen begafft zu werden. Doch mein Sohn dachte natürlich gar nicht daran, jetzt schon dieses Wunder vor ihm zu verlassen.
Oh Moooooom, bettelte er und sah mit einem Hundeblick zu mir auf, der jeden Stein zum erweichen gebracht hätte nur noch ein paar Minuten.
Wir müssen aber wirklich los, sagte ich und blickte unbehaglich auf die andere Seite hinüber. Der Mann war verschwunden. Für einen Moment sah ich mich noch aufmerksam in dem Laden um, aber ich konnte ihn nirgends entdecken, was mich ein wenig beruhigte.
Na gut, aber nur noch fünf Minuten, gestand ich Jason schließlich zu und er trat sofort noch ein Stückchen näher an die Eisenbahn heran.
Wir verließen schließlich das Einkaufszentrum mit etlichen Päckchen und Tüten bepackt. Ich hatte uns neuen Christbaumschmuck besorgt, nachdem der alte zum einen nicht mehr sehr dekorativ wirkte und zum anderen aus unerfindlichen Gründen um die Hälfte geschrumpft war. Ich traute meinem Exmann eigentlich viel zu, aber dass er den alten, abgenutzten Weihnachtsschmuck mitgenommen hatte dann doch nicht.
Aber so war das manchmal mit Dingen. Sie liefen einfach davon oder verschwanden spurlos.
Ich verlagerte die Pakete auf eine Seite um Jason an die Hand nehmen zu können und die Straße zu überqueren, als hinter uns ein lautes Taxi!! erschall. Tatsächlich näherte sich einer der gelben Wagen dem Bordstein und sehnsüchtig starrte ich auf die leere Rückbank. Wie schön wäre es doch, auf diesem Wege nach Hause zu kommen und nicht den Bus nehmen zu müssen.
Ich hatte die Bordsteinkante schon fast erreicht, als ich plötzlich einen kräftigen Stoß in den Rücken bekam und stolperte.
Geistesgegenwärtig lies ich Jasons Hand los, versuchte das Gleichgewicht zu halten und schlug dann der Länge nach, mit samt meinen Päckchen auf das Pflaster. Ein lautes Klirren verriet mir, dass der neue Weihnachtsschmuck nun noch erbärmlicher aussah als der alte und mein linker Arm brannte augenblicklich wie Feuer.
Oh mein Gott, hörte ich eine männliche Stimme und gleich darauf Jasons ängstliches Momy, ist alles in Ordnung?
Alles bestens mein Schatz, sagte ich und biss dabei die Zähen zusammen. Eine Hand erschien in meinem Blickfeld und dankbar griff ich danach. Als ich endlich wieder auf dem Bürgersteig stand, war das Taxi davon gefahren und meine Päckchen lagen um uns herum verstreut auf dem Boden.
Es tut mir so leid, hörte ich eine raue Stimme neben mir und das erste Mal besah ich mir meinen Angreifer genauer. Ich erschrak, als ich in ihm den Mann erkannte, der uns im Spielzeugladen die ganze Zeit angestarrt hatte.
Das ... das macht doch nichts ... ist ja ... nichts passiert, stotterte ich und zog Jason schützend an mich.
Entschuldigen Sie bitte vielmals, wiederholte der Kerl und begann unbeholfen meine Tüten und Pakete ein zu sammeln. Als er das größte hoch hob, hörte man deutlich, wie die Scherben darin klirrten.
Oh nein, hörte ich Jasons klägliches Stimmchen die schönen Kugeln sind kaputt.
Ich besorge ihnen neue, sagte der Mann sofort und sah dabei untröstlich aus.
Ich ... nein, das müssen sie nicht, ich wollte nur noch weg von hier. War es tatsächlich ein Zufall, dass ausgerechnet dieser Kerl uns angerempelt hatte? Man hörte und las ja so viel über irgendwelche Spinner, die ihre Opfer vorher ausspionierten.
Doch an diesem Punkt angelangt versuchte ich mich zu bremsen. Ich hatte eine sehr blühende Fantasie und im Moment ging sie eindeutig mit mir durch.
Ich möchte ihnen aber den Schaden ersetzen, sagte der Fremde und zum ersten Mal registrierte ich, wie attraktiv mein Gegenüber eigentlich war. Er hatte dunkles, kurzes Haar und trug einen weißen Rollkragenpullover unter einer dunkelroten Lederjacke. Auf dem Kopf trug er eine Wollmütze und seine dunklen Augen hatte er gegen den grellen Sonnenschein mit einer Sonnenbrille geschützt.
Wir haben leider keine Zeit, versuchte ich mich erneut aus der Affäre zu ziehen es gibt noch so viel zu tun. Immerhin ist heute Weihnachten.
Ja, das ist es, sagte der Fremde und für einen Augenblick wirkte er unglaublich traurig.
Wir wohnen Hastings Glen Nummer 10, sagte Jason plötzlich und am liebsten hätte ich ihm den Mund mit Klebeband verschlossen. Sie können doch vorbei kommen und mit mir und meiner Momy den Baum schmücken. Wir haben einen ganz großen, der fast bis an die Decke reicht.
Jason, das geht doch nicht, wir können doch nicht einfach einen fremden Mann .... ,
Ich würde sehr gerne kommen, unterbrach mich der Mann und hatte sich dabei vor Jason in die Hocke begeben um ihm direkt in die Augen sehen zu können aber ich glaube, Deine Mom hat ein wenig Angst vor mir, dabei schielte er zu mir hinauf.
Ich habe keine Angst! sage ich entrüstet.
Dann kann er doch kommen, oder Mom?
Ich weiß nicht ... ,
Bitte Moooom, bettelte Jason und zog an dem Ärmel meines Mantels, was mich schmerzhaft an meinen lädierten Arm erinnerte.
Ist wirklich alles in Ordnung? fragte der Fremde besorgt und stand auf.
Ja ... sicher.
Er legte den Kopf schräg und man sah ihm direkt an, dass er mir nicht glaubte. Doch er warf einen kurzen Blick auf Jason hinunter und lächelte dann.
Also, ihr Sohn hat mich gerade zu Ihnen nach Hause eingeladen und wenn sie nichts dagegen haben, würde ich sehr gerne kommen. Ich verspreche auch, dass sie danach einen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer stehen haben werden, um den Sie jeder beneiden wird.
Ich weiß nicht wieso, aber ich nickte.
In Ordnung.
Mein Name ist übrigens Alexander McLean ... Alex, sagte er und reichte mir die Hand.
Erin Hutton, gab ich zurück und schüttelte seine Hand.
Und ich bin Jason, sagte mein Sohn.
Freut mich Dich kennen zu lernen Jason, sagte Alex und schüttelte die kleine, ausgestreckte Hand.
Dann also ... bis später? er sah mich fragend an und erneut nickte ich.
Gut. Dann ... werde ich mal noch ein paar Einkäufe erledigen, grinste er, fuhr Jason kurz durch das Haar, drehte sich dann herum und winkte noch einmal zum Abschied.
Als er durch den Eingang des Einkaufszentrums verschwunden war, fühlte ich mich immer noch, als hätte mich gerade eine Dampfwalze überfahren. Wie kam ich nur auf die Idee, einen wildfemden Mann zu uns nach Hause ein zu laden?
Als es am späten Nachmittag an der Tür klingelte, hatte ich mich ungefähr fünf Mal umgezogen, die Wohnung in aller Hektik aufgeräumt und eine Kleinigkeit zu Essen vorbereitet. Jason war Gott sei Dank in seinem Zimmer verschwunden und tauchte erst jetzt wie ein Blitz wieder auf.
Ich mach auf, das ist bestimmt Alex, rief er, flitzte an mir vorbei und öffnete die Wohnungstür.
Tatsächlich stand Alex dahinter, beladen mit einem Berg von Paketen, die er vorsichtig in seinen Armen balancierte.
Warten Sie, ich helfe Ihnen, sagte ich und griff gerade rechtzeitig nach dem Paketstapel, bevor das erste herunter fallen konnte.
Vielen Dank, lächelte Alex und lies sich von Jason in die Wohnung und gleich darauf ins Wohnzimmer ziehen.
Das ist unser Wohnzimmer, das unser Fernseher und das da drüben ist der große Baum von dem ich Dir erzählt habe, erklärte Jason aufgeregt und ich verbarg mein Grinsen hinter meiner Handfläche. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr so aufgekratzt erlebt.
Das ist ... toll, sagte Alex und warf mir einen kurzen Blick zu. Mein Magen krampfte sich urplötzlich zusammen und geistesabwesend strich ich mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. Wieso fühlte ich mich plötzlich wie ein Schulmädchen? Das hier war meine Wohnung und ich kannte diesen Typen noch nicht einmal sechs Stunden.
Ich beobachtete die beiden dabei, wie sie nacheinander die Kartons öffneten und immer mehr Christbaumschmuck zu Tage förderten. Schließlich gesellte ich mich zu ihnen und bestaunte die wunderschönen goldenen und silbernen Kugeln, die kleinen Figuren aus Holz und Stroh und zum Schluß den riesigen Engel, der die Spitze des Baumes zieren sollte.
Mom, sieh Dir das an, rief Jason aufgeregt und nahm den Engel vorsichtig aus seiner Verpackung, während Alex seine Jacke auszog und sie unbeachtet auf das Sofa warf hast Du schon jemals einen so schönen Engel gesehen?
Ja, Dich, lächelte ich.
MOM! Jason war entrüstet, hatte ich ihn doch gerade vor seinem neuen Freund wie ein Kleinkind behandelt. Alex schmunzelte und tat im übrigen so, als sei er gar nicht anwesend.
Es tut mir leid, entschuldigte ich mich sofort und fügte dann ernst hinzu das ist ganz bestimmt der schönste Engel, den ich jemals gesehen habe.
Und ich darf ihn auf den Baum stecken, jubelte Jason und sah dann verunsichert zu Alex hinüber. Das darf ich doch, oder?
Aber klar. Das mußt Du sogar tun, das ist Deine Aufgabe, da habe ich gar nichts zu melden.
Jason strahlte mit dem Engel in seiner Hand um die Wette und dankbar sah ich zu Alex hinüber. Er hätte Jason wohl kaum eine größere Freude machen können.
Gut Mom. Jetzt kannst Du in die Küche gehen. Alex und ich machen das schon, sagte mein Sohn und war bereits dabei, die erste Kugel aus ihrem Karton zu holen und dann die Äste des Baumes zu begutachten um den besten Platz dafür zu finden.
Na vielen Dank Jason, beschwerte ich mich. Kaum hast Du einen neuen Freund gefunden, bin ich abgeschrieben?
Oh nein, erschrocken fuhr er zu mir herum. Ich dachte doch nur ... weil Du doch immer so viel zu tun hast ... und ... ich wollte doch nur ... ,
Mir tat mein unbedachter Ausspruch schon wieder leid. Er hatte es, wie immer, nur gut gemeint.
Ist schon in Ordnung mein Schatz, sagte ich also ich setze mich auf die Couch und schaue Euch beim Schmücken zu, o.k.?
Jason nickte das ist in Ordnung.
Hab ich ein Glück, entgegnete ich grinsend und erhob mich.
Möchten Sie etwas trinken? fragte ich Alex.
Er nickte ein Wasser wäre nicht schlecht.
Ich könnte uns auch einen Tee kochen.
Au ja Mom, den mit den Tieren darauf, ja? sagte Jason, der halb unter dem Weihnachtsbaum verschwunden war um die beste Stelle für seine Kugel zu finden.
Dann nehme ich den auch, grinste Alex und ich machte mich auf in die Küche.
Die beiden brauchten fast drei Stunden, bis der Baum schließlich fertig geschmückt war. Während Alex die Kugeln aus den Kartons holte und sie Jason reichte, damit er sie an einen der vielen Zweige hängen konnten, unterhielten sich die beiden angeregt miteinander.
Weißt Du, sagte Jason irgendwann eigentlich sollte mein Dad jetzt hier sein und mit mir den Baum schmücken. Als er noch hier war, war ich noch zu klein dafür. Eigentlich sollte er jetzt hier sein, wiederholte er und ich hielt die Luft an.
Ich weiß wie das ist, sagte Alex und fuhr weiterhin ganz ruhig fort, Jason die Kugeln an zu reichen.
Mein Dad hat auch nicht mit uns zusammen Weihnachten gefeiert.
Ehrlich? Jasons Augen wurden ganz rund und er vergas sogar, die nächste Kugel an sich zu nehmen.
Ganz ehrlich. Du bist bestimmt sehr traurig, dass Dein Dad heute nicht hier ist.
Hm, Jason nickte zustimmend und faltete die Hände in seinem Schoß.
Weißt Du, es ist ganz in Ordnung darüber traurig zu sein. Du hättest es verdient, dass er heute Abend hier bei Dir ist. Du bist nämlich ein ganz toller, kleiner Kerl.
Ich glaube, er mag mich gar nicht mehr, sagte Jason leise und mein Herz krampfte sich vor Schmerz zusammen. Wie konnte ihm sein Vater das nur an tun und wie konnte ich ihm diesen Schmerz nehmen?
Ich bin davon überzeugt, dass Dein Dad Dich noch genau so liebt, gab Alex zurück die Erwachsenen sind nur manchmal zu beschäftigt um das zu zeigen.
Aber ... , Jason schwieg und sah dann zu mir hinüber.
Stimmt das Mom, glaubst Du, dass Dad mich noch genau so lieb hat?
Aber natürlich mein Schatz.
Ich stand auf, setzte mich neben meinen Sohn auf den Boden und schloss ihn in meine Arme.
Natürlich liebt er Dich noch genau so. Aber wie Alex schon sagte, muß er sich um viele Dinge kümmern.
Ich spürte, dass Jason noch nicht so ganz davon überzeugt war, aber was hätte ich sonst noch sagen können? Man konnte ihm keine Versprechungen machen, da sein Vater sie alle nicht halten würde.
Sollen wir nun den Engel auf die Spitze setzen, was meinst Du? fragte Alex und sah lächelnd zu Jason hinüber.
Ja, Jason nickte und ein zaghaftes Lächeln erschien bereits wieder auf seinem Gesicht.
Wir standen alle drei auf und ich warf Alex dabei einen dankbaren Blick zu. Er hatte genau den richtigen Ton getroffen und nicht wie die meisten anderen Erwachsenen nach Ausreden gesucht oder haltlose Versprechungen gemacht.
Alex hob Jason hoch über seinen Kopf und vorsichtig steckte dieser den Engel auf die Spitze.
Schließlich stellten wir uns zu dritt vor den Baum, ich schaltete das Licht aus und Jason steckte den Stecker der Lichterkette in die Steckdose. Was wir dann sahen, verschlug uns allen dreien beinahe den Atem. Der Baum erstrahlte in warmen Goldtönen, das Zimmer wurde in einen heimeligen Schimmer getaucht und zusammen mit dem Duft nach Tannennadeln verbreitete er die Weihnachtsstimmung, die mir bis zu diesem Augenblick noch etwas gefehlt hatte.
Das habt ihr wundervoll gemacht, lobte ich die beiden und sie strahlten, als hätte ich ihnen gerade das Kompliment der Komplimente gemacht.
Wir hatten etwas gegessen und saßen nun zu dritt gemütlich vor dem Fernseher, Jason zwischen Alex und mir, mit einer riesigen Schüssel Popcorn auf dem Schoß. Er hatte seinen Kopf vertrauensvoll an Alex Schulter gelehnt und Alex Arm ruhte locker an seiner Seite.
Jetzt kommt gleich dieser alte Mann um die Ecke, kommentierte Jason seine Lieblingsszene und schob sich eine weiter Hand voll Popcorn in den Mund.
Genau. Und dann kommt diese Frau und erschreckt ihn fürchterlich, entgegnete Alex und griff in die Schüssel.
Das Geschehen auf dem Bildschirm interessierte mich kaum. Fasziniert beobachtete ich die beiden. Sie sahen aus, als hätten sie noch nie etwas anderes getan als gemeinsam vor dem Fernseher zu sitzen und sich einen Film an zu sehen.
Im Laufe des Abends hatte ich mich daran gewöhnt, dass ein völlig Fremder Mensch mit meinem Sohn zusammen den Weihnachtsbaum schmückte. Mir kam es beinahe selbst so vor, als hätte Alex schon immer in unsere kleine Welt gehört.
Für einen kurzen Augenblick fragte ich mich, ob es gut war dass Jason so schnell und so heftig sein Herz an diesen Mann gehängt hatte. Was würde nach dem heutigen Abend sein? Alex würde nicht wieder kommen und Jason würde mit einer weiteren Enttäuschung fertig werden müssen. Allerdings war es für solche Bedenken jetzt wohl etwas zu spät.
Alex sah unvermittelt zu mir hinüber und erschrocken stellte ich fest, dass ich ihn wohl eine ganze Weile einfach angestarrt hatte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er hob die Hand um mir sanft über die Wange zu streicheln. Wie elektrisiert blieb ich sitzen, genoss das Gefühl seiner weichen Finger auf meiner Haut. Was taten wir hier eigentlich verdammt?
Ich beugte mich nach vorne, um seiner Berührung zu entkommen und griff in die Schüssel mit dem Popcorn. Jason gähnte ausgiebig und nachdem er noch ein paar Mal müde geblinzelt hatte, fielen ihm schließlich die Augen zu.
Ich glaube, ich sollte den kleinen Mann hier mal ins Bett bringen, flüsterte ich. Vorsichtig stand ich auf und hob Jason hoch.
Ich will noch nicht schlafen gehen, murmelte er und schmiegte seinen Kopf an meine Wange.
Ich weiß mein Schatz. Aber selbst die wildesten Tiger müssen irgendwann ins Bett.
Ich bin ein Tiger, murmelte er und ich strich ihm lächelnd über den Rücken.
Ein ganz wilder, pflichtete ich ihm bei und verlies das Wohnzimmer.
Als ich wenig später zu Alex zurück ins Wohnzimmer kam, saß er immer noch auf der Couch und sah sich den Film an.
Er ist sofort eingeschlafen, sagte ich leise und setzte mich wieder zu ihm auf die Couch. Ich glaube, das war heute ganz schön viel Aufregung für ihn.
Er ist ein großartiger Junge, sagte Alex und schaltete den Fernseher aus.
Oh ja, das ist er, die plötzliche Stille machte mich etwas nervös.
Ist bestimmt nicht immer leicht, fuhr Alex fort, setzte sich so, dass er mich direkt ansehen konnte, stützte seinen Ellenbogen auf die Lehne der Couch und den Kopf in seine Hand
Ich liebe ihn und würde alles für ihn tun. Sicherlich wünsche ich mir manchmal sein Vater wäre noch bei uns. Ich befürchte ich kann Jason nur sehr schlecht Vater und Mutter sein.
Ich glaube auch nicht, dass das irgendjemand von Dir verlangt. Jason ist glücklich und Du bist eine wundervolle Mutter.
Danke, ich spürte, wie ich errötete und sah zu Boden.
Gibt es denn jemanden, der alles für Dich tun würde? fragte er leise weiter und ich schüttelte den Kopf einmal im Leben einen Fehler zu machen reicht mir.
Alex schmunzelte ich verstehe. Und Jasons Vater, wo ist er jetzt?
Zu Hause, bei seiner neuen Familie. Er hat uns damals für seine Sekretärin verlassen, die noch dazu schwanger von ihm war. Sie ist leider ziemlich nett, also kann ich ihr noch nicht einmal die Schuld für das alles geben.
Alex lachte leise. So ein Mist aber auch.
Und Du? Warum bist Du hier? frage ich, um ihn von mir ab zu lenken. Für einen Fremden stellte er ziemlich schnell sehr unangenehme Fragen.
Ich habe Euch in diesem Spielzeugladen gesehen, sein Blick schweifte in die Ferne und ich habe Jason gehört, wie er von seinem Vater sprach und auf einmal war es so, als sehe ich mich selbst als ich noch klein war. Man hört nie auf zu hoffen. Das ist furchtbar.
Das stimmt, sagte ich traurig und betrachtete ihn mit neuem Interesse.
Also bist Du absichtlich in mich hinein gerannt?
Oh nein, erschrocken hob er die Hände das war wirklich ein Missgeschick, wie es auch nur mir passieren kann. Wirklich, das wollte ich nicht. Es ist mir, ehrlich gesagt, furchtbar peinlich.
Das muß es nicht. Das kann doch mal passieren, wehrte ich ab außerdem hast Du Dich wirklich mehr als ausreichend revanchiert, fügte ich mit einem Wink in Richtung Weihnachtsbaum hinzu.
Ja, er ist wirklich sehr schön geworden. Dank dem Enthusiasmus Deines Sohnes, schmunzelte Alex und gemeinsam bewunderten wir noch einen Moment das strahlende Leuchten des Baumes.
Gibt es eigentlich ... niemanden der jetzt ... auf Dich wartet? fragte ich vorsichtig und Alex schüttelte den Kopf.
Ich hatte dieses Jahr eigentlich keine Lust auf Weihnachten. Das ganze Drumherum nervt mich einfach nur. Seit Oktober sieht man überall den ganzen Weihnachtsschmuck und überhaupt ... wenn man erwachsen wird, verliert das Fest viel von seinem Zauber. Ich hatte vor, Weihnachten alleine zu verbringen. Vielleicht mir einen Kinofilm an zu schauen, wenn alle gemeinsam Weihnachten feiern.
Das klingt irgendwie ... sehr traurig.
Genauer betrachtet ist es das auch, gab Alex stirnrunzelnd zu.
Was ist wirklich passiert? fragte ich sanft und er sah mich überrascht an.
Das ist ... , sagte er nach einer kleinen Weile nicht so einfach zu erklären. Ich habe ... vorletztes Jahr an Weihnachten ... , er stockte und betrachtete angestrengt seine Fingernägel.
Du mußte es mir natürlich nicht erzählen, sagte ich sofort doch er lächelte nur traurig und sah mich an.
Nein, ist schon o.k.. Vielleicht hilft es ja. Ich meine, eigentlich ist es doch blöd einer verflossenen Liebe hinterher zu weinen. Ich hatte ihr an Weihnachten einen Heiratsantrag gemacht und ein halbes Jahr später waren wir getrennt. So ist das eben.
Du hast jedes Recht traurig zu sein, sagte ich sanft.
Du auch, gab er zurück und sofort ging ich in Abwehrstellung.
Nein. Das ist schon o.k. so. Außerdem habe ich Jason. Mehr brauche ich nicht.
Er lächelte und begann mit einer meiner Haarsträhnen zu spielen.
Es ist nicht o.k. und das weißt Du auch.
Mag sein, aber ich glaube nicht, dass ich das mit Dir jetzt und hier diskutieren möchte.
Er nickte langsam und lies mein Haar los.
Ich sollte jetzt wohl besser gehen, was?
Ja, das ist wohl besser.
Am liebsten hätte ich ihn hier behalten. Nach langer Zeit führte ich endlich einmal wieder ein sinnvolles Gespräch, hatte es jemand ohne große Mühe geschafft in mein Innerstes vor zu dringen, aber genau das machte mir im Moment die größte Angst.
Nun gut, Alex stand auf und zog seine Jacke an.
Vielen Dank, dass ich diesen Abend mit Euch verbringen durfte. Sag Jason liebe Grüße von mir. Er ist wirklich ein großartiges Kind.
Werde ich ausrichten, gab ich zurück, während wir gemeinsam in den Flur traten.
Einen Moment standen wir uns noch unschlüssig gegenüber, doch dann breitete er die Arme aus und umarmte mich. Eine Weile verharrten wir so, kuschelten uns aneinander und irgendwie hatte ich das Gefühl, vielleicht doch nicht ganz alleine auf diesem fremden Planeten zu sein.
Doch das Gefühl ging vorbei, wir lösten uns voneinander und Alex öffnete die Haustür.
Es war wirklich schön, dass ich Euch zwei kennen lernen durfte.
Na ja, Du hast Dir ja auch wirklich Mühe gegeben, neckte ich ihn und er lachte.
Ja, manchmal entsteht tatsächlich aus der unangenehmsten Situationen etwas Gutes.
Er verharrte noch einen Moment an der offenen Tür, dann beugte er sich zu mir hinunter, hauchte mir einen Kuss auf die Wange und zog gleich darauf die Haustür hinter sich zu.
Ich weiß nicht wie lange ich im Flur stand und auf die geschlossene Tür starrte, doch irgendwann drehte ich mich herum und ging zurück ins Wohnzimmer. Das alles erschien mir schon beinahe wie ein Traum. Ein sehr schöner zwar, aber nicht wirklich real. Der strahlende Weihnachtsbaum erinnerte mich allerdings daran, dass nicht alles nur ein Traum gewesen sein konnte.
Am nächsten Morgen wurde ich davon geweckt, dass mir jemand meine Decke weg zog.
Aufstehen Mom, der Weihnachtsmann war da, rief Jason, doch als ich auf den Wecker sah und feststellte, dass es erst kurz nach fünf war, eroberte ich mir meine Decke zurück und kuschelte mich wieder hinein.
Noch zu früh, murmelte ich und schloss die Augen.
Aber Mom!! Jeder weiß dass der Weihnachtsmann immer nachts kommt. Nachts ist vorbei.
Vielleicht für den Weihnachtsmann, aber nicht für Dich und mich, entgegnete ich entschieden, hob die Decke an und wartete, bis Jason zu mir ins Bett geklettert war.
Aber nur fünf Minuten, sagte er zu mir, so als sei ich das Kind und er der Erwachsene.
Sicher mein Schatz. Nur fünf ... Minuten.
Glücklicherweise schlief er tatsächlich noch einmal ein und so standen wir erst gegen sieben wieder im Wohnzimmer. Jason steckte den Stecker der Lichterkette in die Steckdose und lief aufgeregt von einem Packet zum nächsten. Ich kuschelte mich in eine Wolldecke auf das Sofa und sah ihm dabei zu, wie er ein Päckchen nach dem anderen aufriss und dann jedes Geschenk feinsäuberlich neben sich legte.
Schließlich war alles ausgepackt und er strahlte über das ganze Gesicht.
Das ist das schönste Weihnachten, das ich je hatte, sagte er, kam zu mir hinüber gelaufen und warf sich in meine Arme.
Hey, das trifft sich gut, das ist nämlich auch mein schönstes Weihnachten, lächelte ich und drückte ihn noch für einen Moment an mich, bis er beschloss, dass er für solche Kuscheleien dann doch schon zu alt war.
Während Jason nun seine Geschenke ausgiebigst bewunderte, begab ich mich ins Bad, putzte mir die Zähne und wusch mir das Gesicht. Noch im Nachthemd ging ich danach in die Küche um Kaffee zu kochen und für uns beide Frühstück zu machen, als es an der Tür klingelte. Wer konnte das denn so früh schon sein?
Jason war schneller als ich und als er die Tür aufriss, blickten wir direkt auf ein riesiges Packet mit Beinen daran.
Hallo? fragte Jason und versuchte unter dem Packet hindurch zu schauen, um seinen Träger zu erkennen.
Hallo! hörte ich eine vertraute Stimme und Jason brach sofort in Jubelgeschrei aus.
ALEX!! rief er so laut, dass es auch noch die Nachbarn einen Block weiter hören konnten und zog unseren Besuch gleich darauf am Hosenbein hinter sich her in die Wohnung.
Erschrocken stellte ich fest, dass ich immer noch im Nachthemd und mit dicken Wollsocken an den Füßen im Flur stand. Nicht gerade der appetitlichste Anblick.
Fröhliche Weihnachten, tönte es hinter dem Geschenk hervor und Alex wankte hinter Jason her ins Wohnzimmer.
Ich sehe schon, bei Euch ist schon Bescherung gewesen, keuchte er schließlich, als er das riesige Paket mitten im Wohnzimmer abgestellt hatte.
Ich habe ganz tolle Sachen bekommen, erklärte Jason und schielte dabei immer wieder zu dem Paket hinüber.
Wirklich? Ich habe hier noch etwas für Dich. Der Weihnachtsmann hat vergessen es bei Euch ab zu geben, weil es ganz unten auf seinem Schlitten lag und na ja ... da hat er mich gebeten es Dir zu bringen.
Das erste Mal sah er mich nun direkt an und ich schlang verlegen meine Arme um mich.
Du bist früh, brachte ich irgendwie heraus.
Ich weiß. Aber ich konnte einfach nicht mehr warten, lachte er und im übrigen siehst Du einfach umwerfend aus.
Du hast sicherlich schon einmal besser gelogen, schmunzelte ich.
Ich lüge nie, gab er im Brustton der Überzeugung zurück und ich mußte lachen.
Hey, Jason zog Alex ungeduldig am Arm ist das wirklich für mich?
Seine Augen waren kugelrund und er konnte das Paket kaum länger als zwei Sekunden aus den Augen lassen.
Natürlich, der Weihnachtsmann irrt sich nie.
Darf ... darf ich es jetzt aufmachen, Jasons Blick huschte zwischen mir, Alex und dem Paket hin und her.
Natürlich darfst Du es aufmachen, lächelte ich und schon machte er sich über das Paket her. Ich trat ein wenig näher und beobachtete meinen Sohn, wie er ungeduldig das Geschenkpapier aufriss und gleich darauf sprachlos davor saß.
Das hast Du nicht wirklich getan, flüsterte ich und sah Alex an.
Er wollte sie doch so gerne haben ... ,
Aber das ist viel zu teuer das ... ,
Eine EISENBAHN, rief Jason, sprang auf und warf sich in Alex ausgebreitete Arme.
Danke, danke, danke. Das ist ja soooo toll. Ich muß ... also ... baust Du sie mit mir auf? Wir müssen ... Mom, passt die in mein Zimmer? ... Ich weiß gar nicht ... ,
Hey mein Schatz. Mal ganz langsam. Ich lies mich vor ihm in die Hocke sinken und er fiel mir sofort um den Hals.
Sag, das ich sie behalten darf. Bitte Mom! Das ist das schönste Geschenk überhaupt. Genau so eine Bahn wie in dem Spielzeugladen.
Ich weiß Jason. Aber das ist ein sehr teures Geschenk und ich glaube nicht ... ,
Erin, gönn ihm doch den Spaß, schaltete sich Alex ein, der mittlerweile im Schneidersitz auf dem Boden saß.
Ich kann es mir leisten und er hat sie sich doch so sehr gewünscht.
Aber ... , versuchte ich es noch einmal.
Bitte Moooooom, sagte Jason und drückte sich noch enger an mich.
Bitte Moooooom, stimmte nun auch Alex mit ein und rieb seinen Kopf an meiner Schulter.
Jason kicherte und Alex stimmte mit ein.
Bin ich die Einzige hier, die noch etwas gesunden Menschenverstand besitzt?
Ich versuchte wütend aus zu sehen, doch es gelang mir nicht. Im Grunde war ich bereits geschlagen. Diesen beiden Augenaufschlägen hatte ich nichts entgegen zu setzen.
Die kommt aber in Dein Zimmer, sagte ich und erneut viel mir Jason jubelnd um den Hals.
Daaaanke Mom, Du bist die Beste.
Dann gab er mir einen feuchten Kuß auf die Wange und machte sich dann über den Karton her.
Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, sagte ich leise zu Alex und setzte mich neben ihn auf den Boden.
Ich weiß. Ich konnte aber auch nicht daran vorbei gehen.
Bist Du deshalb wieder gekommen? fragte ich, ohne ihn an zu sehen.
Das auch.
Und warum noch?
Ich wollte Dich wieder sehen, entgegnete er schlicht und ich sah zu ihm hinüber. Er beobachtete Jason beim Auspacken und wirkte dabei völlig entspannt.
Das ist ... ich ... , ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Auf der einen Seite freute ich mich wahnsinnig, aber auf der anderen hatte ich große Angst. Er war nur nach ein paar Stunden so tief in unserem Leben, dass ich mir lieber gar nicht erst vorstellen wollte, was in einigen Wochen sein würde. Was würde passieren, wenn er danach beschloss, dass eine Familie doch nicht das richtige für ihn war?
Er würde nicht nur mein Herz brechen, sondern das von Jason gleich mit. Konnte ich das verantworten?
Lass es uns einfach langsam angehen, sagte er leise und tastete nach meiner Hand.
Unsere Blicke trafen sich und plötzlich war die ganze Welt um mich herum in Ordnung. Er meinte es ernst und hatte sich fast unbemerkt in mein Herz geschlichen und das von Jason hatte er sowieso von Anfang an im Sturm erobert. Vielleicht war es endlich an der Zeit auch einmal auf mein Herz anstatt immer auf meinen Kopf zu hören.
Ich lächelte und Alex erwiderte es.
Ich habe noch etwas mit gebracht, sagte er leise, griff in seine Jackentasche und zog einen kleinen Mistelzweig hervor, der mit einer roten Schleife umwickelt war.
Fröhliche Weihnachten, sagte er zärtlich, hob den Zweig über unsere Köpfe und beugte sich dann zu mir hinüber. Ganz sanft berührten sich unsere Lippen und als wir uns gleich darauf wieder voneinander lösten, hatte er immer noch die Augen geschlossen.
Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk, lächelte er.
Meines auch, erwiderte ich leise und kuschelte mich dann an ihn.
Meins auch, krähte Jason unvermittelt und grinste dabei über das ganze Gesicht.
Wer hätte gedacht, dass wir beide dieses Jahr doch noch das perfekte Weihnachtsfest erleben würden?