„ ... und dann habe ich ihm gesagt, er soll das Geld wieder einstecken und verschwinden.“ Die Umstehenden lachten und er stimmte mit ein, obwohl er von der Erzählung nicht wirklich viel mit bekommen hatte. Zu sehr war er damit beschäftigt, sich in diesem gut besuchten Raum um zu sehen.
Er befand sich auf einer Party, die einer ihrer neuen Sponsoren veranstaltete. Alles was im Showbizz Rang und Namen hatte, war hier vertreten und er fühlte sich gut bei dem Gedanken, dass er dazu gehörte.
Sein Blick wanderte von einem Gesicht zum Nächsten. Bei vielen versuchte er sich an die Namen zu erinnern, da er sich sicher war, sie schon einmal irgendwo gesehen zu haben, bei manchen glaubte er, sie zu kennen und manche konnte er gar nicht zu ordnen.
So wie das Gesicht, auf das sein Blick gerade fiel. Dunkle Augen, dunkle Locken, die sich über ihren Rücken ergossen und Grübchen, die jetzt entstanden, als sie ihrem Gegenüber zu lächelte. Sie schien vollkommen ins Gespräch vertieft zu sein und irgendetwas an der Art, wie sie ihren Kopf dabei leicht schräg hielt und ihrem Gesprächspartner mit großen Augen die Worte förmlich von den Lippen saugte, elektrisierte ihn.
Er kannte dieses Gefühl, auch wenn es ihn noch nicht oft überkommen hatte ... zumindest selten in dieser Intensität.
Aufregung, vermischt mit einer gehörigen Portion Neugier und dem Verlangen, dieses unbekannte Wesen auf der Stelle kennen zu lernen.
Er lies seine bisherigen Gesprächspartner also einfach stehen, was diese kaum zur Kenntnis nahmen, und begann, sich durch den Raum zu ihr durch zu kämpfen. Er schob sich zwischen den Gästen hindurch, schüttelte hier mal eine Hand, grüßte dort mit einem kurzen Hallo und versuchte gleichzeitig, das Mädchen dabei nicht aus den Augen zu lassen. Zu schnell hatte man sich in diesem unglaublichen Gedränge buchstäblich aus den Augen verloren.
Als sie nur noch ein paar Meter trennten, hob sie unvermittelt den Blick und sah ihm direkt in die Augen. Ohne sein Zutun stahl sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht. Seine Mundwinkel bewegten sich von ganz alleine und in Gedanken ärgerte er sich darüber, weil er im Moment sicherlich nicht sehr intelligent damit aussah.
Doch das fremde Mädchen lächelte strahlend zurück und ihre Augen schienen dabei zu funkeln. Ihr Gesprächspartner entschuldigte sich in diesem Moment, in dem er ihr eine Hand auf die Schulter legte, irgendetwas in ihr Ohr flüsterte und sie dann einfach stehen lies.
„Idiot,“ dachte er mit einer gewissen Schadenfreude und konnte sein Glück kaum fassen.
„Hi, ich bin Alex,“ sagte er, als er sie endlich erreicht hatte und streckte ihr seine Hand entgegen.
„Teresa,“ entgegnete sie „aber meine Freunde nennen mich Tess.“
„Freut mich Dich kennen zu lernen Tess,“ gab er zurück und war immer noch nicht in der Lage dieses selige Grinsen aus seinem Gesicht zu wischen.
„Wo ist denn Dein Begleiter hin verschwunden?“ fragte er dann, während er von einem Kerl, der ungefähr zwei Meter groß war, unsanft zur Seite geschoben wurde.
Er fühlte entsetzt, wie er Gefahr lief, sein Gleichgewicht zu verlieren, als Tess geistesgegenwärtig nach seinem Arm griff und ihn so daran hinderte, ungebremst in einen Pulk von Menschen zu stürzen.
„Ganz schön voll hier, was?“ fragte sie lachend, während er versuchte das angenehme Prickeln zu ignorieren, das durch seinen Arm schoß.
„Ja. Das lässt sich bei solchen Partys wohl einfach nicht vermeiden.“
„Eigentlich mag ich das nicht besonders,“ gab sie zu und nippte an ihrem Drink „aber immerhin gibt es hier einiges zu sehen.“
„Das ist allerdings wahr. Auch wenn ich mir bei vielen nicht so ganz sicher bin, woher ich sie nun eigentlich kenne.“
„Mir geht es ganz genau so!“ Ihre Augen waren wieder ganz groß und rund geworden und er mußte an sich halten um sie nicht jetzt und hier auf der Stelle einfach zu küssen.
„Warum verschwinden wir dann nicht einfach?“ hörte er sich sagen und war darüber fast genau so sehr verblüfft, wie über ihre Antwort.
„Gerne.“

Und so fand er sich eine viertel Stunde später vor dem Eingang des Clubs wieder, eingehüllt von einer angenehm warmen Sommernacht, mit Tess an seinem Arm und ohne den Funken einer Ahnung, was er jetzt mit ihr machen sollte.
„Hast Du Lust eine Runde im Park spazieren zu gehen?“ fragte sie und er nickte automatisch.
„Ich glaube, da drüben müssen wir lang,“ sagte sie und zeigte mit ausgestrecktem Arm nach links.
Ohne Widerrede lies er sich von ihr in die angegebene Richtung ziehen und wartete dabei die ganze Zeit darauf, dass sie ihm ein eindeutiges Angebot machen würde.
So lief das nun mal in seinem Geschäft. Wenn er nicht aufpasste, wurde er jeden Abend abgeschleppt und ausnahmsweise war seine heutige Eroberung auch noch äußerst faszinierend. Was nichts daran änderte, dass diese ganze Sache einen schalen Beigeschmack hatte. Er war sich eigentlich sicher gewesen aus dem Stadium heraus zu sein, in dem er jedem weiblichen Wesen hinter her gelaufen war.
Doch gerade im Moment war er unbestreitbar dabei, denn sie bog unvermittelt vom Gehweg ab, trat durch ein kleines, schmiedeeisernes Tor und zog ihn dabei hinter sich her.
„Wow,“ hörte er sie gleich darauf leise sagen und wenn er ehrlich war, hätte er es wohl nicht besser ausdrücken können. Sie standen in einem kleinen Park unter ausladenden Kastanien, die das Licht der Straßenlaternen dämpften und mit ihren Blättern unruhige Schatten auf die hügeligen Rasenflächen malten.
Tess lies ihn los und streifte sich die Sandalen von den Füßen. Ihr burgundfarbenes Kleid spannte sich dabei über ihrem wohlgeformten Hinterteil und er versenkte seine Hände schnellstens in den Hosentaschen.
Nur nicht zu genau hinsehen ... tief durchatmen ... alles bestens.
Barfuß begann sie dann, über das weiche Gras zu laufen.
„Das ist schön,“ sagte sie und drehte dabei den Kopf, um ihn über die Schulter ansehen zu können.
„Du verlangst jetzt hoffentlich nicht, dass ich auch meine Schuhe ausziehe,“ grinste er.
„Wieso nicht? Es ist wirklich herrlich,“ sie blieb stehen und er sah belustigt dabei zu, wie sie mit ihren Zehen einige Grashalme ausrupfte.
„Ich befürchte, wenn ich das tue, welken hier die Blumen schneller als Du zu gucken kannst.“
„Jetzt hab’ Dich nicht so,“ lächelte sie „oder bist Du etwa schüchtern?“
„Ich habe Dich gewarnt!“ entgegnete er, ging in die Hocke und öffnete die Schnürsenkel seiner Armani Schuhe.
Wenig später stand er neben ihr, seine Schuhe in der Hand und das unglaublich angenehme Gefühl von kühlem, samtigen Gras unter seinen Fußsohlen.
„Und jetzt?“ fragte er.
„Uhm ... lass uns sehen, wohin dieser Weg führt,“ entgegnete sie und ging ihm voraus, wobei sie ihre Sandalen locker hin und her schwingen lies.
„Machst Du das öfter?“ fragte er, während er ihr etwas langsamer folgte.
„Was?“
„Nachts mit wildfremden Männern im Park spazieren gehen.“
Sie schüttelte den Kopf, drehte sich lächelnd zu ihm herum und ging nun rückwärts vor ihm her.
„Nein, nicht sehr oft. Eigentlich das erste Mal. Und Du?“
„Hab’ ich auch noch nie gemacht,“ gab er zu.
„Irgendwann ist immer das erste Mal. Außerdem bist Du ja nicht wildfremd.“
„So?“
„Nein. Du bist A.J. McLean von den Backstreet Boys, hast ein umwerfendes Lächeln und einen Blick, der Frauenherzen dahin schmelzen lässt. Mehr muß ich für heute Nacht nicht wissen.“
Also doch. Er hatte es gewußt!
„Und was hast Du heute Nacht noch mit mir vor?“ fragte er und konnte seine Enttäuschung nur schwer verbergen.
„Ich habe keine Ahnung. Vorerst finde ich es einfach schön mit Dir hier zu sein.“
Irgendwie gab sie nie die Antworten, die er von ihr erwartete.
„Was hast Du Dir denn so vorgestellt?“ fragte sie zurück und er zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Irgendwie ... na ja ... war ich wohl auf einen Spaziergang im Park nicht vorbereitet. Noch vor einer halben Stunde stand ich einem Pulk von mir fremden Menschen und habe eine Party genossen.“
„Bereust Du es, mit mir mitgegangen zu sein?“
„Nein,“ erwiderte er ehrlich und dann, als sei ihm das erst jetzt richtig bewußt geworden wiederholte er „nein, ganz und gar nicht.“
„Also sind wir beide zufrieden. Könnte es noch besser laufen?“ lachte sie und wich dabei geschickt, ohne hin zu sehen, einem Blumenbeet aus.
„Ich bin mir nicht sicher.“
„Mußt Du immer ganz genau wissen, was auf Dich zu kommt?“ fragte sie weiter, immer noch rückwärtsgehen.
„Eigentlich nicht ... Du ... verwirrst mich wohl nur einfach etwas.“
„Das ist gut.“
„So?“ Gegen seinen Willen mußte er schmunzeln.
„Ja. Ich mag es, wenn die Leute mich nicht sofort durchschauen.“
„Verstehe. Die geheimnisvolle Unbekannte.“
„So etwas in der Art, ja,“ lächelte sie und drehte ihm dann wieder den Rücken zu.
„Ist das da vorne ein See?“ rief sie aufgeregt und begann schneller zu laufen.
Er versuchte ihr zu folgen und erreichte kurz nach ihr das Seeufer. Wobei „See“ vielleicht ein wenig übertrieben war. Im Grunde handelte es sich her wohl eher um einen Teich, der allerdings kunstvoll mit hohem Pampas Gras, Schilf und Seerosen angelegt worden war.
Am Ufer entlang standen einige Trauerweiden und Tess tauchte gerade unter den Ästen hindurch, wobei sie sie wie einen Vorhang aus Perlenschnüren teilte.
„Hey, das ist wie in meiner Kindheit,“ hörte er sie und gleich darauf raschelten die Blätter und die untersten Äste bewegten sich.
„Was tust Du da?“ fragte er und schob ebenfalls die herabhängenden Zweige beiseite.
Am Fuße des Baums lagen ihre Sandalen im Gras, sie selbst stemmte sich gerade auf einen Ast hinauf, der knapp über seinem Kopf hing und gefährlich hin und her schwangte.
„Nach was sieht es denn aus?“ fragte sie kichernd zurück und kletterte weiter den Baum hinauf. „Na komm’ schon, oder willst Du da unten fest wachsen?“
Für einen Moment schaute er unschlüssig zu ihr hinauf, dann lies er seine Schuhe ebenfalls ins Gras fallen und begann, zu ihr hinauf zu klettern.
Sie hatte sich mittlerweile einen starken Ast ausgesucht und sich darauf gesetzt. Als er sie erreicht hatte und sich vorsichtig neben sie setzte, starrte sie mit unbewegter Miene und abwesendem Blick durch die Blätter hinaus in die Nacht.
Die Zweige um sie herum bildeten eine Art Kokon um sie herum und direkt vor ihnen schien es, als hätten die Blätter etwas Platz gemacht, damit sie wie durch ein rundes Fenster hinaus in die Nacht blicken konnten. Schemenhaft nahm er ein paar Bäume war und das Wasser, das glitzernd unter ihnen lag.
„Es ist wirklich schön hier,“ sagte er und versuchte eine bequemere Position zu finden.
„Ja, finde ich auch,“ gab sie zurück, klang dabei allerdings immer noch so, als sei sie nicht wirklich anwesend.
„Alles in Ordnung?“ fragte er deshalb. Für einen kurzen Moment dachte er, sie würde nicht antworten, doch dann löste sie ihren Blick von der Nacht und sah ihn an, wobei ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
„Könnte nicht besser sein.“
„Du sahst nur gerade etwas ... abwesend aus.“
„Oh, das passiert mir manchmal, wenn meine Gedanken zu schnell sind und meine gesamte Aufmerksamkeit benötigen.“
„Und an was hast Du gerade gedacht?“
Ihr Blick wanderte wieder hinaus aus dem Blätterfenster.
„Was würdest Du tun, wenn Du nur noch einen Tag zu leben hättest?“ fragte sie und er lachte leise.
„Mit solchen Dingen beschäftigst Du Dich?“
„Nun ja,“ sie lächelte verlegen „an so einem Ort ... mit Dir hier ... eigentlich perfekt für den letzten Tag, findest Du nicht?“
„Ich glaube, ich würde meinen letzten Tag mit Menschen verbringen wollen, die mir wirklich wichtig sind. Ich meine ... mit meiner Mom z.B.. Ich würde ... wohl noch einmal mit jedem reden und ihnen ... nun ja ... ein paar Dinge sagen wollen.“
„Irgendwann ist aber alles gesagt,“ sagte sie nachdenklich. „Es gibt sicherlich viele Dinge, die Du noch nie getan hast, oder?“
„Najaaaaaa ... eigentlich nicht sehr viele,“ grinste er und sie lachte.
„Ich verstehe. Gut, ich ziehe die Frage zurück.“
„Was würdest Du denn tun, wenn es tatsächlich Dein letzter Tag wäre?“ fragte er.
„Hm ... ich denke ... ich würde gerne etwas tun, was ich noch nie gemacht habe ... noch einmal einen Sonnenaufgang sehen wollen ... ein paar nette Gespräche führen, ohne dauernd daran denken zu müssen, dass es die letzten sind ... so etwas in der Richtung.“
Für eine Weile schwiegen sie und lauschten auf das Rauschen der Bäume, das Schreien eines Käuzchens und die Geräusche, die von der Straße zu ihnen herüber geweht wurden.
„Erzähl mir ein bißchen von Dir,“ bat sie schließlich und hatte dabei wieder diesen äußerst interessierten Gesichtsausdruck.

Als die ersten grauen Schleier des neuen Tages herauf zogen, hatten sie sich gegenseitig ihre gesamte Lebensgeschichte erzählt, sich zwischendurch eine Pizza besorgt und diese am Rande des Wasser genüsslich zusammen verspeist.
Jetzt lagen sie im Gras und beobachteten, wie die Sterne über ihnen langsam verblassten.
Tess richtete sich schließlich auf, streckte sich und lies ihren Blick über den Horizont wandern.
„Wenigstens ist die Sonne etwas, auf das man sich immer hundert prozentig verlassen kann. Sie geht immer wieder auf, egal was passiert,“ meinte sie und stupste Alex dann sanft in die Seite, da er die Augen geschlossen hatte.
„Hey, noch wach?“ lachte sie.
„Gerade so,“ gab er grinsend zurück und öffnete die Augen um sie an zu sehen.
Irgendwie schien es ihm, als hätten sich ihre Gesichtszüge ein klein wenig verändert. Die Helligkeit zeigte ihm jetzt jedes Detail ihrer wunderschönen, großen Augen und jede Kurve ihrer anmutig geschwungenen Lippen.
„Ich muß dann gehen,“ sagte sie und so etwas wie Bedauern schwang in ihrer Stimme mit.
„Was?“ er richtete sich ruckartig auf und sah sie verständnislos an. „Ich dachte ... na ja ... wir könnten doch noch irgendwo zusammen frühstücken, was meinst Du?“
Doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein, tut mir leid. Ich habe heute schon sehr früh einen Termin. Deshalb ... also ... muß ich jetzt gehen.“
Sie stand tatsächlich auf und griff nach ihren Sandalen.
„Hey warte, nicht so schnell,“ sagte er und erhob sich ebenfalls.
Sie lächelt allerdings nur unergründlich und legte den Kopf ein wenig schief.
„Gib mir wenigstens Deine Telefonnummer,“ bat er und kramte in seinen Hosentaschen bereits nach seinem Handy.
„Das geht nicht,“ gab sie bestimmt zurück, während sein Herz gefror und sein Magen sich in Stein verwandelte.
„Was bedeutet „das geht nicht“?“
„Das bedeutet, dass ich Dir meine Nummer nicht geben kann,“ sagte sie, immer noch mit diesem Lächeln auf dem Gesicht. Wollte sie ihn umbringen? Da traf er die hübscheste Frau, die er seit langem gesehen hatte, verbrachte eine wundervolle Nacht mit ihr und jetzt wollte sie einfach so wieder aus seinem Leben verschwinden?
„Mach’s gut,“ sagte sie, beugte sich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange.
„Moment ... das ... .“
Doch sie hatte sich bereits herum gedreht und strebte dem Ausgang des Parks zu.
Wie erstarrte sah er ihr nach und fühlte sich dabei, als hätte ihn gerade eine Dampfwalze gerammt.
„Nicht mit mir!“ murmelte er, suchte seine Schuhe zusammen und beeilte sich, ihr zu folgen.
Als er durch das schmiedeeiserne Tor hinaus auf die Straße trat, sah er gerade noch, wie sie in ein Taxi stieg, das gleich darauf davon fuhr.
Immer noch barfuß hastete er über die Straße und lief über den Parkplatz des Clubs. Im Laufen zog er seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche, öffnete schon von weitem die Zentralverriegelung mit einem Knopfdruck und riss gleich darauf die Tür auf.
Mit quitschenden Reifen raste er vom Parkplatz und sah gerade noch, wie das Taxi weit vor ihm um eine Kurve verschwand.
Gott sei Dank war um diese Uhrzeit noch nicht sonderlich viel los auf den Straßen, so dass er das Taxi nach ein paar Sekunden eingeholt hatte und nun mit einigem Abstand hinter ihm herfuhr.
Die ganze Zeit war er sich dabei bewußt, dass er sich hier völlig irrational benahm. Nur weil er sich eine Nacht lang mit ihr unterhalten hatte hieß das ja wohl noch lange nicht, dass sie nun den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen mußte.
Doch ihr überstürzter Abgang gab ihm Rätsel auf und wenn er vollkommen ehrlich war, bestürzte ihn der Gedanke, sie nie wieder zu sehen.
Irgendetwas war mit ihm in dieser Nacht passiert. Er glaubte nicht an Liebe auf den ersten Blick, das waren nur Märchen, geboren von zu romantischen Herzen. Andererseits hatte er das Bedürfnis, diese Nacht in irgendeiner Weise erklären zu wollen.
Warum hatte sie mit ihm die Party verlassen? Warum hatte sie ihm all die schlimmen Dinge aus ihrer Kindheit erzählt? Dass ihr Vater starb, als sie erst zehn war und dass das ihre Familie komplett verändert hatte? Warum hatte sie sich in den frühen Morgenstunden an ihn gekuschelt und ihm gesagt, dass sie noch nie einen so wundervollen Menschen wie ihn getroffen hatte?
War das alles nur Show gewesen? Das wollte und konnte er einfach nicht glauben!
Das Taxi bog unvermittelt nach Norden ab und eine Meile weiter hielt es am Straßenrand.
Er lenkte seinen Wagen langsam an den Bordstein und beobachtete, wie sie nach einigen Minuten ausstieg, noch etwas zu dem Fahrer sagte und dann die Tür schloss. Sie sah dem Taxi nach, bis es um die nächste Ecke verschwunden war, dann drehte sie sich herum und blickte an dem Gebäude hinauf, dass vor ihr in den klaren Morgenhimmel ragte.
Erst jetzt machte er sich die Mühe, seine Umgebung etwas ausgiebiger zu mustern und als er das Schild sah, schluckte er schwer.
L.A. City Hospital prangte in beinahe mannshohen Lettern neben einer gläsernen Eingangstür.
Ohne weiter darüber nach zu denken stieg er aus und ging hinter ihr den kurzen, gekiesten Weg hinauf. Am Eingang hatte er sie schließlich eingeholt.
„Sag bloß, Du mußt an einem wundervollen Tag wie diesem arbeiten,“ sagte er und versuchte dabei zu lächeln. Doch es gelang ihm nicht wirklich.
Erschrocken fuhr sie auf dem Absatz zu ihm herum.
„Was tust Du hier?“ fragte sie entgeistert.
Das war eine gute Frage.
„Ich ... wollte Dich nicht so einfach gehen lassen,“ gab er zu.
Sie schüttelte den Kopf „Du solltest jetzt wirklich gehen.“
„Nein. Nicht, bevor ich von Dir eine Erklärung für das alles hier bekommen habe,“ gab er unnachgiebig zurück.
„Alex bitte. Das bringt doch nichts. Lass mich in Ruhe, o.k.? Es war eine wunderschöne Nacht und dabei soll es bleiben.“
Bevor er etwas erwidern konnte, glitt die gläserne Schiebtür hinter ihnen auf und ein Arzt in weißem Kittel und Stethoskop um den Hals trat zu ihnen heraus.
„Tess, mein Gott, da sind sie ja. Die ganze Station ist seit heute Nacht in heller Aufregung!“
Er sah blass und wütend aus und baute sich nun, mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihr auf.
„Nur keine Panik Doc. Ich bin ja jetzt hier, oder?“ gab Tess leichthin zurück und blickte dabei unsicher zwischen ihm und dem Arzt hin und her.
„Ja. Das sehe ich,“ gab der Arzt schneidend zurück und musterte dann Alex von oben bis unten.
„Und wer sind sie? Gehören Sie zur Familie?“
„Nein,“ Alex schüttelte den Kopf.
„Das ist Alex, ein Freund,“ beeilte sich Tess zu sagen „aber er wollte sowieso gerade gehen, nicht wahr?“ bei den letzten Worten hatte sie sich zu ihm umgewandt und sah ihn nun eindringlich an.
„Nein, eigentlich hatte ich vor, erst einmal zu erfahren, was hier los ist,“ gab er stur zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Der Arzt blickte von einem zum anderen und schüttelte dann den Kopf.
„Sie haben noch eine viertel Stunde Tess, dann erwarte ich sie in einem sauberen Nachthemd in ihrem Bett und keine Eskapaden diesmal. Ihr Termin ist in zwei Stunden und bis dahin haben wir noch einiges zu tun. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Ja Sir,“ gab Tess kleinlaut zurück.
„Gut.“ Er nickte Alex noch einmal zu und verschwand dann durch die Glastür im Inneren des Gebäudes.
Alex Blick heftete sich nun wieder auf Tess.
„Also?“
Sie seufzte.
„Lass uns einen Kaffe trinken,“ sagte sie schließlich und drehte sich herum. Alex folgte ihr durch die Schiebetür und stand gleich darauf in einem Eingangsbereich, dessen Wände blassgelb gestrichen und in Hüfthöhe mit hellem Holz verkleidet waren.
„Die Cafeteria ist da drüben,“ informierte ihn Tess und ging ihm voraus in einen hellen Raum mit jeder Menge Grünpflanzen und einem dicken Teppich, der sämtliche Geräusche schluckte.
Sie holte zwei Becher Kaffe in Plastikbechern aus einem Automaten, der in einer Ecke stand und führte ihn dann durch weit geöffnete Flügeltüren hinaus auf die Terrasse.
Dort stellte sie sich an das Geländer und lies ihren Blick über den kleinen Park schweifen, der sich direkt an das Krankenhaus anschloss. Mit etwas Fantasie hätte man meinen können, sie wären immer noch in der Nähe „ihres“ Parks, auch wenn sie davon inzwischen einige Meilen entfernt waren.
Sie reichte ihm einen Becher und dankbar schloss er seine eiskalten Finger um das heiße Plastik.
„Also?“ fragte er erneut.
„Im Prinzip gibt es da nicht sehr viel zu erzählen,“ gab sie zurück und blies abwesend in ihren Becher.
„Vor zwei Wochen haben die Ärzte einen Tumor in meinem Kopf festgestellt. Heute ist der OP-Termin und ich dachte, ich verbringe einfach noch einmal einen Nacht in Freiheit. Das ... na ja ... Du mir dabei ... über den Weg läufst war ... so irgendwie ... nicht geplant.“
Sie stockte und senkte den Blick in ihren Kaffeebecher.
Sein Herz hatte bei ihren Worten hart und schnell zu schlagen begonnen. Immer wieder drehten die Worte „Tumor“ und „OP-Termin“ in seinem Kopf wilde Kreise. Der Kaffee in seiner Hand war vergessen, er spürte nicht die leise Briese, die sein Gesicht streichelte und er registrierte auch nicht, wie ihm die Tränen in die Augen schossen.
Alles was er tun konnte, war sie völlig entgeistert an zu starren.
„Mein Doc meint, ich sollte mir keine Sorgen machen, aber ... nun ja ... mein Hausarzt meinte ... also ... die Chancen, dass ich diesen Eingriff überlebe ... nun ja ... also ... die stehen zwanzig zu achtzig. Nicht wirklich berauschend wenn Du mich fragst und ... tja ... ich dachte ... ich wollte ... also ... ,“ sie schüttelte den Kopf und bückte sich, um ihren Becher auf den Boden neben sich zu stellen.
Er tat es ihr gleich und als sie wieder aufrecht nebeneinander standen, faste er sanft nach ihrer Hand.
„Komm’ her,“ sagte er leise und zog sie in seine Arme. Sie hatte scheinbar sämtlichen Widerstand aufgegeben, denn sie kuschelte sich an ihn und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
Für einen Weile standen sie einfach so da, dann spürte er, wie sie den Kopf hob und ihre Lippen sanft seinen Hals streiften.
Er beugte den Kopf und seine Nase strich dabei zärtlich über ihre Stirn. Er küsste ihre Augen, ihre Wange und schließlich fanden seine Lippen die ihren.
Sie schmeckten salzig, ob von seinen oder ihren Tränen konnte er nicht sagen und sie waren unglaublich weich. Für eine Weile verloren sie sich in diesem Gefühl der Nähe und Wärme und er genoss das Prickeln, dass ihm den Rücken hinunter lief und die Rundungen ihres Körpers, die sich sanft an ihn drängten. Dann löste sie ihre Lippen von seinen und legte ihren Kopf wieder auf seine Brust.
„Es tut mir leid, dass Du da mit hinein gezogen wurdest,“ murmelte sie „eigentlich wollte ich ... nur ein wenig Spaß haben auf dieser Party und ... nach einer Stunde oder so wieder hier her zurück kehren. Aber ... dann standst Du plötzlich vor mir ... und ... ich weiß auch nicht. Ich wollte nicht ... zurück.“
„Das ist o.k.,“ sagte er leise „Du hättest es mir sagen können.“
„Nein,“ sie schüttelte den Kopf und sah ihn dann an. Auf ihren Wangen glitzerten Tränen „ich wollte nicht, dass sich noch jemand Sorgen um mich macht. Meine Mom und mein Bruder sind da schon schlimm genug. Ich wollte einfach ... ein bißchen Spaß haben und ... keine Ahnung. Ich mag Dich ... wirklich ... aber jetzt ... ,“ sie machte sich von ihm los und trat zwei Schritte zurück „... jetzt solltest Du wirklich gehen.“
„Und wenn ich nicht gehen will?“ gab er zurück.
Sie lächelte matt und wischte sich dabei die Tränen von den Wangen.
„Du wirst jetzt gehen. Punkt. Ich möchte Dich nicht hier haben.“
Für einen Moment starrten sie sich an, beide unnachgiebig, dann drehte sie sich herum und ging einfach davon.
Er klammerte sich Halt suchend am Geländer fest und versuchte das Zittern zu unterdrücken, das seinen Körper erfasst hatte.
Sollte er ihr hinter her gehen? Das wollte sie nicht.
Wollte sie das wirklich nicht?
Doch im Endeffekt hatte er zu lange gezögert. Als er zurück in die Empfangshalle trat, war von ihr nichts mehr zu sehen. Die ersten Besucher tummelten sich bereits in der Halle und Krankenschwestern und Pflegepersonal liefen geschäftig hin und her.
Natürlich hätte er sie suchen können, doch stattdessen wandte er sich dem Ausgang zu. Sie wollte ihn nicht hier haben. Punkt.

Ein halbes Jahr war seit der Nacht im Park vergangen und es gab kaum einen Tag an dem er sich nicht fragte, ob Teresa wohl noch lebte, ob sie die OP gut überstanden und vielleicht inzwischen irgendwo ein glückliches Leben führte.
Manchmal machte er sich Vorwürfe. Er hätte ihr hinterher gehen, sich nicht so einfach von ihr abschieben lassen sollen. Dann wiederum dachte er daran, dass es vielleicht besser so gewesen war. Sie machte sich Sorgen um ihre Angehörigen ... es wäre nicht gut gewesen, wenn er diese Sorgen noch erhöht hätte.
Eine Weile hatte er gehofft, dass sie sich bei ihm melden würde. Doch das tat sie nicht.
Er versuchte den Gedanken von sich zu schieben, dass sie sich wahrscheinlich nicht meldete, weil sie das nicht mehr konnte. Er klammerte sich einfach an die Vorstellung, dass er für sie nur ein kurzes Abenteuer gewesen war und sie es nicht für nötig befunden hatte, ihm bescheid zu geben, dass sie noch lebte.
Wie besessen ging er die ersten drei Monate jeden Morgen die Todesanzeigen in den Zeitungen durch.
Es hatte zwei Teresas gegeben, die ungefähr in ihrem Alter gewesen waren und deren Verlust die Angehörigen betrauerten. Doch jedes Mal hatte er versucht sich ein zu reden, dass das unmöglich SIE sein konnte.
Schließlich hatte er sich verboten, an sie zu denken. Er würde damit wahrscheinlich nur sein eigenes Leben ruinieren. Man konnte eben die Vergangenheit nicht ungeschehen machen und so wie es aussah, mußte er wohl oder übel mit den Konsequenzen leben.

Es war sein Geburtstag, einige Freunde feierten mit ihm zusammen in seinem Garten und er fühlte sich entspannt und glücklich. Seine Mom war extra von Florida nach L.A. gekommen und hatte ihn damit überrascht. Seine Freunde hatten ihm ein Wochenende in Vegas spendiert und in zwei Tagen würden sie sich auf machen um mit ihm zusammen ein paar Tage in einem der nobelsten Hotels am Platz zu verbringen. Manchmal konnte das Leben tatsächlich schön sein!
Als es an der Tür klingelte, ging seine Mutter, um auf zu machen.
„Das wird Richard sein. Er kommt doch wirklich immer zu spät,“ grinste sie und verschwand im Haus.
Als sie zurück kam, trat allerdings nicht Richard hinter ihr ins Freie, sondern ein Mädchen mit dunklen Locken, die ihr ungefähr bis zum Kinn reichten und großen, dunklen Augen, die ihn nun schüchtern ansahen.
„Es tut mir leid wenn ich störe,“ sagte sie leise „ich wußte nicht ... dass hier eine Party ... statt findet.“
Er schüttelte den Kopf, unfähig auch nur einen Laut hervor zu bringen.
„Es ist schön, Dich wieder zu sehen,“ sagte sie und lächelte zaghaft.
„Es ist ... auch schön ... Dich wieder zu sehen Tess,“ sagte er leise. Langsam ging er auf sie zu, dann wurden seine Schritte immer schneller und als er sie schließlich erreicht hatte, rannte er sie beinahe über den Haufen.
Wie ein Ertrinkender klammerte er sich an sie, küsste immer wieder ihr Haar, streichelte über ihren Rücken und konnte nicht fassen, dass sie hier tatsächlich leibhaftig und vor allen Dingen lebendig vor ihm stand.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht,“ murmelte er.
„Es tut mir leid. Es ging nicht anders. Ich wollte nicht, dass Dein Leben genau so ruiniert wird, wie das meiner Familie. Wir hatten so sehr unter dem Tod meines Vaters zu leiden ... das ... wollte ich Dir einfach ... ersparen.“
„Das ist in Ordnung ... ich meine ... was zählt ist doch, dass Du jetzt hier bist. Wie ... geht es Dir gut?“
Er hatte Angst vor der Antwort, genau so wie davor, dass sie einfach wieder verschwinden könnte und so presste er sie einfach noch fester an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar.
„Es geht mir gut,“ erwiderte sie und begann sich sanft aber bestimmt aus seiner Umklammerung zu lösen.
„Ich bin so zu sagen wieder vollkommen gesund und deshalb ... nun ja ... deshalb bin ich hier. Ich dachte ... also ... ,“ sie verstummte und ihre Wangen überzogen sich mit einem Hauch von Rot.
„Ich bin so froh, dass Du hier bist,“ lächelte er.
„Ich liebe Dich,“ sagte sie kaum hörbar.
„Ich liebe Dich auch,“ gab er zurück und konnte es immer noch nicht fassen. Sie war hier, bei ihm, es ging ihr gut, sie lebte und ... sie liebte ihn!
Langsam schloss er die Augen und neigte den Kopf. Er war sich sicher, noch nie im Leben etwas ähnlich schönes gefühlt zu haben wie in dem Moment, als sich ihre Lippen trafen.
Sie hatten eine zweite Chance erhalten und er schwor sich, diese besser zu nutzen, als die erste.

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