Er saß entspannt in einem Sessel, hatte die Beine weit von sich gestreckt und rauchte eine Zigarette. Er war nicht alleine in dem Hotelzimmer, das eigentlich ihres war. Doch so war es immer. Sie zog die Menschen an, wie das Licht die Motten. Ein kurzer Augenaufschlag aus ihren großen, braunen Augen, ein kurzes Aufblitzen ihres strahlenden und ungemein anziehenden Lächelns und sofort lag ihr jeder, egal ob Mann oder Frau, zu Füßen.
Eines Tages war sie plötzlich aufgetaucht. Bei einer ihrer Partys nach der Show. Und sie war ganz selbstverständlich und mit dem stillen Einverständnis aller geblieben.
Und jeden Abend nach dem Abendessen konnte er das gleiche, faszinierende Schauspiel beobachten. Sie legte ihr Besteck beseite, trank noch einen Schluck von ihrem Getränk, dann erhob sie sich und verabschiedete sich mit einem Lächeln.
Keine halbe Stunde später waren sie alle hier in ihrem Hotelzimmer, angezogen von ihrer Wärme und ihrem ehrlichen Interesse an den Menschen, die sich hier jeden Abend trafen um in der Geborgenheit ihres Seins zusammen zu sitzen, sich zu unterhalten und sich wohl zu fühlen.
Manchmal fragte er sich, ob sie sich überhaupt bewußt war, welche Wirkung sie auf Menschen hatte. Sie wirkte so natürlich. Niemals berechnend. Niemals unfreundlich, doch dabei immer ehrlich.
Eine Weile hatte er versucht hinter das Rätsel dieses Phänomens zu kommen. Er hatte sich Zeit genommen, mit ihr geredet, ihr zugehört und versucht den Haken zu finden. Ein Mensch wie sie konnte einfach nicht so perfekt sein.
Dass er ihn nicht gefunden hatte lies nur zwei Schlußfolgerungen zu: Entweder sie war tatsächlich dieser perfekte, herzliche Mensch, oder sie versteckte ihre Unzulänglichkeiten und negativen Gefühle unter einer Schutzschicht, die so dick war, das niemand sie durchdringen konnte.
Er wußte nicht warum, aber er war sich sicher, dass Möglichkeit zwei der Wahrheit ziemlich nahe kam und wie er zugeben mußte, machte sie das nur noch interessanter.
Als sich die Badezimmertür öffnete hielt er einen Moment inne. Seine Hand, die die Zigarette hielt, verharrte vor seinem Mund, seine Lider blinzelten nicht einmal, selbst sein Herz hörte auf zu schlagen, einzig und alleine um keine ihrer geschmeidigen Bewegungen zu verpassen.
Sie durchquerte das Wohnzimmer, warf im Vorübergehen einen kurzen Blick zu der Sitzgruppe hinüber, in der seine Freunde saßen und Domino spielten und schob dann die Tür zum Schlafzimmer auf.
Er wappnete sich innerlich gegen die Enttäuschung die ihn überkommen würde wenn sie die Tür hinter sich schloss und damit ihren Glanz und ihr Strahlen mit sich nahm, unereichbar für die, die auf der anderen Seite der Tür saßen. Doch sie lies sie offen stehen, verschwand kurz aus seinem Blickfeld, als sie um das Bett herum ging und tauchte dann wieder mit einer Feile und Nagellack in der Hand auf.
Sie krabbelte auf das Bett, lies sich im Schneidersitz darauf nieder und schob sich ihr langes, dunkles Haar hinter die Ohren. Er mußte unwillkürlich lächeln, als es ihr gleich darauf wieder ins Gesicht fielen. Diese Geste war so typisch für sie. Er hätte sie noch aus zwei Meilen Entfernung wieder erkannt.
Wie in einem Bilderrahmen sah er sie durch die Türöffnung, ihre geschmeidigen Bewegungen und ihre schlanke Gestalt, die heute in einem verführerischen TankTop und kurzen Shorts steckte. Er verweilte eine Weile dabei das Spiel des Lichts auf ihrer samtenen Haut zu betrachten, registrierte die grazilen Bewegungen, mit denen sie begann ihre Nägel zu feilen und lies seine Augen dann zu ihrem Gesicht wandern.
Sie hatte die Stereoanlage angeschaltet, die Musik drang bis zu ihm und verband ihn mit ihr. Er nahm einen letzten Zug von der Zigarette, drückte sie dann in dem kleinen Aschenbecher neben sich aus und stützte seinen Kopf in die Hand. Er wollte sie nur ansehen, ihr dabei zu sehen, wie sie im Takt der Musik mit dem Kopf wippte, ihre vollen Lippen den Text leise mitsangen und sie dabei so wirkte, als wäre sie das einzige lebende Wesen auf dieser Welt.
Zeit und Raum verloren ihre Bedeutung, während er in seinem Sessel saß und sie betrachtete. Es war unheimlich, wie präsent sie für ihn war, selbst wenn sie einige Meter entfernt in einem anderen Raum saß. Wenn er die Augen schloss, wußte er trotzdem, dass sie noch da war. Er konnte sie spüren. Tief in ihm, tiefer, als es jemals ein Mensch gewesen war.
Und genau dieses Gefühl ängstigte ihn beinahe zu Tode. Sie durfte nicht dort sein. Es war kein Platz in seinem Herzen für noch eine Frau. Er war glücklich. Er war verlobt. Aber sie war nicht hier.
Stattdessen war diese Lichtgestalt in sein Leben getreten und nicht nur in seins. Er wußte, wie die anderen auf sie reagierten. Er sah es in ihren Blicken, hörte es in ihren Worten, sah es sogar in ihren veränderten Bewegungen, wenn sie in der Nähe war. Wie eine Hexe, die sie alle mit einem Zauber belegt hatte.
Manchmal, aber nur dann, wenn sie gerade nicht in der Nähe war, versuchte er sich einzureden, dass er sie eigentlich gar nicht so sehr mochte. Sie war auch nur ein Mädchen wie alle anderen, ein Wesen aus Fleisch und Blut. Doch diese Taktik funktionierte eben nur so lange, wie sie seinem Blick verborgen blieb. Betrat sie einen Raum, spürte er auch nur den Hauch ihrer Anwesenheit, dann war es um ihn geschehen.
In diesem Moment sah sie von ihren Nägeln auf und ihr Blick begegenete seinem. Sie hielt einen Moment inne, sah ihn einfach nur an und sofort legte sich eine Gänsehaut über seinen gesamten Körper.
Für einen Moment senkte sie den Blick in ihren Schoß, hob dann erneut den Kopf und lächelte zu ihm herüber. Er konnte gar nicht anders als es erwidern. Sie legte den Kopf schräg, das Lächeln wurde breiter und mit einem kurzen Kopfnicken lud sie ihn ein, ihr Gesellschaft zu leisten.
Er war sich nicht sicher, ober er überhaupt aufstehen konnte. Er fühlte sich zittrig und sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Verdammt, sie sollte nicht diese Wirkung auf ihn haben!
Ohne sein Zutun erhob er sich aus seinem Sessel und schlenderte, bemühmt nicht ganz so aufgeregt zu wirken wie er sich fühlte, zu ihr hinüber. In den Türrahmen gelehnt blieb er stehen.
“Hey,” sagte sie.
“Hey,” entgegnete er.
“Möchtest du mir ein bißchen Gesellschaft leisten? Ich hasse es, mir die Nägel zu feilen.”
“Dafür gibt es ausgebildete Menschen, die das für ein paar Dollar gerne tun,” schmunzelte er, trat nun ganz in das Schlafzimmer hinein und lies sich neben sie auf das Bett sinken.
“Ach, ich weiß nicht. Ich glaube, ich würde mich dabei nicht wohl fühlen.”
“Wieso nicht? Das ist ein ehrbarer Beruf,” grinste er.
“Ich weiß. Trotzdem.” Scheinbar hatte sie nicht vor ihm eine weiter Erklärung zu liefern, als schwieg er.
“Erzähl mir etwas,” bat sie und schenkte ihm ein Lächeln, das ihn innerlich schmelzen lies.
“Was möchtest du den hören?”
“Uhm … ich weiß nicht …” Sie schien nachzudenken und während sie dies tat streckte sie plötzlich eines ihrer langen Beine aus und angelte nach der Tür. Sie gab ihr einen kleinen Schubs und beobachtete befriedigt, wie die Tür sich langsam schloss.
“Wird das etwas ernsteres?” fragte er schmunzelnd mit einem Blick auf die nun angelehnte Tür.
“Wer weiß …,” grinste sie geheimnisvoll.
Sein Gehirn war plötzlich wie leergefegt, einzig und alleine von ihr beherrscht und er hatte keine Ahnung, was er nun sagen sollte.
“Hm, ich sehe schon. Du bist heute nicht wirklich gesprächig.”
“Du hast mich nur etwas unvorbereitet getroffen.”
“Oh, ich verstehe,” nickte sie, als hätte er tatsächlich etwas sinnvolles gesagt. Hatte er das vielleicht? Er konnte sich nicht mehr erinnern.
Sie hatte aufgehört ihre Nägel zu feilen und schraubt nun das kleine, schwarze Nagellackfläschchen auf. Sie zog den Pinsel heraus und streifte den überschüssigen Lack ab, dann begann sie ihren kleinen Finger zu lackieren. Der erste Strich ging sofort über ihren eigentlichen Nagel hinaus und sie rümpfte missbilligend die Stirn.
“Ich glaube, ich sollte eigentlich ein Mann werden,” stellte sie fest, während sie sich die Bescherung genauer betrachtete.
AJ lachte und nahm ihr das Fläschchen aus der Hand.
“Das glaube ich kaum. Lass dir von einem waschechten Mann zeigen, wie man das macht.”
Sie begann zu kichern. “Mir hat noch nie ein Mann die Nägel lackiert.”
“Irgendwann ist immer das erste Mal,” entgegnete er lächelnd, während er nach ihrer Hand fasste und diese auf sein Knie legte. Die Stelle begann augenblicklich zu prickeln und er mußte sich beherrschen um nicht einfach los zu schnurren wie ein liebeskranker Kater.
Mit geübten Bewegungen nahm er den Pinsel auf und verteilte die schwarze Farbe gleichmäßig und mit fließenden Bewegungen auf ihrem Daumen.
“Du machst das wirklich gut,” stellte sie fest, während sie sich neugierig zu ihm hinüber beugte.
“Das ist alles Übung Baby,” grinste er und fuhr fort, das zarte Rosa ihrer Nägel zu übermalen.
“Was kannst du noch so, von dem ich bisher nichts weiß?”
“Hm. Ich kann vier Cheesburger bei McDonals innerhalb von zwei Minuten verdrücken, ohne das mir davon schlecht wird.”
“Na das ist doch mal eine nützliche Eigenschaft,” schmunzelte sie.
“Und ich kann Pulp Fiction nahezu auswendig.”
“Hey, das ist cool. Hast du dafür sehr viel üben müssen?”
“Nein, ich habe mir den Film einfach zwanzig Mal angesehen und dann klappte das von ganz alleine,” gab er lachend zurück und sie stimmte mit ein.
“Verstehe.”
“Und du? Was kannst du?”
“Jedenfalls keine Nägel lackieren, so viel steht fest.”
“Ja, das habe ich gesehen.”
“Uhm … ansonsten? Ich kann meinen Ellbogen mit der Zunge berühren, obwohl in den Zeitschriften immer steht, dass das niemand kann.”
“Tatsächlich?” Er war ehrlich überrascht.
“Du willst jetzt sicher einen Beweis sehen, was?” grinste sie.
“Aber sofort!”
Leider hatte er nicht daran gedacht, dass sie dafür ihre Hand von seinem Knie nehmen mußte. Es fühlte sich an, als würde die Temperatur an dieser Stelle seines Körpers auf der Stelle unter Null sinken.
Gleich darauf wurde er allerdings von ihren Verrenkungen abgelenkt. Sie zog mit der einen, leidlich lackierten Hand ihren Arm zu sich heran, streckte den Hals und schob ihre Zunge heraus. Er befürchtete schon, dass sie sich das Genick brechen oder einen Kreuzschaden erleiden würde, doch nichts dergleichen passierte. Stattdessen leckte ihre Zungespitze gleich darauf tatsächlich über ihren Ellenbogen und lachend schüttelte er den Kopf.
“Du bist wirklich etwas ganz besonderes,” grinste er.
“Oh ja!” entgegnete sie und legte ihre Hand wieder zurück auf sein Knie. “Aber du auch.”
“Ach was. Ich doch nicht. Ich kann lediglich ein paar Burger verdrücken. Das ist nicht die gleiche Liga wie seinen Ellenbogen abzulecken.”
“Genau genommen ist das noch nicht einmal der selbe Sport, aber das meinte ich eigentlich nicht,” entgegnete sie ernst, was ihn aufblicken lies.
Das hätte er wohl besser nicht getan, denn augenblicklich versank er in dem warmen Blick ihrer braunen Augen.
“Ich mag dich,” sagte sie schlicht.
“Ich mag dich auch,” entgegnete er ehrlich.
“Das ist schön.”
“Ja.” Er nickte und versuchte sich dann wieder auf ihre Finger zu konzentrieren.
“Du machst aber nicht immer den Eindruck, als könntest du mich besonders gut leiden,” fuhr sie fort und überrascht sah er zu ihr auf.
“Wie meinst du das? Ich bete dich an, so wieder jeder andere hier auch. Das weißt du doch.”
“Ach komm’ schon. Ich bin doch nicht blöd. Du bist immer einer der ersten der geht, du redest so gut wie nie mit mir, außer dieses eine Mal in der Bar und selbst da hatte ich das Gefühl, dass du mich irgendwie … keine Ahnung … aushorchen wolltest.”
“Das ist nicht wahr,” entgegnete er und richtete sich auf.
“Hm … dann erklär mir das.”
“Was soll ich da erklären? Ich … bin gerne mit dir zusammen, es ergibt sich nur nicht immer die Gelegenheit.”
Wie waren sie nur auf dieses Thema gekommen? Konnte es wirklich sein, dass ihr aufgefallen war, dass er sich bewußt von ihr fern hielt? Das mußte er einfach tun, denn er hatte Angst: Um sich, seine Beziehung, seinen Seelenfrieden. Sie schien ihn vollständig auszusaugen, wenn er mit ihr zusammen war und tagelang konnte er an gar nichts anderes mehr denken. Er ging jedes ihrer Worte noch einmal im Kopf durch, erinnerte sich an jede ihrer noch so kleinen Bewegungen.
“Erinnerst du dich an den Abend, als ich euch etwas auf dem Klavier vorgespielt habe?” fragte sie.
Und wie er sich erinnerte! Sie hatte ausgesehen wie ein Engel in diesem weißen Kleid und auch wenn sie nicht jeden Ton getroffen hatte – immerhin hatte sie erst drei Wochen Unterricht bei ihrem Keyborder genommen – so klang das was sie da spielte wie die schönste Melodie die er jemals gehört hatte.
“Ich erinnere mich,” sagte er nun lächelnd. “Du hast wundervoll gespielt und ich war richtig stolz auf dich.”
“Hm,” nickte sie. “Und warum hast du mir das damals nicht gesagt? Ich hatte kaum die Hände von den Tasten genommen, da warst du schon verschwunden. Ich dachte … nun ja … du hättest es furchtbar schlecht gefunden und wärst deshalb gegangen.”
“Das … habe ich … nicht,” stammelte er. Ihr war tatsächlich aufgefallen, dass er gegangen war? Er hatte ihr in diesem Moment einfach nicht gegenüber treten können. Er hätte seiner Stimme nicht getraut und er schämte sich, weil sein Herz so schnell vor Verlangen schlug und es das eigentlich nicht durfte.
“Oh doch, das hast du. Gestern genau so.”
“Gestern?” Er wußte was jetzt kam und mußte sich zusammen nehmen um nicht direkt aus dem Zimmer zu stürmen.
“Du weißt genau was ich meine.” Das sanfte Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe, doch er hatte keine Ahnung, was er ihr sagen sollte. Hätte er denn einfach mit ihr tanzen sollen? Hätte er es zulassen sollen, dass sie ihren wunderschönen Körper an seinen schmiegte?
“Ich hatte keine Lust zu tanzen,” sagte er lahm.
“Klar. Aber fünf Minuten später bist du mit Sandy über die Tanzfläche geschoben, als gäbe es kein Morgen mehr.”
“Was willst du eigentlich von mir?” er war aufgesprungen und funkelte sie nun von oben herab an. Alles in ihm schrie nach einer schnellen Flucht. Nur weg hier. Ihre vielen Fragen lösten eine Art Panik in ihm aus, die er nur sehr schwer in den Griff bekam.
“Ich möchte gar nichts von dir,” entgegnete sie sanft. “Ich möchte es nur verstehen. Ich weiß nicht, was ich dir getan habe, dass du mich offensichtlich nicht besonders gut leiden kannst.”
“Aber das stimmt nicht,” beharrte er.
“Aber das was du tust, spricht eine ganz andere Sprache. Es ist doch auch nichts dabei. Nicht jeder muß jeden mögen. Ich möchte es nur wissen, damit ich dir in Zukunft nicht mehr auf die Nerven gehe.”
Er schüttelte den Kopf.
“Denk doch was du willst,” presste er hervor, riss die Tür auf und stürmte davon.
Er konnte ihren Blick förmlich zwischen seinen Schulterblättern brennen spüren. Was tat er hier eigentlich verdammt? Er hätte ihr doch einfach sagen können, dass er irgendwie ein bißchen in sie verknallt war und dass er deshalb versuchte Abstand zu waren. Dass es ihm einfach nicht gut tat, wenn er zu viel Zeit mit ihr verbrachte.
Stattdessen erzählte er ihr Lügenmärchen und rannte vor ihr davon. Höchstwahrscheinlich hatte er sich in seinem ganzen Leben noch nicht so dämlich angestellt.
Doch je mehr Abstand er zwischen sich und ihr brachte, desto mehr war er davon überzeugt, dass er das richtige tat. Vielleicht würde es ihm nun leichter fallen, Abstand zu ihr zu wahren. Wenn er sie nur aus der Ferne betrachtete, konnte er sich wenigstens nicht die Finger verbrennen. Sie hatte genug Menschen um sich herum, die sie vergötterten, da würde seine Abwesenheit überhaupt nicht auffallen.

Als er nach einer langen, schlaflosen Nacht hinunter zum Frühstück kam, hatte er einen Entschluss gefasst. Er mußte mit ihr reden. Er mußte ihr sagen, wie er fühlte und es ihr überlassen, das Richtige zu tun. Er wollte sie nicht mehr anlügen, er wollte nicht so tun, als konnte er sie nicht leiden, wenn sich in ihm alles nach ihr verzehrte.
Als er den Frühstücksraum betrat wußte er sofort, dass etwas geschehen war. Es war ungewöhnlich still, kein Besteckklappern drang an sein Ohr, obwohl die Mannschaft, so wie es aussah, komplett vertreten war.
Langsam setzte er sich und warf einen Blick in die Runde.
“Was ist los?” fragte er Kevin, der neben ihm saß.
“Sie ist fort,” entgegnete sein Freund schlicht.
“Wie meinst du das? Wer ist fort?”
Doch er wußte schon bevor Kevin ihren Namen aussprach, dass sie für immer gegangen war. Er hatte sie vertrieben. Mit seinen Lügen, mit seinen unterdrückten Gefühlen und nicht zu letzt mit seiner Ignoranz, mit der er den ihren begegnet war.
“Hat sie noch etwas gesagt?”
Kevin schüttelte betreten den Kopf. “Wir haben uns gestern wie immer verabschiedet und heute morgen haben wir erfahren, dass sie noch in der Nacht ausgecheckt hat.”
“Einfach so?”
“Einfach so,” nickte sein Freund.
“Vielleicht ist etwas passiert?”
“Vielleicht. Was wir natürlich nicht hoffen wollen.”
“Es passt aber zu ihr,” lies sich Nick vernehmen, der ihnen gegenüber am Tisch saß. “Sie ist genau so verschwunden, wie sie aufgetaucht ist.”
“Mysteriös?” tippte AJ.
“Wie ein Wirbelwind,” stellte Nick richtig.
AJ nickte langsam. Nick hatte recht. Vielleicht war sie nicht dazu bestimmt für immer an einem Ort zu bleiben. Vielleicht verströmte sie ihre einzigartige Präsenz nur für einen gewisse Zeit. Und er hatte diese Chance nicht genutzt. Traurig lächelnd goss er sich einen Kaffee ein. Sie würde nie erfahren, was er für sie fühlte und vielleicht war das auch ganz gut so.
Er nahm den ersten Schluck von seinem Kaffee und sah sich dabei um. Überall sah er ihn die gleichen, betretenen Gesichter und zu seinem Entsetzen spürte er Tränen hinter seinen Augen brennen.
Mit Nachdruck setzte er die Tasse ab, stand hastig auf und verließ fluchtartig den Speisesaal.
Nie wieder, so schwor er sich, würde er jemanden anlügen. Nie wieder würde er sich hinter fadenscheinigen Ausreden verstecken, denn man wußte nie, wann es zu spät war. Denn die Erkenntnis, dass er ganz leichtsinnig die wundervollste Frau, die er jemals getroffen hatte, hatte gehen lassen, würde ihn noch eine ganze Weile verfolgen, ihn nicht schlafen lassen und ihn schlussendlich alleine zurück lassen.

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