"Oh mein Gott"

Für Alexander McLean war es ein Tag wieder jeder andere. Die Sommersonne brannte unnachgiebig auf Los Angeles hinunter, am Strand tummelten sich die üblichen Playboys und Standgirls, die Stadt wurde von Scharen von Touristen mit Fotoapparaten und schrecklichen, bunten Hemden überrannt und der Asphalt flimmerte unter der drückenden Hitze.
Als er den kleinen Coffeshop betrat wusste er noch nicht, dass sich sein Leben in Kürze unwiderruflich verändern würde, doch hätte er die Wahl gehabt, hätte er alles wieder genau so gemacht. Er stellte sich wie schon so oft an der langen Schlange vor der Verkaufstheke an, doch bevor sein Blick zu der langen Liste der Kaffeespezialitäten hinauf wandern konnte, blieb er wie gebannt an einem wohlgeformten Hinterteil hängen, das direkt vor ihm stand und zu einem schlanken Mädchen mit dunklem Pferdeschwanz, gestreiftem Top und einer roten Handtasche über der Schulter gehörte.
Mit einem breiten Grinsen verharrte er eine ganze Weile und sah dabei zu, wie sich dieser wohlgeformte Hintern in den engen Jeans von einer Seite auf die andere bewegte, während die Schlange nach und nach vorrückte. Ja, so sollte jeder Tag anfangen, befand er.
Mit dem nächsten Schritt trat er ein wenig zur Seite, so dass er das Gesicht der unbekannten Schönheit im Profil betrachten konnte. Eine klassische, gerade Nase saß über einem beeindruckenden Schmollmund, sanft geschwungene Augenbrauen wölbten sich über großen, strahlendblauen Augen und kleine Ohrstecker in Form von Totenköpfen steckten in den kleinen, samtigen Ohrläppchen. Ja, auch von vorne war sie ganz seine Kragenweite.
Er überlegte gerade, ob er sie ansprechen und sie in eines dieser nichts sagenden Warteschlangen-Gespräche verwickeln sollte, als plötzlich direkt neben ihm die Lautstärke eines Fernsehers aufgedreht wurde.
Erschrocken zuckte sie zusammen und ihr Blick streifte sein Gesicht, bevor sie sich der Mattscheibe zuwandte und für einen Moment mit gerunzelter Stirn darauf starrte. Auch er drehte sich nach der Stimme des Nachrichtensprechers um, während um ihn herum nach und nach die Gespräche und Geräusche verstummten.
Eine atemlose Stille legte sich über den, normaler Weise geschäftigen und immer lauten Laden und mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend lauschte Alex auf die Sondermeldung, die ein Mann in grauem Anzug, Stahlbrille und schütterem Haar gerade verlas.
„ ... auf den Campus der Technische Universität von Virginia eingedrungen. Mehrer Schüsse waren zu hören. Bisher ist noch nicht bekannt, ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt. Die Polizei ist vor Ort und hat das gesamte Gelände weitläufig abgeriegelt. Für Channel Fox jetzt Henry Miller vor Ort.“
Das Bild wechselte und blendete zu einem Reporter über, dessen Frisur von einem heftigen Wind aufgebauscht wurde. Im Hintergrund konnte man das Gemäuer der Universität erkennen, vor dem gelbes Absperrband im Wind flatterte. Polizeifahrzeuge standen mit erloschenem Blaulicht quer auf der Straße und vereinzelt hasteten Passanten vorbei.
„Ich befinde mich hier auf dem Gelände der Technischen Universität von Virginia. Vor einer halben Stunde erreichte uns die Meldung, dass ein Amokschütze in das Gebäude eingedrungen ist und einen der Studentenschlafsäle gestürmt hat.“
Alex Aufmerksamkeit wurde von einem leisen „Oh mein Gott,“ in seinem Rücken abgelenkt und als er sich herum drehte, blickte er direkt in das entsetzte Gesicht seiner Traumfrau, das sämtliche Farbe verloren hatte. Ihre Atmung ging hektisch und abgehackt, während ihre großen Augen noch riesiger geworden waren und einen fiebrigen Glanz angenommen hatten. Wie erstarrt blickte sie zu dem Fernseher hinauf, während ihre Nasenflügel aufgeregt zu beben begannen.
Er wollte gerade etwas sagen, irgendein Wort des Trostes oder eine dieser hohlen Phrasen, die man immer bei solchen Vorfällen anwandte, weil einem nichts besseres einfiel, doch da senkte sie bereits den Blick und begann hektisch in ihrer Handtasche zu wühlen. Gleich darauf zog sie ein Handy hervor, klappte es auf und suchte einen Moment nach der richtigen Nummer im Speicher, bevor sie sich das Telefon mit unübersehbar zitternden Händen ans Ohr drückte.
Sie wartete sichtbar ungeduldig, während ihr Blick wieder hinauf zum Fernseher hetzte. Sie schien alles andere um sich herum komplett ausgeblendet zu haben, denn die Schlange vor ihr hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt und andere Kunden hatten die Lücke, die sie hinterließ aufgefüllt. In Zeiten von Terrorismus und Krieg schienen selbst Nachrichten über einen Amokschützen an einer Universität nicht länger als zwei Minuten zu fesseln.
„Jetzt geh schon ran,“ murmelte sie, während ihr Blick immer noch am Fernseher hing und Alex sich nicht von ihr lösen konnte. Warum wusste er selbst nicht so genau. „Komm schon Bobby,“ flüsterte sie beinahe beschwörend. „Nimm ab Himmel Herr Gott noch mal.“
Für den Bruchteil einer Sekunde flammte so etwas wie Erleichterung in ihrem Gesicht auf, doch diese erstarb sofort wieder, als sich am andern Ende der Leitung scheinbar nur die Mailbox meldete.
„Bobby hier ist Alice. Wenn du das hier abhörst ruf mich bitte sofort zurück. Ich sehe gerade die Uni im Fernsehen und ... und ... ich mache mir echt große Sorgen. Sie sagen ein Amokschütze wäre dort eingedrungen und hätte sich in einem der Schlafsäle verbarrikadiert. Also bitte! Ruf mich so schnell wie möglich an, ja? Ich liebe dich.“
Sie klappte das Handy zu und wirkte dabei weiß wie eine Wand. Ohne noch einen Blick nach rechts oder links zu verschwenden und ohne sich einen Kaffee zu holen, verließ sie den Laden. Alex beobachtete sie durch die große Fensterfront des Cafes und sah, wie sie sich auf eine der nahe gelegenen Bänke nieder ließ.
Er wusste nicht warum, aber irgendetwas in ihm drängte ihn dazu, zu ihr hinüber zu gehen und nachzusehen, was mit ihr los war und ob er ihr vielleicht helfen konnte. Er wandte sich wieder der Warteschlange zu und stellte erfreut fest, dass diese auf zwei Kunden geschrumpft war. Gleich darauf bestellte er zwei Latte Macchiato, bezahlte und verließ mit den beiden heißen Styroporbechern in den Händen das Geschäft.
Es waren nur wenige Schritte bis zu der Bank auf der sie saß und sich bereits wieder das Handy ans Ohr drückte. Als er sich neben ihr nieder ließ, blickte sie nicht auf, wahrscheinlich bemerkte sie ihn noch nicht einmal.
„Nein Mom, ich habe auch noch nichts von ihm gehört,“ sagte sie gerade, zog die Knie an und stützte ihre Stirn in die Hand. „Ich habe ihm bereits auf die Mailbox gesprochen. Er wird sich bestimmt bald melden. Du weißt doch, er ist eher der Langschläfer.“
Sie schwieg eine Weile, während sie scheinbar auf die Stimme ihrer Mutter lauschte, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein Mom, das glaube ich nicht. Er hat doch sein Zimmer in der Stadt. Ihm ist sicherlich nichts passiert ... hm ... ja ... ja genau. Hör zu, ich muß die Leitung frei machen, damit er mich anrufen kann, ja? ... Klar ... ja klar, wenn er sich bei mir meldet sage ich dir gleich bescheid ... hm ... ja, mach’s gut ... ich dich auch.“
Sie klappte das Handy wieder zu und verstaute es in ihrem Schoß. Ihr Blick war irgendwo in die Ferne gerichtet und Alex tat sie in diesem Moment unendlich leid.
„Kaffee?“ fragte er also und hielt ihr den Becher entgegen.
Für einen Moment war er sich nicht ganz sicher, ob sie ihn überhaupt gehört hatte, doch mit einem kurzen Blinzeln tauchte sie schließlich aus ihrer dunklen Gedankenwelt auf und heftete ihren Blick fragend auf ihn.
„Ich dachte, du könntest vielleicht etwas Warmes gebrauchen,“ sagte er lächelnd. „Auch wenn es heute vierzig Grad im Schatten hat.“
„Ich weiß nicht, ob mir Kaffee in meinem derzeitigen, aufgewühlten Zustand so gut tut,“ gab sie zu bedenken, griff aber ohne zu zögern nach dem Becher und legte beide Hände darum, so als hätten sie Winter und sie bräuchte etwas, das ihre kalten Finger wärmte. „Danke,“ fügte sie noch hinzu, ohne ihn dabei anzusehen.
„Gern geschehen,“ entgegnete er und wusste dann nicht mehr, was er sagen sollte.
Ihr Körper beugte sich tief über ihre angezogenen Knie, während sie vorsichtig den Deckel von dem Becher nahm und lange in die dampfende Flüssigkeit blies.
„Uhm ... ist dein Freund ... in ... Virginia?“ fragte Alex zögernd und war sich nicht sicher, ob er sich nicht gerade viel zu weit in ihr Privatleben vorwagte. Immerhin waren sie sich vollkommen fremd.
„Nein,“ sie schüttelte den Kopf. „Mein Bruder. Bobby. Er studiert seit vier Semestern dort und ... Gott, ist das nicht furchtbar?“ stieß sie hervor und blickte wieder zu ihm hinüber.
„Ja, das ist es,“ nickte er, lehnte sich nach vorne und stützte seine Ellenbogen auf die Knie. Somit war er mit ihrem Gesicht auf gleicher Höhe, auch wenn er sie viel lieber in den Arm genommen hätte.
„Welches kranke Hirn macht so etwas? Mit einem Gewehr in eine Uni rennen. Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Soll er sich doch zu Hause eine Kugel durch den Kopf jagen, dann zieht er da wenigstens niemanden mit hinein.“
„Das sehe ich genau so,“ nickte Alex. „Ich war damals nach Columbine schon total entsetzt. Aber das waren ... irgendwie ... verwirrte Teenager. Die Vorstellung, dass ein erwachsener Mensch in eine Universität stürmt und wild drauf los ballert finde ich so ... ,“ er schüttelte den Kopf, weil ihm die Worte ausgegangen waren.
„Ja,“ nickte sie und über ihr Gesicht huschte ein kurzes Lächeln von Verständnis. „Hast du einen Namen?“ fragte sie unvermittelt.
„Oh ... ja, natürlich,“ nickte er etwas überrumpelt. „Alex,“ stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.
„Alice,“ nickte sie, während sie seine Finger mit festem Druck umschloss, sie kurz schüttelte und dann wieder los ließ. Sie hinterließ damit ein eigentümliches Prickeln auf seiner Haut und leicht verwirrt fragte er sich, was er hier eigentlich machte.
„Nun Alice,“ sprach er also schnell weiter. „Was machst du so, wenn du nicht gerade bei Starbucks Kaffee kaufst?
„Ich entwickle Videospiele,“ lächelte sie.
„Nicht wirklich,“ stieß er überrascht hervor.
„Doch,“ grinste sie, richtete sich auf und lehnte sich, augenscheinlich schon etwas entspannter, gegen die hölzerne Lehne der Bank.
„Ich dachte immer diese Computerfuzzies sind alle hässlich, blass und tragen eine Brille,“ gestand er, während er sich ebenfalls aufrichtete und sich am liebsten sofort für diese Aussage geohrfeigt hätte. Wie ein Kompliment klang das jedenfalls nicht.
Doch unerwarteter Weise lachte sie leise. „Ich schätze das trifft auf gerade mal fünf Prozent in unsere Branche zu,“ gestand sie.
„Na ja, wieder etwas dazu gelernt,“ lächelte er.
„Hm,“ nickte sie, immer noch lächelnd. „Eigentlich ist das ein ziemlich cooler und aufregender Job. Im Moment habe ich gerade kein akutes Projekt und von daher ein bisschen mehr Zeit, aber normaler Weise sind wir alle wie die Wilden am Programmieren.“
Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich plötzlich wieder und sie senkte den Blick hinunter in ihren Kaffeebecher. „Bobby will auch irgendwann in die Computerbranche einsteigen. Er hat den großen Traum bei Apple anzufangen und dort als Softwareentwickler jede Menge Geld zu verdienen.“
„Ihm ist bestimmt nichts passiert,“ beruhigte Alex sie mit sanfter Stimme.
„Und wenn doch?“ fragte sie und sah ihn mit ihren großen, blauen Augen verzweifelt an.
„Wenn ich das richtig mitgekriegt habe, wohnt er gar nicht auf dem Campus, oder?“
Sie nickte langsam.
„Na siehst du. Wahrscheinlich wird er bereits fünf Straßen von der Uni entfernt von der Polizei angehalten und wieder nach Hause geschickt. Er wird seine Mailbox abhören und dich sofort anrufen und alles wird gut sein.“
Sie seufze abgrundtief und krampfe ihre Hände wieder fester um ihren Becher. „Ich hoffe, du hast Recht,“ murmelte sie leise.
„Ganz bestimmt habe ich Recht,“ bekräftigte Alex und legte ihr dann doch noch zögernd einen Arm um die Schulter.
Als sei es die normalste Sache von der Welt, dass sie neben einem völlig Fremden saß, der sie in den Arm nahm, lehnte sie sich gegen ihn und ließ ihren Kopf auf seine Schulter sinken.
So saßen sie eine gefühlte Ewigkeit nebeneinander, während Alex’ Herz hektisch in seiner Brust schlug und sich sein Mund vollkommen ausgetrocknet anfühlte.
Das Klingeln ihres Handys durchbrach ihre traute Zweisamkeit und sie ließ beinahe ihren Kaffeebecher fallen, während sie sich das Telefon hektisch ans Ohr drückte.
„Ja?“ meldete sie sich aufgeregt. „Nein Mom,“ seufzte sie gleich darauf enttäuscht. „Er hat sich noch nicht gemeldet. Hast du etwas gehört?“
Sie schwieg eine Weile, während er vorsichtig seinen Arm zurück zog und die Hände im Schoß faltete. Inzwischen hoffte er ebenso inbrünstig wie Alice, dass mit ihrem Bruder alles in Ordnung war.
„In Ordnung Mom. Ich muss Schluß machen. Nicht dass er gerade anruft und mich nicht erreichen kann ... hm ... ja, bis dann.“ Sie legte auf und schüttelte den Kopf. „Immer noch nichts.“
„Weißt du, wann er seine erste Vorlesung hat? Vielleicht gibt es auch so etwas wie eine Hotline, bei der du mal anrufen könntest.“
„Das hat meine Mom schon versucht. Sie sagt, es wäre immer besetzt. Wahrscheinlich versucht gerade Gott und die Welt da durch zu kommen.“
Er nickte und seufzte dann frustriert. „Diese Warterei macht einen ganz irre.“
Ihr belustigtes Schnauben ließ ihn aufblicken.
„Was?“ fragte er also.
„Na, du kennst weder Bobby noch mich. Es wundert mich nur etwas, dass du dich so in die Sache reinhängst.“
„Glaub mir, ich wundere mich darüber genau so sehr wie du, aber eben stand ich noch in dem Cafe und habe deinen wundervollen Knackpo begutachtet und im nächsten Moment sitzt du am Boden zerstört auf dieser Bank. Ich glaube, gedanklich hänge ich immer noch an deinem Hintern fest.“
Ihr glockenhelles Lachen war wie Balsam für seine unsicheren, nervösen Nervenbahnen und er brachte ein breites Grinsen zustande.
„Machst du das öfter?“ fragte sie nach.
„Was? Gedanklich an Hintern hängen bleiben?“
„Das und hinterher den Seelentröster spielen, wo du mich doch gar nicht kennst.“
„Nein, eigentlich nicht,“ gab er zu.
„Warum dann bei mir?“
„Weil dein Hintern eine ganz besondere Ausnahme ist,“ gestand er lächelnd.
„Hm ... das klingt einleuchtend.“
„Nicht wahr?“
„Alex?“
„Hm?“
„Warum ruft er nicht endlich an?“
„Weil er bestimmt noch schläft und keine Ahnung hat, dass du dir Sorgen machst.“
„Hm,“ nickte sie und starrte auf ihr Telefon hinunter, als könne sie es durch pure Willenskraft zum Klingen bringen.
Doch stattdessen meldete sich sein eigener Apparat und mit einem entschuldigenden Lächeln in ihre Richtung nahm er gleich darauf ab.
„Ja?“
„AJ? Wo steckst du? Wir warten hier schon eine halbe Stunde auf dich.“
„Oh Fuck Tommy. Dich hab ich total vergessen,“ stieß er hervor und rieb sich verlegen über die Stirn.
„Wo bist du Mann?“
„Bei Starbucks. Ich ... komm’ gleich, ja?“
„Aber beeil dich. Wir haben Hunger!“
„Bin schon unterwegs.“
Leicht verlegen beendete er das Gespräch und sah dann zu Alice hinüber. „Es tut mir leid, aber ich muss gehen. Ich war eigentlich zum Frühstück verabredet. Also ... geschäftlich ... irgendwie ... und ... ,“
„Ist schon in Ordnung,“ unterbrach sie ihn mit einem sanften Lächeln.
„Ich weiß nicht. Irgendwie möchte ich dich jetzt ungern alleine lassen.“
„Ich bin ein großes Mädchen.“
„Na, ich weiß nicht,“ gab er mit einem Grinsen zurück.
„Vertrau mir, ich komm’ schon klar.“
„Uhm ... gut. Oder nicht gut, wie auch immer. Würdest ... du ... mich anrufen, wenn du weißt, was mit deinem Bruder los ist?“
Er hielt den Atem an. Zum einen, weil er selbst über seinen Vorschlag überrascht war und zum anderen, weil er eine wildfremde Frau darum bat ihn nicht etwa wegen eines Dates anzurufen, sondern ihm Informationen über ihren Bruder zu geben, den er noch weniger kannte als dieses hübsche Wesen neben ihm, das jetzt lächelnd nickte.
In kürzester Zeit hatten sie ihre Telefonnummern ausgetauscht und bevor er sich dann endgültig erhob, schüttelte er noch einmal schmunzelnd den Kopf.
„Ich glaube, auf diese abgefahrene Art und Weise habe ich auch noch nie ein Mädchen kennen gelernt,“ gestand er.
„Geht mir genau so,“ entgegnete sie.
„Du meinst, du lernst ab und zu Mädchen kennen?“ fragte er grinsend.
„Du würdest dich wundern,“ kicherte sie.
„Also gut Alice. Dann drücke ich dir mal die Daumen, dass Bobby sich bald meldet. Ruf mich an, ja?“
„Mach ich,“ versprach sie noch einmal, dann erhob er sich und streckte ihr die Hand entgegen.
„Bis dann.“
„Ja, bis dann,“ nickte sie.
Es kostete ihn einige Überwindung sich einfach herum zu drehen und die Bank mit Alice hinter sich zu lassen, doch schlussendlich hatte er keine andere Wahl. Sein Termin war leider wichtig. Und immerhin hatte sie versprochen ihn anzurufen. Das war doch schon mal mehr, als er beim ersten Blick auf ihr wohlgeformtes Hinterteil zu hoffen gewagt hatte.
Kurz bevor er um die nächste Ecke bog, drehte er sich noch einmal zu ihr herum. Sie winkte und sah dabei so klein und verloren aus, dass er heftig schlucken musste.
„Das wird schon,“ versuchte er sich selbst gut zuzureden. „Mit Bobby ist bestimmt alles in Ordnung und dann sieht meine Welt mit Alice schon ganz anders aus.“

„Hübsch“

Nervös tigerte Alex jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit durch sein Haus. Das Handy steckte griffbereit in seiner Hosentasche und obwohl er den Lautstärkepegel seines Klingeltons inzwischen voll aufgedreht hatte, zog er das Telefon alle fünf Minuten hervor um nachzusehen, ob er nicht doch aus irgendeinem nicht nachzuvollziehenden Grund Alice’ Anruf verpasst hatte.
Es war bereits nach sechs und immer noch hatte er von ihr nichts gehört. Die Meldungen, die immer wieder über den Nachrichtenbildschirm flimmerten, verkündeten inzwischen eine unglaubliche Anzahl von 33 Toten und man vermutete, dass das noch nicht die endgültige Zahl war. War Bobby vielleicht dabei? Meldete sich Alice deshalb nicht?
Ein paar Mal war er versucht, sie von sich aus anzurufen, doch jedes Mal hielt er sich zurück. Sie war am Zug. Entweder wollte sie ihn an ihrem Leben teilhaben lassen, oder sie hatte ihn schon längst vergessen, was leider eine durchaus realistische Möglichkeit war.
Er erlitt vor Schreck beinahe einen Herzinfarkt, als das Telefon schließlich in einer unglaublichen Lautstärke in seiner Hosentasche zu klingeln begann. Schnell nahm er das Gespräch an und drückte sich den kleinen Hörer ans Ohr.
„McLean, Hallo?“
„Hey Alex. Hier ist Alice.“
„Gott sei Dank,“ seufzte er. „Ich bin schon ganz krank vor Sorge. Wie geht es Bobby?“
„Uhm ... es ... geht so.“
„Ist er verletzt?“ fragte Alex entsetzt und ließ sich mit weichen Knien auf einen der Küchenstühle sinken.
„Nein, nicht direkt. Er ... er war ... in dem Vorlesungssaal mit diesem ... Typen. Er musste mit ansehen ... ,“ sie verstummte und er hörte ihr hektisches Atmen direkt in seinem Ohr.
„Das klingt nicht gut,“ flüsterte er.
„Nein. Ich ... ,“ sie stockte erneut und er hätte alles darum gegeben, wenn er sie jetzt hätte in den Arm nehmen können.
„Soll ich vorbei kommen?“ hörte er sich sagen und schloss gequält die Augen. Das letzte was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Fremder, mit dem sie sich auseinander setzten musste.
„Das würdest du wirklich tun?“ fragte sie überrascht.
„Ich bin sozusagen schon aus der Tür,“ gestand er.
„Hm ... ich bin aber ganz sicher keine besonders gute Gesprächspartnerin heute.“
„Das macht mir nichts aus.“
„Uhm ... es wäre schon schön ... ,“ setzte sie unsicher an.
„Gib mir deine Adresse und ich komme so schnell ich kann.“
Sie zögerte noch weitere drei Sekunden, dann ratterte sie ihre Adresse so schnell herunter, dass er sie kaum mitkam und Alice sie, nachdem er sich Papier und Stift besorgt hatte, noch einmal wiederholen musste.
„Wie lange wirst du brauchen?“ fragte sie vorsichtig.
„Hm ... eine halbe Stunde?“
„Gut, das reicht um hier noch ein bisschen aufzuräumen,“ schmunzelte sie.
„Du weißt doch, so bald dein Hinter in mein Blickfeld gelangt, sehe ich sowieso nichts anderes mehr,“ scherzte er, was sie kichern ließ.
„Also gut, dann ... uhm ... bis gleich?“
„Ja, bis gleich,“ lächelte er und legte auf.
Noch nie hatte er sich so schnell umgezogen, noch schnell etwas After Shave ins Gesicht gespritzt und war in sein Auto gesprungen. Er hatte eine ungefähre Ahnung, wo ihre Wohnung lag, trotzdem kurvte er beinahe eine viertel Stunde durch das Wohnviertel, bis er die angegebene Adresse fand.
Die Tür ins Treppenhaus ließ sich einfach aufdrücken und anhand der Briefkästen, die in einer langen Reihe an der Wand hingen, hatte er ihr Stockwerk schnell ausfindig gemacht. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend hastete er die Treppe hinauf und erreichte schließlich die weiße Wohnungstür mit der Bundglasscheibe in Augenhöhe.
Für einen Moment versuchte er, wieder zu Atem zu kommen, dann strich er noch einmal sein T-Shirt glatt und drückte dann mit leicht zitterndem Finger auf den Klingelknopf.
Nervös trippelte er von einem Bein aufs andere, während er darauf wartete, dass sie ihm endlich öffnete. Zu erst fiel ihr Schatten auf die bunten Scheiben, dann hörte er, wie sie einen Riegel zurück schob und die Sicherheitskette löste. Gleich darauf stand sie verlegen lächelnd vor ihm im Türrahmen.
Sie trug eine schwarze Jogginghose, die locker über ihre nackten Zehen fiel und ein rotes, eng anliegendes T-Shirt und sie wirkte beinahe noch schöner als heute Mittag im strahlenden Sonnenlicht.
„Hey,“ sagte sie leise und trat einen Schritt zurück. „Komm’ doch rein.“
„Hallo,“ nickte er, als er mit klopfendem Herzen an ihr vorbei in eine geräumige Wohnung trat.
Ein langer Flur führte zu seiner Rechten tiefer in die Wohnung hinein. Eine riesige, mosaikartige, bunte Scheibe bildete die Wand zum Wohnzimmer, die bis zur Mitte des Flurs reichte, dahinter gingen weitere Türen in weitere Räume ab.
„Das ist cool,“ sagte er mit einem Fingerzeig auf die bunte Glaswand.
„Ja, dachte ich auch als ich hier eingezogen bin,“ erklärte Alice lächelnd und betrat vor ihm das Wohnzimmer.
Ein ausladendes, rotes Sofa stand vor der Glasscheibe, davor befand sich ein niedriger, dunkler Tisch, um den einige bunte Sitzkissen auf dem Boden lagen. Ein deckenhohes Regal, das mit unglaublichen Mengen von CDs voll gestellt war, ragte neben einer umfangreichen Stereoanlage und einem Flachbildfernseher in die Höhe. Direkt daneben führte eine Sprossenschiebetür in eine Art Arbeitszimmer, in dem er einen riesigen Computermonitor ausmachen konnte. An der gegenüberliegenden Wand schließlich, bot ein weiteres Regal jeder Menge Bücher, Familienfotos und feinem Porzellangeschirr und Kristallgläsern Platz.
„Hübsch,“ kommentierte er, bevor er sich auf die Couch sinken ließ und dabei versuchte, seine Nervosität in den Griff zu bekommen.
„Danke,“ nickte sie. „Cola?“ fragte sie dann mit einem Wink auf ihr benutztes Glas hinunter.
„Gerne,“ nickte er.
Sie verschwand kurz und er nahm zum ersten Mal die leise Musik wahr, die aus zwei riesigen Lautsprecherboxen kam. Jazz? Auf jeden Fall sehr angenehm. In diesem Moment kam sie mit einem sauberen Glas in der Hand wieder zurück. Sie ließ sich vor dem Couchtisch auf dem Boden nieder, schenkte ihm ein, zog dann die Knie an und schlang ihre Arme darum.
Weil er nicht so genau wusste, was er sagen sollte, nippte er an seinem Glas um Zeit zu gewinnen, konnte sie dabei aber keine Sekunde aus den Augen lassen.
„Ist komisch oder?“ bemerkte sie schließlich.
„Ja, schon irgendwie,“ gestand er nickend.
„Hm ... es war nicht meine Idee,“ grinste sie.
„Ich weiß,“ schmunzelte er. „Wie fühlst du dich?“ fragte er dann und sah, wie sich ihr Gesicht verdunkelte.
„Es geht so. Das mit Bobby ... er ist total fertig. Der Typ hat scheinbar zwei seiner besten Freunde erschossen. Einfach so. Stell dir das mal vor! Ich kannte die beiden sogar. Zwar nur flüchtig, aber es waren nette Kerle. Ich finde das so ... ,“ sie schüttelte den Kopf und faltete sich noch etwas weiter zusammen. Als wolle sie dem Leben weniger Angriffsfläche bieten.
„Das ist wirklich furchtbar,“ pflichtete er ihr bei.
„Jeder ist vollkommen in Panik. Die ganze Zeit haben irgendwelche Freunde und Verwandte bei mir angerufen. Als wüsste ich mehr als sie! Es hat Ewigkeiten gedauert, bis sie Bobby an ein Telefon gelassen haben. Was ich schon ... also ... das müsste doch das erste sein, oder? Dass die Leute ihre Familien anrufen dürfen?“
„Wo ist er jetzt?“ fragte Alex weiter.
„Bei Freunden. Die Polizei hat ihn wohl den halben Tag über die Geschehnisse ausgequetscht und ihm dann die Karte von nem guten Psychologen in die Hand gedrückt.“
„Wird er hingehen?“
„Ich denke schon. Zumindest, wenn er auf mich und Mom hört. Im Moment ist er zwar ziemlich fertig, aber spielt immer noch den starken Mann. Wahrscheinlich wird ihm sowieso erst in den nächsten Tagen aufgehen, was da tatsächlich passiert ist.“
„Hm, schon möglich,“ nickte Alex. „Und du?“
„Ich? Was soll mit mir sein?“ fragte sie zurück und nippte an ihrem Glas.
„Wie kommst du mit dem allem klar?“
Sie zuckte mit den Schultern und senkte den Blick. „Ich komme schon zurecht. Ich bin einfach nur froh, dass ihm nichts passiert ist, auch wenn ich mich fast dafür schäme, denn immerhin hat es 30 andere junge Menschen und Familien getroffen.“
Er wusste nicht warum, aber irgendwie glaubte er ihr nicht so ganz. Doch hatte er ein Recht, sich noch tiefer in ihre Gedanken- und Gefühlswelt einzuklinken? Er wusste doch rein gar nichts über sie und sie noch weniger über ihn.
„Es ist seltsam,“ sagte sie leise. „Bisher hat mich noch niemand gefragt, wie es mir eigentlich geht. Ich meine ... ist ja verständlich, immerhin geht es hier in erster Linie um Bobby. Es ist nur ... ,“ sie verstummte und schüttelte den Kopf.
„Es hat nicht nur ihn betroffen,“ sagte Alex leise.
„Hm,“ nickte sie ohne ihn dabei anzusehen und rubbelte sich dann vorsichtig über die Oberarme.
„Siehst du. Deswegen frage ich dich jetzt,“ stellte er mit einem Lächeln fest.
„Ja, und dabei frage ich mich, ob es nicht traurig ist, dass das ein komplett Fremder tun muß und meine Familie und Freunde nicht so weit denken.“
„Ich befürchte, sie sind ebenfalls viel zu sehr damit beschäftigt, ihre eigenen Ängste und Befürchtungen in den Griff zu bekommen,“ gab Alex zu bedenken.
„Gut möglich,“ nickte sie und seufzte dann abgrundtief. „Verrückt,“ hörte er sie dann murmeln. „Total verrückt.“
„Das kannst du laut sagen,“ bestätigte er.
Ihr Blick wanderte unsicher zu ihm hinüber und heftete sich unter ihren dunklen Ponyfransen hervor auf sein Gesicht. „Seltsamer Weise fühle ich mich mit dir aber ziemlich wohl.“
„Geht mir ähnlich. Wobei ich zugeben muß, dass ich ... nun ja ... schon etwas nervös bin.“
„Ehrlich? Merkt man dir gar nicht an,“ gestand sie grinsend.
„Jahrelange Übung,“ gab er lächelnd zurück.
„Hm ... würde ... also ... würde es dir was ausmachen, wenn ich mich zu dir setze?“ fragte sie dann plötzlich und sein Herz machte einen freudig erregten Satz in seiner Brust.
„Nein, ganz und gar nicht,“ beeilte er sich zu sagen.
Er beobachtet sie, wie sie sich langsam erhob und dann etwas zögerlich zu ihm herüber kam. Gleich darauf saß sie neben ihm, lediglich durch ein paar Zentimeter Luft von ihm getrennt.
Wie zwei Ölgötzen saßen sie nebeneinander, hatten die Hände im Schoß gefaltet und starrten vor sich hin.
„Gott, wie blöd,“ hörte er sie leise kichern.
„Ja, schon irgendwie,“ entgegnete er grinsend.
Sie seufzte, dann wandte sie sich ihm zu, zog die Beine unter ihren Körper, stützte ihren Ellenbogen auf die Lehne des Sofas und den Kopf in ihre Hand.
„Hier sind wir also,“ sagte sie. „Ich habe keine Ahnung, wer du bist oder was du hier machst und trotzdem finde ich es cool.“
„Habe ich eigentlich erwähnt, dass ich ein irrer Axtmörder bin?“ scherzte er, während er fühlte, wie er sich langsam zu entspannen begann.
„Nein! Erzähl mir mehr? Vielleicht könnte ich dir eine besonders günstige Kühltruhe für deine nächsten Opfer besorgen.“
„Kriegst du Provision?“
„Na Hallo. Nur mit meinen Computertippereien kann ich mich unmöglich über Wasser halten.“
Sie lachten beide, dann drehte sich Alex ebenfalls auf seinem Platz in ihre Richtung, legte ein Knie quer über das Sofa und sah ihr direkt in die Augen.
„Vielleicht war es Schicksal,“ gab er zu bedenken.
„Das wir uns getroffen haben?“
„Hm.“
„Ich glaube nicht an Schicksal.“
„Sondern?“
„Ich weiß nicht ... eigentlich glaube ich nur an das, was ich sehen kann.“
„Also scheidet Gott und der ganze andere, religiöse Mist auch aus,“ stellte er schmunzelnd fest.
„Ja, aber lass das nicht meine Mom hören. Sie würde ausflippen.“
„Ich werd’s mir merken.“
„Hm ...“
Sie begann nervös am Saum ihrer Hose zu nesteln und als er feststellte, dass nur noch wenige Zentimeter zwischen seinen und ihren Fingern lagen, verkrampfte sich sein Magen und sein Herzschlag begann zu rasen. Er könnte ja ... vielleicht ... aber das wäre eventuell noch zu früh ... und wenn ...
Plötzlich schoben sich ihre Hand über seine und wie von selbst verschränkten sich ihre Finger ineinander. Sie sah ihn nicht an, sondern hielt den Blick stur auf ihre Hände gerichtete, die nun begannen einen zärtlichen Tanz aufzuführen. Er fühlte die weiche Haut ihres Daumens in seiner Handfläche, seine Atmung beschleunigte sich und sein Herz hämmerte inzwischen unkontrolliert in seiner Brust.
„Machst du das eigentlich öfter?“ fragte sie unvermittelt und er bemerkte erleichtert, dass sie auch etwas atemlos klang.
„Was genau meinst du?“ gab er mit rauer Stimme zurück.
„Einfach wildfremde Frauen ansprechen, sie am selben Abend besuchen fahren und dann ... na ja ...,“ sie zuckte mit den Schultern und er fragte sich aufgeregt, was nach ihrem „und dann“ eigentlich noch hätte kommen sollen.
„Nein. Eher selten. Meistens ... hm ... lernt man sich irgendwo auf einer Party oder Veranstaltung kennen, man unterhält sich, geht ein paar Mal miteinander aus und landet erst dann gemeinsam auf der Couch.“
Ihr Lächeln wurde bei seinen Worten immer breiter und er konnte nicht anders, als es zu erwidern.
„Wirklich total verrückt,“ sagte sie erneut.
„Ja, aber nicht ... unangenehm,“ gestand er.
„Nein,“ stimmte sie ihm zu.
Sie hob nun endlich den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. Ihm wurde schwindlig und sein gesamter Körper stand augenblicklich in prickelnden Flammen. Langsam nahm er seine Hand von der Sofalehne. Mit einer zärtlichen Geste schob er ihr eine ihrer dunklen, langen Haarsträhnen hinter das Ohr, bevor er mit seinen Fingerspitzen ihre Wange liebkoste.
Sanft malte er die Linie ihrer Wangenknochen nach, dann schob sich sein Daumen über ihre vollen Lippen und streichelte diese zärtlich.
Sie neigte den Kopf, schmiegte ihn vertrauensvoll in seine Handfläche und schloss dabei die Augen.
Vorsichtig schob er sich noch ein Stückchen auf sie zu und schloss somit endgültig die Sicherheitslücke. Ihre feingliedrige Hand legte sich plötzlich unglaublich sanft in die Mitte seiner Brust und ein wenig unbehaglich dachte er, dass sie jetzt ganz genau mitbekam, wie hektisch sein Atem inzwischen ging.
Vorsichtig streichelte sie seinen Brustkorb, während sie ihre Wange in seiner Handfläche rieb.
„Glaubst du,“ sagte sie leise, immer noch mit geschlossenen Augen „dass das hier so eine Art Ausnahmesituation ist? Wie in diesen Filmen, in denen die Hauptpersonen entführt werden und dann eine heftige Romanze anfangen?“
„Ich weiß es nicht,“ gestand er. „Aber eine Ausnahmesituation ist das hier ganz sicher.“
Und das war zumindest in seinem Fall die volle Wahrheit. Er kannte sich aus mit Frauen und es hatte genug gegeben, die er kennen gelernt und auch noch am selben Abend flachgelegt hatte. Aber dabei war es lediglich um Sex gegangen. Das hier war allerdings ein ganz anderes Kaliber. Sein Herz schlug schon die ganze Zeit Purzelbäume, alles in ihm schrie danach, sie an sich zu drücken und sie zumindest die nächsten Stunden nicht mehr los zu lassen und er wollte sie auf jeden Fall immer und immer wieder sehen.
„Mir ist so was jedenfalls noch nie passiert,“ redete sie weiter, während sich ihre Hand seinem Gesicht näherte, federleicht über seinen Hals strich, was ihn angespannt schlucken ließ und dann gleich darauf über seine Wange strich.
„Keine Männer, die dir auf den ersten Blick den Atem geraubt haben?“ hakte er leise nach, während seine Hand von ihrer Wange über ihren schlanken Hals hinunter auf ihre Schulter wanderte.
„Doch schon,“ gestand sie. „Aber ... ,“ sie hielt inne und öffnete die Augen. Ihr Blick bohrte sich in seinen und nahm ihm damit für einen ewig scheinenden Moment die Luft zum Atmen. „Das hier ist anders ... oder?“ setzte sie beinahe schüchtern hinzu und er konnte nichts anderes tun als zu nicken.
Sie lächelte, was ihre feinen Gesichtszüge noch sanfter wirken ließ, dann beugte sie sich ein Stück in seine Richtung und wartete mit leicht geöffneten Lippen und geschlossenen Augen auf seinen Kuß.
Seine Mund nahm beinahe vorsichtig ihre Lippen in Besitz, trotzdem konnte er nicht verhindern, dass eine erregende Feuerwalze in seinem Inneren explodierte.
Sanft saugte er an ihren Lippen, seine Hand verschwand in ihrem Haar, während die andere den Druck ihrer Finger in seinem Schoß erwiderte und als er ihre Zunge fühlte, die heiß und aufreizend über seine Lippen strich und damit um Einlass bat, krabbelte ein sehnsüchtiges Seufzen aus den Tiefen seines Bauches in die Höhe. Das hier war auf jeden Fall der intensivste Kuß, den er in letzter Zeit erhalten hatte. So viel war sicher.

„Wer bist du?“

Alex konnte kaum glauben, dass die endlose Zeit ohne Alice endlich vorbei sein sollte. Nur widerwillig hatte er sich vor zwei Tagen, nach einer atemberaubenden Nacht und einem nicht weniger aufregenden Vormittag von ihr verabschiedet. Sie musste packen, noch ein paar Dinge organisieren und hatte ihre Abfahrt wegen ihm bereits um einen halben Tag verschoben.
Mit einem Lächeln erinnerte er sich an den Morgen, ihren Anblick, wie sie lediglich mit einem knappen Höschen und einem ebenso knappen T-Shirt bekleidet in der Küche stand und Kaffee kochte. Mit geschlossenen Augen rief er sich das Gefühl noch einmal ins Gedächtnis, wie er sie von hinten in den Arm nahm, seine Hände wie selbstverständlich unter ihr Shirt gleiten ließ und ihre Brüste zärtlich umschloss. Ihre Nähe, ihr Duft, ihre Stimme, ihr für ihn perfekter Körper ... das alles ließ sein Herz schneller schlagen.
Ihr Elternhaus lag gute zwei Autostunden von L.A. entfernt, aber es hätte genau so gut auf dem Mond sein können, so einsam und verloren hatte er sich gefühlt. Und das ausgerechnet ihm, der es inzwischen doch eigentlich gewohnt sein sollte, dass er seine Beziehungen nur auf Zeit führte, weil er dauernd unterwegs und somit selten für längere Zeit am Stück zu Hause war.
Jeden Abend hatte sie ihn angerufen. Im Hintergrund zirpten Grillen, manchmal hörte er die Stimmen ihrer Familienmitglieder, während er sich versuchte vorzustellen, wie es bei ihr aussah, was sie den ganzen Tag so machte und wie sie sich fühlte.
Sie hatten stundenlang geredet, über Nichtigkeiten und Tiefgehendes, und waren sich dabei langsam immer näher gekommen.
Was allerdings immer noch unausgesprochen im Raum stand war sein Job und somit auch ein Großteil seines Selbst. Sie hatte nie danach gefragt und er hatte sich aus Gründen, die ihm selbst nicht ganz klar waren, nicht getraut sie aufzuklären. Vielleicht hatte er Angst, dass es sie abschrecken könnte mit einem Mann zusammen zu sein, der in der ganzen Welt herumreiste, jeden Tag gnadenlos im Licht der Öffentlichkeit stand und zudem von tausenden von Frauen umschwärmt wurde. Vielleicht hatte er aber auch Angst davor, dass er sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr wirklich sicher sein konnte, ob sie wirklich ihn – Alex – wollte, oder sie nur wegen AJ dem Popstar bei ihm blieb.
Doch heute war der Tag der Wahrheit gekommen. Als er ihr seine Adresse nannte, hatte sie für einen Moment gestutzt und dann gesagt „das ist in den Hollywood Hills, oder?“
„Ganz genau,“ hatte er geantwortet und dabei sicherer geklungen, als er sich in Wirklichkeit fühlte.
Wieder war eine kurze Gesprächspause entstanden und dann hatte sie leise und mit hörbarer Unsicherheit in der Stimme gefragt „Wer bist du?“
„Das erkläre ich dir alles, wenn du hier bist, in Ordnung?“ hatte er geantwortet und sie hatte sich Gott sei Dank damit zufrieden gegeben.
Nun saß er auf den Stufen vor seinem Haus, rauchte nervös eine Zigarette und wartete auf das Geräusch ihres Wagens.
Würde sie ihn verstehen? Oder sich von ihm abwenden? Andererseits ... ihre Beziehung war so außergewöhnlich und wie ein Sturm über sie hereingebrochen, dass sie eigentlich der Umstand, dass er Mitglied in einer international erfolgreichen Band war, auch nicht mehr schocken sollte.
Er überlegte gerade, ob seine Lungen eine weitere Zigarette vertrugen, als Motorengeräusch die Stille durchbrach und gleich darauf ihr Wagen um die letzte Kurve der Auffahrt bog. Auf seinem Gesicht erstrahlte ein breites, glückliches Lächeln, sein Pulsschlag schoss in ungeahnte Höhen und mit leicht zitternden Knien und Schmetterlingen im Bauch erhob er sich von seinem Platz.
Ihr Wagen war kaum zum Stillstand gekommen, da sprang sie auch schon heraus, machte sich nicht die Mühe die Fahrertür wieder zu schließen, umrundete den Wagen im Eiltempo und warf sich gleich darauf in seine ausgebreiteten Arme.
Meine Güte. Noch nie, so kam es ihm zumindest vor, hatte sich ein schmaler Frauenkörper so gut und so perfekt in seinen Armen angefühlt. Er roch ihr Parfum, das für ihn mittlerweile schon genau so zu ihr gehörte wie ihr wunderschönes Lächeln und er spürte ihre Hände, die sanft seinen Nacken hinauf glitten und dann in seinem Haar verschwanden.
„Ich sag dir,“ murmelte sie an seinem Hals „seit diesem Wochenende, weiß ich, was das Wort „vermissen“ tatsächlich bedeutet. Ist das nicht unheimlich?“
„Ja, das ist es,“ schmunzelte er „und ich weiß ganz genau, was du meinst. Und jetzt küss mich endlich, bevor ich komplett durchdrehe.“
Mit einem breiten Lächeln kam sie seiner Aufforderung umgehend nach und wenn es ihm möglich gewesen wäre, wäre er in diesem Moment ganz tief in sie hinein gekrochen, um ihr noch näher sein zu können und sie noch intensiver zu spüren. Ihre Lippen waren so wunderbar weich und schienen perfekt auf seinen Mund zu passen. Sie berührte mit einem einzigen Kuß jeden Winkel seiner prickelnden Lippen, ließ die ihren sanft darüber streifen, bevor er sich nicht mehr beherrschen konnte und seine Zunge ungeduldig in ihren Mund stieß.
Ihr Körper drängte sich sofort noch enger an ihn, dabei stellte sie sich auf die Zehenspitzen, wodurch seine Hände auf ihrem Hinterteil zu liegen kamen.
„Oh Mann,“ murmelte er nahe an ihrem Mund. „Was machst du nur mit mir, hm?“
„Keine Ahnung,“ gab sie atemlos zurück. „Aber was auch immer es ist, es stellt unglaubliches mit uns beiden an.“
Er musste kichern, sie stimmte mit ein und trotzdem klammerten sie sich immer noch wie Ertrinkende aneinander und versuchten sich dabei zu küssen.
Schließlich löste sie sich sichtlich widerwillig ein Stück von ihm und schlang ihm nun etwas lockerer die Arme um den Nacken. Ihr Blick huschte über sein Gesicht und schien dabei jeden Quadratmillimeter genauestens in Augenschein zu nehmen.
„Wie kann ein einzelner Mensch nur so faszinierende Augen haben?“ fragte sie schließlich. „Das sollte verboten werden. Wirklich!“
„Wieso?“ fragte er schmunzelnd.
„Weil sie mich erstens total aus dem Konzept bringen und zweitens total wuschig machen,“ gestand sie grinsend.
„Hm ... lass uns darüber drinnen weiter diskutieren, ja?“ grinste er und küsste sie noch einmal kurz auf den Mund.
„Gute Idee. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob ich es in diesem Leben noch fertig bringe, dich loszulassen.“
„Das musst du gar nicht,“ lächelte er, dann gingen sie Arm in Arm hinüber zu ihrem Auto und während sich Alice in den Wagen hinein beugte um ihre Tasche vom Beifahrersitz zu holen, gingen Alex’ Hände bereits auf Wanderschaft und liebkosten ihren Rücken, während er seinen Unterleib an ihren wunderschönen Po presste.
„Meinst du, wir schaffen es so noch bis ins Haus?“ fragte Alice grinsend.
„Keine Ahnung. Wir müssen uns einfach beeilen,“ gestand Alex, der ganz kurz davor stand einfach hier und jetzt über sie herzufallen.
Sie schafften es tatsächlich gerade so ihr Gepäck im Flur abzustellen und die Haustür zu schließen, dann hob er sie bereits in die Höhe und genoss das Gefühl ihrer festen Schenkel, die sich augenblicklich um seine Hüften schlangen.
Küssend taumelten sie weiter durch den Flur hinein ins Wohnzimmer. Vorsichtig ließ Alex sie gleich darauf in die weichen Polster der Couch sinken, ab da entzog sich das weitere Geschehen komplett seiner Kontrolle.
Als sie eine ganze Weile später schwer atmend, verschwitzt und leise bebend nebeneinander lagen, fühlte er sich endlich wieder vollkommen komplett und an einem Stück. Zärtlich fuhr er ihr mit gespreizten Fingern durchs Haar und genoss dabei das Gefühl ihrer Wange auf seiner Brust und ihrer Hand, die auf seinem Bauch lag und dort träge kleine Kreise malte.
„Wow,“ hörte er sie schließlich flüstern.
„Dito,“ gab er zufrieden lächelnd zurück.
„Wir sollten die Zeit genau jetzt anhalten, findest du nicht?“ sprach sie weiter.
„Wieso? Vielleicht entgeht uns dann das Beste.“
„Glaubst du wirklich, es kann noch besser werden?“ fragte sie skeptisch.
„Na klar. Das hier ist schließlich erst der Anfang.“
„Hm ... ,“ meinte sie nur und schwieg.
„Was denkst du?“ fragte er leise und hatte gleichzeitig ein wenig Angst vor ihrer Antwort.
„Ich weiß nicht,“ sagte sie, richtete sich neben ihm auf und stützte sich auf ihren Ellenbogen, während sie auf ihn hinunter sah und sich ihr Haar lang und schwer über ihre Brüste ergoss. „Das mit dir kommt mir beinahe wie ein Märchen vor, aber Märchen gibt es im wahren Leben nicht. Da kommen irgendwann der Alltag, die ersten Schwierigkeiten, Diskussionen über ... alles mögliche, Kompromisse und am Ende die Tränen.“
Er seufzte mitfühlend, hob eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. „Ausnahmen bestätigen die Regel,“ sagte er mit rauer Stimme. „Eine Garantie kann dir niemand geben aber ... ich weiß nicht ... ich hab da eigentlich ein ganz gutes Gefühl.“
„So?“ fragte sie ihn neckend und zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Hm,“ nickte er lächelnd.
Sie schloss für einen Moment die Augen und lehnte ihre Wange in seine Handfläche. „Warum habe ich dann das Gefühl, dass du mir etwas wichtiges verschwiegst?“ fragte sie plötzlich und für ihn so unvermittelt, dass er schuldbewußt zusammen zuckte. „Oh, na das war wohl eindeutig,“ stellte sie sofort fest und richtete sich ein Stück weiter auf um seiner Hand zu entkommen.
Er nickte langsam. „Du hast ja recht. Ich muß dir noch etwas wichtiges sagen. Ich weiß nur nicht so genau wie.“
„Hast du eine Freundin? Frau? Kinder?“ fragte sie und er spürte die Angst und Unsicherheit, die dabei von ihr ausging.
„Nein,“ lächelte er kopfschüttelnd.
„Was ist es dann?“
„Komm mit, ich zeig’s dir,“ entgegnete er, richtete sich auf und rutschte umständlich von der Couch.
„Zeigen? Jetzt werde ich wirklich nervös,“ gestand sie, während sie nach seiner Hand fasste und sich vom Sofa ziehen ließ.
„Es ist eigentlich nichts schlimmes,“ versuchte er sie zu beruhigen, während sie beide nackt wie sie waren durch die Wohnung liefen und Alice’ Augen dabei immer größer wurden.
„Was ist das hier? Kommt mir so groß wie die Playboy-Mansion vor.“
„Glaub mir, die ist wesentlich größer,“ entgegnete er schmunzelnd.
„Warst du schon mal dort?“
„Ein Mal,“ gestand er.
„Und? Wie war’s?“ fragte sie neugierig.
„Atemberaubend und umwerfend, aber ich würde den Tag sofort gegen einen mit dir eintauschen,“ gestand er.
„Awww,“ machte sie, stoppte ihn mitten im Schritt und schmiegte sich an ihn. Das Gefühl ihrer nackten Haut überall an seiner eigenen unterwanderte schon wieder seinen Verstand und erst als er sie mit seiner breiten Brust gegen die Wand im Flur drückte und sie heiß und fordernd küsste, wurde ihm bewusst, dass der Plan eigentlich ein anderer gewesen war.
„Hey Casanova,“ stoppte sie ihn dann auch lachend. „Erstens platze ich gleich, wenn ich nicht bald zu sehen kriege, was du mir zeigen willst und zweitens ... ,“ sie verstummte, schluckte und lehnte dann den Kopf langsam gegen seine Brust, während seine Hände sanft über ihre Oberschenkel wanderten.
„Und zweitens?“ fragte er mit rauer Stimme.
„Zweitens weiß ich im Moment gar nicht, ob ich überhaupt in Stimmung sein sollte mit dir zu schlafen. Vielleicht ... werde ich ... keine Ahnung ... im nächsten Moment schreiend aus dem Haus stürmen und dir an den Kopf werfen, dass ich dich nie wieder sehen will.“
Er schluckte bei ihren Worten heftig und das Verlangen in ihm zog sich in den hintersten Winkel seiner Seele zurück.
„Genau davor habe ich Angst,“ gestand er leise.
„Wie reagieren denn deine Mitmenschen sonst so auf dein großes Geheimnis?“ fragte sie.
Gegen seinen Willen musste er leise lachen.
„Ich glaube, ich sage jetzt gar nichts mehr bevor du es nicht gesehen hast,“ sagte er.
„Wieso?“ nörgelte sie, während sie sich wieder anstandslos mit ihm in Bewegung setzte.
„Das wirst du gleich sehen,“ und damit stieß er die Tür zu seinem Proberaum auf.
Er zog sie an der Hand an sich vorbei, schob sie mitten in den Raum und zog sich dann in eine der hinteren Ecken zurück. Mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, die Arme auf seinen angewinkelten Knie verschränkt, ließ er sich auf dem Boden nieder und beobachtete sie stumm.
Für einen Moment blieb sie bewegungslos stehen. Ihre Silhouette hob sich schimmernd gegen das hereinfallende Licht der Fenster ab und kleine, goldene Lichter begannen in ihrem Haar zu tanzen. In diesem Moment tat es beinahe weh sie anzusehen und leise seufzend biss er sich auf die Unterlippe.
Langsam ging sie hinüber zu der Wand, an der seine Auszeichnungen hingen. Goldene Schallplatten reihten sich neben Awards und Geschenken seiner Fans aneinander, auf einem ausladenden Regal standen die Grammys und MTV Awards neben all den anderen Preisen und Auszeichnungen, die er im Laufe seiner Karriere gesammelt hatte und ihn immer wieder mit Stolz erfüllten, wenn er sie sich ansah.
Das Klavier und die Gitarren beachtete sie erst einmal genau so wenig wie die Einrichtung aus dunklem Holz, seinen abgewetzten Lieblingssessel oder das Mischpult mit dem nagelneuen Macintosh daneben. Wie festgewachsen stand sie einen Schritt von der Wand entfernt und starrte auf die Prägung der Platin Auszeichnung.
Dann setzte sie sich wieder in Bewegung, schritt vorsichtig und langsam die gesamte Länge der Wand ab und besah sich jeden Rahmen ganz genau. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, während sie immer wieder die Schriftzüge und Widmungen las, ihr Kopf verdrehte sich manchmal in die unmöglichsten Positionen, damit sie auch wirklich alles ganz genau erkennen konnte und hielt dann schließlich vor dem Regal mit der Trophäensammlung inne. Beinahe ehrfürchtig strich sie über das goldene Grammophon, beugte sich etwas vor, um auch hier das kleine, goldene Schild lesen zu können und ließ ihren Blick dann noch eine Weile über die vielen Pokale und Auszeichnungen schweifen.
Schließlich schien sie genug gesehen zu haben. Sie drehte sich herum und suchte einen Moment mit den Augen den Raum ab, bis sie ihn am Boden kauernd entdeckte.
„Und das sind alles deine? Ich meine ... ,“ sie wirkte leicht verlegen und ihre Wangen begannen zu brennen. „Du hast die nicht zufällig bei ebay ersteigert um damit vor kleinen, gutgläubigen Mädchen anzugeben?“
Er schüttelte den Kopf, brachte aber vor lauter Nervosität noch nicht einmal ein Lächeln zustande. Sein Herz hämmerte ängstlich in seiner Brust und er wartete angespannt auf das, was sie als nächstes sagen würde.
„Hm ...,“ machte sie unbestimmt, dann durchmaß sie den Raum mit kleinen Schritten und ließ sich gleich darauf vor ihm in die Hocke sinken. „Die Backstreet Boys?“ hakte sie noch einmal nach.
Wieder nickte er stumm.
„Und ich Doofi hab’s nicht gewusst. Es ... tut mir leid.“ Sie wirkte zerknirscht und er fragte sich leicht irritiert, wie sie das jetzt meinte.
„Wie ... ich meine ... ,“ er räusperte sich, weil seine Stimme ziemlich seltsam klang und setzte noch einmal neu an. „Ändert das irgendetwas?“
„Zwischen uns?“ fragte sie überrascht.
Er nickte.
„Nein,“ entgegnete sie und ihm entwich ein erleichterter Seufzer.
„Wieso sollte es?“
„Na ja ... du bist jetzt sozusagen hochoffiziell mit einer bekannten Persönlichkeit zusammen. Es wird vorkommen, dass du ... in Zeitungen stehst, dass sich irgendwelche Menschen über dich ein Urteil bilden, ohne dich zu kennen, ich bin wegen meines Jobs viel unterwegs und ... na ja ... es ist durchaus möglich, dass sich dein Leben komplett verändern wird.“
„Das hat es sich doch bereits,“ lächelte sie sanft, rutschte ein Stück an ihn heran und kuschelte sich gleich darauf zwischen seine angewinkelten Knie und in seine feste Umarmung.
„Macht es dir keine Angst?“ fragte er leise und küsste dann ihre Stirn.
„Ein bisschen vielleicht,“ gestand sie. „Aber im Grunde, ist es mir egal. Also ... nicht, dass mir dein Job egal wäre oder so ... ,“
„Ich versteh schon,“ beeilte er sich zu sagen.
„War es eigentlich arg schlimm, dass ich die ganze Zeit nicht wusste, wer du bist?“
„Wie meinst du das?“
„Na ja ... ich dachte ... vielleicht war es ein ganz schöner Schlag für dein Ego, dass ich nicht sofort auf dich zugestürzt bin und gerufen habe „oh mein Gott, du bist AJ McLean von den Backstreet Boys. Kann ich ein Autogramm haben?“.“
„Oh jaaaa,“ grinste er. „Das war wirklich ein absoluter Tiefschlag für mein Ego und du wirst ne Menge dafür tun müssen um das wieder aufzubauen.“
„Im Ernst,“ grinste sie und verpasste ihm einen kurzen Klaps auf die Schulter.
„Im Ernst? Ich fand es sehr angenehm, dass du mich als ganz normalen Menschen betrachtet hast und das jetzt immer noch tust. Ich hatte Angst, du würdest dich jetzt irgendwie ... verändern.“
„Verändern?“ fragte sie stirnrunzelnd nach, während sie ihren Kopf an seiner Schulter rieb und ihn ihre Haare dabei an der Schulter kitzelten.
„Na ja ... entweder passiert genau das, was du eben angesprochen hast, dass ich nämlich plötzlich nur noch AJ bin und pausenlos Fragen zu meinem Job und der Band beantworten muß oder es kommt ein „du, tut mir leid, aber wenn ich das gleich gewusst hätte, wäre es bestimmt nicht so weit gekommen“ und dann lassen sie mich meistens stehen und suchen sich jemanden, der weniger auffällig ist.“
„Ehrlich?“ fragte sie und richtete sich in seinen Armen auf um ihn mit missbilligend gerunzelter Stirn ansehen zu könne.
„Zumindest so ähnlich. Jedenfalls war mein Job mehr als einmal der Trennungsgrund. Und das ... nun ja ... tut ganz schön weh.“
„Kann ich verstehen,“ nickte sie mitfühlend.
Er zuckte mit den Schultern, weil er nicht mehr wusste, was er noch sagen sollte. Er saß hier nackt vor ihr und das im wortwörtlichen Sinne. Viel war da nicht mehr, das er freilegen konnte.
Auf ihrem Gesicht erschien ein sanftes Lächeln, dann drehte sich sich noch etwas weiter in seine Richtung, schob ihre langen Beine rechts und links an seinem Körper vorbei, verschränkte sie in seinem Rücken und rutschte dann noch ein Stückchen näher an ihn heran.
„Ich weiß, dass es hart wird, wenn du so lange weg bist. Ich meine ... Himmel, wir haben kaum die letzten zwei Tage überstanden. Aber ... das Gefühl mit dir zusammen sein zu können wiegt das alles tausend Mal auf. Und es ist mir egal, ob du nun Musiker oder Straßenkehrer bist, wenn ich auch zugeben muß, dass dieses Haus durchaus was hat,“ gestand sie grinsend, was ihn zum Schmunzeln brachte.
„Du bist toll, weißt du das?“
„Uhm ... ich glaube, du könntest es ruhig noch ein, zwei Mal erwähnen,“ grinste sie.
„Du bist toll,“ wiederholte er flüsternd und küsste sie zärtlich auf den Mund. „Toll,“ wiederholte er und biss sanft in die weiche Haut ihres Halses „einfach toll,“ sagte er noch einmal, bevor er sie diesmal tief und leidenschaftlich küsste.

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