Epilog
Hey Conner. Und? Schon aufgeregt? fragte ich lächelnd und sah zu ihm auf.
Ich sterbe gleich, entgegnete Conner, der sich zur Feier des Tages tatsächlich die Haare geschnitten hatte. Er sah verändert aus, beinahe erwachsen und im Moment ein wenig grün um die Nase.
Du schaffst das schon, versuchte ich ihn aufzumuntern und tätschelte ihm den Arm.
Hat er Angst? fragte plötzlich AJ hinter mir. Als ich mich herum drehte sah ich, wie er sich durch eine kleine Menschenmenge kämpfte, sich dann zu uns gesellte und besitzergreifend die Arme um mich schlang.
Panik würde es wohl eher treffen, schmunzelte ich.
Ihr zwei habt überhaupt keine Ahnung, schnaubte Conner und wirkte plötzlich sehr verloren zwischen den ganzen Menschen, die sich in dem riesigen Buchladen drängten um die ersten beiden Kapitel von Conners Buch Sternenreiter zu hören.
Mach Dir nichts draus Kumpel. Mir geht es vor jedem Auftritt ganz genau so. Aber glaub mir, Du hast die ersten Worte noch nicht zu Ende gelesen, dann wirst Du Dich pudelwohl fühlen.
Das glaube ich erst, wenn es soweit ist, gab Conner nicht sehr überzeugt zurück.
Conner? Conners Lektorin Viktoria Smith gesellte sich zu uns und warf ihm ein beruhigendes Lächeln zu. Es kann gleich los gehen. Kommst Du mit mir mit?
Ich ... ähm ... ja ... natürlich. Wenn das überhaupt noch möglich war, wurde er noch etwas blasser um die Nase.
Viel Glück, sagte ich lächelnd, wand mich aus AJs Umarmung, stellte mich auf die Zehenspitzen und umarmte Conner fest.
Danke, murmelte er, lies mich dann los und lies sich von AJ auf die Schulter klopfen.
Kopf hoch. Das wird schon.
Noch so ein blöder Spruch und ich verschwinde gleich, schnaubte Conner, drehte sich auf dem Absatz herum und folgte Viktoria durch die Menschenmenge.
Er ist irgendwie süß, sagte ich lächelnd, während ich ihm hinterblickte.
Genau wie Du, murmelte AJ, der mich schon wieder an sich drückte.
Ich bin nicht süß! entgegnete ich aufgebracht, was ihn allerdings nur zum Lachen brachte.
Oh doch mein Schatz, das bist Du. Das süßeste Wesen, dass ich jemals gesehen habe. Und hocherotisch noch dazu.
Ach Du, wehrte ich grinsend ab.
Benimmt er sich nicht? fragte eine Stimme hinter mir und ich mußte lachen.
Hast Du schon jemals erlebt, dass AJ sich benimmt?
Wenn er mit Dir zusammen ist? Nein eigentlich nicht, schmunzelte Will und legte einen Arm und AJs und meine Schulter.
Komm schon Herr Anwalt. Wenn Du glaubst, dass Euch keiner beobachtet, geht es bei Sarah und Dir auch ganz schön zur Sache.
Wills entsetzter Gesichtsausdruck war göttlich und ich brach in haltloses Gekicher aus.
Was soll das? Habt ihr jetzt etwa ne Kamera in meinem Büro installiert?
IN DEINEM BÜRO??? riefen AJ und ich gleichzeitig aus und Wills Wangen fingen vor Verlegenheit an zu brennen.
Ich ignoriere Euch jetzt einfach und reserviere mir und meiner Schönen schon einmal einen Platz in der ersten Reihe, entgegnete Will, schob sich an uns vorbei und verschwand gleich darauf in der Menge.
Sollen wir uns auch schon mal einen Platz suchen gehen? fragte AJ an mich gewandt.
Gleich. Vorher mußt Du mich küssen und zwar richtig. Dieses süß kann ich Dir schließlich nicht einfach so durchgehen lassen.
Wenn Du mich immer so bestrafst war ich ein ganz böser Junge, schmunzelte er.
Ich kicherte, während AJ sich zu mir hinunter beugte und mich zärtlich auf den Mund küsste.
So gut? fragte er dann.
Du warst schon mal besser, grinste ich.
Tatsächlich? fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen, senkte dann erneut den Kopf und küsste mich so leidenschaftlich, dass mir buchstäblich die Luft weg blieb und die Knie weich wurden.
Und jetzt? fragte er.
Hm, murmelte ich mit geschlossenen Augen.
Ich werte das als eindeutiges Ja, lachte er.
Ja, lächelte ich und öffnete die Augen. Weißt Du was morgen für ein Tag ist? fragte ich dann und augenblicklich wurde er wieder ernst.
Ja. Boomers Todestag.
Ich würde gerne ... eine Kerze anzünden.
Das machen wir, nickte er und streichelte meine Wange.
In dieser kleinen Kirche auf dem Weg zu dem Haus, Du erinnerst Dich?
Klar erinnere ich mich. Ich hoffe nur, dass mit der Finanzierung alles glatt läuft.
Das wird es schon. Wir haben Will darauf angesetzt, also mache ich mir keine Gedanken.
Ich kann immer noch nicht glauben, dass Du Deinen Job gekündigt hast und das wegen etwas so ... so ... unbeständigem wie einem Wohnheim. Da kann soviel passieren, die Spenden gehen Euch aus, die Jugendlichen lassen sich nicht bändigen, der ... ,
Hey, mal ganz langsam, unterbrach ich AJs Anflug von Panik Tersha und ich haben fünf Monate Planung in dieses Projekt gesteckt. Du glaubst doch wohl nicht, dass wir das alles über den Haufen werfen nur weil vielleicht irgendetwas schief gehen könnte?
Nein, aber ... ,
Wir schaffen das schon. Vertrau mir. Die letzten Worte hatte ich mit Nachdruck gesprochen und wie immer, wenn ich seine Unterstützung und seinen Glauben an mich und in mein Handeln einforderte, wurde mir etwas mulmig.
Es hatte sehr lange gedauert bis AJ soweit war und nicht hinter jeder meiner Handlung einen Angriff auf sich vermutete. Wir hatten uns oft gestritten, endlose Diskussionen geführt und uns hinterher leidenschaftlich versöhnt.
Jetzt, nach einem Jahr, waren wir an einem Punkt angekommen, an dem die Diskussionen weniger wurden, er meine Entscheidungen zum großen Teil blind akzeptierte und mir das Gefühl gab, sein Vertrauen wert zu sein.
Trotzdem blieb ein Rest Unsicherheit und so wartete ich nun gespannt auf seine Antwort.
Du hast recht. Ich mache mir sicherlich zu viel Gedanken. Ich ... ich vertraue Dir.
Tust Du das wirklich? fragte ich leise.
Er sah mir einen Moment fest in die Augen, so als suche er nach einer letzten Bestätigung. Ja, das tue ich, antwortete er schließlich und mir fiel ein Stein vom Herzen.
Ich liebe Dich, flüsterte ich.
Ich liebe Dich auch, entgegnete er ebenso leise.
AJ? Sky? Kommt ihr? Es geht gleich los, rief uns Will vom anderen Ende des Raums zu.
Na dann mal los, meinte AJ lächelnd, fasste nach meiner Hand und gemeinsam bahnten wir uns einen Weg zu Will, der uns zwei Plätze in der ersten Reihe reserviert hatte.
Ein Satz, den er einmal gesagt hatte, fiel mir ein.
Wenn Du in ein paar Wochen auf unser Gespräch blickst, wird es Dir bestimmt ziemlich lächerlich vorkommen.
Es war über ein Jahr her, dass wir gemeinsam von der kleinen Bar, in der wir uns immer noch regelmäßig trafen, nach Hause gelaufen waren, doch ich erinnerte mich noch ziemlich genau an seine Worte und das Gefühl von Geborgenheit, das er mir vermittelt hatte.
Ich fand unser Gespräch inzwischen vielleicht nicht gerade lächerlich, aber ich konnte mittlerweile mit allem, was mich damals belastet hatte gut umgehen. Ich hatte weder Luke noch Hannah wieder gesehen, auch wenn ich des öfteren daran gedacht hatte sie zu besuchen. Ich versuchte daran zu denken, dass auch ich eine zweite Chance bekommen hatte und sie diese vielleicht auch verdient hatten. Doch im Endeffekt mußte ich mir eingestehen, dass ich nicht AJs Größe besaß, wobei er behauptete, dass mir die beiden einfach nicht so wichtig wären, wie ich ihm.
Manchmal war es wohl durchaus nötig einen gewissen Abstand zwischen sich und seine Probleme zu bringen. Meine Auszeit hatte mich einiges gelehrt und mein Leben auf so vielfältige Weise bereichert, dass ich sie nicht mehr missen wollte.
Das ganze Leben besteht aus Glück und Leid und höchstwahrscheinlich könnten wir das eine ohne das andere überhaupt nicht würdigen. Mein Glück nahm gerade neben mir Platz und lächelte mich an.
Eine zweite Chance vielleicht würde ich tatsächlich irgendwann davon überzeugt sein, dass ich sie tatsächlich verdient hatte.