Kapitel 34

Das schmutzige Licht der Morgendämmerung weckte mich. Verstört sah ich mich einen Moment um. Ich lag in einem Kingsize Bett, bis zum Kinn zugedeckt, hellgelbe Wände umgaben mich und von den vier Bettpfosten hingen weiße, durchscheinende Vorhänge. Die unheimliche Stille schien mich zu erdrücken und bevor ich irgendetwas dagegen tun konnte stürzten die gestrigen Ereignisse auf mich ein.
Boomer war tot. Sofort verkrampfte sich alles in mir und ich krümmte mich wie unter körperlichen Schmerzen zusammen.
AJ, unser Kuß, seine starken Arme die mich irgendwie aufgefangen hatten. Er hatte mich hier her in sein Haus gebracht, mich mit sanfter Gewalt dazu überredet zu duschen und hatte mir einen Pullover und eine Jogginghose geliehen, die mir viel zu groß waren.
Danach hatten wir uns zusammen in sein Bett gekuschelt. Ich lag in seinen Armen, weinte leise und lies mich von ihm trösten. Wir hatten für eine Nacht Raum und Zeit verlassen und uns in unser eigenes Universum geflüchtet, sämtliche Zweifel und Hindernisse einfach beiseite gewischt und uns in unser Schicksal ergeben.
Doch jetzt war er nicht hier. Das Bett war leer, der Raum wirkte ebenfalls verlassen und vorsichtig schlug ich die Bettdecke zurück.
Es war wohl Zeit diesen Albtraum zu Ende zu bringen. Nichts dauerte ewig.
Nachdem ich mich im Bad flüchtig gewaschen, die Zähne geputzt und mein Haar gekämmt hatte, stieg ich die Stufen ins Wohnzimmer hinunter.
Leise streifte ich durchs Haus, doch nirgends war eine Spur von ihm zu sehen. Schließlich trat ich durch die Terrassentür in einen kühlen Morgen hinaus. AJ saß auf den Stufen, die hinunter in den Garten führten. Er rauchte eine Zigarette, eine Tasse Kaffe stand dampfend neben ihm auf dem Boden und sein Blick war starr in die Ferne gerichtet.
Vorsichtig näherte ich mich und lies mich neben ihm auf den Stufen nieder.
„Guten Morgen,“ sagte ich leise.
„Guten Morgen. Wie fühlst Du Dich?“ fragte er, vermied es dabei aber, mir in die Augen zu sehen.
„Geht so,“ antwortete ich schulterzuckend und schlang meine Arme um die angezogenen Knie.
Eine ganze Weile schwiegen wir, lauschten auf das weit entfernte Rauschen der Wellen und den Gesang der Vögel, die langsam erwachten.
„Wie soll das jetzt weiter gehen?“ brach ich schließlich das Schweigen.
„Ich weiß es nicht,“ gab AJ zu und schnippte seine Zigarette in hohem Bogen in den Garten hinunter. „Das gestern war ... also ... der Kuß und das alles ... das ...“
„ ... war nur eine Geste des Mitleids,“ vollendete ich seinen Satz.
„Nein,“ das erste Mal sah er mich direkt an. „Mir ist klar geworden, wie viel Du mir bedeutest und wie wenig es mir genützt hat auf Dich wütend zu sein und mir einzureden, dass ich Dich nicht brauche.“
„Aber?“
„Aber ich weiß nicht, wie ich Dir vertrauen soll. Ich liebe Dich, aber ich kann mir nicht vorstellen ... mit Dir zusammen zu sein.“
„Ja,“ sagte ich leise und wandte den Blick ab.
„Ich verstehe es einfach nicht Sky. Warum hast Du das getan?“
„Willst Du wirklich eine Antwort darauf?“
„Ja! Es macht mich seit drei Tagen wahnsinnig, dass ich darauf keine Antwort finde.“
Ich seufzte. Im Nachhinein konnte ich selbst nicht verstehen, wie es so weit gekommen war.
„Ich habe damals nach etwas gesucht, dass mich darin bestätigt, dass ich nicht ein vollkommener Verlierer bin. Ich ... ich dachte, ich bin ... nichts wert. Niemand mit dem man ... gerne zusammen ist, niemand, der irgendetwas gut kann ... ein Niemand eben.
Dann bist Du plötzlich aufgetaucht und ich habe nicht Dich gesehen sondern eine Chance mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und das schlimmste daran ist, dass ich schon gewußt habe, dass ich etwas unverzeihliches tue, als ich den Artikel geschrieben habe. Ich wußte, dass es unrecht war, dass ich Dich damit verrate und trotzdem ... ich weiß nicht. Es schien mir die einzige Rettung zu sein.“
Ängstlich blickte ich zu ihm hinüber. Er starrte auf irgendeinen Punkt im Garten und seine Kaumuskeln waren zum Zerreißen angespannt.
„Es tut mir leid,“ sagte ich leise. „Es tut mir wirklich leid.“
Er schüttelte den Kopf „das hilft mir auch nicht weiter.“
„Ich weiß.“
Für eine Weile sah ich ihn an, versuchte mir jedes Detail an ihm einzuprägen, dann stand ich langsam auf.
„Wo willst Du hin?“ fragte er und blickte irritiert zu mir auf.
„Nach Hause. Ich ... habe hier nichts mehr verloren,“ gab ich zurück.
„Setz Dich,“ entgegnete er, fasste nach meiner Hand und zog mich wieder neben sich auf die Stufen. „Als erstes solltest Du aufhören immer davon zu laufen.“
„Ich laufe doch gar nicht ... ,“ setzte ich an, verstummte dann allerdings. Er hatte ja recht.
„Das wichtigste in einer Beziehung ist Vertrauen.“
„Ich weiß.“
„Und Du hast das zerstört, noch bevor das mit uns richtig angefangen hat.“
„Ich weiß. Macht es Dir eigentlich Spaß mich zu quälen?“
„Nein,“ er schüttelte den Kopf.
„Was soll das also?“
„Ich versuche Dir, auf eine ziemlich seltsame Art wie ich zugeben muß, zu sagen, dass ich nicht möchte, dass Du gehst. Ich ... weißt Du wie oft ich mir im Leben gewünscht habe, eine zweite Chance zu bekommen?“
„Schätze ziemlich oft,“ murmelte ich.
„Eben. Ich versuche ... aus meinen Fehlern zu lernen und ... das gleiche verlange ich von Dir. Nichts anderes. Tu das nie wieder.“
Überrascht sah ich zu ihm auf und blickte direkt in sein ernstes Gesicht.
„Ich ... ,“
„Nein,“ er schüttelte den Kopf „lass mich ausreden. Ich weiß nicht, ob das mit uns gut gehen wird. Ich weiß nicht, ob ich vergessen kann, was Du getan hast. Wenn Du gestern nicht aufgetaucht wärst weiß ich nicht, ob wir uns jemals wieder gesehen hätten. Ich war so ... wütend und ... verletzt. Scheiße Sky, von Dir hatte ich das am aller wenigsten erwartet. Wir sind doch ... Freunde.“
„Ja, das sind wir,“ hauchte ich, den Blick angestrengt auf meine Schuhspitzen gerichtet. Mein rasendes Herz schlug so laut, dass ich meinte, er müsse es hören und mein Mund war knochentrocken. Was wollte er von mir?
„Eben. Wir sind Freunde und ... jeder hat eine zweite Chance verdient. Ich kann nichts dagegen tun, dass sich jede Faser meines Körpers nach Dir sehnt, wenn Du nicht bei mir bist und als ich Dich mit Will auf dieser Party gesehen habe, hätte ich ihm am liebsten den Hals herum gedreht. Aber ... was soll ich sagen ... ich liebe Dich. Und ich will Dich nicht noch einmal verlieren.“
Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Sicherlich würde er mir jetzt gleich sagen, dass das trotz allem nicht ausreichte, oder, noch schlimmer, dass das alles nur ein Scherz von ihm gewesen war um sich an mir zu rächen. Eine zweite Chance. Wer war schon so blöd und lies sich darauf ein?
„Sieh mich an,“ forderte er leise.
In Zeitlupentempo hob ich den Blick und sah zu ihm hinüber.
„Versprich mir, dass Du das nie wieder tust.“
„Ich schwöre es,“ flüsterte ich.
„Gut,“ nickte er.
„Gut? Und jetzt?“
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, er stand auf, trat hinter mich und setzte sich wieder. Gleich darauf umschlangen mich seine Arme und Beine und er zog mich fest an sich.
„Jetzt werden wir hier noch eine Weile sitzen, uns im Arm halten, dabei küssen und unser neues Leben beginnen.“
„Es klingt so einfach, wenn Du das sagst,“ entgegnete ich, immer noch ungläubig.
„Das ist es aber nicht. Lass es uns einfach ... langsam angehen, o.k.?“
„Alles was Du willst,“ sagte ich leise und gestattete mir ein kleines Lächeln.
Ich spürte seine Lippen, die sanft meinen Hals küssten, seine Arme zogen mich noch etwas fester an sich und er murmelte leise in mein Haar „ich dachte, ich hätte Dich verloren.“
„Du hast immer noch die Möglichkeit mich einfach hinaus zu werfen.“
„Du aber auch.“
„Ich denke nicht, dass das jemals passieren wird.“
„Bist Du Dir da so sicher?“
„Ganz sicher. Ich ... ich liebe Dich.“
„Das trifft sich gut, ich Dich nämlich auch,“ entgegnete er und das leise, raue Lachen das seine Worte begleitete, jagte mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Hatte ich vielleicht doch endlich ein zu Hause gefunden? Ich wagte es jedenfalls noch lange nicht tatsächlich daran zu glauben.

Epilog