Kapitel 33

„Es tut mir leid, aber selbst wenn ich am Unfallort gewesen wäre, hätte ich Boomer nicht helfen können. Er hatte sehr starke, innere Blutungen davon getragen. Glauben Sie mir, es ist das Beste so.“
Das Beste so ... was wußte dieser Arzt schon? War es das Beste, dass ich meinen besten Freund verloren hatte? War es das Beste so, dass ich meinte, auf der Stelle sterben zu müssen, weil dieser Schmerz in meinem Herzen wütete? War es das Beste so, dass mich die Sehnsucht nach seiner feuchten Schnauze, seinem weichen Fell und seinen warmen, braunen Augen beinahe um den Verstand brachte? War es da Beste so, dass ich nun endgültig alleine war?
Einsam.
Verloren.
So gut wie tot.
Das Schlimmste war die Gewissheit, dass es meine Schuld gewesen war.
Wenn ich nicht noch unbedingt etwas hätte essen müssen ...
Wenn ich ihn im Auto gelassen hätte ...
Wenn ich besser aufgepasst hätte, als ich die Leine losband ...
Ich hätte es verhindern können, wenn ich einfach einmal nachgedacht hätte, wenn ich mir bewußt gemacht hätte, dass er eben nur meistens auf mich hörte, mich aber komplett vergas, wenn sein Jagdinstinkt geweckt wurde. Wenn ...
Ich konnte es einfach nicht glauben. Boomer war tot, er war nicht mehr bei mir. Ich würde nie wieder sein weiches Fell streicheln können, ich würde nie wieder mit ihm im Meer baden, würde nie wieder zusehen können, wie er mit anderen Hunden spielte, würde nie wieder die Wärme seines Körpers spüren, wenn er sich unerlaubter Weise zu mir ins Bett kuschelte.
Die Realität schlich sich für einen Moment ungebeten in meinen Kopf.
Es war dunkel, ein kalter Wind fegte über den Strand und blies Millionen von Sandkörner über meine Haut, die sich wie winzige Nadelstiche anfühlten, riss an meinem dünnen T-Shirt und an meinen Haaren, das Meer grollte aufgepeitscht gegen den Strand und irgendwo hinter mir lag das verlassene und dunkle Haus, zu dem ich zurück gekehrt war, als mir der Tierarzt klar machte, dass ich nicht länger bleiben konnte.
Ich hatte Boomer dort zurück lassen müssen. In dieser kalten, sterilen Praxis. Ob er sich fürchtete? Was dachte ich da eigentlich? Er war tot. Tot. Tot. Tot.
Er hatte so friedlich ausgesehen, wie er auf dem Behandlungstisch lag. Wenn ich seinen Körper berührte, fühlte er sich warm unter meinen Händen an, gerade so, als würde er im nächsten Moment den Kopf heben und mich ansehen, mir mit seiner feuchten Zunge über die Wange lecken und dann auf den Boden hinunter springen um mir deutlich zu machen, dass er endlich nach Hause wollte.
Doch wenn ich meinen Blick weiter über seinen Körper wandern lies, war klar, dass das nicht passieren würde. Er hatte aufgehört zu bluten, doch seinem Körper waren die zerschmetternden Knochen an zu sehen und an manchen Stellen war sein ansonsten hellgraues Fell fast schwarz von verkrustetem Blut.
Ich schloss unter leisem Stöhnen die Augen, so als hätte das irgendeinen Sinn. Vielleicht, wenn ich nur ganz fest daran glaubte, wenn ich es mir nur sehnlich genug wünschte, würde er wieder zu mir kommen, würde er seinen Kopf auf meine Schulter legen und ...
Eine feuchte Schnauze traf auf meine Wange und erschrocken riss ich die Augen auf.
„Boom?“ entfuhr es mir und für den Bruchteil einer Sekunde war ich mir sicher. Ich war sicher, dass Bommer zurück gekehrt war, dass es irgendwo da oben einen Gott gab, der mich nicht länger leiden sehen konnte, der beschlossen hatte, Boomer wieder aufzuwecken und der dem freundlichen Tierarzt gesagt hatte, er solle Boomer zu mir zurück bringen.
Gleich darauf schalt ich mich einen Idioten. Es gab keinen Gott und wenn, dann hatte er mich die letzten Monate meines Leben komplett übersehen oder schlicht und einfach vergessen. Als ich schließlich den Blick hob, sah ich das helle, kurze Fell von Daisy vor mir. Niemand stand von den Toten auf, auch nicht ein über alles geliebter Vierbeiner.
Daisy schnupperte interessiert an meinem T-Shirt, gab dann ein leises Wuff von sich und lies sich vor meinen angewinkelten Knien im Sand nieder.
„Daisy?“ hörte ich gleich darauf eine vertraute Stimme und wenn es mir irgendwie möglich gewesen wäre, wäre ich aufgesprungen und davon gerannt. Doch ich konnte mich einfach nicht aus meiner Erstarrung, aus meiner kleinen, tiefschwarzen Blase lösen.
„Daisy, komm’ gefälligst her!“ AJ klang eindeutig wütend. Höchstwahrscheinlich gefiel es ihm nicht besonders, dass sein Hund mit dem Feind kooperierte.
Ich schloss erneut die Augen und versuchte mich von diesem Ort weg zu denken. Ich wollte ihn nicht sehen, ich wollte nicht mit ihm reden, ich wollte nicht einmal in seiner Nähe sein. Ich wollte einfach hier sitzen, bis die Sonne aufging und ich hielt es durchaus für möglich, das noch länger durch zu halten. Im günstigsten Fall so lange, bis ich tot umfiel. Alles was ich jemals getan hatte, war zu einer Unwichtigkeit verblasst. Es gab nichts mehr, für das es sich zu kämpfen gelohnt hätte.
„Nun komm’ schon Daisy. Solche Leute sind ein schlechter Umgang für Dich,“ hörte ich erneut seine Stimme, die vor Sarkasmus nur so troff und inzwischen wesentlich näher klang.
Ich spürte, wie Daisy den Kopf hob und ihn gleich darauf wieder sinken lies. Warum lief sie nicht einfach zu ihm? Dann hätten wir alle unsere Ruhe.
„Tja Ausreißer, das bedeutet wohl Leine für den Rest unseres Spaziergangs,“ sagte AJ und ich spürte einen Luftzug, während er sich ganz in meiner Nähe zu Daisy hinunter beugte und hörte gleich darauf das vertraute Klicken des Karabinerhakens, während er sich um den kleinen Ring an Daisys Halsband schloss.
„Wir sind schon weg,“ sagte AJ dann grimmig, scheinbar an mich gewandt „nicht dass Du meinst, Du müßtet darüber auch irgendeinen dämlichen Artikel schreiben.“
Ich schwieg. Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre mir darauf keine passende Erwiderung eingefallen.
„Sky?“ in seiner Stimme war plötzlich ein alarmierter Unterton aufgetaucht.
„Geh weg,“ flüsterte ich, immer noch mit geschlossenen Augen.
„Ist ... ist alles ... oh mein Gott, Sky! Bist Du verletzt?“ Ich spürte, wie er sich neben mich in den Sand fallen lies und gleich darauf seine warme Hand, die nach meinem Arm griff.
„Geh weg,“ sagte ich jetzt etwas lauter, entriss ihm meine Arm und öffnete unter Aufbietung aller meiner Kräfte die Augen. „Geh einfach weg und lass mich in Ruhe.“
Ich konnte sein Gesicht nur als Schemen vor dem dunklen Hintergrund des Wasser wahrnehmen. Er schien besorgt zu sein, ich verstand nur nicht ganz warum. Ich saß hier einfach im Sand, tat nichts, sagte nichts, weinte noch nicht einmal, da mir wohl die Tränen vor einigen Stunden ausgegangen waren. Was wollte er also von mir?
„Aber Sky ... ich meine ... ,“ er deutete entgeistert und wohl auch etwas hilflos auf mein T-Shirt. Ich folgte seinem Blick und nun verstand ich, was ihn so erschreckt hatte. Mein ehemals weißes T-Shirt und auch die Jeans waren mit dunklen Flecken von getrocknetem Blut überzogen. Boomers Blut, wie mir unvorstellbar schmerzhaft bewußt wurde. Selbst meine Hände waren blutverschmiert
„Das ist nicht mein Blut,“ sagte ich leise „Du kannst gehen. Mir ... fehlt ... nichts.“
„Red’ keinen Blödsinn Sky. Was ist in Gottes Namen ist passiert?“
Ich schüttelte lediglich den Kopf und kauerte mich noch ein Stückchen weiter zusammen.
„Bitte geh jetzt,“ flehte ich ihn an. „Ich möchte alleine sein.“
„Nein. Ich gehe nicht, bevor Du mir gesagt hast woher das ganze Blut kommt. Hast Du jemanden umgebracht?“ Es sollte wohl ein Scherz sein, der allerdings gründlich misslang.
Meine Augen brannten, scheinbar hatten nun auch die letzten Tränen ihren Weg dorthin gefunden und um nichts auf der Welt wollte ich, dass AJ mich weinen sah. Er sollte verschwinden verflucht noch mal!
„Kannst Du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ schrie ich ihn an. „Geh weg, dreh Dich nicht um und vergiss mich einfach, o.k.? Ich bin weder gut für Dich, noch für Luke, Hannah, Boomer oder sonst irgendein Lebewesen auf diesem beschissenen Planeten. ALSO VERPISS DICH ENDLICH!!“
„Nein,“ sagte er ganz ruhig. „Du wirst jetzt aufstehen und mitkommen. Ich lasse Dich in diesem Zustand auf keinen Fall hier.“
„Hast Du schon vergessen, was ich getan habe? Erinnerst Du Dich nicht mehr? Soll ich Dir helfen?“ gab ich beißend zurück. „Ich habe Dein Leben ruiniert, Dich hintergangen, Dich belogen und betrogen, einen Artikel geschrieben, über den sich die ganze Welt amüsiert hat, ich habe Dein Vertrauen missbraucht, Dich sogar geküsst, obwohl ich wußte, dass das nicht richtig ist. Was, verdammt noch mal, soll ich noch tun, damit Du mich endlich in Ruhe lässt?“
„Sag mir einfach was passiert ist.“ Seine Ruhe klang mittlerweile sehr angestrengt, so, als müsse er sich beherrschen um mich nicht ebenfalls an zu schreien. Verflucht seien seine Mutter und ihre gute Erziehung.
Ich funkelte ihn für eine Weile böse an und überlegte dabei fieberhaft, wie ich aus dieser Nummer wieder heraus kam. Nun gut, wenn er nicht verschwinden wollte ...
Langsam stand ich auf und versuchte so etwas wie Leben in meine tauben Glieder zurück zu bringen. AJ erhob sich ebenfalls. Eine Armeslänge trennte uns und ich hoffte, dass das reichen würde.
Ohne Vorwarnung wirbelte ich herum und rannte los. Die Stufen, die hinauf zu meinem Haus führten, waren erschreckend weit weg und meine Beine wollten nicht wirklich so, wie ich und so kam ich auch nicht sehr weit.
Eine Hand griff nach meinem Arm und hielt mich mit aller Macht fest.
„Hör endlich auf mit dem Theater Sky und sag mir was los ist,“ sagte er aufgebracht, fasste nach meiner Taille und drehte mich zu sich herum.
Statt einer Antwort begann ich nach ihm zu treten und mit meiner freie Hand gegen seine Brust zu hämmern und einmal damit angefangen, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Es schien mir, als kämpfe ich um mein Leben. Ich wollte nicht hier bleiben, ich wollte zurück. Zurück an einen Punkt, an dem alles in Ordnung gewesen war, als ich glücklich verliebt war, als ich Hannah noch vertraute, als Boomer noch lebte und als ich noch kein einziges Wort über diesen wundervollen Menschen geschrieben hatte, der nun mit aller Macht versuchte mich an sich zu ziehen um damit meine Bewegungsfreiheit ein zu schränken.
Irgendwann hatte er seine Arme plötzlich um mich geschlungen und zog mich so nahe an sich heran, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte.
„Bitte ... ,“ flehte ich unter Tränen „bitte lass mich gehen. Ich will nicht ... ich kann nicht ... ich ... ,“
Seine Lippen trafen auf meine und erstickten meine nächsten Worte. Schluchzend klammerte ich mich an ihn, erwiderte seinen leidenschaftlichen Kuß, der uns beide den Boden unten den Füßen verlieren lies. Ineinander verschlungen stürzten wir in den Sand. Immer noch fühlte ich seine starken Arme um mich und seine Zunge, die fordernd meine Lippen teilten.
Hektisch und grob stieß er sie in meinen Mund und ich stöhnte auf, als er mich noch enger an sich zog.
Schließlich wurden seine Küsse zärtlicher, seine Hände wanderten sanft über meine Körper und seine Umarmung fühlte sich nicht mehr besitzergreifend und fest an, sondern warm und liebevoll.
Schließlich hob er den Kopf und sah mir fest in die Augen.
„Sag mir was passiert ist,“ forderte er mit leiser, rauer Stimme.
Ich versuchte meine Tränenflut etwas einzudämmen und schluckte hart.
„Boomer ist tot,“ flüsterte ich schließlich. „Er wurde überfahren, weil ich nicht ... weil ... weil ich ... nicht richtig ... aufgepasst habe.“
Sein Gesicht wurde zu einer Maske aus Entsetzen und Schmerz. Tränen schossen ihm in die Augen und er presste die Lippen fest aufeinander.
„Halt mich fest,“ bettelte ich. „Halt mich einfach nur fest.“
Sofort drückte er mich zärtlich an sich und ich schloss die Augen. Es würde nie wieder so sein wie früher, aber im Moment war ich an einen Ort geflüchtet, der mir Schutz bot, wenn wohl auch nur für kurze Zeit.

Kapitel 34