Kapitel 32
Bevor meine strahlende Zukunft allerdings beginnen konnte, meldete sich mein Magen laut und vernehmlich. Vor lauter Aufregung und dem hektischen Packen meiner Koffer hatte ich an so etwas profanes wie Essen gar nicht gedacht.
Ich fuhr noch zwei Blocks weiter und entdeckte schließlich einen Laden, der Kaffee und Bagels zum Mitnehmen anbot. Ich fand sogar in der Nähe einen Parkplatz und stellte gleich darauf den Motor ab.
O.k. Boom, ich gehe nur schnell etwas zu Essen holen und dann kann es weiter gehen, erklärte ich meinem Hund, der unruhig auf dem Rücksitz hin und her rutschte.
Stirnrunzelnd beobachtete ich ihn und beschloss dann, ihn mitzunehmen. Er konnte genau so gut vor dem Cafe auf mich warten und falls er sich noch einmal dringend erleichtern mußte, tat er dies wenigstens nicht in meinem Wagen.
Also kramte ich seine Leine unter dem Beifahrersitz hervor und stieg aus. Als ich die hintere Tür öffnete sprang er von der Rückbank und lies sich anstandslos anleinen. Wir hatten noch keine zwei Schritte getan, da schnüffelte er schon an einem dünnen Baumstamm, der von einem niedrigen Metallgitter umgeben war und hob gleich darauf sein Bein.
Na, da haben wir aber beide noch mal Glück gehabt, was? grinste ich und zog ihn gleich darauf weiter zu dem Laden, aus dem es verführerisch nach frisch geröstetem Kaffee duftete.
Neben der Eingangstür war ein kleiner Eisenring in die Mauer eingelassen. Ich schlang Boomers Leine zwei Mal darum, tätschelte ihm dann aufmunternd den Kopf und sagte ich bin gleich wieder da. Wenn möglich bitte keine fremden Menschen anspringen oder verführerische Hundedamen anbellen, in Ordnung?
Er sah treuherzig zu mir auf und wirkte, als hätte er jedes Wort verstanden.
So ist es brav, lächelte ich, küsste ihn sanft auf den Kopf und betrat dann das Cafe.
Es herrschte viel Betrieb, was kein Wunder war, da sämtliche Angestellten der Umgebung sich hier sicherlich ihr Lunch besorgten. Ich stellte mich also an der langen Schlange an und während ich darauf wartete, an die Reihe zu kommen, warf ich immer wieder einen kurzen Blick zurück. Durch das große Fenster konnte ich gerade noch Boomers pelzige Ohren sehen, die sich im schnellen Rhythmus aufstellten und wieder an seinen Kopf legten, dabei ruckte sein Kopf aufgeregt von einer Seite auf die andere und ich mußte bei dem Gedanken lächeln, welch einer Reizüberflutung er wohl gerade ausgesetzt war. So viele neue Gerüche, so viele Dinge, die es zu sehen gab. Mit mir musste es ihm ab und zu ganz schön langweilig gewesen sein.
Schließlich hatte ich dann doch den Verkaufstresen erreicht. Wenigstens war die Bedienung fix und freundlich. Innerhalb von zwei Minuten stand mein Kaffe mit Vanille Aroma in einem Styroporbecher vor mir und daneben lag die Papiertüte, die einen Bagel mit Frischkäse enthielt.
Glücklich strahlend und mit einem riesigen Loch in meinem Magen der laut und deutlich füttere mich schrie, trat ich schließlich wieder hinaus in den warmen Sonnenschein. Boomer sprang sofort auf und reckte die Nase nach dem Bagel in meiner Hand.
Hey Boom, langsam. Wenn Du ganz brav bist, bekommst Du auch ein Stück davon ab, versprochen. Aber jetzt müssen wir erst einmal sehen, dass wir Dich von dieser Mauer befreien und zurück in unseren Wagen kommen.
Ich balancierte den Kaffe und die Bageltüte in einer Hand und löste umständlich Boomers Leine von dem Eisenring.
Jetzt keine unbedachte Bewegung Boom, warnte ich ihn sonst liegen wir beide auf der Nase.
Im selben Moment schoss etwas schwarzes, pelziges in rasender Geschwindigkeit an mir vorbei und ehe ich richtig reagieren konnte wirbelte Boomer herum und rannte los. Es gab einen kurzen Ruck an der Leine, doch da ich sie noch nicht richtig in der Hand gehalten hatte glitt sei mir durch die Finger und schleifte wie eine Schlange auf Speed hinter Boomer her.
BOOMER!! brüllte ich ihm aus Leibeskräften hinterher und rannte ebenfalls los. Sowohl der Kaffe, als auch die verdammte Tüte behinderten mich und nachdem der Kaffe schließlich heiß über meine Finger schwappte und ich mich ordentlich daran verbrannte stellte ich alles kurzerhand auf einem Wagendach ab.
Der kurze Moment hatte allerdings ausgereicht um Boomer und dieses schwarze Etwas, das ganz sicher eine Katze gewesen war, aus den Augen zu verlieren. Panik stieg in mir auf.
BOOMER? rief ich erneut und rannte den Gehweg hinunter, zwängte mich zwischen Menschen hindurch, die mich verwirrt und teilweise wütend musterten, doch weit und breit war nichts von meinem Hund zu sehen.
BOOOOOOOM. Versuchte ich es erneut und blieb an der nächsten Hausecke nach Atem ringend stehen. Geradeaus nichts. Rechts nichts. Links die Straße, doch auch da nichts.
Falls Sie Ihren Hund suchen, der ist gerade hier entlang gerast, sagte ein älterer Herr mit einem Spazierstock und einem schwarzen Hut auf dem Kopf und deutet nach rechts die Straße hinunter.
Tausend Dank! stieß ich hervor und hastete in die angegebene Richtung weiter. Leider kam ich nicht so schnell voran, wie ich mir das gewünscht hätte. Immer wieder standen mir irgendwelche Leute im Weg oder war ich eingezwängt zwischen Gemüse- und Blumenständen. Also wich ich kurzerhand auf die Straße aus, was mir zwar einen besseren Überblick verschaffte, mir aber auch ein paar wüste Beschimpfungen und wütende Hupkonzerte der Autofahrer einbrachte.
Weit vor mir sah ich hektische Bewegung in die Menschenmenge auf dem Bürgersteig kommen und gleich darauf beobachtete ich mit schreckgeweiteten Augen, wie die Katze auf die Straße rannte.
BOOMER NEIN! schrie ich noch, dann kreischten plötzlich die Bremsen eines Wagens auf und ich sah die folgenden Ereignisse wie in Zeitlupe vor mir ablaufen.
Die Katze schlug einen gewagten Haken und tauchte gerade noch unter dem Reifen des Autos durch. Boomer hatte nicht so viel Glück. Kleine Rauchwölkchen stiegen bereits von den Vorderrädern des Jeep auf, doch auch das rettete ihn nicht. Mit einem lauten Knall traf der Kuhfänger des Wagens auf Boomer. Er wurde in die Luft geschleudert und gab dabei ein ängstliches und schmerzverzerrtes Jaulen von sich. Er schlug zwei, drei Saltos in der Luft und raste dann mit ungeheurer Geschwindigkeit dem Asphalt entgegen, wo er schließlich mit einem dumpfen Laut aufschlug. Die Bremsen quitschten immer noch und nur Millimeter vor Boomers Gesicht kam der Wagen schließlich zum Stehen.
Als wäre dies mein Startschuss gewesen löste ich mich endlich aus meiner Erstarrung und rannte los. Hinter mir quitschten Bremsen, irgendjemand schrie etwas von wegen blöde Kuh, doch ich hörte es nicht wirklich. Mein Blick war auf das reglos auf der Straße liegende Fellknäuel gerichtet.
BOOMER! Schrie ich erneut und verschluckte mich dabei beinahe an meinem eigenen Schluchzen.
Als ich schließlich die Stelle erreicht hatte, mußte ich mich bereits durch eine Menschentraube zwängen, die sensationslüsternd einen Kreis um Boomer und den Wagen gebildet hatten. Als ich schließlich das letzte Hindernis in Form einer dicken Frau mit einer voluminösen Handtasche hinter mir gelassen hatte, blieb ich erst einmal wie angewurzelt stehen. Überall war Blut: Auf dem Kühlergrill des Autos, auf der Straße und auf Boomers Fell, dass sich ganz leicht unter seinen schnellen, abgehackten Atemzügen hob und senkte.
Völlig aufgelöst lies ich mich neben ihm auf die Knie fallen.
Boom? Hey Boom, ich bin hier mein Liebling. Alles in Ordnung? krächzte ich, obwohl sonnenklar war, dass hier gar nichts in Ordnung war.
Seine Augen sahen mich ängstlich an und über das warme Braun hatte sich bereits ein grauer Schleier gelegt.
Boom? piepste ich und streckte zitternd meine Hände nach seinem Kopf aus.
Vorsichtig strich über das weiche Fell an seinem Hals, kraulte sanft seine Ohren und beugte mein Gesicht ganz nahe zu seiner Schnauze hinunter.
Dann richtetet ich mich ruckartig auf.
Wir müssen ihn zu einem Tierarzt bringen, rief ich, an niemanden bestimmten gewandt und sah mich dabei hilfesuchend um. Doch die Menschenmenge um mich herum schien zu glauben, sie sehen sich eine weitere Folge von Notruf im Fernsehen an. Niemand rührte sich, alle hatten sie den gleichen, glasigen Blick und ich stand kurz davor auf zu stehen und einen Mord im Affekt zu begehen.
Er ist mir direkt vor den Wagen gelaufen Miss. Es tut mir leid, ich konnte gar nichts tun.
Ich fuhr zu dem jungen Mann herum, der ziemlich blass um die Nase wirkte und nervös seine Hände knetete.
Das ist mir im Moment scheißegal, zischte ich. Bringen sie uns sofort zu einem Tierarzt.
Ich ... aber ... also ... das viele Blut und ... ,
Wenn sie mir nicht auf der Stelle helfen, bekommen sie wirklichen Ärger, sagte ich drohend und stand auf. Ich ging zu dem Wagen, öffnete die hintere Tür, ging dann wieder zurück und beugte mich zu dem leise winselnden Boomer hinunter.
Wir bringen Dich zu einem Arzt mein Schatz, sagte ich leise, während ich fieberhaft überlegte, wie ich ihn am besten auf den Rücksitz buxieren konnte.
Helfen sie mir, forderte ich den jungen Mann auf, der sich allerdings immer noch keinen Zentimeter rührte.
Irgendwo in meinem Rücken spürte ich eine Bewegung.
Ich helfe Ihnen, sagte eine weibliche Stimme und gleich darauf trat eine junge Frau in einem schwarzen Designerkostüm und Highheels neben mich. Es wäre hilfreich, wenn wir eine Decke oder so etwas hätten, sagte sie und wandte sich auffordernd zu dem Fahrer des Jeeps um.
I-Im Kofferraum könnte ... , und noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, war ich bereits an ihm vorbei gelaufen und öffnete den geräumigen Kofferraum. Auf den ersten Blick sah ich die karierte Wolldecke, die sauber zusammengefaltet in einer Ecke lag.
Hiermit sollte es gehen, sagte ich an die junge Frau gewandt, während ich mich zu Boomer hinunter kniete und die Decke neben ihm ausbreitete.
Halte durch mein Schatz, flüsterte ich wir bringen Dich zu einem Arzt. Der kriegt Dich wieder hin.
Tränen tropften auf meine Arme, während ich meine Hände vorsichtig unter Boomers Kopf schob.
Auf drei, sagte die Frau und ich nickte.
Eins ... zwei ... drei.
Wir hoben Boomer gleichzeitig an, was ihn gequält und in den höchsten Tönen aufjaulen lies.
Ich weiß Liebling, ich weiß. Wir haben es gleich geschafft, versprochen, sagte ich leise, während wir ihn vorsichtig auf der Decke ablegten. Mit dieser als provisorische Bahre konnten wir ihn um einiges leichter transportieren. Schritt für Schritt tasten wir uns an dem Jeep entlang, doch als ich einen kurzen Blick auf die Rückbank warf, entschied ich, dass der Kofferraum mehr Platz bot.
Vorsichtig legten wir ihn darin ab, begleitet von dem Gemurmel und den neugierigen Blicken der Umstehenden.
Können Sie fahren, oder soll ich das übernehmen? wandte sich die Frau an den jungen Mann, der mit großen Augen immer noch am gleichen Fleck stand.
Ich ... also ... ,
Ich fahre, stellte die Frau fest und öffnete bereits die Fahrertür.
Nein! das erste Mal kam so etwas wie Leben in den jungen Mann. Er kam am Wagen entlang, entriss der Frau die Fahrertür und setzte sich selbst auf den Fahrersitz.
Kennen Sie einen Tierarzt hier in der Nähe? fragte die Frau an mich gewandt und ich schüttelte den Kopf.
Ohne ein weiters Wort umrundete sie den Wagen und setzte sich gleich darauf auf den Beifahrersitz. Ich krabbelte neben Boomer und schloss unter einiger Mühe den Kofferraumdeckel, der Wagen startete und gleich darauf fuhren wir die Straße hinunter, leider nicht einmal annähernd so schnell, wie ich mir das gewünscht hätte.
Ich zwang mich dazu, das den beiden auf den vorderen Sitzen zu überlassen und rutschte ein Stückchen näher an Boomer heran. Vorsichtig hob ich seinen Kopf an und legte ihn in meinen Schoss. Irrte ich mich, oder waren seine Atemzüge noch flacher geworden?
Halte durch Baby. Bitte, flehte ich und wischte mir immer wieder die Tränen von den Wangen, während ich meine Augen nicht eine Sekunde von seinem lieben Gesicht abwenden konnte. Zärtlich streichelte ich seine Wangen und flüstere unablässig in sein Ohr, damit er wußte, dass ich bei ihm war.
Er röchelte ein paar Mal, hustete dann kurz und blieb schließlich wieder still liegen. Ich brauchte noch ungefähr zwei Häuserblocks um zu realisieren, dass er zu still war.