Kapitel 31
Und ich kann Dich wirklich nicht dazu überreden, hier zu bleiben? fragte Will, während er eine meiner Reisetaschen im Kofferraum verstaute.
Nein. Ich muß einen Ort finden, an dem ich ... zur Ruhe kommen kann. Hier hätte ich doch nur Angst AJ oder, Gott bewahre, Luke und Hannah über den Weg zu laufen.
Das kann ich ja verstehen. Es ist nur ... Du wirst mir fehlen.
Ich hievte die andere Reisetasche in den Kofferraum und sah zu Will auf. Er sah ein wenig aus, wie ein kleiner, trauriger Junge. Seine Mundwinkel zeigten nach unten, seine Augen wirkten müde und von seinem, normaler Weise im Überfluss vorhandenen Elan, war nichts zu spüren.
Ach Will, seufzte ich, ging zu ihm hinüber und schlang meine Arme um seinen Hals. Das Haus ist noch für drei Monate auf meinen Namen gemietet. Vielleicht komme ich ja noch einmal wieder. Ich kann einfach nicht ... darin erinnert mich alles an ihn. Verstehst Du das?
Natürlich verstehe ich das. Ich bin nur einfach ziemlich egoistisch veranlagt.
Du und egoistisch. Es gibt wohl kaum etwas, was weiter voneinander entfernt liegt, schmunzelte ich gutmütig und drückte ihn noch etwas fester an mich. Wir telefonieren, ja? Und wenn ich in ein paar Wochen wieder zu mir selbst gefunden habe, kommst Du mich mit Sarah besuchen. Vielleicht habe ich bis dahin auch wieder eine eigene Wohnung, dann müsst ihr Euch nicht mit meinen Eltern herumschlagen.
Ich würde mich sehr gerne mit Deinen Eltern herumschlagen, entgegnete er und ich spürte sein Grinsen an meiner Wange.
Ich schob ihn ein Stück von mir und sah liebevoll zu ihm auf.
Jedenfalls möchte ich Dir für alles, was Du für mich getan hast, danken.
Ach das, winkte Will verlegen ab das war doch selbstverständlich. Immerhin hast Du mir ja auch mit Sarah geholfen.
Wir schwiegen einen Moment und lächelten uns an.
Vergiss mich nicht, ja? flüsterte ich schließlich.
Dito, gab Will zurück und schluckte sichtlich.
Ich hauchte ihm einen letzten Kuß auf die Wange und trat dann einen Schritt zurück.
Dann werde ich mal ...
Ich ging langsam zurück zu meinem Haus und schloss die Haustür auf. Noch bevor ich sie ganz geöffnet hatte, drückte sich Boomer durch den Türspalt und flitzte über das kleine Rasenstück auf Will zu.
Er hatte wohl Angst, ich lasse ihn hier, schmunzelte ich in Wills Richtung, der gerade versuchte das hektische Fellbündel ein letztes Mal zu streicheln, zog die Tür wieder zu und schloss sie zwei Mal ab.
Ich ging zu meinem alten Volvo, öffnete die hintere Tür und Boomer sprang mit einem großen Satz auf die Rückbank.
Machs gut. Ich traute mich nicht mehr, Will zu umarmen, da ich das unwirkliche Gefühl hatte, dann tatsächlich nicht mehr wegfahren zu können. Es war schon seltsam: Es gab so viele schlimme Dinge die ich hier erlebt hatte und hinter mir lassen wollte, doch Will war immer mein Halt gewesen und etwas, das eine gewisse Kontinuität in mein Leben gebracht hatte. Das jetzt aufzugeben fiel mir unglaublich schwer, aber wie ich bereits zu ihm gesagt hatte, konnte ich einfach nicht mehr hier bleiben.
Zwei Tage lang hatte ich mich nach der katastrophalen Party in meinem Haus verbarrikadiert und dabei nie aufgehört zu hoffen, dass sich AJ meldete und mir mitteilte, dass er mir verzieh. Natürlich war das nicht eingetreten und schließlich wurde mir klar, dass ich nicht hier bleiben konnte. Nicht, wenn ich nur die Theke der Küche ansehen mußte um AJ davor auf einem der Barhocker sitzen zu sehen, nicht, wenn ich an den Fotos an der Wand vorbei lief, auf dem Hannah und ich glücklich um die Wette strahlten und nicht, wenn ich die Leere des Hauses beinahe körperlich spüren konnte.
Ich hatte mit meinen Eltern telefoniert und sie waren wohl die Einzigen, die sich wirklich darüber freuten, dass ich bald wieder auf unbestimmte Zeit bei ihnen wohnen würde.
Luke und ich hatten uns kurz vor der Hochzeit ein eigenes Apartment eingerichtet, aus dem ich dann vor drei Monaten Hals über Kopf geflüchtet war. Bis auf dieses Haus hier, das mir allerdings nur noch für kurze Zeit eine Zuflucht bot, gab es keinen Ort, an den ich hätte gehen können. Also würde ich erst einmal bei meinen Eltern unterkriechen und hoffen, dass sie sich nicht all zu sehr in mein Leben einmischten.
Fahr vorsichtig, ermahnte mich Will, während ich in den Volvo stieg.
Wird erledigt, grinste ich gequält, lies dann den Motor an, winkte Will noch einmal kurz zu und gab Gas.
Bevor ich tatsächlich nach Hause fahren konnte, hatte ich allerdings noch eine Sache zu erledigen. Mein Wagen brachte mich beinahe von alleine in die ruhige Wohngegend, in dem das Wohnheim stand und als ich davor ausstieg, schweifte mein Blick automatisch über die restlichen, am Straßenrand geparkten Fahrzeuge. Doch so wie es aussah, war AJ nicht hier und ich konnte mich nicht so recht entscheiden, ob ich nun erleichtert oder enttäuscht sein sollte.
Ich klingelte und während ich den Garten durchquerte, wurde die Tür geöffnet und Conner stand im Türrahmen.
Hey Sky, begrüßte er mich mit Deinem Besuch hatte ich gar nicht gerechnet.
Es gibt etwas zu besprechen, entgegnete ich, was ihn sofort misstrauisch die Stirn runzeln lies.
Das mit dem Buch war nur ne fixe Idee von Dir und ist ab jetzt gestorben, vermutete er und ich schüttelte lächelnd den Kopf.
Nein, da ist alles beim Alten. Mr. Camden, der Verleger, freut sich schon tierisch auf Dein Werk nachdem er die ersten Kapitel buchstäblich verschlungen hat.
Was ist es dann? Er öffnete die Tür noch ein Stück weiter und bedeutete mir, ihm zu folgen. Doch ich schüttelte den Kopf.
Lass uns hier draußen reden, ja? sagte ich, wandte mich um und ging zum anderen Ende der Veranda, wo eine bequeme Bank mit bunten Polstern an der Hauswand stand und einen beruhigenden Blick über den Garten und einen Teil der Straße bot.
Conner setzte sich zu mir und musterte mich immer noch misstrauisch.
Ich werde für einige Zeit nach Hause fahren, kam ich gleich zum Punkt.
Nach Hause? Du meinst ... Pensylvania?
Genau, nickte ich.
Wieso?
Das ist eine lange Geschichte, wehrte ich ab.
Es liegt an AJ, oder?
Nein ... oder ... auch ... ach, es ist alles ziemlich kompliziert.
Du läufst also wieder einmal davon und lässt mich hier alleine, schnaubte er und war bereits dabei, wutentbrannt von der Bank auf zu springen.
Ich erwischte ihn gerade noch am Saum seines T-Shirts und zwang ihn, sich wieder neben mich zu setzten.
Das hat überhaupt nichts mit Dir zu tun Conner.
Na und? Weiß Du, Du kommst immer so klug daher, von wegen man soll sich seinen Problemen stellen und nicht davor weg rennen und im Endeffekt machst Du genau das Selbe. Alles nur heiße Luft. Bla, bla, bla, fauchte er.
Ich weiß, dass es Dir so vorkommen muß, aber glaub mir, wenn ich hier bleibe, würde das alles nur noch viel schlimmer machen. Vielleicht laufe ich tatsächlich davon, aber ich habe meinen Problemen bereits ins Auge gesehen und glaube mir, dass war nicht sehr schön. Ich brauche ... Zeit ... Zeit um mir darüber klar zu werden, was ich wirklich vom Leben will, was ich mit meiner Zukunft anfangen soll. Ich kann nicht einfach so weiter machen wie bisher, den Kopf in den Sand stecken, einfach mal so ein halbes Jahr in einem anderen Bundesstaat verbringen und darauf hoffen, dass sich alles von alleine finden wird. Ich muß irgendetwas tun ... irgendetwas für mich, verstehst Du? Dabei kann mir kein AJ und nicht einmal Du helfen. Das muß ich ganz alleine schaffen und das kann ich eben nur von zu Hause aus.
Während ich sprach, schrumpfte Conner neben mir immer weiter in sich zusammen.
Du lässt mich im Stich, sagte er leise und die Verzweiflung, die in seiner Stimme lag, lies mein Herz ängstlich schneller schlagen.
Nein Conner. Ich bin weiterhin immer für Dich da. Ich gebe Dir meine Telefonnummer, Dein Internet funktioniert inzwischen doch auch sehr gut und ich stehe Dir auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite. Wir werden uns nicht mehr so häufig sehen, aber ... das ändert nichts daran. Verstehst Du?
Er schüttelte trotzig den Kopf.
Seufzend legte ich einen Arm um ihn und lies meinen Kopf auf seine knochige Schulter sinken.
Ich kann Dir nur immer wieder sagen, wie wichtig Du mir bist. Selbst wenn ich wollte, könnte ich vor Dir nie davon laufen. Ich habe Dich sehr gern und ich schätze Dein Talent und noch mehr mag ich es, dass Du mich auch ohne große Worte verstehst und akzeptierst, dass man nicht immer über alles ausführlich reden muß. Ich möchte das genau so wenig verlieren wie Du.
Könntest Du mich jetzt bitte loslassen? fragte Conner leise und überrascht sah ich zu ihm auf.
Nun ja ... was ... was sollen die Leute denn von mir denken, wenn ich hier mit Dir ... also ... , stotterte er verlegen und seine Wangen hatten einen leichten, rötlichen Schimmer angenommen.
Entschuldige, murmelte ich und lies meinen Arm sofort zurück in meinen Schoß sinken, verbiss mir dabei allerdings ein Grinsen.
Wir schwiegen eine Weile und während Conner nervös an dem Saum seiner Jeans nestelte, lies ich meinen Blick über den Garten wandern.
Ich würde das hier unglaublich vermissen. Ohne es zu merken, war dieses Haus zu einer Ruheinsel für mich geworden. Die Gespräche mit Conner und Tersha hatten mich immer eine Weile von meinen Problemen abgelenkt. Dies war der Ort, an dem ich immer willkommen war und auch der Ort, an dem meine Hilfe gebraucht und gerne angenommen wurde.
Ich hatte so etwas bisher in meinem Leben nicht gekannt und die Befriedigung, die ich aus diesem Heim und seinen Bewohnern zog, würde mir mehr als alles andere zu Hause fehlen.
Ich habe überlegt, ob ich AJ meine Geschichten zeigen sollte, sagte Conner unvermittelt in die Stille hinein.
Ich halte das für eine sehr gute Idee, gab ich ehrlich zurück.
Wirklich? Ich meine ... ich weiß nicht ... ob ... also ... würde es Dich nicht irgendwie kränken?
Kränken? fragte ich verständnislos zurück.
Na ja, bisher war das ja eine Sache zwischen uns beiden. Es könnte ja sein, dass es Dir nicht recht ist, dass er sich da einmischt.
Nein. Ich denke, dass es überhaupt nichts schaden kann, noch mehr Meinungen einzuholen. Außerdem glaube ich, dass AJ ... hm ... vielleicht eine andere Sicht der Dinge mit einbringt.
Du meinst, sie könnten ihm nicht gefallen?
Nein, ganz im Gegenteil, er wird sicherlich begeistert sein, aber ... ich weiß auch nicht ... ich denke, er kann Dir noch ein paar sehr nützliche Tipps geben, die ich vielleicht gar nicht sehe.
Es würde Dir also nichts ausmachen? hakte er noch einmal nach.
Nein. Würde es nicht.
Gut, nickte er.
Ich muß dann langsam los, sagte ich vorsichtig.
Ich weiß.
Kannst Du mich denn wenigstens ein bißchen verstehen?
Sicher kann ich das. Vielleicht mehr, als Du denkst. Es ist nur ... na ja ... Du weißt ja.
Du hast Angst, das verstehe ich. Aber glaub mir, Du hast dazu überhaupt keinen Grund.
Das werden wir sehen, gab er lediglich zurück und ich spürte einen schmerzhaften Stich in meinem Herzen.
Ich werde es Dir beweisen.
Hoffen wir es, sagte er leise und sah mich dann aus seinen blauen Augen an.
Ich nickte, weil ich nicht wußte, was ich noch sagen sollte.
Also dann ... , meinte Conner und stand von der Bank auf.
Ich melde mich, versprach ich und erhob mich ebenfalls.
Diesmal war es an Conner zu nicken. Er sah sich für einen Moment aufmerksam nach allen Seiten um, trat dann einen Schritt auf mich zu und umarmte mich kurz.
Ich wünsche Dir viel Glück auf der Suche nach Dir selbst, sagte er ernst.
Danke, das kann ich gebrauchen, gab ich lächelnd zurück.
Er musterte mich noch einen Augenblick, so als wolle er sich jedes Detail meines Gesichts einprägen, drehte sich dann einfach um und verschwand gleich darauf im Haus.
Ich zwang mich dazu, jetzt nicht zu weinen, ging zum Auto zurück, stieg ein und fuhr los ohne noch einmal zurück zu blicken. Die Zukunft lag eindeutig vor mir, wo auch immer sie mich hinführen würde.