Kapitel 30

Irgendwie schafften Will und ich es bis vor die Tür, dort gaben meine Beine dann endgültig nach und ich sank auf eine der Treppenstufen. Der Brunnen vor mir plätscherte leise, der Bass der lauten Musik wummerte in meinem Magen und eine leichte Briese wehte mir das Haar aus dem Gesicht und kühlte meine erhitzten Wagen. Zitternd schlang ich meine Arme um den Oberkörper und begann mich langsam und unbewußt hin und her zu wiegen.
„Was soll ich tun?“ fragte Will. „Soll ich ihn verprügeln? Wirklich, das würde ich sehr gerne übernehmen.“
„Nein,“ ich schüttelte den Kopf. „Gib mir einfach ein paar Minuten. Dann ... werden wir weiter sehen.“
„Ich fasse es einfach nicht, dass er hier ist,“ Will lies sich neben mir auf die Stufen sinken und legte mir fürsorglich einen Arm um die Schulter.
„Es ist nicht nur er,“ sagte ich leise.
„Ja und AJ, ich weiß aber ... ,“
„Nein, Du verstehst nicht,“ unterbrach ich ihn und sah zu ihm auf. „Das da drinnen ist Hannah, verstehst Du? Hannah und Luke, Luke und Hannah ... die ganze Zeit. Sie hat ... sie hat es gewußt. Von Anfang an hat sie gewußt warum ... warum ... ,“ ich schluckte die aufkommenden Tränen hinunter und setzte noch einmal neu an. „Die ganze Zeit hat sie gewußt warum er abgehauen ist. Sie hat mich belogen und betrogen und ich dachte immer, sie wäre meine Freundin. Ich dachte wirklich ... ,“ ich begann zu schluchzen und Wills Gesicht wurde unscharf.
„Oh Gott Sky. Das tut mir so leid,“ flüsterte er, legte auch noch den anderen Arm um mich und zog mich eng an seine Brust.
Ich wollte auf der Stelle sterben. Das hier war nicht die Welt, in der ich leben wollte. Eine Welt, in der einen die beste Freundin betrog, in einer Welt, in der mich mein Bräutigam wegen ihr vor dem Altar hatte sitzen lassen, in einer Welt, in der der Mensch, den ich liebte so weit von mir entfernt war, als lebte er auf dem Mond.
Undeutlich hörte ich, wie hinter uns die Tür geöffnet wurde.
„Mach’ das Du verschwindest Mistkerl oder ich schwöre, ich breche Dir sämtliche Knochen einzeln,“ knurrte Will und ich spürte, wie sich die Muskeln unter seinem T-Shirt anspannten.
„Lass nur,“ sagte ich matt, richtete mich in seinen Armen auf und beobachtete Luke, wie er an uns vorbei die Treppe hinunter ging und dann davor stehen blieb.
„Darf ich es Dir erklären?“ fragte er vorsichtig.
„Erklären?“ ich lachte sarkastisch auf. „Erklären? Darauf warte ich, seit Du mich vor aller Welt blamiert und dann auch noch alleine mit dem ganzen Mist gelassen hast. Du willst es erklären? Nur zu, aber erwarte nicht, dass ich Dir jemals vergeben kann.“
„Ich erwarte gar nichts,“ entgegnete er.
„Gut. Wenigstens scheint noch ein letzter Rest von Vernunft in Dir zu stecken.“
„Das mit Hannah ... ,“
„Warte,“ unterbrach ich ihn und wandte mich dann Will zu. „Hör’ zu. Ich würde gerne alleine mit ihm reden. Könntest Du bitte drinnen auf mich warten?“
„Ich weiß nicht ob das so eine gute Idee ist, Sky.“
„Ich bitte Dich darum,“ sagte ich eindringlich.
Will seufzte und erhob sich langsam. Wütend funkelte er Luke an.
„Versuche wenigstens einmal wie ein Mann zu handeln und benimm Dich. Ansonsten wirst Du Dein blaues Wunder erleben.“
„Ich verspreche es.“
„Was auch immer Deine Versprechen wert sein mögen,“ schnaubte Will, beugte sich dann zu mir hinunter und hauchte mir einen Kuß aufs Haar.
„Ich bin gleich hinter der Tür wenn Du mich brauchst, in Ordnung?“
„In Ordnung. Danke.“
Er nickte und verschwand dann im Inneren des Hauses. Schwerfällig stand ich auf, wischte mir in einer trotzigen Geste die Tränen aus dem Gesicht, verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte Luke böse an.
„Das mit der Hochzeit war so nicht geplant,“ begann er, was mir allerdings nur ein aufgebrauchtes Schnauben entlockte.
„Hannah und ich ... wir ... hatten nichts miteinander, als Du und ich noch ... also ... als wir noch zusammen waren. Ich ... ich weiß auch nicht. Ich stand da am Altar, im Rücken meine gesamte Familie und die Last meiner Zukunft auf den Schultern. Ich konnte es einfach nicht tun Sky. Es tut mir so leid. Aber ... ich konnte es nicht tun.“
„Und das ist Dir nicht vorher eingefallen, was?“ entgegnete ich schneidend. „Wenigstens bevor ich am Arm meines VATERS diesen beschissenen Gang hinunter gelaufen bin um Dich zu EHELICHEN. Verdammt noch mal Luke, ich wollte Dich heiraten, ich liebte Dich. Für mich war die Welt in Ordnung. Und dann? Dann sagst Du „Nein“ und verschwindest einfach. Warum? Ich will das jetzt verdammt noch mal wissen.“
„Ich war zu feige. Ganz einfach.“
„Ganz einfach? GANZ EINFACH?“
Wie an einer stabilen Feder gezogen schnellte mein Arm vor und klatschend traf ihn meine Hand im Gesicht. Volle Breitseite so zu sagen. Und das beste daran war, dass ich es nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde bereute.
„Geht es Dir jetzt besser?“ fragte er leise, während er sich die Wange rieb.
„Nein.“
Klatsch. Meine andere Hand schnellte vor und traf die andere Seite seines Gesichts.
„Das habe ich wohl verdient,“ mittlerweile war er kaum noch zu verstehen, so leise sprach er.
„Nein. Du hast noch viel mehr Schmerzen verdient,“ gab ich beißend zurück. „Aber leider ist das alles, was ich über meine gute Erziehung hinaus retten konnte. Ich schlage vor, Du gehst jetzt wieder hinein zu Deiner „Angebeteten“ und lässt Dich nie wieder in meinem Leben blicken, denn ich kann ab jetzt für nichts mehr garantieren.“
Es tat gut. Es tat so unglaublich gut wütend auf ihn zu sein. Die ganze Zeit, in der ich mir vorgeworfen hatte, an allem Schuld zu sein, die endlosen Nächte, in denen ich verzweifelt darüber nachgegrübelt hatte, was ich, um Gottes Willen falsch gemacht hatte ... das alles war nun vorbei. Er war der Verlierer, er war das Schwein, er würde für das, was er mir angetan hatte in der Hölle schmoren.
Wie ein geprügelter Hund sah er mich noch einen Moment lang an, dann schlurfte er an mir vorbei. Gleich darauf hörte ich, wie hinter mir die Haustür geöffnet wurde und er darin verschwand.
Er hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, da wurde sie auch schon wieder aufgerissen und ich mußte mich nicht herum drehen um zu wissen, wer jetzt heraus kam.
„Gib Dir keine Mühe,“ sagte ich, ohne auf zu sehen. „Dein Freund hat auch schon versucht irgendwie gut weg zu kommen. Ist ihm wohl nicht wirklich geglückt.“
„Ich möchte Dir nur ein paar Sachen sagen,“ entgegnete Hannah und trat aus dem Schatten des Hauses hinaus in die Auffahrt.
„Und Du glaubst, das würde irgendetwas ändern?“
„Nein, sicher nicht. Was wir getan haben ist unverzeihlich. Ich möchte nur ... ich weiß eigentlich gar nicht, was ich möchte,“ gab sie dann zu.
„Du willst Dein Gewissen erleichtern,“ stellte ich schneidend fest „und hoffst, dass Du so etwas wie eine Absolution von mir bekommst.“
„Nein,“ sie schüttelte den Kopf. „Ich kann verstehen, dass Du mit uns nichts mehr zu tun haben willst und ob Du es glaubst oder nicht, es tut auch mir weh.“
„Versuch hier bloß nicht einen auf Mitleid zu machen.“
„Nein Sky. Ich möchte ... nur einige Dinge klar stellen, dann bist Du mich für immer los.“
Die Worte für immer schmerzten mehr, als alles was sie hätte sagen könne, aber ich biss die Zähen zusammen und starrte sie einfach weiterhin wütend an.
„Als Du mit Luke die Hochzeit geplant hast, da habe ich mich für Dich gefreut. Wirklich! Aber gleichzeitig habe ich mir auch gewünscht, dass diese Hochzeit niemals stattfinden wird. Ich ... es tut mir leid, wenn ich es ungeschehen machen könnte, würde ich es tun, aber ich kann es eben nicht. Wir lieben uns.“
„Und Du meinst, das ist eine Rechtfertigung für das alles?“
„Nein. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte Dir Luke schon vor langer Zeit gestanden, was damals wirklich abgelaufen ist. Aber ... er war wohl ... zu feige. Genau wie ich. Ich habe mir eingeredet, dass ich Dir nicht weh tun will und dass ich ... Luke nicht vorgreifen möchte und dass ... Gott Sky. Ich habe ... Simon hat es von Anfang an geahnt.“
„Deshalb die blutige Nase,“ stellte ich fest, als ich mich an das Hochzeitsvideo erinnerte und das wutverzerrte Gesicht, mit dem Simon auf Luke los gegangen war. Unglaublich, dass ich bisher gedacht hatte, er hätte mich verteidigt. Plötzlich fügten sich die ganzen, scheinbar so unwichtigen Details zu einem Ganzen zusammen.
„Er war so wütend auf Luke ... dass er Dir das antun konnte, dass er damit indirekt zugegeben hat, dass er mich liebte ... das alles war wohl zu viel für ihn und das ... war wohl auch erst einmal der Grund, warum Luke einfach so verschwunden ist. Und je länger er weg blieb um so schwieriger wurde es für ihn, zurück zu kommen.“
„Du solltest ihn nicht in Schutz nehmen,“ sagte ich „er muß selbst für die Dinge gerade stehen, die er verbockt hat. Aber Du ... wir ... wir waren immer die besten Freundinnen, wir haben uns immer alles erzählt. Und dann belügst Du mich so schamlos. Ich kann das einfach nicht verstehen.“
„Ich kann es auch nicht. Wie gesagt, ich wollte es Dir sagen und habe im Endeffekt alles falsch gemacht. Ich dachte, wenn ich aus Deinem Leben verschwinde, wirst Du es nie erfahren.“
„Na, wenigstens passt ihr in diesem Punkt hervorragend zusammen,“ sagte ich sarkastisch und hätte in diesem Moment alles für eine Zigarette geben. „Was ist mit Simon?“ fragte ich stattdessen weiter.
„Er ist ausgezogen. Schon ... vor ein paar Wochen.“
„Als Du mich besucht hast. Die Sache mit ... AJ. Du wußtest damals noch nicht, dass Luke ihn kennt, oder?“
„Nein. Das habe ich erst erfahren, als es schon zu spät war.“
„Zu spät? Hannah verdammt noch mal, wir reden hier über mich, über den Mann, den ich liebe, verstehst Du das?“ Ich konnte einfach nicht fassen, wie sie ungerührt mein Herz in lauter kleine Fetzen riss. Jegliches Gefühl für sie erstarb in diesem Moment. Vielleicht schmerzte ihr Verrat sogar noch mehr, als der von Luke.
„Ich liebe Dich,“ sagte sie unvermittelt „ich möchte nur, dass Du das weißt.“
„Geh’ mir aus den Augen,“ knurrte ich und unterdrückte mühsam den Impuls, ihr ebenfalls ins Gesicht zu schlagen.
Sie sah mich noch für einen Moment unendlich traurig an, doch was das betraf hatte sie von mir kein Mitleid mehr zu erwarten. Dann nickte sie langsam und ging an mir vorbei die Treppe hinauf.
„Nur noch eines,“ sagte sie, als sie die Haustür schon beinahe erreicht hatte. Ich schwieg und drehte mich auch nicht zu ihr herum, also sprach sie nach einem Moment einfach weiter „vielleicht solltest Du Dich einmal an Deiner eigenen Nase fassen und darüber nachdenken was es heißt, mit einer Lüge zu leben und wie schwierig es ist zuzugeben, dass man etwas unrechtes getan hat.“
Mit diesen Worten öffnete sie die Haustür und ich sank kraftlos und bis ins Mark erschüttert zurück auf die Treppenstufen.
Die hatte recht. Will hatte recht. Was die Sache mit AJ und dem Artikel betraf, war ich keinen Deut besser als Luke oder Hannah. Ich machte ihm etwas vor, seit ich ihn kennen gelernt hatte und ich hörte auch nicht auf, als ich erkannte, wie viel er mir bedeutete. Wo war der Unterscheid zwischen Lukes und Hannahs Lügen und meinen eigenen?
Sie hatten versucht, sich selbst zu schützen und nichts anderes tat ich die ganze Zeit auch. Das ganze Gerede von „ihn nicht noch mehr herunter ziehen wollen“ und „er könnte das nicht verkraften“ war einzig und alleine dazu da, um mein Gewissen zu beruhigen, um mir einzureden, dass ich es ihm einfach nicht sagen konnte und zwar um seinetwillen.
Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und schluchzte lautlos vor mich hin. Mein Körper fühlte sich an, als würde er gleich auseinander brechen, wie Glas auf den harten Steinstufen zerspringen und wenn es eine Chance gegeben hätte, genau dieses in die Tat um zu setzen, hätte ich sie in diesem Moment ergriffen.
Stattdessen blieb ich einfach zitternd auf den Stufen sitzen und hoffte, dass ein Wunder geschehen möge.
Als schließlich die Tür hinter mir aufging, wagte ich es nicht einmal mehr mich herumzudrehen aus Angst, wen ich dort wohl sehen würde. Ich mußte allerdings nicht lange auf die Antwort warten.
AJ ließ sich vor mir in die Hocke sinken, umfasste sanft meine Hände und zog sie von meinem Gesicht.
„Es tut mir so leid,“ sagte er leise. „Ich wußte nicht, dass Luke ... also ... dass er derjenige ... also, Du weißt schon.“
Ich war nicht in der Lage irgendetwas darauf zu erwidern, stattdessen rutschte ich ein Stück auf der Stufe nach vorne und lies mich in seine feste Umarmung ziehen.
„Es wird alles gut,“ sagte er leise und strich mir beruhigend über den Rücken.
„Nein, wird es nicht,“ antwortete ich genau so leise.
„Doch wird es. Ich bin für Dich da und Will auch, der im Übringen gerade von mindestens vier Gästen davon abgehalten wird, Luke doch noch eine blutige Nase zu verpassen.“
„Er hätte sie verdient,“ murmelte ich.
„Ja, das hätte er. Wahrscheinlich sogar mehr als das. Aber leider bekommen die Menschen selten das, was sie verdienen. Und das gilt ganz besonders für Dich. Du hättest es verdient glücklich zu sein.“
„Nein,“ widersprach ich und befreite mich vorsichtig aus seinen Armen „ich habe es am allerwenigsten verdient.“
„Du kannst nichts dafür Sky. Glaub mir das. Luke hat ... ,“
„Nein. Du ... verstehst das nicht. Das hat ... mit Luke oder Hannah nichts zu tun.“
„Sondern?“
„Mit Dir ... und mit ... mit mir.“
„Falls Du den Kuß meinst ... ,“
„Nein,“ ich schüttelte den Kopf und versuchte irgendwo in mir die Kraft zu finden ihm zu sagen, was ich sagen mußte.
„Ich muß zugeben, dass ich verwirrt bin,“ sagte er sanft und fasste nach meinen Händen, die ich allerdings ruckartig zurück zog. Seine Stirn legte sich in verständnislose Falten und gleichzeitig schien mich sein Blick zu durchbohren.
„Was ist los?“ fragte er vorsichtig.
„Ich ... ich muß Dir etwas sagen. Also ... das ist ... gar nicht so einfach.“
Ich wagte es inzwischen nicht einmal mehr, ihn anzusehen. Er würde mich hassen. Natürlich würde er mich hassen und dann hatte ich auch noch das letzte bißchen Liebe in meinem Leben verloren.
Er schien beschlossen zu haben, mich nicht weiter zu bedrängen oder Vermutungen auszusprechen, die ich dann doch mit einem kurzen Satz in Stücke schlug.
Er hockte einfach vor mir, verschränkte die Arme auf seinen Knien und begann langsam auf seinen Zehenspitzen auf und ab zu wippen.
„Als ich Dich damals am Strand traf,“ begann ich und während ich ein Wort aussprach, hatte ich keine Ahnung, wie das nächste aussehen würde „lag mein Leben in Scherben vor mir. Luke hatte mich sitzen gelassen, ich hatte das Gefühl dass meine Freunde und meine Familie hinter meinem Rücken über mich lachten und mit dem Finger auf mich zeigten und ... nun ja ... in meinem Job lief es auch nicht wirklich berauschend. Ich suchte nach einem neuen Ziel in meinem Leben. Etwas, dass mich dazu bringen konnte, weiter zu machen.“
Ich schwieg einen Moment, biss mir auf die Unterlippe und fragte mich, wie lange ich noch um den heißen Brei herum reden würde. Ich wollte, dass er mich verstand, mehr noch, ich hoffte, dass er, wenn er meine damalige Situation so sah wie ich sie erlebt hatte, vielleicht auch verstehen würde, warum ich diesen Artikel geschrieben hatte. Natürlich war das eine utopische Vorstellung, aber die Hoffnung stirbt nun mal zu letzt.
Gleichzeitig klopfte mein Herz wild vor Angst in meiner Brust und plötzlich hatte ich das erschreckende Gefühl, dass jemand in meinem Kopf sämtliche Lichter ausgeschaltet hatte. Auf einmal war dort nur noch eine schwarze, gähnende Leere und ich hatte keine Ahnung, was ich bisher zu ihm gesagt hatte und was ich ihm eigentlich sagen wollte.
AJ schwieg immer noch und als ich jetzt für eine, mir ewig erscheinende Sekunde zu ihm aufsah, konnte ich buchstäblich die Backsteine sehen, die er in seinem Inneren gegen das anhäufte, was hier gerade unaufhaltsam auf ihn zurollte.
„Erinnerst Du Dich? Du hast mich mal gefragt, was ich beruflich mache und ich habe Dir keine Antwort gegeben.“
„Du hast mir auf sehr vieles keine Antwort gegeben,“ entgegnete er mit rauer Stimme.
„Ich weiß. Das hatte viel damit zu tun ... also ... ich meine ... ich bin Journalistin. In Pensylvania.“
Ich sah erneut zu ihm auf, doch noch schien der Groschen bei ihm nicht gefallen zu sein.
„Der Artikel ... über Dich, Kim und Andrea. Er stammt von mir. Die Fotos habe ich geschossen, ich habe jedes einzelne Wort eigenhändig auf meinem Laptop geschrieben, habe versucht in Deiner Nähe zu sein um mehr über Dich zu erfahren und am Anfang ... war das tatsächlich ... nun ja ... mein einziger Beweggrund.“
Mein Blick ruhte auf seinen Händen, die sich um seine Knie krampften, als suche er irgendetwas, an dem er sich festhalten konnte. Ich war mir sicher, hätte ich ihm in diesem Moment in die Augen geblickt, wäre ich einfach tot umgefallen. Der Hass, den er empfand, konnte ich körperlich spüren. Eine Eiseskälte ging von ihm aus, kroch durch seine Glieder und griff mit unsichtbaren Händen nach meinem Herz.
„Ich habe nicht erwartet, dass ich mich in Dich verlieben würde. Aber genau das ist passiert,“ sagte ich beinahe flüsternd. „Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen, noch einmal von vorne anfangen, ganz unbeschwert mit Dir, Daisy, Tank und Boomer am Strand entlang laufen und Dir dabei von Luke und Hannah erzählen. Ich wünschte ... ,“
„Hör’ auf,“ sagte er plötzlich und ich zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. „Hör’ endlich auf damit.“
Ich zwang mich dazu, ihn anzusehen. Ich mußte ihm in die Augen sehen, mußte mich vergewissern, dass ich mir die Verachtung in seiner Stimme nicht einfach nur einbildete.
Mein Herz blieb stehen, als ich in seine dunklen Augen blickte. Ein unvorstellbarer Schmerz hatte darin Einzug gehalten, seine Augen schwammen in Tränen, die Lippen hatte er zusammengepresst, so dass nur noch eine schmale, weiße Linie zu sehen war und seine Mundwinkel zitterten verräterisch.
„Sag mir bitte, dass das nicht wahr ist,“ flüsterte er.
„Es tut mir leid,“ hauchte ich.
„Es tut Dir leid,“ murmelte er und richtete sich dabei zu seiner vollen Größe auf. „Es tut Dir leid,“ wiederholte er und schnaubte verächtlich. Dann drehte er sich einfach herum, lief über den Rasen, der hinter das Haus führte und trat mit voller Wucht im Vorbei gehen gegen eine kleine Statue, die sofort von ihrem Sockel kippte und ihren Kopf dabei verlor. Dann verschluckte ihn die Nacht und irgendwo in mir verschwanden meine Seele und die Liebe gemeinsam hinter einer feuerfesten Tür, die sie noch dazu drei Mal abschlossen und zwei robuste Riegel davor schoben um sicher zu gehen, dass nie wieder jemand zu ihnen durchdringen würde.

Kapitel 31