Kapitel 28
An einem Freitag, ein paar Tage später, klingelte das Telefon. Ich hatte mir angewöhnt, erst den Anrufbeantworter rangehen zu lassen um der Möglichkeit zu entgehen, dass sich AJ oder Hannah meldeten. Allerdings war das jedes Mal unnötig gewesen.
Zwei Mal hatte sich Conner gemeldet, einmal Will, um mir in den höchsten Tönen von Sarah vorzuschwärmen und einmal die Wasserwerke um mich darüber zu informieren, dass ich für zwei Stunden kein Wasser haben würde, da irgendwelche Arbeiten an den Leitungen vor meinem Haus durchgeführt werden mußten.
Als ich diesmal Wills ungeduldiges Also wirklich Sky. Diese Dinger sind eigentlich dazu da, Anrufe entgegen zu nehmen wenn man nicht zu Hause ist. Jetzt nimm schon ab, hörte, nahm ich grinsend den Hörer ab und meldete mich.
Hey Will. Man weiß nie, wer versucht einem irgendwelche seltsamen Produkte an zu drehen oder die Erleuchtung zu verkaufen. Ich versuche einfach, diesen Dingen aus dem Weg zu gehen.
Und? Wie viele solcher Anrufe hast Du auf diese Weise schon abgewehrt?
Noch gar keinen, gab ich zu.
,Ich vermute, Du willst einfach nur Hannah aus dem Weg gehen, oder?
Auch.
Wem noch? Mir etwa?
Nein. Dir ganz bestimmt nicht. Immerhin bin ich ja jetzt dran, das sagt doch schon einiges.
Aber nur weil Du weißt, dass ich Dich sonst bis in alle Ewigkeit nerven würde, erwiderte er schmunzelnd.
Da könntest Du durchaus recht haben.
Ich habe schon lange nichts mehr von Dir über AJ gehört. Ist da alles klar?
Alles bestens, log ich.
Oh komm schon Sky. Wenn Du Dich wirklich um eine Antwort herum mogeln willst, mußt Du das schon etwas geschickter anstellen.
Ich weiß überhaupt nicht, was Du meinst!
Hey, ich kenne Dich, schon vergessen? Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht.
Wie kommst Du denn bitte schön darauf?
Ist es etwa nicht so?
Ich schwieg, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich ihn weiterhin anlügen oder endlich mit der Wahrheit heraus rücken sollte.
Komm schon Sky. Mir kannst Du es doch sagen.
Wir haben uns geküsst, sagte ich beinahe flüsternd und hörte, wie Will am anderen Ende der Leitung überrascht die Luft einsog.
Wann war das? Warum weiß ich davon nichts?
Weil ich Dich nicht ... also ... in Deinen Frühlingsgefühlen stören wollte.
Och Sky. Bitte sag, dass das nicht wahr ist.
Was genau meinst Du?
Du konntest es mir nicht sagen, weil Du Angst hattest, dass ich meine Zeit mit Sarah dann nicht mehr genießen könnte?
So in Etwa, ja.
Oh Mann Sky. Du bist manchmal wirklich seltsam.
Ja, das weiß ich bereits, murmelte ich kopfschüttelnd.
Erzähl mir, was passiert ist ... nein, warte. Ich komme vorbei. Bin gleich da, und schon hatte er aufgelegt. Etwas verstört blickte ich den Hörer in meiner Hand an und tat dann das, was jede vernünftige Frau an meiner Stelle getan hätte: Ich begann hektisch meine Unordnung der letzten Tage aufzuräumen.
Keine viertel Stunde später klingelte es an der Haustür und als ich öffnete, stand Will davor, in der Hand eine Margarite, die er scheinbar gerade aus irgendeinem Garten gepflückt hatte.
Hi, begrüßte er mich, schloss mich in die Arme und drückte mich fest an sich. Wenn Du mir noch einmal irgendetwas verheimlichst, weil Du meinst mich damit in irgendeiner Weise zu stören, versohle ich Dir eigenhändig den Hintern, murmelte er gutmütig an meiner Schulter und schob mich dann ein Stück von sich.
Für Dich, sagte er dann und streckte mir die Blume entgegen.
Danke. Das ist wirklich s... ,
Sprich es nicht aus, sagte Will schnell und schob mich lächelnd vor sich her ins Wohnzimmer hinein.
Ich sehe schon, stellte er fest, während er es sich auf einem der beiden Sofas gemütlich machte und Boomer mit beiden Händen das Fell zerwuselte Du hast nach meinem Anruf direkt hektisch angefangen, hier auf zu räumen.
Woher weißt Du das? fragte ich entgeistert, während ich die Blume in eine schmale Vase beförderte und diese auf der Theke abstellte.
Deine Socken schauen unter der Couch hervor und die Schranktür hast Du vor lauter Papierkram nicht richtig zugekriegt, entgegnete er schmunzelnd.
Nun ja, kein Mensch ist perfekt, entgegnete ich, nahm eine Flasche Wasser und zwei Gläser mit und setzte mich dann ihm gegenüber in meinen Lieblingssessel.
Nun erzähl schon. Was ist passiert?
Ich begann erst langsam, dann immer flüssiger von meinem Abend mit AJ zu berichten. Es war erstaunlich, wie genau ich mich noch an jedes Detail erinnern konnte. Es schien mir, als hätte dieser Kuß erst gestern stattgefunden und wäre nicht schon eine gute Woche her. Noch dazu tat es unglaublich gut, diese ganzen Gedanken endlich einmal los zu werden.
Und er hat sich seit dem nicht mehr gemeldet? fragte Will, nachdem ich geendet hatte.
Nein. Ich kann es ihm auch nicht verübeln. Immerhin habe ich ihm ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass ich mit ihm nichts zu tun haben will. Und glaub mir, das ist auch besser so.
Besser so, besser so ... , wiederholte Will aufgebracht das ist überhaupt nicht besser so. Du solltest ihm endlich sagen was Sache ist.
Und ihm damit noch mehr das Gefühl geben, dass er ein Loser ist? Der Überzeugung ist er nämlich sowieso schon und ich will ihn da nicht noch tiefer rein reiten. Soll er lieber glauben, ich hänge noch an Luke. Das trifft ihn wenigstens nicht so sehr.
Frauen! Will warf hilflos die Arme in die Luft. Kannst Du Dir nicht vorstellen, dass es für ihn demütigender ist, dass Du an jemandem hängst, der Dich in der Vergangenheit schlecht behandelt hat, der Dich, ohne einen Ton zu sagen, vor dem Altar hat stehen lassen und der es noch nicht einmal für nötig befunden hat, sich in der ganzen Zeit, die jetzt vergangen ist, bei Dir zu melden? Dagegen wirkt doch diese Sache mit dem Artikel wie ne Lappalie.
Ich glaube Du spinnst, fuhr ich auf.
Nein Sky. Das ist mein voller Ernst. Er hat doch selbst gesagt, dass Du ihm mit dem Artikel einen Gefallen getan hast.
Wie bitte?
Du hast mir erzählt, er hätte damals gesagt, dass er sogar froh darüber ist, dass jetzt alles vorbei ist und noch dazu hat er vor einer Woche gesagt, dass Kim und Andrea ihm überhaupt nicht mehr wichtig sind. Warum sollte er also sauer auf Dich sein?
Weil ich sein Vertrauen missbraucht habe? Weil ich ihn belüge, seit ich ihn kenne? Weil ich mich an ihn heran geschlichen habe um möglichst viele Informationen aus ihm heraus zu bekommen, um ihn dann auch noch zu küssen, wozu ich überhaupt kein Recht hatte? Es gibt tausend Gründe Will.
Aber Du weißt doch überhaupt nicht, wie er darauf reagieren wird. Ich meine ... Du scheinst ihm doch sehr viel zu bedeuten. Ihr habt Euch geküsst und er hat Dir gesagt, wie wichtig Du für ihn bist. Meinst Du nicht, er wird diese Geschichte mit dem Artikel gar nicht so ernst sehen? Also ich meine ... vielleicht wird er erst einmal sauer sein, aber wenn er der ist, für den ich ihn halte, wird er Dir verzeihen.
Ich weiß nicht Will. Das ist alles so verfahren.
Aber den Kopf in den Sand zu stecken bringt Dich auch nicht weiter, sagte Will sanft.
Ich weiß. Gib mir einfach noch ein bißchen Zeit, o.k.? Ich muß ... darüber nachdenken.
Als ob Du das nicht schon die ganze Zeit tust.
Mag sein. Aber im Moment ... ich kann das einfach nicht.
Will seufzte abgrundtief und schüttelte dann den Kopf.
Ich sehe schon, Du wirst nicht auf mich hören.
Du hast doch auch keine Ahnung was in AJ vorgeht. Du kennst ihn noch nicht einmal. Wie kannst Du Dir dann so sicher sein?
Ich bin mir nicht sicher, aber Du kannst es auch nicht sein. Ich sage Dir nur was ehrlich und vernünftig wäre.
Und das weiß ich auch zu schätzen, entgegnete ich, stand auf und setzte mich neben ihn auf die Couch. Es dauert vielleicht einfach noch ein bißchen, bis ich den Mut dafür aufbringe.
Will legte einen Arm um meine Schulter und drückte mich an sich. Lust auf ein Ablenkungs- und Unterhaltungsprogramm?
Kommt drauf an, was Du zu bieten hast, grinste ich.
Ich bin auf eine Party heute Abend eingeladen.
Party? ich verzog gequält das Gesicht. Ich glaube nicht, dass ich noch eine Party Deiner Kollegen überstehe. Nicht dass Du mich falsch verstehst, aber eine Veranstaltung, auf der ich gezwungen bin zu reden, ist im Moment nicht gerade mein Fall.
Will lachte neben mir leise ich verstehe was Du meinst, aber in diesem Punkt kann ich Dich beruhigen. Ein alter Freund von mir hat mich eingeladen und der ist dafür berühmt-berüchtigt, dass seine Partys immer ziemlich laut und feuchtfröhlich sind. Vielleicht eine gute Möglichkeit für Dich, alles mal für einen Abend zu vergessen.
Was ist mit Sarah? Wollte sie nicht mit?
Ah, Du bohrst in offenen Wunden, meinte Will und fasste sich theatralisch ans Herz. Sie ist übers Wochenende auf einem Lehrgang und ich vermisse sie wahnsinnig.
Also bin ich nur der billige Ersatz, meinte ich gespielt gekränkt und schob die Unterlippe vor.
Nein, Du bist der einzige Ersatz, aber damit wirst Du leben müssen, grinste Will.
Mit einem Schrei stürzte ich mich für diese gemeine Bemerkung auf ihn und begann ihn durch zu kitzeln, während Boomer bellend um uns herum sprang. Lachend und kreischend wanden wir uns auf dem Sofa und fielen schließlich in einem Knäul aus Armen und Beinen auf den Boden. Schwer atmend wälzte ich mich schließlich von ihm herunter und blieb auf dem Rücken liegen.
Kommst ... kommst Du nun ... mit? japste Will.
Klar komme ich mit. Ich kann Dich doch unmöglich ohne Aufsicht auf die Menschheit los lassen.
Na vielen Dank für Dein Vertrauen, kicherte er.
Ich kenne Dich eben.
Ja, und das ist wirklich schön, erwiderte er und sah mit einem warmen Lächeln zu mir herüber.
Finde ich auch.