Kapitel 27
Am nächsten Tag setzte ich Teil eins meines Planes direkt in die Tat um. Ich fuhr in die Stadt und erstand in einem Geschäft für gebrauchte Elektroartikel einen etwas veralteten, aber für meine Zwecke ausreichenden Laptop. Danach verbrachte ich drei Tage damit, ihn entsprechend zu konfigurieren und Conners Geschichten nach und nach ab zu tippen.
Ich stellte in dieser Zeit fest, mit wie wenig Schlaf ich doch eigentlich auskam und wie einfach es war, meine Welt mit all ihren Problemen hinter mir zu lassen, in dem ich mich ausschließlich mit dem kleinen Melk beschäftigte.
Am vierten Tag suchte ich die Nummer eines befreundeten Verlegers heraus und rief ihn an. Manchmal war mein Job dann doch zu etwas gut.
Nachdem dieses Gespräch beendet war, schnappte ich mir den Laptop und die Mappe mit Conners Geschichten, packte Boomer in den Volvo und fuhr zu dem Wohnheim.
Bevor ich dort aus dem Wagen stieg vergewisserte ich mich ausgiebig, dass nirgends ein schwarzer Porsche zu sehen war, nahm dann meine Sachen und stapfte mit Boomer im Schlepptau, der erst einmal jedes Blümchen und jeden Busch beschnuppern mußte, den kleinen Gartenweg hinauf.
Ein junges Mädchen öffnete mir die Tür. Ich konnte mich nicht mehr an ihren Namen erinnern, hatte sie aber bei meinem ersten Besuch mit AJ bereits kennen gelernt. Sie lies mich hinein und rief dann lautstark nach Conner.
Tersha streckte währenddessen den Kopf aus ihrem Büro und als sie mich erkannte kam sie freudestrahlend und mit ausgebreiteten Armen auf mich zu.
Skyler, was für eine Überraschung, rief sie, drückte mich an sich, lies mich dann los und ging vor Boomer in die Hocke.
Und wer bist Du, hm? fragte sie und hielt ihm ihre Hand hin, die er lange und interessiert beschnupperte.
Das ist Boomer. Ich wollte ihn nicht schon wieder alleine zu Hause lassen. Ich hoffe, das ist o.k.?
Klar ist das o.k.. Wir erlauben hier zwar keine Haustiere, die größer als ein Hamster sind, aber für einen Besuch ist das natürlich mehr als in Ordnung.
Sie richtete sich wieder auf und musterte mich dann ausgiebig.
Du siehst aus, als hättest Du in letzter Zeit wenig Schlaf bekommen, stellte sie fest.
Kann sein, antwortete ich ausweichend.
AJ ist hier gewesen, sagte sie leise.
Ich möchte nicht darüber reden, ging ich sofort in Abwehrstellung und senkte den Blick auf meinen Hund hinunter.
Nun gut. Ihr müsst das selbst irgendwie regeln. Ich möchte nur dass Du weißt, dass ich eine gute Zuhörerin bin. Also ... wenn Du vielleicht irgendwann mal etwas loswerden möchtest ... ,
Dann wende ich mich gerne an Dich, sagte ich lächelnd, obwohl mir eigentlich nicht danach war. Ich hätte zu gerne gewußt, was er ihr erzählt hatte, aber danach zu fragen machte wohl keinen Sinn und wäre auch unfair ihm und ihr gegenüber gewesen.
Ich habe keine Ahnung, was Du mit Conner angestellt hast, änderte sie abrupt das Thema aber seit diesem Abend ist er unglaublich umgänglich. Ich verstehe das zwar immer noch nicht, aber vielleicht sollte man manchmal nicht zu viele Fragen stellen, was?
Da gebe ich Dir vollkommen recht, grinste ich.
Was hast Du denn da alles unter dem Arm? fragte sie dann neugierig.
Das ist ein Geheimnis.
Ein Geheimnis zwischen Dir und Conner, nehme ich an und bestimmt auch der Grund dafür, dass er plötzlich so anders ist.
Tersha, manchmal bist Du mir unheimlich, lachte ich.
Jahrelange Erfahrung, grinste sie.
Auf der Treppe näherten sich hastige Schritte und wir drehten uns gemeinsam zu Conner um, der ein unsicheres Grinsen aufgesetzt hatte.
Hallo Sky, begrüßte er mich.
Hey Conner. Ich habe versprochen, dass ich wieder komme und hier bin ich, lächelte ich.
Ich lasse Euch beide mal alleine, meinte Tersha und verzog sich mit einem Lächeln wieder in ihr Büro, während die Augen der restlichen, anwesenden Kids im Aufenthaltsraum wie gebannt an uns hingen.
Lass uns in mein Zimmer gehen, meinte Conner mit einem Blick in ihre Richtung da sind wir ungestört.
Ich folgte ihm den Flur entlang, die Treppe hinauf und in sein Zimmer. Für einen Moment blieb ich in der Tür stehen und sah mich aufmerksam um.
Das Zimmer war nicht sehr groß und enthielt lediglich ein Bett, einen alten Kleiderschrank und einen Schreibtisch vor dem ein wackeliger Küchenstuhl stand. Ein Fenster darüber gewährte einen Blick in den Garten hinter dem Haus. Die Wände waren in einem dunklen Grün gehalten und zwei riesige Poster, das eine eine Aufnahme der Erde aus der Weltallperspektive, das andere eine Fantasielandschaft mit lila Bäumen und blauem Gras, verliehen dem Raum zusätzliche Farbtupfer.
Ein ganzer Berg Bücher stapelte sich neben dem Schreibtisch, vor dem Bett und an jedem freien Fleckchen an der Wand entlang. Hauptsächlich Fantasy- und Science Fiction Romane, die Buchrücken teilweise zerfleddert oder nicht mehr vorhanden, mit Eselsohren und Schmutzflecken, aber sie machten deutlich, dass jedes einzelne Exemplar geliebt wurde. In einer Nische neben dem Bett schließlich, lehnten ein alter Baseballschläger und eine Gitarre.
Boomer hatte bereits seine Erkundungstour durch das Zimmer aufgenommen, schlängelte sich vorsichtig an den Bücherstapeln entlang und steckte schließlich seinen Schnauze in den halbvollen Papierkorb neben Conners Schreibtisch.
Hey Du Monster, lachte Conner gutmütig und versuchte Boomers Kopf wieder hervor zu ziehen. Der Inhalt geht Dich gar nichts an.
Boomer lies sich schließlich mit sanfter Gewalt dazu überreden, den Papierkorb in Ruhe zu lassen, warf einen kurzen Blick auf mich und sprang dann mit einem großen, eleganten Satz auf Conners Bett.
Boom, NEIN! rief ich entsetzt das ist Conners Bett, komm da sofort runter.
Lass ihn doch, meinte Conner und kraulte Boomer zärtlich zwischen den Ohren.
Du wirst diesen Satz noch bereuen, wenn Du heute Nacht die ganzen Hundehaare in der Nase hast, prophezeite ich.
Ach was. Ich liebe Hunde, entgegnete Conner und sah dann amüsiert zu mir hinüber, da ich immer noch im Türrahmen stand.
Du hast sie also gelesen? kam er schließlich zum Grund meines Besuches, zog mich am Arm ganz in den Raum hinein, vergewisserte sich mit einem kurzen Blick in den Flur, dass niemand dort stand und lauschte, und schloss die Tür.
Ja, ich habe sie gelesen. Verschlungen würde es sogar eher treffen, fügte ich lächelnd hinzu und lies mich neben Boomer auf das Bett fallen.
Du verarschst mich, meinte Conner ungläubig, setzte sich rittlings auf den Stuhl, verschränkte die Arme auf der Lehne und musterte mich misstrauisch.
Nein, ganz ehrlich. Die Geschichten sind fantastisch, Du kannst Dich ausdrücken, Du schaffst es, dass einem alles ganz plastisch vor Augen steht und Deine Charaktere sind so zu sagen zum anfassen real. Wirklich unglaublich!
Conners Hände verschwanden in seinem Schoß, seine Wangen glühten in einem tiefen Rot und er traute sich scheinbar nicht mehr, mich an zu sehen.
Conner?
Hm?
Sieh mich an.
Langsam hob er den Blick und ich rutschte ein wenig auf der Bettkante nach vorne um ihm direkt in die Augen sehen zu können.
Du mußt aus Deinem Talent unbedingt etwas machen, sagte ich eindringlich. Du hast das Potential ein neuer Ethan Young zu werden.
Du spinnst! An Ethan Young kommt keiner ran.
Irrtum. Deine Storys sind ähnlich fantastisch, auch er hat seine Geschichten in sehr jungen Jahren veröffentlicht und ... ich kenne seinen Verleger recht gut.
Scheinbar benötigte er eine ganze Weile um diese Information in sein Hirn einsickern zu lassen. Als er schließlich die Tragweite meiner Worte begriff, sprang er wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl auf und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen.
Boomer verfolgte diese Wanderung aufmerksam mit aufgestellten Ohren und weit aufgerissenen Augen und auch mein Blick hingen an der schlaksigen Gestalt, die sich jetzt immer wieder aufgeregt durch die langen Haare fuhr und dabei undeutlich vor sich hinmurmelte.
Ich könnte Dich mit ihm zusammen bringen, sagte ich vorsichtig. Conner blieb unvermittelt stehen und wandte sich ruckartig zu mir um.
Hast Du sie ihm gezeigt? fragte er und seine Stimme zitterte dabei gefährlich.
Nein, habe ich nicht. Das hatte ich Dir doch versprochen, oder?
Conner nickte langsam.
Ich habe allerdings mit ihm telefoniert und er meinte, ich solle das erst einmal mit Dir abklären und ihm dann ein Exposé schicken.
Ein Exposé? Conner schien am Rande eines Nervenzusammenbruchs zu stehen.
Das ist nichts schlimmes. Das ist so zu sagen eine Art Inhaltsangabe, nur ein bißchen umfangreicher und mit einer Leseprobe versehen.
Klar, ich kann ihm ja mein Gekrakel da vorbei schicken, meinte Conner sarkastisch und deutete mit dem Kopf auf den Stapel Papier, den ich über dem Laptop auf meinem Schoß liegen hatte. Er wird sicherlich sehr begeistert sein, fügte er noch hinzu und lies sich dann endlich wieder auf seinen Stuhl fallen.
Dafür habe ich auch schon eine Lösung.
Na, da bin ich aber mal gespannt, schnaubte Conner und lehnte sich mit den Ellenbogen nach hinten auf seinen Schreibtisch. Normaler Weise eine recht großkotzige Geste, in seinem Fall aber wohl eher ein Ausdruck seiner Hilflosigkeit.
Ich nahm die Mappe mit seinen Geschichten und legte sie neben mich auf das Bett, dann hielt ich ihm den Laptop entgegen.
Für Dich, sagte ich.
Conner blickte einen Moment von dem Gerät in meinen Händen zu mir und wieder zurück, als wolle er damit sagen, dass das doch sicherlich ein Scherz war und er ganz sicher nicht so tun würde, als würde er auch nur eines von meinen beiden Worten glauben.
Jetzt nimm ihn schon, drängte ich und versuchte dabei mein Grinsen etwas ein zu dämmen.
Das ... der ... ist wirklich ... für mich? Scheinbar konnte er das immer noch glauben.
Na klar. Ein Künstler braucht doch das richtige Werkzeug, meinst Du nicht? Er ist schon etwas veraltete, aber zum Schreiben taugt er alle mal und wenn wir noch ein bißchen herum tüfteln, können wir sicherlich auch eine Internetverbindung herstellen. Du könntest dann ... ,
Stop! sagte er und klang dabei ziemlich verzweifelt, was mich dazu veranlasste, mir sein Gesicht genauer an zu sehen. Er war auf seinem Stuhl noch etwas weiter nach hinten gerutscht und seine Augen glitzerten verräterisch.
Ich kann das nicht annehmen, sagte er und schluckte.
Natürlich kannst Du.
Nein, kann ich nicht, gab er störrisch zurück. Ich könnte das niemals zurück zahlen. Falls Du Dich daran erinnerst: Ich habe keinen Job und somit auch kein Geld.
Das soll ein Geschenk sein, erwiderte ich sanft, doch er schüttelte sofort den Kopf.
Ich werde das nicht annehmen.
Ich seufzte. Mit so viel Gegenwehr hatte ich nicht gerechnet.
Ich versuchte mich zu sammeln und mir die richtigen Argumente zurecht zu legen. Um mir dafür etwas Zeit zu verschaffen klappte ich den Laptop auf und schaltete ihn ein.
Also gut. Dann ... tun wir einfach so, als wäre das eine Leihgabe, sagte ich.
Ich weiß nicht. Wirklich Sky, das ist ... nicht fair.
Hör zu. Wenn Du es genauer betrachtest, ist das purer Egoismus was ich hier mache. Ich liebe Deine Storys, ich bin sozusagen süchtig danach. Ich will, dass Du mehr davon schreibst, ich will, dass Du die Welt, die Du in Deinem Kopf und auf diesen Bergen von Papier erschaffen hast, wieder zum Leben erweckst und ein Buch schreibst. Ich will das, weil ich diese Welt liebe, weil ich mich darin besser verstecken kann als sonst wo auf diesem scheiß Planeten. Verstehst Du? Je länger ich redete, um so schneller sprudelten die Worte aus mir heraus und um so heftiger klopfte mein Herz. Was, verdammt noch mal, fiel mir eigentlich ein, mein Seelenleben vor diesem Knirps auszubreiten?
Er starrte mich für einen Moment mit offenem Mund an, dann nickte er langsam, streckte die Arme aus und nahm den Laptop vorsichtig an sich.
Ich habe keine Ahnung von diesen Dingern, sagte er leise.
Ich kann Dich helfen, es ist gar nicht so schwer, gab ich genau so leise zurück.
Wieder nickte er.
Dir geht es nicht so gut, kann das sein? fragte er plötzlich, seinen Blick immer noch auf den Monitor gerichtet.
Nicht so besonders, ja. Aber ... das hat nichts mit Dir zu tun.
Mit AJ, oder? fragte er weiter und das Herz rutschte mir in die Hose.
Hat er etwas zu Dir gesagt?
Nein. Er war vor zwei Tagen hier und hat sich lange mit Tersha unterhalten. Er ... ich meine ... er hatte einen ähnlichen, seltsamen Ausdruck in den Augen wie Du gerade. Endlich hob er den Blick und sah mich an.
Mach Dir keine Gedanken darüber, erwiderte ich kümmere Dich lieber um Deine Storys, das ist mir im Moment viel wichtiger.
Gib ihm eine Chance, entgegnete Conner und ich sah ihn verständnislos an.
Er hat schon eine ganze Menge Scheiße mitgemacht, aber ... er ... ist ein klasse Kerl. Er wäre sicherlich gut für Dich.
Das mag sein, aber in diesem Fall bin wohl ich nicht gut genug für ihn.
Wieso? Er drehte sich halb auf seinem Stuhl herum und stellte den Laptop auf seinem Schreibtisch ab, dann wandte er sich wieder mir zu.
Das kann ich Dir nicht erklären, wehrte ich ab.
Hm. Ich denke, Du solltest es zumindest ihm erklären.
Ich kann nicht, wiederholte ich.
Kannst Du oder willst Du nicht? Das ist ein Unterschied.
Ich kann und ich will nicht, o.k.? Und jetzt lass uns bitte das Thema wechseln.
In Ordnung Frau Hobby-Psychologin. Würdest Du mir also zeigen, wie dieses Ding hier funktioniert?
Sehr gerne, nickte ich und erwiderte sein warmes Lächeln.
Manchmal war es schon seltsam, aus welcher Richtung einem Verständnis entgegen gebracht wurde.