Kapitel 26
Ich erwachte am nächsten Morgen, weil mich etwas an der Nase kitzelte. Als ich die Augen aufschlug, fiel mein Blick auf ein Meer von grauem, struppigem Haar, das sich unter Boomers entspannten Atemzügen hob und senkte. Liebevoll fuhr ich mit meinen Fingern durch sein Fell, was dazu führte, dass er sich den Hals verrenkte um mich für einen Moment mit seinen sanften, dunklen Augen blinzelnd an zu sehen und dann wohl beschloss, dass es für ihn noch zu früh war, um aufzustehen. Mit einem lauten Seufzer lies er sich zurück in die Kissen fallen, scharrte einen Moment mit den Pfoten um wieder in eine bequeme Position zu finden, und blieb dann ruhig liegen.
Ich schloss wieder die Augen, bestrebt mein Gehirn nicht durch irgendwelche übertriebenen Bewegungen aufzuwecken. Aber natürlich war es dafür schon zu spät. Meine Abwehrmechanismen waren noch nicht ganz wach und so konnten die Ereignisse des vergangenen Abends ungehindert vor meinem geistigen Auge auftauchen.
Das Ganze lief rückwärts ab: Boomer, der hoch erfreut ins Bett gesprungen war, was er normaler Weise nicht durfte. Doch ich brauchte in dieser Nacht einfach die Nähe eines Lebewesens, von etwas, das mich liebte, so wie ich war.
Danach sah ich mich mit dem Rücken gegen die Haustür gepresst stehen, meine sämtlichen Sinne darauf ausgerichtet, was AJ draußen wohl tat. Für eine Weile hörte ich gar nichts, dann wurde eine Autotür so heftig zugeschlagen, dass es sich dabei auch durchaus um einen LKW statt einem Porsche hätte handeln können, dann startete brüllend der Motor und mit quitschenden Reifen schoss der Wagen davon und das ganz eindeutig nicht in Richtung seines zu Hauses.
Dann sah ich mich wieder auf dem Gehweg stehen um etwas mit den falschen Worten zu erklären. Er hatte es nicht verstanden, war ja klar. Wie hätte ich ihm auch sagen können, dass ich mich zwar in ihn verliebt hatte, er mich aber keines Blickes mehr würdigen würde, wenn er wüsste, was ich getan hatte?
Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich für seinen Schmerz in den letzten Wochen verantwortlich war, dass ich ihn absichtlich verletzt hatte, weil ich eine Egoistin war, nur darauf bedacht mich selbst und mein eigenes Leben ins rechte Licht zu rücken.
Das Verwirrenste an dem Ganzen war wohl, dass ich ihm diesen Umstand nicht verschwiegen hatte, weil ich Angst hatte, dass er mich dann hasste (was ganz sicher passieren würde), sondern ich ihm nicht das Gefühl geben wollte, erneut etwas falsch gemacht zu haben.
Sein Selbstvertrauen war sowieso erschüttert, sein Selbstwertgefühl lag am Boden und ich würde die Letzte sein, die darauf auch noch herum trampelte. Sollte er mich ruhig hassen, für das was ich gerade eben getan hatte, aber er durfte nicht denken, dass er daran schuld war.
Schließlich tauchte unser Kuss vor meinem geistigen Auge auf. Ich spürte seine Hände auf meinem Körper, seine Lippen auf meinen und mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich hörte seine raue Stimme wie sie Dich zu küssen raunte und ich spürte wieder seine leidenschaftliche Umarmung, spürte, dass er mich wirklich wollte und das nicht einfach nur ein Spiel gewesen war.
Seufzend drehte ich mich auf den Rücken und starrte an die Decke. Ich hatte es mal wieder verbockt. Eigentlich sollte mich das nicht mehr überraschen, doch es tat trotzdem weh.
Ich war aufgestanden und hatte mit Bommer einen kurzen Spaziergang gemacht. Ich wandte mich absichtlich in die Richtung, die entgegengesetzt zu AJs Haus lag. Ich wollte ihm nicht begegnen und ihm keine Gelegenheit geben, mich vielleicht von der Terrasse aus zu entdecken.
Stattdessen wandte ich mich dem felsigeren Strandabschnitt zu, fühlte mich allerdings an der frischen Luft und unter dem endlos blauen Himmel nicht wohl, so dass unser Ausflug relativ schnell beendet war.
Jetzt saß ich mit dem Telefon in meiner Hand auf der Couch und überlegte, ob ich wirklich tun sollte, was mir unterwegs so plötzlich eingefallen war.
Mit zittrigen Fingern begann ich die Nummer zu wählen, legte aber sofort wieder auf, nur um gleich darauf erneut die selben Tasten zu drücken.
Dieses Spielchen vollführte ich ungefähr fünf Mal, bis ich schließlich genug Mut zusammen gekratzt hatte um die Nummer zu Ende zu wählen und mir den Hörer an das Ohr zu drücken.
Nach dreimaligem Klingeln sprang der Anrufbeantworter an:
Hier ist der Anschluß von Hannah und Simon. Wir sind im Moment nicht da, aber ihr könnt uns gerne eine Nachricht hinterlassen. Das war Hannahs Stimme und gleich darauf mischte sich Simon in das Gespräch ein: Wir überlegen uns dann, ob wir zurückrufen. Es folgte haltloses Gekicher von den beiden, dann ein kurzer Piepton und ich beendete das Gespräch.
Nun gut, Plan A war fehlgeschlagen, also weiter zu Plan B. Diesmal fiel es mir relativ leicht, die Nummer zu wählen. Allerdings dauerte es hier eine halbe Ewigkeit, bis sich eine verschlafene Stimme meldete.
Hallo?
Hey Will. Wie geht es Dir?
Sky?
Ja, wer sonst? schmunzelte ich.
Warte einen Moment ... , ich hörte, wie die Bettdecke raschelnd zurück geschlagen wurde und dann nackte Füße, die über den Parkettboden liefen. Schließlich wurde eine Tür leise geschlossen und ich hörte wieder Wills vertraute Stimme.
Du bist ganz schön früh, kann das sein? murmelte er und schien immer noch nicht richtig wach zu sein.
Erstens ist es bereits nach elf, was in meinen Augen nicht sonderlich früh ist, entgegnete ich und zweitens brenne ich darauf zu erfahren, wie es gestern gelaufen ist.
Hm ... welche Version möchtest Du denn hören? Die jugendfreie oder die etwas ... ähm ... erwachsenere Version, meinte er kichernd.
Oh mein Gott Will! wie elektrisiert sprang ich von der Couch auf und hatte augenblicklich den eigentlichen Grund meines Anrufes vergessen.
Ist sie noch da? hauchte ich in den Hörer.
Was meinst Du, warum ich jetzt hier in der Küche sitze und friere? lachte er gutmütig.
Oh Mann. Das ist großartig. Ich freue mich so für Dich ... uhm ... Euch.
Danke, danke, danke. Der Präsentkorb wird demnächst zugestellt. Immerhin haben wir das alles Dir zu verdanken.
Ach was. Das hättet ihr auch alleine hinbekommen. Hätte vielleicht etwas länger gedauert, aber ... ,
Nie im Leben Sky. Das weißt Du genau so gut wie ich, unterbrach er mich.
Ach ... ist ja auch egal. Und? Also ich meine ... ist sie so, wie Du es Dir vorgestellt hast?
In welcher Beziehung? fragte er schmunzelnd.
In jeder Beziehung, gab ich lachend zurück.
Sie ist ... perfekt. Liebevoll, witzig, eine gute Zuhörerin, charmant ... einfach ... unwiderstehlich.
Oh Mann. Das ist soooo cooool.
Ja, das ist es. Ich ... kann es noch gar nicht richtig glauben. Und Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie gut sie riecht und wie schön es ist, wenn man morgens neben ihr aufwacht. Sie sieht dann aus, wie ein Engel.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich daran dachte, neben wem ich heute morgen aufgewacht war und neben wem ich hätte aufwachen können.
Das habt ihr wirklich toll hingekriegt, lobte ich ihn, einfach nur um irgendetwas zu sagen.
Ja, ich bin selbst ein bißchen stolz auf mich. Hey, Du mußt sie unbedingt näher kennen lernen. Ich bin mir sicher, ihr würdet Euch hervorragend verstehen.
Das werde ich ganz bestimmt, aber erst einmal solltet Ihr Eure Zweisamkeit genießen.
Ja, vielleicht hast Du recht. Aber ... uhm ... Du weißt hoffentlich, dass ich trotzdem jederzeit für Dich da bin, ja?
Klar, gab ich im Brustton der Überzeugung zurück, obwohl ich immer weiter in mich zusammen schrumpfte. Mir war klar, dass ich ihn jetzt nicht mit meinen Problemen belasten konnte. Er hatte so lange auf Sarah gewartet, sie aus der Ferne angehimmelt und sich nach ihr verzehrt, da konnte ich ihm dieses Gefühl mit der Sorge um mich nicht kaputt machen.
Wie ist denn Dein restlicher Abend gelaufen? fragte er plötzlich, was mich etwas aus dem Konzept brachte.
Oh, ganz gut. Ich ... habe unterwegs noch einen Jungen aus diesem Heim aufgegabelt. Du erinnerst Dich? Ich habe Dir von dem Projekt erzählt.
Ach ja. Dieses Wohnheim, mit dem AJ zu tun hat, richtig?
Ja genau das, ich schluckte und schloss für einen Moment die Augen. Alleine die Erwähnung seines Namens machte mich unruhig.
Jedenfalls ... wir haben uns ein wenig unterhalten und er ... also Conner, so heißt er ... schreibt kleine Geschichten und ich dachte, ich könnte ihm da vielleicht unter die Arme greifen. Ich weiß noch nicht genau wie und auch noch nicht einmal, ob er wirklich gut ist aber ... na ja ... es ist irgendwie schön gebraucht zu werden und ... uhm ... es war ein schöner Abend.
Das beruhigt mein schlechtes Gewissen ungemein.
Schlechtes Gewissen? Wieso?
Na ja, ich schleppe Dich auf die Party mit und kümmere mich dann den ganzen Abend nicht um Dich.
Ach Will, gab ich liebevoll zurück das war doch der Plan. Mach Dir keine Gedanken. Das war alles gut so, wie es gelaufen ist. Und hey, sie liegt jetzt in Deinem Bett. Hätte es besser laufen können?
Nein, hätte es nicht, entgegnete er und die Wärme in seiner Stimme trieb mir schon fast die Tränen der Rührung in die Augen. Es war wundervoll, ihn so glücklich zu sehen.
Dann würde ich vorschlagen, Du kriechst jetzt wieder zu ihr unter die Decke und meldest Dich einfach, wenn Du wieder klar denken kannst, kicherte ich.
Das könnte eventuell bis ans Ende meines Lebens dauern, lachte er.
Kein Problem, ich kann warten, gab ich zurück.
In Ordnung. Dann machs gut und ich melde mich demnächst bei Dir, ja? Damit wir wie zwei alte Waschweiber die neusten Neuigkeiten austauschen können.
Alles klar, das machen wir.
Dann bis dann, ja?
Ja, bis dann.
Ich legte den Hörer auf und seufzte leise. Also aus dieser Richtung war im Moment auch keine Hilfe für mein Gedankenchaos zu erwarten. Immerhin hatte mich das Gespräch an Conners Geschichten erinnert. Ich hatte also zumindest etwas, was mich eine Weile von meinen Problemen ablenken würde ... hoffte ich zumindest.
Der scharlachrote König saß aufrecht und majestätisch auf seinem Thron, als der kleine Melk vor ihn trat. Er hatte Angst, sogar sehr große Angst. Noch nie hatte ein Melk dem König Auge in Auge gegenüber gestanden und nur der Gedanke an seine große Aufgabe hielt ihn davon ab, einfach Kehrt zu machen und mit wehenden Kleidern aus dem Thronsaal zu stürmen ...
Ich saß nun schon mehrere Stunden fasziniert über Conners Geschichten gebeugt, versuchte die krakelige Handschrift zu entziffern und lies mich dabei in eine Welt entführen, die augenscheinlich nichts mit unserer und unserem Planeten gemein hatte, aber so viele wunderschöne Anlehnungen und Metaphern enthielt, dass ich wie gebannt ein Blatt nach dem anderen aus der Mappe hervorzog.
Es war unglaublich, welches Talent in Conner steckte. Er schien alles, was ihm einmal zugestoßen war, jede Erfahrung, ob nun gut oder schlecht, in seinen Geschichten zu verarbeiten. Eigentlich handelte es sich bei dem Inhalt der Mappe um voneinander unabhängige Kurzgeschichten, doch gewisse Figuren tauchten immer wieder auf: Der kleine Melk zum Beispiel, um den sich sämtliche Geschichten drehten, mit seinem flammenden, roten Haar und der spitzen Nase, der scharlachrote König, der in seinen Entscheidungen hart und in seinen Methoden oft grausam war, die liebliche Cousine des Melk, die Conner als rein wie der Tau des Morgens und schön wie ein strahlender Sonnenaufgang beschrieb diese Figuren waren mir in der kurzen Zeit unglaublich ans Herz gewachsen. Conner schaffte es, dass man sich seinen Hauptakteuren nahe fühlte, mit ihnen fieberte und litt und nicht aufhören konnte zu lesen, bis man auch das letzte Blatt buchstäblich mit den Augen verschlungen hatte.
Als ich schließlich, mit einem gewissen Bedauern, eben dieses zur Seite legte, zog vor meinem Fenster bereits die Dämmerung herauf und ich hatte einen nicht ganz einfachen, aber genialen Plan. Doch zu erst mußte ich mich um Boomer kümmern, der in der letzten Stunde immer öfter zu meinem Schreibtisch geschlichen kam um mir auffordern den Kopf in den Schoß zu legen.