Kapitel 24

Die ersten Meilen legten wir schweigend zurück. Conner starrte aus dem Fenster und schien ansonsten so zu tun, als sei ich gar nicht da. Ich selbst suchte krampfhaft in meinem Gehirn nach etwas, mit dem ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenken konnte.
„Hast Du Hunger?“ versuchte ich die Unterhaltung schließlich in Gang zu bringen.
„Ich habe immer Hunger,“ gab er zurück.
„Hast Du eine Ahnung, ob es hier in der Nähe vielleicht ein kleines Lokal ... ,“
„Ehrlich gesagt wäre mir McDonalds lieber,“ unterbrach er mich.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„O.k..“ Ich zuckte mit den Schultern und suchte mit den Augen die Umgebung nach einem großen rot/gelben Schild ab.
„Die nächste links und dann die dritte rechts,“ informierte mich Conner, der scheinbar gemerkt hatte, dass ich in diesem Gewirr von Straßen relativ hilflos war.
Ich folgte seinen Anweisungen und als ich nach fünf Minuten nach rechts abbog, sah ich schon von weitem das riesige Schild, das sich strahlend vor dem dunklen Nachthimmel abhob.
Ich stellte den Wagen auf dem hell erleuchteten Parkplatz ab und stieg gemeinsam mit Conner aus. Trotz der späten Uhrzeit, oder auch gerade deswegen, war das Restaurant gut besucht. Wir stellten uns an der langen Schlange an und während wir in kleinen Schritten zur Theke vorrückten, versuchte ich die kleine Schrift auf den Speisekarten über mir zu entziffern.
Es war schon ewig her, dass ich in einem Schnellrestaurant etwas gegessen hatte. Das lag weniger daran, dass es mir nicht schmeckte, sondern dass ich ein gemütliches Lokal mit gutem Wein und einer freundlichen Bedienung einfach vorzog.
Als wir schließlich an der Reihe waren, schien es mir, als bestelle Conner einmal die Speisekarte rauf und runter, während ich mich mit zwei Cheeseburger und einer kleinen Cola begnügte.
Ich bezahlte eine, in meinen Augen, viel zu hohe Rechnung und folgte Conner dann durch das Lokal, der mit unserem Tablett in den Händen voraus ging, durch eine weit geöffnete Tür in die Nacht hinaus trat und dann einen Tisch wählte, der so weit wie möglich vom Eingang entfernt lag.
Wir setzten uns auf relativ unbequem aussehende Holzbänke, Conner stellte das Tablett zwischen uns ab und begann auch sofort einen riesigen Burger aus einem Pappkarton heraus zu schälen.
Während ich meinen Cheeseburger auswickelte, schweifte mein Blick über die restlichen Tische. Die Hälfte war von Jungendlichen besetzt, die sich teilweise lautstark und mit viel Gelächter unterhielten. Niemand achtete auf uns und für einen Moment hatte ich das unwirkliche Gefühl, dass Conner und ich unsichtbar waren, dass uns niemand sehen konnte und ich schüttelte entsetzt über mich selbst den Kopf.
„Alles in Ordnung?“ fragte Conner misstrauisch und ich konnte lediglich nicken, da mein Mund mit lauter ungesunden Dingen voll gestopft war, die zwar nicht nach einem Burger aber trotzdem irgendwie gut schmeckten.
„Bist Du öfter hier?“ fragte ich, nachdem ich geschluckt hatte.
„Nein, nicht sehr oft,“ entgegnete er, während er weiter an seinem Burger kaute und sich dabei eine Flut von Ketchup und Mayonnaise über seine Finger ergoss.
„Waren das vor dem Supermarkt Deine Freunde?“ fragte ich weiter.
„Nein.“
„Nein? Aber ... nun ja ... ihr schient schon sehr vertraut miteinander zu sein.“
„Das bedeutet aber noch nicht, dass sie auch meine Freunde sind, oder?“ gab er eher amüsiert als ärgerlich zurück.
„Da hast Du wohl recht. Hast Du denn Freunde?“
„Nicht sehr viele,“ gab er zu und musterte dabei aufmerksam mein Gesicht. „Und Du? Hast Du Freunde?“ fragte er mit einem breiten Ketchup-Grinsen. Scheinbar hatte er beschlossen, hier wieder zu dem vertraulichen Du überzugehen.
„Nicht sehr viele,“ gab ich zurück und mußte nun ebenfalls grinsen.
„Was ist mit AJ?“
„AJ? Hm ... ja, ich denke wir sind Freunde.“
„Nur Freunde?“
„Ja, nur Freunde,“ nickte ich. „Und Du? Ist er auch Dein Freund?“
„So etwas ähnliches,“ erwiderte er.
„Was bedeutet das?“
„Wir verstehen uns ganz gut, würde ich sagen. Er ... hm ... ich denke, er kann verstehen, wie und wer ich bin und das kann man nicht von sehr vielen Menschen behaupten.“
„Was ist mit Deinen Eltern?“
Er gab lediglich ein abfälliges Schnauben von sich und zog dann die Schachtel mit den Pommes Frites zu sich heran.
„War das Deine Antwort?“ fragte ich amüsiert.
„Ja, das war meine Antwort. Sonst noch irgendwelche Fragen?“ er hatte seinen aggressiven Tonfall wieder aufgesetzt und machte mir damit klar, dass ich in diese Richtung wohl besser nicht weiter fragen sollte.
Ich widmete mich meinem zweiten Cheeseburger und für eine Weile durchbrach nur Conners leises Schmatzen die Stille zwischen uns.
Schließlich nahm ich einen neuen Anlauf.
„Hast Du irgendwelche Ziele? Ich meine ... was möchtest Du mit Deinem Leben anfangen?“
„Du klingst wie Sandy und Tersha,“ entgegnete Conner und runzelte dabei missbilligend die Stirn.
„Es interessiert mich eben.“
„Ziele .. das ist nur etwas für Menschen mit Perspektive,“ sagte er und steckte sich eine Handvoll Pommes in den Mund. Die Enden schauten aus seinem Mund heraus und nach und nach zog er sie zwischen seine Lippen, um genüsslich darauf herum zu kauen. Dabei lies er mich keine Sekunde aus den Augen. Scheinbar war er der Meinung, dass er mich mit seinen fehlenden Tischmanieren schocken konnte. Doch das war mir im Moment ziemlich egal.
„Wie meinst Du das? „Menschen mit Perspektive“? Meinst Du, dass Du keine hast?“
„Schätzchen, sieh mich doch mal an. Ich bin weder für eine geregelte Arbeit geeignet, noch würde ich mir irgendetwas von irgendeinem Chef sagen lassen, noch versetzt mich die Aussicht auf einen geregelten Tagesablauf in Verzückung.“
„Auch für diese Einstellung gibt es sicherlich etwas passendes für Dich,“ gab ich unbeirrt zurück „und nenn’ mich nicht Schätzchen, das macht mich aggressiv.“
Doch er lachte nur „ich mag das, Schätzchen.“
„Du tust grundsätzlich das Gegenteil von dem, was man Dir sagt, oder?“
„Ja, das ist sozusagen meine Lebensphilosophie,“ gab er unumwunden zu.
„Nun gut. Mal abgesehen von dem geregelten Tagesablauf ... uhm ... was würde Dir denn Spaß machen? Gibt es irgendetwas, für das Du Dich begeistern kannst?“
Er legte seinen Burger aus der Hand und begann an den Fingern ab zu zählen „Weiber, Drogen, Partys, Alkohol ... ich denke, das dürfte es sein ... oh ... und schnelle Autos natürlich.“
„So meinte ich das nicht,“ ich sah ihn an und uns war beiden klar, dass er wußte, dass ich das so nicht gemeint hatte. „Ich meine ... womit beschäftigst Du Dich, wenn Du Freizeit hast. Was tust Du, wenn Dir langweilig ist?“
„Mit meinen Freunden abhängen,“ gab er zurück.
„So wie vorhin?“
„So in etwa.“
„Ich dachte, sie wären nicht Deine Freunde?“
„Klugscheißer,“ gab er zurück und kaute ungerührt weiter.
„Also. Bei mir ist das zum Beispiel so, dass ich gerne Schreibe. Also ... hm ... manchmal ziemlich dummes Zeug, wie meine Seele aussieht und so etwas, manchmal auch darüber, was in der Welt passiert, manchmal auch irgendwelche erfundenen Dinge. Ich ... es beruhigt mich irgendwie, meine Finger auf eine Tastatur zu legen und dabei zu zu sehen, wie meine Gedanken aus meinem Kopf auf einen Bildschirm gelangen.“
Während ich sprach, wurden seine Kaubewegungen immer langsamer, bis er schließlich ganz inne hielt und mich aus großen Augen anstarrte.
„Das hat Dir AJ erzählt, oder?“ fragte er und knallte in einer wütenden Bewegung die Reste seinen halbaufgegessenen Burgers in den Karton zurück.
„Was? Nein! Ich habe Dir nur erzählt wie ... geht ... geht es Dir etwa auch so?“
Er schwieg eine ganze Weile und in seinem Gesicht konnte man die verschiedensten Gefühlsregungen ablesen: Wut darüber, dass AJ mir, seiner Meinung nach, sein Geheimnis verraten hatte, Zweifel, ob er dies wirklich getan hatte, Bewunderung dafür, dass ich das gleiche empfand wie er, Misstrauen, ob ich ihn nicht doch aufs Kreuz legen wollte und schließlich so etwas ähnliches wie Resignation.
„Ja, mir geht es so ähnlich. Allerdings schreibe ich ... nun ja ... kleine Geschichten.“
„Was für Geschichten?“ ich hatte mich gespannt nach vorne gebeugt und mein Essen komplett vergessen.
„Geschichten eben ... über ... keine Ahnung ... der Held, der alle rettet, einen weit entfernten Planeten, der droht vernichtet zu werden ... so etwas eben.“
Es war ihm peinlich, das sah man ganz deutlich und trotzdem hatte er es mir gegenüber zu gegeben. Es war beinahe zu schön um wahr zu sein.
„Hast Du davon mal etwas an einen Verlag geschickt?“
„Träum’ weiter Schätzchen,“ sagte er und lachte freudlos.
„Aber wieso nicht?“ das Schätzchen überhörte ich absichtlich.
„Weil niemand so einen Schwachsinn drucken würde, ganz einfach,“ gab er in einem Tonfall zurück, der mir deutlich machte, was für eine dämliche Person ich in seinen Augen doch war. „Außerdem sind alle Schriftsteller schwul, das passt nicht zu mir.“
Jetzt war es an mir los zu lachen.
„Alle Schriftsteller sind schwul? Wie kommst Du denn bitte schön darauf?“
„Das weiß doch jeder,“ gab er, etwas unsicher geworden, zurück.
„Ganz zufällig habe ich schon einige kennen gelernt und die sind ganz eindeutig nicht schwul. Einer vielleicht, aber das hat sicherlich nichts mit seinem Beruf zu tun,“ schmunzelte ich.
„Echt? Du kennst ... also ... so richtige Schriftsteller?“
Von einem auf den anderen Moment hatte ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Ja, ich kenne ein paar sogar sehr gut. Natürlich nicht die ... hm ... richtig großen Namen, aber ... sie haben mit Erfolg schon ein paar Bücher veröffentlicht und können davon sehr gut leben. Sie lehnen genau wie Du den „geregelten Tagesablauf“ und „arbeiten für einen Hungerlohn“ und „machen was der Chef sagt“ ab. Wenn Du möchtest, könnte ich Dich mal ein paar vorstellen.“
„Tatsächlich?“ Sein Gesicht leuchtete, als hätte ich ihm gerade das Geschenk der Geschenke gemacht und ich erkannte in diesem Moment den wahren Conner, wie er vielleicht früher einmal gewesen war.
Nicht der sarkastische, verbiesterte und vom Leben enttäuschte Halbstarke, der immer wieder in Schwierigkeiten geriet, sondern der fröhliche, glückliche und interessierte Junge, der er eigentlich noch sein sollte.
„Wenn Du das möchtest, sehr gerne. Allerdings müssen wir dafür nach Pensylvania fahren.“
„Oh,“ das Leuchten in seinem Gesicht erlosch schlagartig und er wandte sich wieder seinem Essen zu, schob sich lustlos eine Pommes in den Mund und schob das Tablett dann weit von sich. Eine Karton- und Plastikverpackungswüste türmte sich inzwischen darauf, unsere Getränke waren halb leer und irgendwie sah der Pappbecher so aus, als würde er im nächsten Moment durchweichen.
„Wo liegt das Problem?“ fragte ich.
„Da gibt es gleich mehrere,“ entgegnete er. „erstens habe ich kein Geld um die Reise zu bezahlen und zweitens verstößt das gegen meine Bewährungsauflagen, mal ganz abgesehen davon, dass Tersha das nie im Leben zulassen würde.“
„Bewährungsauflagen?“ ich schluckte überrascht.
„Ja, stell’ Dir vor. Ich bin vorbestraft. Und? Packst Du jetzt Dein teures Handtäschchen und rettest Dich in Deinen abgewrackten Volvo?“
„Mich jetzt wieder blöd von der Seite an zu machen bringt Dir gar nichts,“ gab ich ruhig zurück. „Für jedes Problem gibt es eine Lösung und ich würde Dir gerne dabei helfen ... vorausgesetzt, Du lässt mich.“
„Du bist wirklich seltsam,“ sagte er und ein leichtes Grinsen war bereits in seine Gesichtszüge zurück gekehrt.
„Ich bin NICHT seltsam. Was habt ihr nur immer alle?“ protestierte ich und Conner begann meckernd zu lachen.
„Oh, oh, da habe ich wohl direkt ins Schwarze getroffen.“
„Sieht so aus,“ gab ich mit knirschenden Zähnen zu.
„Ich glaube, das seltsam gar nicht negativ gemeint ist,“ sagte er und die Sanftheit in seiner Stimme brachte mich vollends aus dem Konzept.
„Wie ... wie meinst Du das?“
„Hm ... ich mag seltsame Menschen. Sie sind nicht berechenbar, meistens auf ihre ganz eigene Art ehrlich und ... hm ... einfach nicht normal.“
„Aus Deinem Mund klingt es tatsächlich wie ein Kompliment,“ mußte ich zugeben und brachte ihn damit schon wieder zum Lachen.
„Weißt Du,“ sagte er dann, als er sich etwas beruhigt hatte „als ich Dich das erste Mal mit AJ im Heim gesehen habe, dachte ich, Du wärst eines seiner strohdummen Betthäschen, die nicht bis drei zählen können oder, noch schlimmer, so ne spießige Tussi, die über Leute wie mich nur die Nase rümpft. Aber Du bist ... nicht so. Das würde ich allerdings nie offiziell zu geben,“ fügte er schnell hinzu, als er mein leuchtendes Gesicht sah.
„Das ist in Ordnung. Es reicht, wenn wir beide das wissen. Im Übringen dachte ich, als ich Dich das erste Mal gesehen habe, Du wärst ein nichtsnutziger Taugenichts, der sich auf Kosten von anderen durchs Leben mogelt. Aber Du bist nicht so. Das würde ich allerdings auch erst einmal nicht an die große Glocke hängen.“
Wir grinsten uns wie zwei Verschwörer an und ich fühlte mich das erste Mal an diesem Abend wirklich wohl in seiner Gegenwart.
„Du würdest mich gerne zurück bringe, stimmt’s?“ fragte er plötzlich.
„Nur wenn die Aussicht besteht, dass Du auch dort bleibst. So wie ich das sehe, ist das im Moment Dein einziges zu Hause. Tersha sorgt sich um Dich, AJ auch und ... nun ja ... ich auch.“
„Ich will nicht, dass sich jemand um mich sorgt,“ gab er heftig zurück.
„Dann geh’ wieder zurück. Dann machen wir uns auch keine Sorgen mehr um Dich.“
„Diese Logik verstehe ich nicht,“ gab er zu.
„Ist doch ganz einfach: Wir wissen, dass Du dort gut aufgehoben bist, dass wir Dir dort helfen können.“
„Du hast es immer noch nicht kapiert, oder?“ fragte er und seine Stirn hatte sich mal wieder in missbilligende Falten gelegt. „Ihr könnt mir nicht helfen und abgesehen davon will ich auch nicht, dass mir irgendjemand hilft. Ich will niemandem etwas schuldig sein.“
Ich seufzte und grub in meinem Hirn nach einer passenden Erwiderung. Wie sollte ich ihm das nur begreiflich machen?
„Erinnerst Du Dich, was AJ gesagt hat?“ begann ich „dass es nichts schlimmes ist, Hilfe an zu nehmen?“
„Pfh, was das betrifft, hat selbst AJ keine Ahnung.“
„Das würde ich so nicht sagen. Immerhin hat er einen Drogenentzug hinter sich und musste hierfür Hilfe in Anspruch nehmen, weil er es alleine nicht geschafft hätte.“
„Mag sein, aber das ist etwas ganz anderes.“
„Finde ich nicht. Im Moment bist Du nicht in der Lage, Dir selbst zu helfen. Du bist zu jung, um Dir einen Job oder eine Wohnung zu suchen, mal ganz abgesehen davon, dass Du das ja nicht willst. Du hast keinen Ort, wo Du wirklich hingehörst und von wo aus Du Dein restliches Leben in Angriff nehmen kannst. Dieses Haus wird nicht für immer für Dich da sein und Du wirst es auch nicht ewig brauchen, aber im Moment ist das Deine einzige Chance.“
„Ich bin bisher sehr gut alleine klar gekommen. Ich brauche niemanden der mir sagt was ich zu tun oder zu lassen habe,“ gab er störrisch zurück.
„Du bist also der Meinung, dass das Leben ohne Regeln ablaufen sollte?“
„So in Etwa, ja. Wer braucht Regeln? Warum soll ich um eine bestimmte Uhrzeit ins Bett gehen? Warum mir einen Job suchen? Warum über meine Erfahrungen reden? Warum ... es gibt tausende von diesen warums.“
„Vielleicht, um ein glücklicher Mensch zu werden.“
„Ein glücklicher Mensch? Ha, ha, der war wirklich gut.“
„Ohne Flachs, ich meine das ernst.“
„Ich BIN ein glücklicher Mensch!“
„So glücklich, dass Du Dich nachts mit irgendwelchen Typen, die noch nicht einmal Deine Freunde sind, vor Supermärkten herum treibst, Dich betrinkst und die Menschen vor den Kopf stößt, die sich wirklich etwas aus Dir machen,“ stellte ich fest.
„Das ist auch eine Art von Glück.“
„Gut, rede Dir das ruhig weiter ein. Weißt Du, ich bin der Meinung, dass Du so viel aus Dir machen könntest. Deine gesamte Zukunft liegt noch vor Dir. Du kannst alles machen oder werden, was Du möchtest. Du mußt Dich nur ein kleines bißchen anstrengen.“
„Ich korrigiere,“ sagte er mit erhobenem Zeigefinger „meine Zukunft liegt bereits hinter mir. Niemand stellt jemanden ein, in dessen Strafakte steht, dass er mit gezückter Waffe einen Schnapsladen überfallen hat, wegen Körperverletzung bereits vier Monate im Jugendknast saß und kein richtiges zu Hause hat.“
„Hast Du es jemals versucht?“
Er sah mich lange an, seufzte schließlich und schüttelte den Kopf.
„Nein. Aber das weiß doch jedes Kind.“
Scheinbar kam ich auf diese Weise nicht weiter. Es schien, als hätte er über dieses Thema schon des öfteren diskutiert und bis jetzt immer die Oberhand behalten.
„Was ist mit Deiner Schreiberei?“
„Was soll damit sein?“
„Hast Du sie jemals jemandem gezeigt?“
„Nein. Wieso auch? Das interessiert niemanden.“
„Auch AJ nicht?“
„Nein, ihn ganz besonders nicht.“
„Wieso?“
„Weil er ... ich meine ... er ist ein Star, verstehst Du? Er schreibt schon sein ganzes Leben lang Songtexte, er weiß, was wirklich gut ist. Ich würde mich doch nur blamieren.“
„Also erstens ist AJ weit davon entfernt ein Gott zu sein und zweitens wäre gerade seine Hilfe in diesem Punkt doch sehr wertvoll. Wenn er Dir nicht gute Tipps geben kann, wer sonst?“
Conner schwieg eine ganze Weile.
„Er würde mich auslachen,“ sagte er schließlich leise.
„Nein, würde er nicht. Aber ... hm ... wenn Du möchtest, könnte ich es mir vorher mal ansehen. Was meinst Du?“
„Du?“ er hatte wieder Mr. Amüsiert heraus gekehrt.
„Ja, ich.“
„Schätzchen, Du hast doch gar keine Ahnung.“
„Wenn Du das Schätzchen nicht sofort aus Deinem Wortschatz streichst, werde ich wirklich sauer,“ sagte ich und spürte, wie es in mir brodelte. Ich hatte eine ganze Menge an Geduldreserven, aber Conner schien diese in null Komma nichts auf zu brauchen.
„Es ist wirklich seltsam, dass Du Dich über dieses eine Wort so aufregen kannst, die Beleidigung dahinter aber komplett übersiehst,“ grinste er.
„O.k.. Also noch einmal von vorne. Würdest Du mir Deine Geschichten zeigen?“
„Warum bist Du so scharf darauf?“
„Ja oder nein?“ Ich hatte endgültig genug von seinen Spielchen.
„Hm ... ich weiß nicht. Das sind doch sehr ... uhm ... persönliche Dinge. Ich kann doch nicht so einfach ... ,“
„Trau Dich,“ sagte ich leise und sofort hefteten sich seine hellblauen Augen auf mich.
„Du bist wirklich besessen davon, oder?“ fragte er amüsiert.
„Vielleicht,“ gab ich mit einem koketten Augenaufschlag zurück. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, aber es schien, als überzöge eine leichte Röte seine Wangen.
„O.k..“ sagte er schließlich und ich hätte am liebsten einen Freudentanz aufgeführt. „Aber dass eines klar ist: Du zeigst die Sachen niemandem. Schon gar nicht AJ oder Tersha oder sonst irgendjemand der seine neugierige Nase da hinein stecken will.“
„Großes Ehrenwort,“ versprach ich und hob zur Bekräftigung eine Hand.
„Das heißt wohl, dass ich zurück muß, was?“
Ich nickte lediglich.
„Ich hätte es mir denken sollen. Schon als Du geschworen hast, mich nur zurück zu bringen, wenn ich das selbst möchte, hätte ich Dich durchschauen müssen.“
„Das war kein abgekartetes Spiel oder gar irgendein komplizierter Plan,“ verteidigte ich mich „ich ... hatte nur gehofft, ich könnte Dich davon überzeugen, dass es Dir dort besser geht.“
Er schüttelte entnervt den Kopf und lies seinen Blick über die angrenzenden Tische schweifen.
„Ich kann Dir nichts versprechen,“ sagte er schließlich, ohne mich anzusehen.
„Wenn Du nicht da bist, werde ich Dir nicht sagen können, was ich von den Geschichten halte,“ gab ich lächelnd zurück.
„Das ist Erpressung.“
„Ich weiß.“
Sein Blick schweifte zurück zu mir.
„Du bist wirklich gut, weißt Du das?“
„Na ja, manchmal vielleicht,“ gab ich grinsend zurück, was er genau so breit erwiderte.
„Also was meinst Du? Sollen wir uns auf den Rückweg machen? Ich bin schon so gespannt auf ... ,“
„Sag es lieber nicht,“ unterbrach er mich und hob noch dazu eine Hand.
„Na gut. Trotzdem. Fahren wir?“
Er nickte langsam, nahm dann das Tablett und stand auf. Ich folgte ihm über die Terrasse wieder hinein in das Restaurant, wo er ganz vorschriftsmäßig das Tablett in einen dafür bereit gestellten Wagen räumte, und trat dann hinter ihm hinaus auf den Parkplatz.
„Nur noch eines,“ sagte er und blieb stehen.
„Ja?“
„Was wir hier heute Abend besprochen haben, bleibt unter uns, klar? Ich mag es nicht, wenn hinter meinem Rücken über mich geredet wird.“
„Versprochen. Das Gleiche gilt auch für Dich.“
Er runzelte die Stirn. „Was hast Du mir schon erzählt, das ich lieber für mich behalten sollte?“
Das ich aus Pensylvania komme zum Beispiel und das ich gerne schreibe dachte ich und wenn AJ das erfährt, zählt er vielleicht eins und eins zusammen und kann sich denken, von wem dieser bescheuerte Artikel stammt.
Laut sagte ich „halt einfach die Klappe, o.k.?“
„O.k.,“ gab er zurück, dann streckte er mir die Hand entgegen.
„Deal?“
„Deal.“
Ich schlug ein und hatte das befriedigende Gefühl, etwas großartiges geleistet zu haben.

Kapitel 25