Kapitel 22

Viertel vor acht und ich rannte hier immer noch in Unterwäsche herum. Mist! Das Kleid, das ich anziehen wollte, hatte einen Fleck, den ich allerdings erst entdeckte, als ich so zu sagen fix und fertig angezogen war. Jetzt stand ich vor dem Kleiderschrank und konnte mich nicht entscheiden. Noch dazu würde Will in nicht einmal einer viertel Stunde vor der Tür stehen.
Ich schob die Kleidungsstücke in meinem Schrank hin und her, überlegte hin und her und ärgerte mich über meine Unentschlossenheit. Ich hatte keinen Grund nervös zu sein und im Endeffekt würde mich sowieso niemand eines Blickes würdigen, weil sie alle auf Will schauen würden.
Nein widersprach ich mir selbst in Gedanken sie werden Dich ganz genau mustern, weil sie wissen wollen, auf welchen Typ Frau Will steht und ob sie mit mir konkurrieren können.
Ich wollte also auf gar keinen Fall einen Anlass für gehässigen Gesprächsstoff liefern. Oh Mann, was dachte ich hier eigentlich?
Das Klingeln des Telefons lies mich genervt aufstöhnen. Wer konnte denn das jetzt sein?
„Hallo?“ meldete ich mich etwas ungeduldig.
„Mein Wagen springt nicht an!“ Will klang, als sei er kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
„Hey, mach Dir keine Sorgen. Dann hole ich Dich eben ab.“
„Aber wie sieht denn das aus, wenn ich mich von einem Mädchen fahren lasse?“
„Jetzt übertreib mal nicht, o.k.? Wir Frauen können durchaus Auto fahren und vielleicht wird das sogar zu Deinem Vorteil ausgelegt.“
„Nein,“ widersprach er „sie werden denken, ich will mich vollaufen lassen und benutzte Dich als billigen Fahrerersatz.“
„Dann erklären wir Ihnen eben, wie es wirklich war. Das ist nicht der Weltuntergang.“
„Bist Du Dir sicher?“
„Klar.“ Natürlich war ich das nicht, aber Will stand kurz vor einer Panik, also sagte ich ihm das, was er hören wollte.
„Nun gut,“ lenkte er ein „dann also ... uhm ... bis gleich?“
„Ja, bis gleich. Ich brauche allerdings noch ein paar Minuten, da ich mich nicht entscheiden kann, was ich anziehen soll.“
„Sag bloß, Du bist auch nervös.“
„Etwas.“
„Ich weiß jetzt nicht, ob mich das beruhigen oder noch nervöser machen sollte.“
„Ich bin dafür, dass Du Dir ganz dringend ein paar Baldriantropfen einwirfst und Dich dann gemütlich in einen Sessel setzt und auf mich wartest. In Ordnung?“
„In Ordnung,“ er seufzte abgrundtief und ich mußte lächeln.
„Du bist irgendwie süß.“
„So etwas sagt man nicht zu einem Mann!“
„Oh doch. Frauen stehen auf so etwas.“
„Nie im Leben,“ gab er schmunzelnd zurück.
„Na, wie Du meinst. Für mich bist Du trotzdem süß.“
„Einigen wir uns auf „männlich“ und „stark“.“
„Dazu sage ich jetzt nichts, sonst hängen wir in einer Stunde noch am Telefon.“
„Na gut. Dann bis nachher.“
„Ja, bis gleich.“
Ich legte den Hörer auf und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Will war schon etwas ganz besonderes.
Erneut wandte ich mich meinem Kleiderschrank zu, als das Telefon schon wieder klingelte. Ich fischte den Hörer vom Bett und klemmte ihn mir zwischen Schulter und Kinn, während ich aus dem Schrank einen kurzen Cordrock zog.
„Was ist denn jetzt noch Will?“ fragte ich kichernd.
„Uhm ... Hallo,“ das war ganz eindeutig nicht Wills Stimme.
„Oh. Hi AJ,“ brachte ich heraus und suchte unbewußt nach etwas, das ich mir überziehen konnte. Es war ein sehr seltsames Gefühl mit ihm halbnackt zu sprechen, selbst wenn es nur am Telefon war. Ich grabschte nach meinem Morgenmantel und während ich mich darin einhüllte sprach er weiter.
„Ich wollte nur mal hören, wie es Dir geht.“
„Das ist lieb von Dir. Es geht eigentlich ganz gut.“
„Hat sie sich noch einmal gemeldet?“
„Nein,“ ich lies mich auf das Bett sinken und starrte aus dem Fenster. Den ganzen Tag war es mir recht gut gelungen den Gedanken an Hannah zu verdrängen, doch jetzt kam er mit aller Macht zurück. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen und in meinem Kopf fühlte ich einen leichten Druck.
„Das tut mir leid,“ hörte ich AJ am anderen Ende der Leitung.
„Ja, mir auch.“
Einen Moment schwiegen wir. Er, weil er wohl darauf wartete, dass ich noch etwas sagte, ich, weil ich nicht wußte, was ich sagen sollte.
„Bist Du ... also ... hast Du heute Abend schon etwas vor?“ fragte er plötzlich.
„Ja ... also ... ich gehe mit ... uhm ... einem Freund auf eine Party.“
„Einem Freund?“
„Ja ... ähm ... Will, ich glaube, Du hast ihn mal kurz gesehen, als er mir meine Tasche zurück gebracht hat.“
„Ach so. Ja, ich erinnere mich. Schade.“
„Wir könnten morgen was zusammen unternehmen,“ schlug ich vor.
„Ich weiß noch nicht. Kann sein, dass ich morgen zurück in die Stadt muß.“
„Oh ... ,“ so etwas wie Enttäuschung wallte in mir auf. Scheinbar war die Schonfrist, die er sich selbst verordnet hatte, vorbei. Ich würde also nicht mehr so einfach bei ihm vorbei gehen können.
„Ich wünsche Euch auf jeden Fall viel Spaß heute Abend.“
Er wirkte irgendwie niedergeschlagen. Ob sich etwas mit Andrea oder Kim ergeben hatte?
„Geht es Dir gut?“ fragte ich deshalb alarmiert.
„Klar geht es mir gut.“
„Du klingst aber nicht danach.“
„Ich bin nur ein wenig traurig, dass wir uns heute Abend nicht sehen können.“
„Aufgeschoben ist doch nicht aufgehoben,“ entgegnete ich und merkte selbst, wie wenig aufbauend das klang.
„Sicher,“ gab er zurück „wir hören uns, ja?“
„Uhm ... ja. Ich ... also ... ist wirklich alles in Ordnung?“
„Alles bestens,“ und diesmal klang es tatsächlich so, als ob er das ernst meinte.
„Nun gut. Dann werde ich mich jetzt mal fertig anziehen und hoffen, dass ich die Party gut überstehe.“
„Du bist nackt?“ fragte er mit gespielter Anzüglichkeit in der Stimme.
„Ich bin fast nackt,“ korrigierte ich ihn schmunzelnd „und außerdem habe ich einen Morgenmantel an.“
„Will hat wirklich Glück.“
„Nein, ICH habe Glück. Ich habe gleich zwei Freunde, die sich um mich kümmern.“
„Das hast Du schön gesagt,“ entgegnete er und sein Lächeln war dabei ganz deutlich zu hören.
„In Ordnung. Dann werde ich mal ... sonst komme ich noch zu spät.“
„ ... und wir wollen ja nicht, dass Will auf Dich warten muß.“
„Eben.“
„Dann also einen schönen Abend Euch beiden und bis bald.“
„Ja, bis bald.“
Ich legte auf und kämpfte für einen Moment gegen die Enttäuschung an, die mich überkam, als ich mir vorstellte, dass ich mit Will zu Bonnies Party gehen mußte, anstatt einen gemütlichen Abend mit AJ zu verbringen.

„Da sind wir,“ stellte Will fest und sah zu dem kleinen Reihenhaus hinüber, dessen sämtliche Fenster hell erleuchtet waren und vor dem eine ganze Reihe Autos parkte.
„Sieht doch nett aus,“ meinte ich, während ich den Volvo in die Parklücke zwischen einem schwarzen BMW und einem quitschgelben Honda zwängte.
Wir stiegen aus und gingen langsam auf den Eingang zu.
Will sah in seinen dunklen Jeans und dem karierten, blauen Hemd wirklich gut aus. Seine dunklen Haare fielen ihm lässig in die Stirn und sein muskulöser Körper zeichnete sich unter seinen Kleidern ab. Wenn Sarah nicht auf der Stelle dahin schmolz, wenn sie ihn sah, dann wußte ich auch nicht weiter.
Ich selbst hatte nach dem Gespräch mit AJ einfach den hellen Cordrock angezogen, dazu ein schwarzes Oberteil gewählt und war zum Schluß in meine schwarzen Stiefel geschlüpft. Plötzlich war es mir gar nicht mehr so wichtig, was die anderen über mich denken würden. Ich war ich und wenn sie das an irgendwelchen Klamotten fest machten, hatten sie eben Pech gehabt.
Will klingelte und beinahe im selben Moment wurde die Tür aufgerissen und Bonnie stand im Eingang.
Auch ihr hatte es gut getan das Büro Outfit ab zu legen. In ihren engen Jeans und dem genau so engen Top sah sie um einiges jünger aus. Die blonden Haare fielen ihr locker über die Schultern und das herzliche Lächeln, das sie uns jetzt zuwarf, lies sie weniger streng aussehen.
„Hey!“ begrüßte sie uns „schön, dass ihr da seid. Kommt doch rein.“
Will drückte ihr die mitgebrachte Flasche Wein in die Hand und ich grinste in mich hinein, als ich beobachtete, wie sie zwar die Flasche entgegen nahm, allerdings keinen Blick darauf verschwendete, weil sie sich von Wills Anblick nicht losreißen konnte.
Wir folgten Bonnie in das Haus hinein. Links ging es in die Küche, in der sich allerdings im Moment niemand auf zu halten schien, geradeaus führte eine Treppe in den ersten Stock hinauf. Bonnie ging nach rechts den Flur hinunter, an dessen Ende eine Tür vermutlich in die Garage führte. Durch eine große, weiße Schiebetür mit Sprossen gelangten wir ins Wohnzimmer und sahen uns etwa einem dutzend, mir unbekannten Menschen gegenüber. Leise Musik spielte im Hintergrund und kaum hatten wir den Raum betreten, wandten sich alle Blicke uns zu.
Bonnie stellte uns allen Anwesenden vor. Chloè hätte ich sicherlich nicht wieder erkannt, wenn ich ihr auf der Straße begegnet wäre. Ich hatte sie zwar nur kurz in Wills Büro gesehen, doch ich erinnerte mich genau an den strengen Knoten aus dunklem Haar und die Brille, die ihr etwas matronenhaftes verliehen hatte. Heute trug sie ihre Haare in einem lockeren Pferdeschwanz, die Brille war verschwunden und verdeckte somit nicht mehr ihre wunderschönen, dunklen Augen.
Als wir zu Sarah kamen, konnte ich Wills Nervosität beinahe mit Händen greifen, allerdings schien dies den anderen nicht auf zu fallen. Sie war wirklich reizend. Ihr blondes Haar wurde durch eine silberne Spange zusammengehalten und ihr warmes Lächeln gab mir sofort das Gefühl, dazu zu gehören.
„Ist schon seltsam, dass wir uns nie außerhalb des Büros gesehen haben, oder?“ fragte sie gerade an Will gewandt und ich bemerkte lächelnd, wie er sich verlegen durch das Haar fuhr und dann nickte.
„Ja. Ich glaube, ich ... nun ja ... irgendwann fängt man wohl an zu glauben, dass die Kollegen außerhalb der Kanzlei gar nicht wirklich existieren.“
„Ich weiß genau was Du meinst. Du ... wirkst auch komplett anders, als normaler Weise, wenn Du Dich hinter Deinem Schreibtisch verbarrikadierst.“
„Ich verbarrikadiere mich doch nicht,“ gab Will stirnrunzelnd zurück.
„Oh doch. Aber scheinbar hat Skyler einen guten Einfluß auf Dich,“ sagte sie und zwinkerte mir dabei zu „ich finde es schön, dass Du Dich ab zu mal in der Gemeinschaftsküche blicken lässt.“
Jetzt war wohl der Zeitpunkt gekommen, die beiden für eine Weile alleine zu lassen.
„Ich kümmere mich mal um etwas zu trinken,“ meinte ich an Will gewandt. Er antwortete lediglich mit einem abwesenden Nicken und strahlte weiterhin seine Angebetete an.
„Getränke sind in der Küche,“ informierte mich Bonnie „komm’ mit, ich zeige es Dir.“
Ich ging ihr hinterher den langen Flur entlang und gleich darauf betraten wir die Küche, wo sich ein Mann und eine Frau angeregt unterhielten und sich von uns auch nicht stören ließen.
Bonnie öffnete den Kühlschrank.
„Hier haben wir Bier, Weißwein und Antialkoholisches,“ informierte sie mich.
„Wunderbar.“ Ich griff mir ein Bier für Will und eine Flasche Bitter Lemon für mich. Bonnie reichte mir ein Glas und ich konnte ihre Blicke förmlich auf mir spüren, während ich das Bitter Lemon eingoss.
„Darf ich Dich etwas persönliches fragen?“ platzte sie schließlich heraus und ich konnte mir sehr genau vorstellen, was das für eine Frage sein würde.
„Sicher,“ antwortete ich lächelnd.
„Will und Du ... also ... ähm ... seid ihr zusammen? Ich meine ... ein richtiges Paar?“
Ich lies sie noch einen Moment zappeln, während ich zwei tiefe Schlucke von meinem Bitter Lemon nahm und schüttelte dann den Kopf.
„Wir sind nur gute Freunde.“
„Tatsächlich?“ die Erleichterung und auch eine gehörige Portion Erstaunen war deutlich in ihrem Gesicht zu lesen.
„Ich bin noch nicht so lange in Kalifornien und Will hat sich ein bißchen um mich gekümmert, damit ich nicht so ganz alleine bin.“
„Verstehe. Wie ... uhm ... habt ihr Euch denn kennen gelernt?“
„Er hat mich in einer Bar angesprochen,“ gab ich bereitwillig Auskunft.
„Wirklich? Das kann ich mir bei ihm gar nicht vorstellen,“ entgegnete sie und schlug gleich darauf die Hand vor den Mund. „Entschuldige, das hätte ich jetzt vielleicht nicht sagen sollen.“
„Wieso denn nicht? Ich denke, er ... hm ... ist im Büro einfach anders als privat, aber ich glaube, das seid ihr alle.“
„Findest Du?“ fragte sie prompt zurück.
„Ich kenne Euch ja nicht wirklich gut, aber der erste Eindruck weicht schon sehr voneinander ab. Und Will ist noch dazu ... uhm ... ich glaube, er war bisher der Meinung, berufliches und privates strickt trennen zu müssen.“
„Ja, das haben wir auch schon gemerkt,“ gab sie zu. „In letzter Zeit ist er aber richtig gehend aufgeblüht. Du hattest da nicht zufällig Deine Finger im Spiel?“ fragte sie mit einem breiten Grinsen.
„Ein wenig vielleicht. Er hatte selbst den Wunsch Euch alle ein bißchen besser kennen zu lernen, aber ich denke, für einen Mann ist es sehr schwierig in Eurer Frauengemeinschaft Fuß zu fassen.“
„Von der Seite habe ich es noch nie betrachtet. Weißt Du, er ist der einzige Anwalt, der sich dazu herablässt, auch mal mit uns kleinen Angestellten zu reden und das macht ihn doppelt sympathisch.“
„Das heißt also, dass heute Abend keiner der anderen Anwälte anwesend ist?“
„Nein. Aber das liegt auch mit daran, dass die anderen alle etwas älter sind. Ich glaube kaum, dass jemand, der Mitte vierzig ist, eine Frau und zwei Kinder hat, an so etwas hier Gefallen finden könnte.“
„Vielleicht,“ räumte ich ein. „Ich finde es jedenfalls großartig, dass ihr ihn eingeladen habt und ... na ja ... mich gleich mit,“ grinste ich.
„Ehrensache. Wir waren alle ganz gespannt darauf, Dich kennen zu lernen.“
„Mich? Wieso das denn?“ Nervös nahm ich noch einen Schluck von meinem Getränk.
„Nun jaaaa,“ meinte sie gedehnt und überlegte sichtlich nervös, wie sie mir das jetzt erklären sollte. „Ich hoffe, Du hältst mich jetzt nicht für vollkommen verrückt aber ... seit Du in der Kanzlei aufgetaucht bist, scheint es uns, als sehen wir Will plötzlich in einem ganz anderen Licht. Gut, das war erst gestern, aber plötzlich interessiert sich jeder für Will und seine Begleitung.“
„Das macht mich jetzt nicht wirklich ruhiger,“ stellte ich fest.
„Nein, nein, so war das gar nicht gemeint. Also ... wie Du Dir denken kannst haben wir ausführlich darüber geredet und wir waren alle der Meinung, dass Will jemanden wie Dich dringend gebrauchen konnte. Jemand der ... hm ... ihn irgendwie menschlicher macht. Gott, höre ich mich gerade wirklich wie ne gemeine Zicke an?“
„Nein,“ lachte ich und schüttelte den Kopf „zum einen weiß ich was Du meinst und zum anderen mag ich es, wenn die Menschen ehrlich zu mir sind.“
„Du wirst mir immer sympathischer,“ lachte sie und hakte sich dann bei mir unter. „Lass uns mal sehen, was die anderen drüben machen.“
Lächelnd folgte ich ihr wieder hinüber ins Wohnzimmer.

Kapitel 23