Kapitel 21

Ich schlug die Augen auf und hatte einen Moment Schwierigkeiten mich zu orientieren. Vor mir flimmerte der Fernseher, der restliche Raum lag weit gehend im Dunkeln und irgendetwas lag auf meiner Hüfte.
Vorsichtig begann ich mich zu bewegen und sah auch gleich darauf, was mich festhielt. Ein tätowierter Arm drückte mich an einen angenehm warmen Körper, der anderer, dazu passende Arm hatte bisher unter meinem Kopf gelegen und so langsam begann ich mich auch daran zu erinnern, was geschehen war.
AJ und ich hatten zwei Stunden in der Küche verbracht und zum Schluß tatsächlich etwas einigermaßen genießbares zu Stande gebracht, das allerdings keinerlei Ähnlichkeiten mit dem Bild in AJs Kochbuch aufwies.
Wir hatten uns ins Wohnzimmer gesetzt, gemütlich zusammen gegessen und waren schließlich genau in der Stellung, in der ich erwacht war, vor dem Fernseher eingeschlafen.
Vorsichtig versuchte ich mich nun aus AJs Umarmung zu lösen, ohne dass er dabei aufwachte. Als ich es schließlich geschafft hatte, stand ich leise auf, suchte meine Schuhe zusammen und blieb dann einen Moment unschlüssig neben der Couch stehen. Boomer hatte sich inzwischen zu mir gesellt und gähnte und streckte sich ausgiebig. Er war es wohl auch nicht gewohnt um drei Uhr morgens geweckt zu werden. Daisy und Tank, die in einer Ecke des Wohnzimmers auf einer weichen Decke zusammengekuschelt lagen, hoben lediglich müde die Köpfe und schlossen gleich darauf leise schnaubend wieder die Augen.
Auf einem Regal neben dem Fernseher entdeckte ich einen kleinen Block und einen Kugelschreiber. Ich riss ein Blatt ab, kritzelte ein schlichtes Danke darauf und malte ein Herz daneben. Ich legte den Zettel auf den Couchtisch und sah dann wieder liebevoll auf die schlafende Gestalt auf dem Sofa hinunter. AJs Kopf ruhte auf der Armlehne, der Arm, der mich bis eben noch festgehalten hatte, lag nun neben ihm und seine Gesichtszüge waren im Schlaf entspannt, sein Mund dabei leicht geöffnet.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich tatsächlich an einem solchen furchtbaren Abend entspannen könnte, aber nachdem ich eine viertel Stunde damit zugebraucht hatte die Küche unter dem Berg an Gerätschaften wieder zu Tage zu fördern, fühlte ich mich seltsam losgelöst und gelassen, so dass ich sogar in der Lage war, AJ lachend mit Babykarotten zu bewerfen.
Dass wir dann gemeinsam auf der Couch landeten, war zu diesem Zeitpunkt das normalste von der Welt. Es hatte nichts erotisches oder zweideutiges an sich. Wir waren einfach Freunde, die einen Abend lang vergessen wollten, dass ihr Leben leer und alles andere als perfekt war. Er hatte an diesem Abend irgendwo in meinem Herzen seinen Platz gefunden und es machte mich irgendwie friedlich zu wissen, dass ich nicht ganz alleine war. Also hatte er mal wieder recht behalten.
Während ich so neben der Couch stand und AJ beim Schlafen zu sah, wurde in mir das Gefühl immer mächtiger, ihn berühren zu wollen. Seine Brust hob und senkte sich leicht unter seinen regelmäßigen Atemzügen und sein Gesicht war mir gleichzeitig so vertraut und doch irgendwie angenehm fremd. Ich wollte es in meine Hände nehmen, ihm zärtlich mit den Fingern über die Wange streicheln, die Konturen seiner geschwungenen Lippen nachmalen, ihm ...
STOP!! Was dachte ich da?
„Komm’ Boom, wir gehen,“ flüsterte ich und gehorsam trotte er hinter mir her durch den Flur und hinaus in die dunkle Nacht. Wir gingen langsam die Straße hinunter zu meinem Haus, die Schuhe hielt ich immer noch fest in meiner Hand, und ich bemühte mich, den gesamten Weg nicht an die schlafende Gestalt zu denken, die tief in mir etwas ausgelöst hatte, das ich noch nicht so recht deuten konnte, mir aber unbestreitbar Angst machte.
Erst als ich in meinem Pyjama im Bett lag tauchte sein Gesicht wieder vor mir auf und mit einem leisen Lächeln auf den Lippen fiel ich schließlich in einen tiefen, totenähnlichen Schlaf.

Viel zu früh weckte mich das penetrante Klingeln des Telefons. Einzig der Gedanke, dass Hannah vielleicht bereute, was sie gestern zu mir gesagt hatte, lies mich die Bettdecke zurück schlagen und verschlafen nach dem Telefon suchen.
Ich fand den Hörer schließlich halb unter einem Kleiderberg begraben und immer noch nicht ganz in der Realität meldete ich mich.
„Hallo?“
„Du wirst nicht glauben, was mir gerade passiert ist,“ hörte ich Wills Stimme, die sich vor Aufregung beinahe überschlug.
„Guten Morgen,“ murmelte ich und tapste zurück zu meinem Bett, lies mich seufzend darauf fallen und zog mir die Decke über den Kopf.
„Oh. Habe ich Dich etwa geweckt?“
„Hm,“ stimmte ich ihm zu und versuchte dabei mit dem Hörer an meinem Ohr nicht einfach wieder einzuschlafen.
„Tut mir leid, aber ... also ... das ist so zu sagen ein Notfall.“
„Ein Notfall? Aha.“ Mein Gehirn lief immer noch auf Standby und so schreckte mich auch das Wort Notfall nicht wirklich. Mit seinen nächsten Worten hatte er allerdings meine ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Bonnie hat mich auf ihre Party heute Abend eingeladen,“ platzte er heraus und widerstrebend setzte ich mich auf, versuchte mir den Schlaf aus den Augen zu reiben und dabei zu verstehen, was genau er mir mit diesem Satz sagen wollte.
„Wer ist Bonnie?“ fragte ich deshalb.
„Das Mädchen vom Empfang in der Kanzlei. Na, klingelt es?“
„Oh, ja. Natürlich,“ das Bild der Blondine in dem schwarzen Hosenanzug tauchte vor meinem geistigen Auge auf. „Also ... sie hat Dich auf eine Party eingeladen,“ nahm ich den Faden wieder auf.
„Genau. Und nicht nur mich sondern auch ... nun ja ... meine Begleitung.“
„Begleitung? Sie meint damit doch wohl hoffentlich nicht mich?“
„Oh doch. Als ich heute zum morgendlichen „wir trinken einen Kaffee und tauschen den neusten Büroklatsch aus“ in die Küche kam, hat sie mich gefragt, wie mein Essen mit Dir gewesen ist und ob wir beide nicht heute Abend auf ihre Party kommen möchten. Und weißt Du, was das beste daran ist?“
„Das wirst Du mir sicherlich gleich verraten,“ entgegnete ich grinsend.
„Sarah wird auch dort sein.“ Seine Stimme vibrierte vor lauter Stolz, Triumph und Aufregung. Ich sah ihn vor mir, wie er an seinem Schreibtisch in dem kleinen Büro hockte, vor Aufregung kerzengerade in seinem Drehstuhl aufgerichtet und mit einem Strahlen auf dem Gesicht, das eine ganze Kleinstadt mit Licht versorgen konnte.
„O.k., ich denke ich habe nun den Sinn des Wortes Notfall verstanden,“ schmunzelte ich.
„Du wirst doch mitkommen, oder?“ fragte er ängstlich.
„Na klar komme ich mit. Uhm ... hast Du eigentlich klar gestellt, dass wir nur so etwas wie ... hm ... gute Freunde sind?“
„Na ja, nicht so richtig,“ gab er zu.
„Was bedeutet nicht so richtig?“
„Es hat mich niemand gefragt, ob wir ein Paar sind. Also habe ich dazu auch nichts gesagt.“
„Verstehe. Na ja, wir haben ja heute Abend Zeit genug, das klarzustellen.“
„Wie auch immer Du das machen willst. Gott, ich bin aufgeregt wie ein Teenager vor seinem ersten Rendevouz.“
„Aber das brauchst Du eigentlich gar nicht sein. Immerhin haben Sie Dich eingeladen. Sie wollen etwas von Dir und ich bin mir sicher, dass Du momentan in der Kanzlei als der begehrteste Junggeselle giltst.“
„Das macht es nicht wirklich besser,“ gab er zu. „Ich hasse es, wenn ich irgendwelche Erwartungen erfüllen muß. Ich bin ein ganz normaler Kerl ... ,“
„... der ganz nebenbei einen gut bezahlten Job hat, umwerfend aussieht und eine Aura von ... uhm ... Verlässlichkeit ausstrahlt, sich dabei aber seine Geheimnisse bewahrt.“
„Wir reden immer noch von mir, oder?“ lachte er.
„Ich sage Dir nur, was die Anderen über Dich denken. Sei einfach Du selbst und sie werden Dir heute Abend kollektiv zu Füßen liegen.“
„Ich wünschte, ich hätte Deine Gewissheit.“
„Ich habe sie für uns beide, das sollte reichen. Wann holst Du mich ab und was soll ich anziehen?“ wandte ich mich den praktischen Dingen zu.
„Ich komme gegen acht und Bonnies Aussage zu der Kleiderfrage war „jeder kommt so, wie es ihm gefällt. Eher ungezwungen würde ich sagen.“ Hilft Dir das weiter? Mir jedenfalls nicht wirklich.“
Ich kicherte „Will, ich habe keine Ahnung, wie Du bisher in Deinem Leben zurecht gekommen bist. Du bist doch weder ein Einsiedler, noch hast Du Probleme damit, Frauen anzusprechen, wofür ich das beste Beispiel bin. Du bist kein Verlierer, Du bist ein netter Kerl und trotzdem manchmal hilflos wie ein Baby.“
„Frag’ mich nicht. Es scheint mir manchmal, als gebe es zwei Welten, in denen Will lebt. In der einen bin ich ich selbst und in der anderen der knallharte Anwalt und nichts anderes. Es macht mich nervös diese beiden Welten miteinander zu verbinden.“
„Das bekommen wir auch noch in den Griff,“ versprach ich. „Also gut ... uhm ... für Dich Jeans, T-Shirt, vielleicht auch ein Hemd. Locker eben. Für mich ... ähm ... das muß ich mir noch überlegen.“
„Gut. Dann also um acht?“
„Ich werde bereit sein.“
„Ich nicht,“ kicherte er.
„Bis heute Abend solltest Du an dieser Einstellung noch etwas arbeiten,“ gab ich schmunzelnd zurück.
„Ich werde mir Mühe geben. Und jetzt solltest Du Dich wieder hinlegen und noch ein wenig schlafen.“
„Vergiss es. Ich bin jetzt hellwach.“
„Tut mir leid,“ gab er zerknirscht zurück.
„Ach was, das ist schon in Ordnung.“
„Also gut, dann bis heute Abend, ja?“
„Alles klar.“
„Und Sky?“
„Hm?“
„Danke.“
„Mache ich doch gerne.“
„Trotzdem ... ,“
„Machs gut.“
„Ähm ... ja. Du auch. Bye.“
„Bye.“
Als ich den Hörer aufgelegt hatte, lächelte ich in mich hinein. Es war mir unbegreiflich, dass jemand wie Will solche Schwierigkeiten hatte, in der Welt zurecht zu kommen. Wir hatten uns auf Anhieb wunderbar verstanden, sofort eine gemeinsame Basis gefunden und ich hatte nie den Eindruck, dass hinter diesem witzigen, charmanten Menschen eine solche Unsicherheit steckte. Natürlich weckte er damit meinen Beschützerinstinkt und es war einfach ein schönes Gefühl gebraucht zu werden. Vielleicht etwas, das mir in diesem Moment mehr nützte als Will. Ich fühlte mich nicht ganz so losgelöst und unwichtig, wie gestern nach dem Gespräch mit Hannah.
Es entbehrte schon nicht mehr einer gewissen Ironie: Mein früheres Leben lag in Scherben vor mir und mein neues begann gerade auf zu blühen. Vielleicht war das der Lauf der Dinge? Das eine wurde aus den Trümmern des anderen erbaut. Leider war es nicht immer so leicht sowohl das eine als auch das andere zu akzeptieren. Wer mochte schon Veränderungen?
AJ tauchte vor meinem geistigen Auge auf - Das Gefühl, in seinen Armen auf zu wachen, seine dunklen Augen, die manchmal mehr sagten als tausend Worte, das Gefühl, wichtig zu sein, das er mir vermittelte, die Art, wie er sich seinem Leben stellte – das alles trieb mich dazu, ein besserer Mensch sein zu wollen.
Bei Luke hatte ich immer das Gefühl gehabt, bereits ein guter Mensch zu sein, sicherlich mit den ein oder anderen Macken, aber im Grunde gut, so wie ich war. Seit der Hochzeit bröckelte diese Gewissheit und seit dem Gespräch mit Hannah war nicht mehr viel von diesem Glauben übrig geblieben.
War es möglich, dass ich bisher ein Leben geführt hatte, in das ich eigentlich gar nicht hinein passte? War ich bisher blind gewesen, hatte einfach nur angenommen, dass alles perfekt und in geregelten Bahnen verlief und damit im Grunde nur einen Traum gelebt?
Bevor ich mich noch weiter in solch unsinnigen Gedanken verlieren konnte, qäulte ich mich schließlich widerstrebend aus dem Bett. Boomer stand bereits schwanzwedelnd am Fußende und freute sich sichtlich auf sein Frühstück und den anschließenden, ausgedehnten Strandspaziergang. Lächelnd stellte ich fest, dass ich mich auf genau die gleichen Dinge freute und war somit wohl das beste Beispiel für die weit verbreitete Theorie, dass sich Hund und Herrchen im Laufe der Zeit immer ähnlicher wurden.

Kapitel 22