Kapitel 20

Hannahs Nummer zu wählen schaffte ich diesmal in rekordverdächtigen 27 Minuten. Ich hockte mich einfach auf die Treppe, die in das obere Stockwerk hinauf führte. Irgendwie schien mir das gedämpfte Licht und die Möglichkeit, entweder nach oben oder nach unten zu steigen, für dieses Gespräch äußerst geeignet.
Nach dem fünften Klingeln nahm sie ab.
„Hallo?“
„Hi Hannah, hier ist Sky.“
Am anderen Ende blieb es einen Moment still, dann hörte ich, wie sie tief Luft holte und mit freundlicher Stimme sagte „hey. Ist schön Deine Stimme zu hören.“
„Du hast selten so schlecht gelogen.“
„Das ist nicht wahr. Ich glaube, als ich versucht habe so zu tun als ob ich Deinen Bräutigam mag, war ich noch schlechter.“
„Mag sein. Verrätst Du mir, was los ist?“
„Das ist nicht so einfach Sky. Ich weiß ja selbst nicht genau wieso ich mich so komisch verhalte.“
„Immerhin weißt Du, dass Du komisch bist, das beruhigt mich. Ich dachte schon ich sehe Gespenster.“ Tatsächlich war ich ungemein erleichtert, dass sie zugab, dass etwas nicht stimmte. Ich mußte nur noch heraus finden was es war und dann ihre Zweifel mit viel Liebe und Geduld ersticken.
„Du bist so weit weg,“ sagte sie leise.
„Ich weiß. Du fehlst mir auch.“
„Es ist nicht nur das. Ich habe das Gefühl ... ich weiß auch nicht ... Du entfernst Dich von mir, Deiner Familie, Deinem zu Hause. Du machst komische Sachen, die Du früher nicht getan hättest ... ,“
„Die Sache mit AJ und dem Artikel,“ stellte ich fest.
„Auch. Und die Geschichte mit Will ... ich meine ... Du wachst morgens neben einem Mann auf und weißt noch nicht einmal, ob Du mit ihm geschlafen hast. Hallo? Das ist doch wirklich ... seltsam.“
Du bist seltsam. Ich schüttelte missmutig den Kopf. AJ konnte ich jetzt schon gar nicht gebrauchen.
„Aber dass ich jetzt vielleicht ein paar komische Dinge getan habe ändert doch nichts zwischen uns.“
„Bist Du Dir da so sicher? Ich meine ... ich habe jetzt eine Woche nichts von Dir gehört. Das wäre früher niemals vorgekommen.“
„Darf ich Dich daran erinnern, dass Du gesagt hast, Du rufst mich an nachdem Du so überstürzt auflegen musstest weil Simon nach Hause kam? Mal ganz abgesehen davon, dass das einer der schlechtesten Vorwände war, die ich jemals gehört habe.“
„Kann ja sein. Aber früher hättest Du Dich spätestens nach dem zweiten Tag gemeldet und mir ordentlich den Kopf gewaschen.“
Früher da war das Wort schon wieder. Und diesmal hatte nicht ich daran gedacht.
„Ich gebe ja zu, dass ich im Moment ... wie soll ich das sagen ... versuche mein Leben irgendwie neu auszurichten. Ich brauche eine neue Perspektive, verstehst Du? Und es tut mir leid, wenn Du das Gefühl hast, wir entfernen uns voneinander. Das ist nicht so. Wirklich! Du bist mir noch genau so wichtig wie früher.“
„Bist Du Dir sicher?“
„Na klar! Sonst würde ich das ja wohl kaum sagen.“
„Ich weiß ehrlich gesagt im Moment überhaupt nicht mehr, wer Du eigentlich bist. Ich verstehe das was Du tust nicht mehr und ich ... ich weiß auch nicht ... Ich fange an, Dich nicht mehr zu vermissen.“
Ich rutschte vor Schreck zwei Stufen die Treppe herunter, klammerte mich dann am Geländer fest und versuchte die Tränen zurück zu halten.
„W-Wie meinst Du das? Ich ... ,“
„Ich weiß es auch nicht Sky. Das ist doch gerade das, was ich versuche Dir mitzuteilen. Vielleicht ... vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir eine Weile nichts mehr voneinander hören.“
„Wie bitte? Hannah, das kann nicht Dein Ernst sein.“
„Mach es mir doch nicht so schwer,“ sagte sie und klang dabei, als ständen ihr ebenfalls die Tränen in den Augen.
„Wieso schwer? Wenn es Dir so schwer fällt, dann vergessen wir das mit der „Auszeit“, oder wie auch immer man das nennen mag was wir hier gerade veranstalten, und besinnen uns wieder auf uns. Ich brauche Dich. Ich liebe Dich.“
„Tut mir leid. Im Moment ... kann ich das einfach nicht.“
Ich hörte ein leises Knacken und dann ein regelmäßiges Tuten. Sie hatte einfach aufgelegt.

Eine ganze Weile hatte ich einfach weinend auf der Treppe gesessen. Boomer hatte sich zu mir gesellt und er sah nicht sehr glücklich aus, wie er da halb auf der einen und halb auf der anderen Stufe hockte und versuchte, mir immer wieder tröstend das Gesicht ab zu lecken.
Ich setzte ungefähr fünf Mal dazu an, Hannah noch einmal an zu rufen, aber irgendetwas in mir lies mich immer wieder den Hörer auflegen. Machte es wirklich Sinn auf sie einzureden, wenn sie so offensichtlich nichts mehr mit mir zu tun haben wollte?
Schließlich erhob ich mich schwerfällig und mit steif gewordenen Gliedern von der Treppe, ging hinunter ins Wohnzimmer und sah mich dort für eine Weile unschlüssig um. Was machte ich hier eigentlich? Hatte es wirklich irgendeinen Sinn dass ich jetzt hier war, anstatt zu Hause bei meiner Familie und meiner besten Freundin? War es wirklich noch nötig mich hier zu verstecken, wenn ich damit alles was mir bisher wichtig gewesen war mit Füßen trat?
Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf, bis ich überhaupt nicht mehr wußte, wo oben und unten war. Aus einem Impuls heraus schnappte ich mir meine Jacke, nahm Boomers Leine vom Haken neben der Haustür und stapfte gleich darauf die dunkle Straße hinunter.
Eigentlich hätte ich mir von Anfang an denken können wohin mich dieser Weg führen würde, aber als ich schließlich die Hand nach AJs Klingelknopf ausstreckte, war ich beinahe selbst davon überrascht, dass mich meine Füße ausgerechnet hierher gebracht hatten. Noch dazu in meinem aufgelösten Zustand. Doch bevor ich es mir anders überlegen und den Rückzug antreten konnte, klopfte es bereits neben mir ans Fenster.
Erschrocken zuckte ich zusammen und sah mich nach dem Geräusch um. AJs Küche war hell erleuchtet und ich sah sein Gesicht hinter der Fensterscheibe. Er winkte lächelnd, verschwand dann aus meinem Blickfeld und gleich darauf schwang die Tür auf.
„Hey,“ begrüßte er mich erfreut „das ist doch mal eine Überraschung. Komm’ rein.“
Ich löste Boomers Leine und er sprang sofort an mir und AJ vorbei ins Haus hinein, wo er gleich darauf lautstark Daisy und Tank begrüßte.
Ich folgte Boomer etwas langsamer und blieb dann unschlüssig im Flur stehen.
„Ich bin gerade am Kochen und das leider nicht besonders gut,“ grinste AJ, während er mir meine Jacke abnahm und sie an die Garderobe hängte.
„Vielleicht könntest Du mir ja ein bißchen helfen. Dann wird vielleicht doch noch ... ,“ er hatte sich wieder zu mir herum gedreht und stockte mitten im Satz. Dann trat er langsam zwei Schritte auf mich zu. Das Licht, dass aus der Küche fiel, erhellte den Flur nur notdürftig und so waren ihm meine verweinten Augen und der Rest meines bemitleidenswerten Zustands bisher wohl entgangen, doch nun runzelte er die Stirn und fragte mit weicher Stimme „was ist passiert?“
Ich konnte nur den Kopf schütteln und in einer hilflosen Geste die Arme ausbreiten, da sich in meiner Kehle ein Kloß gebildet hatte, der sich hartnäckig weigerte, sich von mir herunter schlucken zu lassen. Meine Augen brannten und obwohl ich mit aller Macht versuchte die Tränen zurück zu halten, kullerten die ersten bereits über meine Wangen.
Ohne ein Wort zu sagen trat er noch einen Schritt näher, fasste mich sanft am Arm und zog mich zu sich heran. Als er seine Arme um mich legte und mir sanft über den Rücken strich, fiel auch die letzte Zurückhaltung von mir ab. Ich drückte ihn fest an mich und versuchte ihm schluchzend zu erklären, was eigentlich geschehen war. Leider verstand er kein einziges Wort. Schließlich zog er mich einfach mit sich ins Wohnzimmer hinein und lies sich, immer noch die Arme fest um mich geschlungen, auf die Couch fallen.
Eine Weile saßen wir so zusammen, mein Kopf ruhte an seiner Schulter und obwohl mir diese Situation eigentlich unangenehm und peinlich sein sollte, fühlte ich mich unglaublich wohl und beschützt. Gott, ich kannte ihn noch nicht einmal richtig, ich hatte sein Leben auf den Kopf gestellt, weil ich egoistisch genug gewesen war, diesen verdammten Artikel über ihn zu schreiben und jetzt saß ich hier, heulte mich an seiner Schulter aus und genoss dabei das Gefühl der Wärme, das er mir vermittelte.
Nach einer ganzen Weile versiegten die Tränen. Ab und zu schüttelte mich noch ein Schluchzen, aber ich spürte, wie ich mich langsam zu entspannen begann.
Ich setzte mich langsam auf und sah mich nach einem Taschentuch um. AJ bemerkte meinen Blick, stand auf und kam gleich darauf mit einer Schachtel Kleenex zurück.
Ich putzte mir die Nase, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und seufzte dann abgrundtief.
„Besser?“ fragte AJ leise.
„Etwas,“ gab ich krächzend zurück. „Tut mir leid, dass ich hier so einfach aufgetaucht bin. Ich hätte vielleicht nicht herkommen ... ,“
„Ich bin froh, dass Du da bist,“ unterbrach er mich und ich sah zu ihm auf.
„Du bist schon ein wenig masochistisch veranlagt, oder?“
Er lachte leise. „Nein, eigentlich nicht. Ich mag Dich und ich finde es schön, dass Du mir so ... na ja ... so vertraust, dass Du auch hier her kommst, wenn es Dir mal nicht so gut geht.“
„Du bist seltsam,“ stellte ich fest.
„Nein, Du bist seltsam. Aber das hatten wir ja schon.“
„Stimmt.“
„Erzählst Du mir, was los ist?“
„Was los ist ... hm ... mein ganzes Leben ist los. Losgelöst und verquer und nicht mehr so, wie es einmal war. Ich war einmal ein positives Teilchen und habe innerhalb von kürzester Zeit alle negativen in meiner Umgebung angezogen. Jetzt bin ich selbst so voller negativer Energie dass alles, aber wirklich alles, schief geht. Ich ... ich fühle mich ... so ... so ... allein.“
Selbst überrascht von dieser Erkenntnis sah ich wieder zu ihm hinüber. Er hatte den Kopf in seine Hand gestützt und musterte mein Gesicht aufmerksam.
„Du bist nicht alleine,“ widersprach er.
„Objektiv betrachtet vielleicht, aber ... nicht hier drin,“ ich tippte auf die Stelle unter der mein Herz hektisch und unregelmäßig schlug. „Da drin herrscht absolutes Chaos und ... und wenn ich denke, ich bekomme das alles wieder irgendwie in den Griff, passiert schon wieder die nächste Katastrophe.“
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel ... meine beste Freundin Hannah hat mir gerade erklärt, dass sie mit mir nichts mehr anfangen kann und dass sie mich nicht mehr vermisst und dass ich so weit weg bin und ... und wir uns eine Weile nicht mehr hören sollten. Ich meine ... ich brauche sie ... das erste Mal in meinem Leben, dass ich wirklich einen Menschen so sehr brauche und sie ... sie dreht sich herum und geht einfach. Ich verstehe das nicht. Habe ich mich wirklich so sehr verändert? Ich bin doch immer noch der selbe Mensch. Vielleicht ... sind ... manche meiner Aktionen nicht ganz nach zu vollziehen, aber trotzdem bin doch wohl ich noch ich.“
„Ehrlich gesagt kann ich nicht wirklich beurteilen ob Du noch Du bist,“ entgegnete AJ „ich weiß nur, dass Du ganz sicher ein liebenswerter Mensch bist. Ich sehe keine Grund, warum sie Dir die Freundschaft kündigen sollte, egal wie Du vorher warst. Was bedeutet überhaupt „vorher“? Eine Woche? Ein Monat? Ein Jahr?“
„Seit ich hier bin,“ murmelte ich leise. Bei seinen Worten war ich innerlich immer weiter in mich zusammen geschrumpft. Ich war kein liebenswerter Mensche. Wenn er von dem Artikel wüsste, würde er das sicherlich nicht mehr behaupten. Und ich war auch niemand, dem man vertrauen konnte, da ich die Schwächen der anderen immer zu meinem Vorteil ausnutzte. Was machte ich hier eigentlich?
„Du denkst gerade darüber nach, wie Du am schnellsten und möglichst ohne großes Aufsehen von hier verschwinden könntest,“ sagte AJ plötzlich und völlig verblüfft starrte ich ihn an, was ihn zum Lachen brachte.
„Hey, was das betrifft bist Du wirklich sehr leicht zu durchschauen.“
„Tut mir leid,“ sagte ich zerknirscht „es ist nur ... ich denke nur ... ach, ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich denken soll.“ Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und versuchte es mit dem alten Kindertrick. Wenn ich ihn nicht sah, konnte er mich auch nicht sehen. Leider war ich nicht mehr fünf und so funktionierte das nicht besonders gut.
„Komm’ schon. Es ist o.k.,“ sagte er sanft und ich spürte, wie seine Hand über meinen Rücken strich.
„Ich denke nicht, dass es o.k. ist. Ich sollte nicht hier sein.“
„Warum nicht?“
„Weil ... weil ... das kann ich Dir nicht erklären.“
„Versuche es.“
„Nein,“ entgegnete ich bestimmt und setzte mich wieder auf. Er durfte es nie erfahren, so viel stand fest. Das Schlimme daran war nur, dass es mir beinahe egal war, was er danach von mir denken würde, ich den Gedanken aber nicht ertragen konnte, sein Vertrauen in mich mit Füßen zu treten und ihn zu verlieren.
Er seufzte und schüttelte den Kopf.
„Ich kann Dir nicht helfen wenn Du nicht mit mir redest.“
„Doch. Du hilfst mir schon damit, dass Du einfach da bist.“
Ein zaghaftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht und ich erwiderte es.
Boomer kam angeschlichen und legte seinen Kopf auf mein Knie, Daisy und Tank gesellten sich dazu und so waren AJ und ich erst einmal eine Weile damit beschäftigt, das Liebebedürfnis der Hund zu stillen.
„Sollen wir in die Küche gehen, was meinst Du? Ich könnte wirklich ein wenig Hilfe gebrauchen,“ sagte AJ schließlich.
„Sehr gerne,“ erwiderte ich.
Wir standen auf, AJ nahm meine Hand und gemeinsam gingen wir in die Küche, wo wir ein Chaos ungeahnten Ausmaßes vorfanden.
„Bisher dachte ich eigentlich, das mit der Hilfe hättest Du nur gesagt um mich ... na ja ... irgendwie zu beschäftigen und nicht dass es wirklich SO dringend ist,“ meinte ich mit einem entgeisterten Rundblick über die Töpfe, Schüsseln, Kochlöffel, Bestecke und Lebensmittel, die sich auf jedem freien Fleckchen dieser nicht gerade kleinen Küche türmten.
„Na ja,“ gab AJ zurück und kratzte sich dabei verlegen im Nacken „ich bin in der Küche wirklich eine Niete, aber irgendwann muß man ja mal damit anfangen sich selbst zu versorgen.“
„Was sollte das denn werden?“
„Ähm ... ,“ er machte ein paar Schritte in die Küche hinein und hielt mir ein Kochbuch unter die Nase „das hier ... eigentlich.“
„Gefüllter Truthahn mit Süßkartoffeln und Karottengemüse,“ las ich vor und schüttelte den Kopf „kein Wunder. Das würde ich wohl auch nicht fertig bringen.“
„Ich dachte wenn schon kochen, dann richtig.“
„Na dann mal an die Arbeit,“ meinte ich schmunzelnd, rieb mir die Hände und hatte keine blassen Schimmer, wo wir anfangen sollten.

Kapitel 21