Kapitel 19
In der Nähe des Kanzlei gab es ein Restaurant, das Will zu Folge um die Mittagszeit von Anwälten nur so wimmelte. Unter anderem nahmen dort auch sein Chef, Robert Semper, und dessen Assistentin Sarah McCoy beinahe täglich ihr Lunch ein.
Als wir das Lokal betraten, war es bereits gut besucht und wir hatten Glück noch einen freien Tisch zu bekommen. Ich setzte mich so, dass ich das gesamte Restaurant gut im Auge behalten konnte, nahm dann die Speisekarte und verschanzte mich für einen Moment mit Will dahinter.
Ist sie hier? fragte ich leise und Will machte einen Rundblick über den Rand der Speisekarte hinweg.
Zweiter Tisch neben dem Eingang. Der Typ in dem grauen Armani Anzug und die wunderhübsche junge Frau in diesem ... ähm ... Kleid ... , er seufzte leise und ich mußte grinsen. Für einen Moment hatte Wills Verstand das Lokal wohl verlassen.
Ich lugte ebenfalls hinter meiner Speisekarte hervor und entdeckte die beiden beschriebenen Personen beinahe auf Anhieb. Ich schätzte Mr. Semper auf die Entfernung auf etwa fünfzig Jahre, wobei sein schlanker Körper eine Art Vitalität ausstrahlte, die ihn deutlich jünger wirken lies.
Die Frau, die ihm gegenüber saß, war im klassischen Sinne hübsch. Dunkelblondes, schulterlanges Haar mit etwas helleren Strähnen darin, hohe Wangenknochen, Stupsnase und volle Lippen, dazu dieses wundervolle cremefarbene Kleid, das elegant und todschick an ihr wirkte. Die schlanken Beine hatte sie lässig übereinander geschlagen und alleine der Anblick ihres entblößten Knies lies Will beinahe den Verstand verlieren. Keine Frage, er war hochgradig verknallt in diese Schönheit und wie er gesagt hatte, würdigte sie unseren Tisch und damit auch ihn, keines Blickes. Vielleicht war diese Angelegenheit doch etwas schwieriger, als ich bisher gedacht hatte, doch das stachelte meinen Kampfeswillen nur noch mehr an.
Ein Keller kam um unsere Bestellung auf zu nehmen. Als er wieder gegangen war, beugte ich mich etwas weiter zu Will hinüber und legte ihm vertraulich eine Hand auf den Arm. Wir redeten leise miteinander, auch wenn unser Gespräch weder vertraulich noch besonders interessant war. Es galt lediglich den Schein zu wahren.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich jede Regung an Sarahs Tisch und irgendwann hatten wir tatsächlich Glück. Während sie an einem Salatblatt kaute, schweifte ihr Blick durch das Lokal und als ich mir sicher war, dass sie uns in der nächsten Sekunde entdecken würde, beugte ich mich zu Will hinüber und hauchte ihm einen sanften Kuss auf die Wange.
Ich griff fester nach seinem Arm, als ich merkte, dass er überrascht zurück zucken wollte.
Halt still, flüsterte ich und hatte dabei mein liebevollstes Lächeln aufgesetzt.
Wieso? Was ist denn los? gab Will genau so leise zurück und erwiderte mein Lächeln.
Sie sieht gerade her.
Bist Du Dir sicher? Will wirkte sofort ganz aufgeregt und ich spürte, wie er nervös unter dem Tisch mit seinem Fuß auf den Boden zu trommeln begann.
Ja, ich bin sicher und hör sofort auf unter dem Tisch herum zu hampeln.
Sein Fuß stoppte mitten in der Bewegung.
Ich lehnte mich langsam wieder in meinem Stuhl zurück und riskierte einen raschen Seitenblick auf Sarah. Volltreffer! Sie starrte ungeniert zu uns herüber und schien sogar vergessen zu haben, ihr Salatblatt weiter zu kauen. Als sie meinen Blick bemerkte, wandte sie allerdings sofort den Kopf und lächelte ihren Chef an, der wohl irgendetwas zu ihr sagte.
Sie hat uns angestarrt, murmelte ich triumphierend.
Hat sie nicht, gab Will entgeistert zurück.
Doch, hat sie.
Oh Mann, war alles was er sagen konnte und dann noch einmal oh Mann oh Mann.
Als ich am frühen Nachmittag wieder zu Hause war, beschloss ich eine Runde im Meer schwimmen zu gehen. Das Wetter war herrlich und das Wasser höchstwahrscheinlich eiskalt, aber das machte mir nichts aus ... redete ich mir zumindest ein. Ich zog meinen Bikini an, hängte mir ein großes Badehandtuch über die Schulter und stieg, gefolgt von Boomer, die Stufen zum Strand hinunter. Ich lies das Handtuch unbeachtet im Sand liegen und machte ein paar Schritte in die heranrauschenden Wellen hinein.
Bis zu den Knien schaffte ich es, ohne eine Miene zu verziehen, mit dem nächsten Schritt stand ich bereits bis zur Taille in dem kühlen Nass und ich sog erschrocken die Luft ein. Das war aber wirklich kalt!
Ich benötigte ungefähr eine viertel Stunde bis ich all meinen Mut zusammen nahm und mich todesmutig in die Fluten stürzte. Nach einigen hektischen Schwimmbewegungen, die mich zudem noch wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappen ließen, gewöhnte sich mein Körper an die Temperaturen und ich begann wesentlich ruhiger parallel zum Strand zu schwimmen.
Das schöne am Schwimmen ist für mich nicht nur die Bewegung. Zum einen strengt mich diese Art von Sport nicht sonderlich an und zum anderen kann ich stundenlang einfach meine Bahnen ziehen, während mein Kopf sich mit anderen Dingen beschäftigt.
So auch heute. Zunächst wanderten meine Gedanken zu dem heutigen Mittag zurück. Will, die Kanzlei, Sarah, das alles war im Gunde neu für mich und doch schien es mir, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes getan, als mit Will Essen zu gehen und dabei Pläne zu schmieden, wie er seine Herzdame erobern konnte.
Mein eigenes Leben, vor dem ich eigentlich hier her geflüchtet war, schien auf einmal meilenweit von mir entfernt zu sein. Mir fiel auf, dass ich seit dem Gespräch mit Will vor einer Woche, nicht mehr an Luke gedacht hatte. Irgendwie waren andere, wichtige Dinge in mein Leben getreten. Angefangen bei Will, seinen Problemen und seiner ruhigen, verlässlichen Art, bis hin zu AJ, dem Artikel, der immer noch wie eine dunkle Wolke über meinem Gemüt schwebte und dem Wohnheim-Projekt, um das immer wieder mal meine Gedanken kreisten.
Ich versuchte zu ergründen, ob ich absichtlich nicht an Luke gedacht hatte und stellte erstaunt fest, dass ich mir keine große Mühe hatte geben müssen um ihn für eine Weile zu vergessen.
Aus den Tiefen meines Gedächtnisses tauchte ein anderer Name auf. Hannah hatte eigentlich versprochen, mich am nächsten Tag an zu rufen, das war jetzt allerdings auch schon eine Woche her.
Wieder einmal fragte ich mich, was mit ihr los war. Was hatte sich zwischen uns verändert? Hatte nur ich mich verändert? Oder brachte ich kein Verständnis mehr dafür auf, dass sie ein geregeltes Leben mit Simon und ihrem Job führte und ich darin nicht mehr die große Rolle spielte wie früher, als sie nicht einmal 10 Minuten von mir entfernt wohnte und wir uns beinahe täglich sahen?
Früher, was ein Wort. Ich war gerade mal fünf Wochen hier. Genügte das schon, um meine Heimat und das Leben, dass ich dort geführt hatte, als Vergangenheit an zu sehen? Manche Dinge erschienen so weit weg.
Die Hochzeit zum Beispiel, war in meinen Erinnerungen zu etwas verblasst, was auch in einem anderen Leben hätte passiert sein können. Wenn ich versuchte in Gedanken diesen Tag zu rekonstruieren, sah ich eigentlich nur den Moment vor mir, als ich zum Altar schritt, am Arm meines Vaters und zu diesem Zeitpunkt noch glücklich, den Mann im schwarzen Smoking vor mir heiraten zu dürfen.
Alles andere, die Zeit davor, die ganze Planung, die Schmückung des Hauses, der Aufbau des Podestes mit den weißen Klappstühlen davor, die Blumen, das Buffet, die Gäste ... alles verschwand in einer Art Nebel und wenn ich versuchte gewisse Situationen zu greifen, zogen sie sich darin zurück und blieben für mich verborgen, so als hätten sie an Wichtigkeit verloren und wären es nicht mehr wert sich in meinem Gedächtnis auf zu halten.
Stattdessen konnte ich mich ganz genau daran erinnern, was Conner angehabt hatte als ich mich mit ihm unterhielt, ich sah Wills Wohnung vor mir, obwohl ich diese nur flüchtig bei meiner überstürzten Flucht wahr genommen hatte, ich wußte, wie AJ roch, wenn er sich nahe zu mir hinüber beugte und Daisy und Tank konnte ich ebenfalls mühelos aus meinem Gedächtnis hervor holen. Nur mit zu Hause klappte das plötzlich nicht mehr und diese Erkenntnis gefiel mir nicht sonderlich.
Ich machte kehrt und schwamm die Strecke am Strand entlang zurück. Wenn ich zurück in meinem Haus war, würde ich als erstes Hannah anrufen und diesmal würde sie sich nicht heraus reden können. Ich mußte einfach wissen, was los war, auch wenn das vielleicht schmerzhaft werden würde. Aber alles war besser als weiterhin mit diesem unbestimmten Gefühl leben zu müssen, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war.