Kapitel 18

Am nächsten Tag war ich mit Will verabredet um Schritt eins unseres wie-erobere-ich-Sarah-Plans um zu setzen.
Ich wählte dafür eines meiner neuen Sommerkleid, hochhackige Schuhe und band mir die Haare nachlässig im Nacken zusammen.
Auf dem Weg zu Wills Büro lief vor meinem geistigen Auge noch einmal der gestrige Abend ab. Nachdem AJ davon gefahren war, ging ich ins Haus um meine Tüten los zu werden und Boomer zu holen. Zehn Minuten später stieg ich die Treppe von der Terrasse zum Strand hinunter und sah dabei bereits AJ mit Tank und Daisy im Schlepptau auf mich zu kommen.
Gemeinsam gingen wir den Strand entlang, beobachteten die Hunde, die sich fröhlich im Wasser balgten und redeten dabei so gut wie gar nicht. Es war ein schönes Gefühl einfach gemeinsam zu Schweigen, ohne sich dabei unwohl zu fühlen. Meine Gedanken drehten sich hauptsächlich um das Wohnheim und die Rolle, die AJ darin spielte. Um ehrlich zu sein hatte ich ihm das nicht zu getraut. Ein Projekt, das viel Zeit, Aufmerksamkeit, Engagement und vor allen Kontinuität erforderte, schien so gar nicht zu ihm zu passen.
Ich hatte bisher gedacht, er sei eher ein flatterhafter, spontaner Mensch, dem es durchaus zu zu trauen war, dass er jede Minute seine Koffer packte um nach Timbuktu aus zu wandern.
Jetzt konnte ich die Wurzeln sehen, die er in dieser Stadt zum Wachsen gebracht hatte und es verwirrte mich dieses neue Puzzle-Teil in seine Persönlichkeit einbauen zu müssen.
Immer wieder sah ich verstohlen zu ihm hinüber um mich davon zu überzeugen, dass ich immer noch den selben Menschen vor mir hatte und erkannte im Laufe der Zeit immer mehr Details, die sich in das Gesamtbild seiner selbst in meinem Kopf einfügten.
Ohne großes Aufsehen machten wir schließlich kehrt, liefen den Strandabschnitt zurück den wir gekommen waren und verabschiedeten uns dann an meinem Haus. Er winkte noch einmal kurz zum Abschied, dann verschluckte ihn nach und nach die Dunkelheit bis er nicht mehr zu sehen war.
Mit den Gedanken noch bei eben diesem Abend und deshalb innerlich entsprechend ausgeglichen, betrat ich schließlich gegen Mittag die Anwalts-Kanzlei Semper & Sons. Die Büroräume lagen im 4. Stock eines nicht mehr ganz neuen, aber durchaus ansehnlichen Gebäudekomplexes am Rande der Innenstadt.
Als ich aus dem Fahrstuhl trat erwartete mich lässige Gediegenheit. Der Empfang war mit hellbraunem, strapazierfähigem Teppich ausgelegt, links und rechts führte ein kurzer Gang zu den Büros der Anwälte und mir gegenüber befand sich ein Empfangstresen aus dunklem Holz, der allerdings im Moment nicht besetzt war.
Dass sich in dieser Etage Menschen aufhielten, verrieten mir lediglich das Klingeln diverser Telefone und Gesprächsfetzen, deren Worte ich zwar nicht verstehen konnte, die aber gedämpft aus den Büros links und rechts zu mir herüber wehten.
Etwas unschlüssig ging ich auf den Empfang zu und strich mir, inzwischen etwas nervös, ein paar widerspenstige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ich hatte schon immer ein Problem damit, wenn ich einer Leere gegenüberstand die ich nicht sofort mit Fragen bombardieren konnte.
Gerade als ich darüber nachdachte Will auf seinem Handy an zu rufen, damit er mich abholen kam (was ganz und gar nicht unserem Plan entsprach), ging hinter dem Empfang eine Tür auf und eine hoch gewachsene Blondine, in einem schwarzem Hosenanzug und lila Bluse trat heraus.
Als sie mich entdeckte, erhellte sofort ein freundliches Lächeln ihre eher strengen Gesichtszüge.
„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ fragte sie, während sie sich auf einen Bürostuhl hinter dem Tresen nieder lies.
„Guten Tag. Mein Name ist Skyler Thomson. Ich möchte zu Mr. Will Hunter.“
„Haben Sie einen Termin?“
„Nein, aber er erwartet mich,“ entgegnete ich und zwang mich dazu, mich nicht mit verschränkten Armen auf den Tresen zu lehnen. Irgendwie schien mich alles, was höher als ein normaler Tisch war, dazu ein zu laden.
„Einen Moment bitte,“ sagte die Empfangsdame, nahm den Telefonhörer ab und tippte drei Nummern in ihr Display.
„Mr. Hunter? Hier ist eine Miss Thomson für Sie ... Ja ... in Ordnung.“ Sie legte den Hörer zurück auf die Gabel und sah zu mir auf.
„Mr. Hunter kommt sofort,“ teilte sie mir mit.
„Danke.“
Ich trat einen Schritt zurück und sah erwartungsvoll nach links und rechts den Gang hinunter. Schließlich trat Will aus einem der Büros zu meiner Linken. Er trug eine schwarze Anzughose mit Nadelstreifen, eine Weste aus dem gleichen Material und darunter ein rosafarbenes Hemd mit dunkelroter Krawatte. Es war eindeutig Will der da mit festem Schritt und gestrafften Schultern auf mich zu kam und trotzdem mußte ich zwei Mal hinsehen.
So langsam wurde mir einiges klar. Hätte er dieses Büro in Jeans und T-Shirt betreten dürfen, würden ihm sicherlich sämtliche weibliche Angestellte zu Füßen liegen, doch so wirkte er in gewissem Sinnen so arrogant und selbstsicher, dass man es sich lieber zwei Mal überlegte, ob man mit ihm tatsächlich außerhalb des Büros zu tun haben wollte.
„Sky! Hallo,“ rief er und zog mich gleich darauf in eine herzliche Umarmung, so wie wir es besprochen hatten. Danach schob er mich ein Stück von sich und sagte „Du siehst umwerfend aus,“ und obwohl das einfach sein Text in dieser Szene war, genoss ich dieses Kompliment.
„Ich musste mir doch jetzt einmal ansehen, wo Du arbeitest,“ sagte ich und lächelte zu ihm auf.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich die Empfangsdame. Es war unschwer zu erkennen, dass sie sich keines nach so kleine Detail unserer Unterhaltung entgehen lies. Kein Wunder. Will hatte, seinen Angaben zu Folge, bisher wie ein Einsiedler in dieser Kanzlei gelebt. Er ging nie mit jemandem Essen, er unterhielt sich niemals privat mit einem der anderen Angestellten, er ging noch nicht einmal zu den alljährlichen Weihnachtsfeiern. Zu recht durfte also das Blondchen hinter ihrem Tresen gespannt sein, wer ich war und was ich hier machte. Wunderbar! Nichts verbreitet sich schneller als guter Büroklatsch.
„Komm’ mit, ich zeige Dir mein Büro,“ meinte Will, legte mir ganz Gentleman like eine Hand in den Rücken und führte mich den Gang hinunter.
„Tür zu,“ raunte ich, als Will hinter mir das Zimmer betrat.
„Aber wir machen hier nie die Türen zu,“ entgegnete er verständnislos.
„Eben!“ gab ich zurück und schulterzuckend schloss er die Tür hinter mir.
Interessiert sah ich mich in dem kleinen Raum um. Die Stirnseite wurde von einem Schreibtisch eingenommen, der beinahe unter der Last der darauf gestapelten Aktenberge zusammen zu brechen schien. Zwei Aktenschränke links und rechts davon und zwei kleine, schwarze Ledersessel davor komplettierten das Mobiliar.
Hinter dem Schreibtisch ging ein Fenster auf die Straße hinaus, der Blick endete allerdings abrupt vor der Häuserfront auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Ein kleiner Kaktus und eine halb vertrocknete Grünpflanze standen auf dem Fensterbrett.
„Klein aber mein,“ sagte Will, als er meinen Blick bemerkte.
„Oh, ich finde es sehr nett. Wirklich. Ich sitze normaler Weise in einem Großraumbüro, ich weiß also diese Art von Privatsphäre durchaus zu schätzen.“
Will lies sich auf der Schreibtischkante nieder und bedeute mir, auf einem der Sessel Platz zu nehmen.
„Und, was meinst Du? Wie läuft unser Plan?“ fragte er.
„Bisher alles bestens. Eure Empfangsdame hat Ohren wie ein Elefant bekommen.“
„Wirklich? Also eigentlich hatte ich nicht den Eindruck, dass Bonnie überhaupt viel von ihrer Umwelt mitbekommt.“
„Genau so, wie du der Meinung bist, dass Sarah Dich keines Blickes würdigt,“ gab ich grinsend zurück und Will lachte leise.
„Eins zu Null für dich.“
„Wetten, jetzt wird gleich ... ,“ setzte ich an, doch in diesem Moment klopfte es bereits an der Tür und ich konnte mein triumphierendes Grinsen kaum verbergen.
„Herein,“ rief Will.
Die Tür ging auf und eine junge Frau in grauem Kostüm, Brille und zu einem festen Knoten aufgesteckten, braunen Haaren trat herein.
„Entschuldigung, ich möchte nicht stören,“ sagte sie und ihr Blick sprang dabei hektisch zwischen Will und mir hin und her. Kein Wunder, wir saßen eindeutig zu dicht beieinander um lediglich Anwalt und Klientin zu sein.
„Ich wollte nur fragen,“ fuhr sie nach einer kurzen Pause fort „ob Du irgendetwas zum Mittagessen haben möchtest. Sandy und ich gehen zu Hankoks und könnten Dir ein Sandwich mitbringen.“
„Danke Chloè, aber Sky und ich gehen gleich Essen.“
„Oh,“ die korrekt gezupften Augenbraunen von Chloè schnellten überrascht in die Höhe, dann nickte sie, wünschte uns noch einen schönen Tag und schloss dann wieder die Tür hinter sich.
Als wir sicher sein konnten, dass die Tür tatsächlich geschlossen war, schüttelte Will entgeistert den Kopf „sie haben mich noch nie gefragt, ob sie mir etwas zu Essen mitbringen sollen.“
„Ist ja auch logisch, wenn Du Dich ansonsten weit gehend aus dem Büroalltag heraus hältst. Hast Du meinen Rat mit der Küche befolgt?““
„Ja, habe ich. Wie Du gesagt hast, trinke ich jetzt jeden Morgen meinen Kaffe in der Gemeinschaftsküche und versprühe meinen jugendlichen Charme.“
„Gut gemacht,“ lobte ich ihn und er strahlte von einem Ohr bis zum anderen. „Dann sollten wir nun wohl zu Schritt zwei übergehen.“
„Ich bin dabei. Allerdings weiß ich nicht, ob das wirklich Sinn hat. Ich meine ...,“
„Hey,“ unterbrach ich ihn „vertrau mir einfach. Selbst wenn das mit Sarah nicht klappen sollte, so hast du Dich wenigstens ein bißchen außerhalb Deiner vier Bürowände eingelebt.“
„Wo du recht hast ... ,“ entgegnete er, stand auf und zog sein Jackett über. „Dann mal los,“ lächelt er und hielt mir die Tür auf.

Kapitel 19