Kapitel 17
Mittlerweile war es dunkel geworden und die Lichter von LA rauschten an der Seitenscheibe des Porsche vorbei. Ich hatte freiwillig darauf verzichtet zurück zu fahren, da mir im Moment zu viel durch den Kopf ging.
Nachdem die Geschichte mit Conner erst einmal geklärt gewesen war, hatte AJ mir den Rest des Hauses gezeigt.
Im Erdgeschoss befand sich noch eine riesige, blitzblank polierte Küche und ein großes Esszimmer, in dem ein langer Esstisch stand, der sicherlich Platz für beinahe zwanzig Personen bot. Man hatte sich Mühe gegeben die Räume freundlich und gemütlich ein zu richten. Überall standen Grünpflanzen, hingen Bilder an den Wänden und lagen Gegenstände, die wohl irgendeinem der Kids gehören mussten, herum.
Im oberen Stockwerk befanden sich die einzelnen Schlafzimmer und drei Badezimmer. AJ hatte mir erklärt, dass jeder der Jungen und Mädchen ein eigenes Zimmer bekam und dieses nach seinen eigenen Vorstellungen einrichten konnte.
Nachdem die Führung beendet war, hatten wir uns zusammen mit Tersha und den Jungen und Mädchen zurück in den Aufenthaltsraum gesetzt. Ich lernte an diesem Abend viel darüber, was ein einzelner Mensch in der Lage ist, zu ertragen.
Natürlich, jeder dieser jungen Menschen hatte seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen und ganz sicher hatte ich nur einen kurzen Blick auf die Oberfläche werfen dürfen, aber das hatte mir schon ausgereicht: Misshandlungen durch die Eltern, Drogen, kleinere Einbruchs- und Diebstahlsdelikte, die Liste war lang und so langsam verstand ich auch, was AJ und Tersha da auf die Beine gestellt hatten.
Immernoch schweigend hielten wir schließlich vor meiner Haustür an und AJ stellte den Motor ab. Sofort verstummte die Musik, das angenehme Brummen des Motors erstarb und man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Lass uns aussteigen, meinte AJ und öffnete bereits die Tür die Sucht ruft, fügte er noch mit einem Grinsen hinzu.
Als ich mich neben ihn an die Motorhaube lehnte, hatte er bereits eine Zigarette aus der Schachtel in seiner Hosentasche gefischt und sie angezündet. Dünne, graue Rauchschwaden stiegen gen Himmel und ich sah ihnen nachdenklich nach.
Was denkst Du? fragte AJ schließlich.
Worüber? Über das Haus? Die Kids? Über Dich?
Über alles würde ich sagen.
Ich schwieg noch einen Moment um mich zu sammeln, dann begann ich stockend zu erzählen.
Ich denke, dass ... hm ... Tersha und Du dort etwas großartiges geschaffen habt. Die Kids scheinen sich dort wohl zu fühlen und haben so zu sagen einen Ausweg aus ihrer ... ähm ... verfahrenen Situation gefunden. Sogar Conner scheint hinter seiner rauen Schale glücklich darüber zu sein, dass er dort sein darf.
Ich habe mich ... nun ja ... etwas darüber erschreckt was diese jungen Menschen schon alles haben mitmachen müssen. Man .... macht sich darüber eher selten Gedanken, verstehst Du?
Ich sah zu ihm auf, nur um zu testen, ob er mir noch folgen konnte. Seine Augen musterten mich aufmerksam und er nickte leicht. Ich richtete meinen Blick wieder auf die Straße vor uns, weil ich das Gefühl hatte nicht richtig denken zu können, wenn ich ihm zu lange in die Augen sah.
Was ich nicht so ganz verstehe ist ... uhm ... warum es nur so wenige sind. Also ... nicht dass Du mich jetzt falsch verstehst, aber meinst Du nicht, man könnte daraus mehr machen? Also ich meine ... ähm ... ein anderes Gebäude suchen, mehr Kids aufnehmen ... keine Ahnung. Zehn erscheint mir so unglaublich wenig.
Ich weiß was Du meinst. Tersha und ich haben lange darüber nachgedacht. Aber so wie es jetzt ist, können wir gewährleisten, dass jeder die Aufmerksamkeit und Betreuung bekommt, die er braucht. Es nützt niemandem, wenn wir zwar 100 Kids ein zu Hause bieten können, sie aber weiterhin tun und lassen können, was sie wollen, einfach weil es zu viele sind um sie im Auge zu behalten.
Man bräuchte mehr Personal, stellte ich fest.
Eben. Aber die geeigneten Personen zu finden, ist schwierig. Wir sind froh, dass wir Sandy als ehrenamtliche Mitarbeiterin gewinnen konnten. Sie kommt zwei Mal die Woche und ist ... na ja ... so etwas wie der psychologische Beistand für die Kids. Sie hat eine eigenen Praxis am anderen Ende der Stadt und eigentlich kommen zu ihr nur die Prominenten und Leute mit viel Geld. Als sie von unserem Projekt gehört hat, war sie sofort Feuer und Flamme. Sie verlangt keinen einzigen Cent und leistet dafür einfach unglaubliches.
Sie muß eine außergewöhnliche Frau sein.
Oh ja, das ist sie.
Ich sah wieder zu ihm hinüber. Sein Blick war in die Ferne gerichtet und ein verklärtes Lächeln lag auf seinen Lippen.
Wie außergewöhnlich ist sie denn? fragte ich schmunzelnd, weil ich diesen Ausdruck fälschlicher Weise als Verliebtheit deutete.
Hm. Ich würde mal sagen, sie hat sehr viel für mich getan und ... , er sah auf mich hinunter und für einen Moment zogen sich seine Augenbrauen verständnislos zusammen, dann erhellte allerdings ein Grinsen sein Gesicht und er begann leise zu lachen.
Sandy ist 55 und eine Seele von Mensch, allerdings etwas zu alt für mich, falls Du das gemeint haben solltest.
Oh ... ich ... also ... so weit habe ich gar nicht gedacht, stammelte ich, was AJ nur noch mehr zum Lachen brachte.
Darf man Lügen? fragte er mich neckend und ich spürte, wie ich rot wurde.
O.k., o.k., Du hast ja recht.
Um ihn von mir ab zu lenken, fuhr ich fort und was ist mit Conner? Ich meine ... es schien so, als hättet ihr eine ganz besondere Beziehung.
Das hast Du gut beobachtet, nickte er er ist ... hm ... mir in manchen Dingen sehr ähnlich und ... ich denke wir haben vieles gemeinsam. Wir waren beide sehr früh gezwungen ohne Vater auf zu wachsen, wir ... haben lange Zeit nach ... na ja ... so etwas wie Liebe gesucht und ... beide unsere Erfahrungen mit Drogen gemacht. Ich glaube er hört auf mich, weil er weiß, dass ich am ehesten verstehen kann, wovon er redet. Bisher hat noch niemand außer mir einen Zugang zu ihm gefunden. Tersha bemüht sich wirklich sehr und auch Sandy hat es schon versucht, aber so richtig auf zu tauen scheint er nur bei mir.
AJ zuckte mit den Schultern, so als wolle er sagen, dass er auch keine rechte Erklärung dafür hatte.
Eine große Verantwortung, sagte ich leise.
Ja, aber eine, die ich gerne übernehme.
Wir lächelten uns für einen Moment an, dann sah ich wieder hinauf zum Himmel.
Wie hat das eigentlich alles angefangen? Ich meine, Du bist sicherlich nicht morgens aufgewacht und hast Dir gedacht so, heute gründe ich mal ein Haus für hilfsbedürftige Kids.
Nein, er schüttelte grinsend den Kopf das sicher nicht. Ich habe Tersha ... uhm ja ... wie haben wir uns eigentlich kennen gelernt? er runzelte konzentriert die Stirn und begann gedanken verloren seine Unterlippe mit Daumen und Zeigefinger zu kneten.
Ach ja, also Tersha und ich lernten uns auf einer anderen Charity Veranstaltung kennen. Irgendwie ging es auch um Kinder und ... ach, keine Ahnung. Jedenfalls lief mir Tersah über den Weg, oder besser gesagt, ich lief ihr über den Weg. Zu erst hat sie mir Honig ums Maul geschmiert, wie toll doch meine Musik ist und dann hat sie zugeschlagen, lachte er. Als ich das erste Mal von diesem Haus-Projekt hörte, war ich ziemlich misstrauisch. So etwas privat zu managen ist meistens ein Indikator für mangelnde Seriösität. Es entsteht schnell der Verdacht, dass in die eigenen Tasche gewirtschaftet wird.
Um das Ganze ab zu kürzen: Wir gründeten einen gemeinnützigen Verein, kauften das Haus und seit gut vier Jahren läuft es hervorragend. Wir haben die niedrigste Rückfallquote von allen Einrichtungen dieser Art. Und das liegt ganz sicher mit an der geringen Anzahl von Kids, die wir betreuen. Du kannst einfach nicht mit hundert Individuen eine funktionierende Gemeinschaft aufbauen, oder sagen wir mal ... die Kapazitäten die Du dafür bräuchtest sind nicht zu bezahlen. Du kannst Dich da nicht um jeden einzelnen kümmern, als wäre es Dein eigenes Kind und Du hast viel zu wenig Zeit um ihnen wirklich zu zu hören. Tersha lebt in diesem Haus, sie hat ihr eigenes Zimmer im Erdgeschoss und ist somit Tag und Nacht dort.
Nicht dass ich die großen Einrichtung jetzt schlecht machen möchte oder so etwas, das ganz bestimmt nicht. Es wird auf diesem Gebiet großartige Arbeit geleistet und sicherlich haben die anderen mit viel schwierigeren Fällen als wir zu kämpfen. Es ist nur ... ich weiß auch nicht, er schüttelte den Kopf und seufzte.
Ihr bietet den Kids wirklich ein zu Hause und nicht nur einen Schlafplatz, stellte ich fest und er nickte.
Besser hätte ich es wohl kaum ausdrücken können.
Man sollte mehrere solcher Einrichtungen gründen, überlegte ich laut. Warum sollen nur die Großen unterstützt werden? Man könnte so eine Art Kampagne aufziehen, in denen man um Spenden wirbt ... so nach dem Motto ... uhm ... Sie können dafür sorgen, dass dieses Zimmer einen neuen Anstrich erhält und damit ein neues zu Hause für eines von 2 Millionen misshandelter Kinder schaffen ... oder so ähnlich.
AJ lachte neben mir gutmütig Dein Engagement in allen Ehren, aber das wirst Du nicht schaffen.
Wieso nicht?
Weil den meisten Menschen solche Leute egal sind. Wen kümmert es, ob Conner einen Ort hat, an dem er sich zu Hause fühlt? Die Menschen sind froh, wenn es ihnen selbst gut geht, da wollen sie sich mit so etwas nicht beschäftigen.
Aber es sind ganz bestimmt nicht alle so, widersprach ich.
Nein, sicher nicht. Aber die Ausnahmen zu finden ist sehr schwierig, zeitintensiv und kostspielig.
Tersha hat es auch geschafft.
Ja, nachdem sie zwei Jahre lang nach Sponsoren gesucht hat, nachdem sie zwei Mal beinahe ihr Haus verloren hat, nachdem ihr Mann sie verlies, nachdem ... Gott es gibt so viele Dinge die sie für dieses Projekt aufgegeben hat. Ich hingegen habe einfach mein Scheckbuch gezückt und schaue jede Woche ein bis zwei Mal vorbei, sofern ich hier bin natürlich. Keine großartige Leistung.
Oh doch, das ist es, widersprach ich, doch er zuckte nur mit den Schultern.
Ich denke nicht, aber darüber streite ich mich mit Tersha schon die ganze Zeit, also lass uns nicht auch noch davon anfangen.
Na gut, aber nur weil ich gerade gute Laune habe, gab ich trocken zurück, was ihn zum Lachen brachte.
Na, da habe ich aber noch einmal Glück gehabt.
Daraufhin schwiegen wir eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Ich wollte mich einfach nicht damit zufrieden geben, dass dieses Projekt das einzige seiner Art bleiben sollte. Dafür war es einfach zu wichtig, doch im Grunde meines Herzens musste ich AJ recht geben. So etwas konnte man nur aufziehen, wenn man bereit war, sein restliches Leben dafür zu opfern.
Ich bewunderte Tersha für ihr Engagement und ihre ... ja, beinahe Selbstaufgabe. Wie sehr musste man von etwas überzeugt sein, um sein eigenes Leben hinter das einiger Kids zu stellen, die im schlimmsten Fall noch nicht einmal dankbar für die Hilfe waren?
Ich hoffe, ich habe Dich nicht in etwas hinein gezogen, dass Du eigentlich gar nicht wolltest, sagte AJ schließlich neben mir leise.
Nein! Wie ... wie kommst Du denn darauf?
Ach, nur so, gab er zurück, aber man sah ihm an der Nasenspitze an, dass das meilenweit von der Wahrheit entfernt lag. Also wiederholte ich seine Worte, die er kurz zuvor zu mir gesagt hatte.
Darf man lügen?
Er grinste und schüttelte verneinend den Kopf nein, darf man nicht, gab er zu.
Also?
Also? Uhm ... nun ja ... Andrea war nicht sehr begeistert davon. Also ... sie ...
ähm ... war nicht sauer oder so, sie meinte nur, dass sie mit diesen ganzen furchtbaren Lebensgeschichten der Kids nicht umgehen könnte und sie zu sehr belasteten. Ab da war dieses Thema für uns gestorben.
Wirklich? Aber das ist doch ein großer Teil Deines Lebens?
Ich weiß. Aber ... ich kann nicht erwarten, dass jeder das gleiche darin sieht wie ich, verstehst Du?
Ich nickte langsam, auch wenn ich es nicht so ganz verstehen konnte. Wie war es möglich, dass man vor einem so wichtigen Thema die Augen verschloss? Eigentlich sollte es mich jetzt nicht mehr wundern, dass sie von AJs Eskapaden mit Kim nichts mitbekommen hatte.
Nun gut. Es wird langsam Zeit, dass ich nach Hause komme, sagte er und stieß sich von der Motorhaube ab. Ich gab es nur ungern zu, aber ich war ein wenig enttäuscht, dass der Abend hier schon zu Ende war.
Sicher. Ich ... tut mir leid, wenn ich Dich aufgehalten habe.
Du hast mich doch nicht aufgehalten, lächelte er aber Daisy und Tank sollten eigentlich nicht unbedingt ihr Geschäft auf meinem teuren Teppich verrichten.
Sollen wir ... also ... nur wenn Du willst natürlich und ... also ... ich könnte ja verstehen wenn nicht ... immerhin ... ,
Ich würde sehr gerne noch einen Strandspaziergang mit Dir und Boomer machen, unterbrach er mich grinsend und ich wurde schon wieder rot.
Dann ... uhm ... also bis gleich?
Ja, bis gleich.
Er beugte sich zu mir hinunter, hauchte einen Kuß auf meine Wange, ging dann um den Wagen herum und stieg ein.
Ich trat ein Stück zurück und sah dann zu, wie AJ wendete und mit aufbrüllendem Motor die Straße zu seinem Haus hinunter raste. Ich schüttelte grinsend über ihn den Kopf. Wirklich ein sehr seltsamer Mensch. Seltsam, aber irgendwie nett.