Kapitel 15

Als der Wirt uns unmissverständlich klar machte, dass er schließen und uns nichts mehr zu trinken geben würde, verließen wir schweren Herzens die Bar. Unsere Gespräche hatten sich bis dahin hauptsächlich um Will, seinen Job und, natürlich, Sarah gedreht.
Den Plan den wir ausgeheckt hatten, hielt ich für beinahe perfekt, was Will noch ein wenig bezweifelte, aber wir hatten uns vorgenommen ihn demnächst in die Tat um zu setzen.
Als wir nun auf den Parkplatz hinaus traten, sog ich tief die klar, samtige Luft ein. Es war immer wieder verblüffend, dass wir uns oft nicht über die Sache an sich, sondern über den Unterschied freuten.
„Und nun?“ fragte Will, der trotz seinen fünf Bieren noch einigermaßen nüchtern wirkte.
„Ich weiß nicht. Ich denke, ich werde langsam nach Hause wanken und hoffen, dass ich mich unterwegs nicht verlaufe.“
„Du bist zu Fuß hier?“
„Na ja. Mir war klar, dass ich heute Abend unmöglich bei Wasser bleiben kann, also habe ich voraus gedacht ... ,“
„ ... was ja nicht so oft vorkommt ... ,“ grinste Will.
„ ... und bin zu Fuß gegangen,“ vollendete ich den Satz ebenfalls grinsend.
„Was hältst Du davon, wenn ich Dich begleite?“
„Du willst den ganzen Weg zu mir nach Hause für nichts und wieder nichts mitgehen und dann auch noch alleine wieder zurück wandern?“
„Also erstens verbitte ich mir das „für nichts und wieder nichts“ und außerdem bin ich gerne an der frischen Luft.“
„Ja, ist mir auch schon aufgefallen, dass Du in diesem Punkt nicht ganz normal bist.“
„Nur in diesem Punkt?“ schmunzelte Will mit hochgezogenen Augenbraunen und kichernd hakte ich mich bei ihm unter.
„Du bist, was meine Ansichtsweisen von normalen Menschen betrifft, einer der normalsten die ich kenne und das soll ein Kompliment sein.“
„Na dann vielen Dank.“
Wir setzten uns in Bewegung und schlenderten langsam die Straße hinunter.
„Will?“
„Hm?“
„Was meinst Du, warum habe ich immer bei den falschen Dingen Glück?“
„Ich befürchte, ohne nähere Informationen kann ich das schlecht beurteilen.“
Die Nacht hatte mich irgendwie friedlich gemacht. All meine Probleme schienen meilenweit von mir entfernt und hatten ihren Schrecken in der Dunkelheit verloren.
Wer waren wir denn? Einfach nur ein paar winzige Punkte im Universum, die aus keinem bestimmten Grund existieren und das noch dazu, wenn man das gesamte Gefüge betrachtet, für eine lächerlich kurze Zeitspanne.
Wohl aus diesen Überlegungen heraus, kamen mir die nächsten Worten recht flüssig und ohne Reue über die Lippen.
„Na ja, der Artikel über AJ zum Beispiel. Jedes Detail hat einfach gepasst. Angefangen bei Kimberly, die so unerwartet bei ihm auftauchte, just in dem Moment als ich mich dazu durchgerungen hatte, ihn zu besuchen. Und es ging gerade so weiter.
AJ und Kim in dem Lokal, in dem wir Essen waren, Andrea, die nicht einmal eine halbe Stunde, nachdem ich meinen Posten vor seinem Haus bezogen hatte, mit ihrem Wagen vor fuhr und nicht zu letzt mein Story im ersten Drittel der Zeitung, so dass sie auch wirklich jeder sieht.
So viel Glück, wie hätte ich daraus nichts machen können?
Und dann hinterher das Ergebnis: AJ ist total fertig, ich fühle mich schuldig und irgendwie ... na ja ... meine Freundin ist seit dem auch irgendwie komisch. Ich verstehe es einfach nicht.“
„Ich bin ja der festen Überzeugung, dass nichts ohne Grund geschieht.“
„Na toll. In meinem Fall ist der Grund leider nicht sehr erfreulich ... oder eher das Ergebnis. Ich komme jetzt vielleicht beruflich weiter, verliere dabei aber einen ... nun ja, sagen wir mal ... so etwas wie einen Freund und dazu noch die Verbindung zu Hannah.“
„Vielleicht kannst Du jetzt noch gar nicht abschätzen, wo das hinführt?“
„Mag sein. Aber wenn ich darüber nachdenke, wo das hinführen könnte, wird mir ganz schlecht.“
„Hey. Sei nicht immer so pessimistisch. Wenn Du in ein paar Wochen auf unser Gespräch blickst, wird es Dir bestimmt ziemlich lächerlich vorkommen.“
„Ich hoffe wirklich, Du hast recht.“
„Natürlich habe ich recht,“ entgegnete Will mit einer derartigen Überzeugung in der Stimme, dass ich es beinahe selbst glaubte.
„Ich wünschte wirklich, ich könnte die Zeit schon ein paar Wochen vor drehen,“ sinnierte ich und richtete meinen Blick auf die schmale Sichel des Mondes über uns.
„Was glaubst Du, wäre dann anders?“
„Ich weiß nicht. Ich wüßte auf jeden Fall, wie die Sache mit dem Artikel und AJ ausgeht und ... ,“ ich stockte und seufzte. Schon wieder hatte sich Luke in meine Gedanken geschlichen.
„Wirst Du mir von dem großen „und“ erzählen?“ fragte Will sanft und ich zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, ob das gut für mich wäre. Irgendwie habe ich Angst, dass das alles nur noch schlimmer macht.“
„Wie kann etwas schlimmer werden, nur wenn man darüber spricht? Ich meine ... objektiv betrachtet wird sich an Deiner Situation nicht wirklich etwas verändern, es hilft Dir vielleicht die Dinge klarer zu sehen und das ist dann zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.“
„In die richtige Richtung? Aber was ist, wenn ich danach nur noch niedergeschlagener bin, als ich mich jetzt sowieso schon fühle?“
„Du wirst es jedenfalls nie wissen, wenn Du es nicht einfach ausprobierst. Außerdem bin ich ja auch noch da.“
„Ja.“ Ich lächelte zu ihm auf. Es war wirklich ein Glück gewesen, dass wir uns getroffen hatten. Ausnahmsweise hatte sich daraus keine Katastrophe entwickelt, obwohl ich nach der Sache in dem Lokal gedacht hatte, es wäre vorbei. Doch scheinbar lies sich Will durch meine verquere Art nicht abschrecken und dafür war ich ihm unendlich dankbar und vielleicht auch etwas schuldig.
„Er heißt Luke,“ begann ich also leise. „Wir lernten uns auf einer Party kennen und er war ... nun ja ... unglaublich anziehend, wenn Du verstehst, was ich meine.“
„Du wolltest ihn sofort vernaschen,“ stellte Will schmunzelnd fest.
„So in der Art, ja,“ grinste ich.
„Und dann?“
„Acht Monate lang lief alles bestens, dann haben wir beschlossen zu heiraten und irgendwo auf dem Weg zwischen dieser Entscheidung und dem Traualtar ist irgendetwas passiert, das völlig an mir vorbei lief. Er hat ... ,“ ich stockte und spürte, wie meine Wangen anfingen zu brennen. Es war mir so unglaublich peinlich es zu zu geben. Ich war nicht gut genug für ihn flüsterte mein unsicheres Ich. Er war nicht gut genug für Dich widersprach mein sebstbewußtes Ich.
Will lies mir Zeit. Wir gingen durch ruhige Straßen, vereinzelt flackerte das bläuliche Licht des Fernsehers hinter Fensterscheiben, ansonsten war es dunkel, der Wind strich sanft durch die Blätter der Allee Bäume am Straßenrand und ein leichter Geruch nach Salz und Wasser trieb vom Meer herüber. Die Welt gaukelte uns eine trügerische Perfektion vor und ich war nur zu gerne bereit, sie an zu nehmen.
„Er hat einfach nein gesagt, keine große Sache eigentlich. Es gab keinen Streit, ich habe ihn nicht mit einer anderen erwischt, wir hatten noch nicht einmal Zeit uns auseinander zu leben. Er hatte einfach beschlossen, dass er mich nicht heiraten möchte. Leider ist ihm das erst eingefallen, als wir vor dem Traualtar standen.“
„Mistkerl,“ entfuhr es Will und als ich erneut zu ihm aufsah, hatte sich seine Stirn in wütende Falten gelegt.
„Sorry, aber ist doch wahr. Wie kann man so ... so ... mir fehlen wirklich die Worte.“
„Ich glaube, dass ich daran Schuld bin,“ sagte ich beinahe flüsternd, was Will dazu veranlasste abrupt stehen zu bleiben.
„Wieso?“ fragte er.
„Ich weiß nicht. Ich ... wenn ich ... ,“ ich suchte nach den richtigen Worten und sah Hilfe suchend zum Himmel hinauf. „Ich war nicht gut genug, verstehst Du? Irgendetwas hat ihm bei mir gefehlt und deshalb konnte er mich nicht heiraten.“
„Und selbst wenn es so gewesen wäre, und die Betonung lieg auf wenn, gibt ihm das noch lange nicht das Recht Dich vor aller Welt zu demütigen.“
„Vielleicht. Ich ... ,“
„Nein, nicht vielleicht,“ Will fasste nach meinen Händen und sah mir eindringlich in die Augen „er hat Mist gebaut, verstehst Du? Er hat sich wie der letzte Scheißkerl verhalten und egal was Du vorher getan oder nicht getan hast ... das gibt ihm noch lange nicht das Recht, so mit Dir um zu gehen.“
„Ich weiß es nicht Will. Ich weiß ... gar nichts. Er hat mir noch nicht einmal erklärt, was los ist. Er ist einfach verschwunden und ich habe keine Ahnung ... ich meine ... man soll doch aus seinen Fehlern lernen, oder? Aber wie soll ich das denn, wenn er mir noch nicht einmal sagt, was ich falsch gemacht habe?“
„Könntest Du nicht wenigstens die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Du nicht daran schuld bist, dass Du nichts falsch gemacht hast?“
„Nein,“ ich schüttelte entschieden den Kopf. „Er wollte mich heiraten und irgendetwas habe ich getan, dass er das plötzlich nicht mehr wollte. Ich weiß nur nicht was.“
Will schwieg und fasste mein Hände etwas fester. Ein neuer Ausdruck war in seine Augen getreten, aber ich konnte ihn nicht so recht deuten. Ich wußte nur, dass mein Herz schmerzte, wie schon lange nicht mehr, dass die Ereignisse plötzlich wieder so unglaublich nahe schienen. Nicht, als seien sie vor Wochen geschehen, sondern als sei es gestern gewesen. Die pure Verzweiflung, die seit diesem verdammten Tag in mir steckte, bahnte sich mit aller Macht den Weg in mein Bewußtsein und vor lauter Anstrengung sie zurück zu halten begann ich leicht zu zittern. Ich würde ihr nicht nachgeben. Erst wenn ich wußte, warum Luke das getan hatte, würde ich mich damit wieder befassen. Bis dahin mußte ich funktionieren.
„Es muß furchtbar sein, mit diesem Gefühl zu leben,“ sagte Will ganz leise und plötzlich erkannte ich, was in seinen Augen stand. Er war traurig. Traurig darüber, dass er mir nicht helfen konnte, weil ich es nicht zu lassen würde.
„Es geht eigentlich ganz gut,“ gab ich zurück, obwohl ich wußte, dass ich mir und ihm etwas vormachte „Du hast doch selbst gesagt, dass ich eine Meisterin des Verdrängens bin.“
„Eben. Versprichst Du mir etwas?“
„Kommt darauf an was.“
„Wenn ... wenn Du beschließen solltest, dass Du keine Lust mehr zum Verdrängen hast, sagst Du mir bescheid? Es wäre nämlich unerträglich für mich wenn ich wüßte, dass dann keine starken Arme da sind, die Dich auffangen.“
Ich schluckte und die Härchen auf meinen Armen stellten sich auf.
„Ich verspreche es,“ sagte ich mit rauer Stimme und dann umarmte er mich. Mitten auf dem Gehweg, im Dunkeln der Nacht, in der wir die einzigen, wirklich existierenden Lebewesen zu sein schienen.

Kapitel 16