Kapitel 14

„Ich habe einen Fehler gemacht.“
„Als Du ja dazu gesagt hast, diesen Großkotz zu heiraten? Da gebe ich Dir recht.“
„Nein Hannah. Dieser Artikel über AJ. Es war ... es war ein Fehler.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es still und ich wappnete mich innerlich gegen das unvermeidliche ich habe es Dir doch gleich gesagt.
„Woher kommt denn die plötzliche Einsicht?“
„Ich habe ihn gesehen. Ich meine ... er saß da am Strand, völlig fertig und die ganze Zeit konnte ich nur daran denken, dass ich dafür verantwortlich bin.“
„So schlimm?“
„Schlimmer.“
„Und nun?“
„Was und nun?“
„Na ja ... hast Du irgendeinen Plan?“
„Einen Plan wofür?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht solltest Du ihm beichten, dass der Artikel von Dir stammt.“
„Nie im Leben Hannah.“
„Aber wieso nicht? Glaubst Du nicht, es wäre ehrlicher ihm UND Dir gegenüber?“
„Ihm geht es sowieso schon schlecht genug. Er muß doch denken, die ganze Welt hätte sich gegen ihn verschworen.“
„Ist das der einzige Grund?“
„Natürlich! Was denkst denn Du?“
„Was ich denke? Ich glaube, das willst Du gar nicht wissen.“
Ich wollte schon widersprechen, als mir unser letztes Streitgespräch einfiel. Manche Dinge blieben vielleicht tatsächlich ungesagt.
„Als ich heute bei ihm war ... ,“ begann ich stockend und erinnerte mich nur ungern an die Szene am Strand.
„Ja?“ hakte Hannah nach, als ich nicht weiter sprach.
„Na ja. Ich habe ihm von Luke erzählt.“
„WAS?“ Hannah klang beinahe erschüttert.
„Ja, ich weiß, das war keine so gute Idee. Aber wir standen einfach so da und da fragt er mich ... ,“
„Moment Skyler. Noch einmal für die Doofen zum Mitschreiben bitte. Was genau hast Du ihm über Luke erzählt?“
„Wenn Du mich ausreden lassen würdest, könnte ich es Dir sogar sagen.“
„Sorry. Ich fasse es nur einfach nicht. Da kennt ihr Euch jetzt schon ein paar Wochen und die ganze Zeit tust Du alles mögliche, damit er nicht dahinter kommt, schweigst beharrlich, wenn es um irgendein persönliches Thema geht und jetzt erzählst Du ihm so mir nichts Dir nichts von Luke.“
„Na ja, so mir nichts Dir nichts war das nun auch nicht.“
„Was hast Du ihm denn genau erzählt?“
„Im Prinzip nicht wirklich viel. Mir gefällt schon der Umstand nicht, dass ich überhaupt über ihn gesprochen habe.“
„Was bedeutet „nicht wirklich viel“?“
„Warum interessiert Dich das so? Hast Du mir nicht sogar immer geraten offener zu sein? Mich nicht zu verstecken?“
Ich hörte Hannah seufzen und verstand die Welt nicht mehr. Was war hier los?
„Du hast ja recht. Entschuldige. Es hat mich nur so ... so ... überrascht, dass Du es ihm erzählt hast.“
„Ich habe ihm nur seinen Namen verraten und dass ... nun ja ... er mich vor dem Traualtar hat sitzen lassen.“
„Na ja. Wenn Du ehrlich bist, gibt es da ja auch nicht mehr viel zu erzählen. Die wichtigsten Details kennt er jetzt jedenfalls.“
„Eigentlich hatte ich mir unser Gespräch anders vorgestellt,“ gab ich zu. Ursprünglich hatte ich angenommen, dass Hannah mir gratulieren, ja, dass sie sich vielleicht sogar darüber freuen würde, dass ich AJ endlich unter meine harte Schale hatte blicken lassen. Ihre heftige Reaktion verstand ich nun überhaupt nicht.
„Was erwartest Du von mir Sky? Gestern noch war die Welt in Ordnung. Du hattest Deinen Artikel, AJ war Dir mehr oder weniger egal und jetzt auf einmal kommt die Reue und Du erzählst ihm Deine dunkelsten Geheimnisse. Ich versuche nur zu verstehen, was passiert ist.“
„Geht mir genau so. Vielleicht hatte ich erwartet, dass Du ... na ja ... mir einfach sagst, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“
Hannah schwieg lange und ich mußte an mich halten um nicht vor lauter Enttäuschung den Hörer auf die Gabel zu knallen. Das war nicht meine Hannah, die da am anderen Ende der Leitung saß. Irgendeine höhere, gemeine Macht hatte von ihr Besitz ergriffen, dessen war ich mir sicher.
„Hör’ zu ... vielleicht sollten wir dieses Gespräch auf morgen verschieben.“
„Hannah, ist bei Dir alles in Ordnung?“
„S-Sicher. Was sollte denn nicht ... ,“
„Irgendetwas stimmt mir Dir nicht, das spüre ich. Du bist nicht Du selbst.“
„Nein. Alles bestens. Wirklich.“
„Aber ... ,“
„Hey. Simon kommt gerade nach Hause. Ich melde mich morgen wieder bei Dir, ja?“
„Aber ... ,“
„Tut mir leid. Du schaffst das schon, da bin ich mir sicher.“
„Wenn Du meinst.“
„Ganz bestimmt. Machs gut, ja?“
Und dann hatte sie auch schon aufgelegt.

Ich konnte mir einfach keinen Reim auf Hannahs Verhalten machen. Sie hatte beinahe so gewirkt, als hätte es ihr überhaupt nicht gepasst, dass AJ von Luke erfahren hatte. Die Frage war nur warum?
Eifersucht? Das konnte ich eigentlich ausschließen. Hannah war noch nie besitzergreifend gewesen, hatte es im Gegenteil immer begrüßt, wenn wir beide auch einmal etwas alleine unternahmen, andere Freundschaften pflegten und wegen eines Mannes hatten wir uns schon gar nicht in die Haare bekommen. Dafür waren unsere Geschmäcker, was das betraf, einfach zu verschieden.
Entsprechend rätselhaft war mir nun unser Gespräch.
Da ich allerdings keine Antwort darauf finden würde, egal wie lange ich darüber nachdachte, versuchte ich das Ganze irgendwie in den hintersten Winkel meines Gehirns zu schieben und mich angenehmeren Dingen zu zu wenden.
Doch sobald ich nicht mehr über Hannah nachdachte, tauchte automatisch AJs Gesicht vor meinem geistige Auge auf. Was er wohl gerade machte?
Schließlich hielt ich es nicht länger zu Hause aus. Ich versprach Boomer, diesmal nicht wieder die ganze Nacht weg zu bleiben und machte mich auf dem Weg, diesmal wohlweißlich zu Fuß, zu der kleinen Bar, in der ich vor einigen Tagen Will kennen gelernt hatte.
Als ich die Bar betrat, schlug mir der vertraute Mief entgegen und das schummrige Licht kam mir sehr gelegen. Ich wollte einfach nur alleine sein, aber dabei nicht einsam. Es beruhigte mich, mich zwischen mir fremden Menschen auf zu halten, ihnen mit einem Ohr bei ihren Gesprächen zu zu hören und ansonsten an meinem Wein zu nippen und mich selbst zu bemitleiden.
„Ich sehe schon, das wird hier auch zu Deinem zweiten zu Hause,“ hörte ich plötzlich eine vertraute Stimme und als ich aufblickte, sah ich Will lächelnd mit einem Bier in seiner Hand an meinem Tisch stehen.
„Ja, so langsam finde ich es richtig nett hier,“ grinste ich.
Er drehte einen Stuhl herum, lies sich rittlings darauf fallen und verschränkte die Arme auf der Lehne.
„Ist alles in Ordnung?“
„Nicht wirklich.“
„Was ist passiert?“
„Könnten wir nicht einfach über etwas anderes reden?“ Ich wollte die Geschichte über AJ, Luke und Hannah nicht noch einmal aufwärmen und Will schien das zu spüren.
„In Ordnung. Ich möchte nur, dass Du weißt ... na ja ... ,“ er wirkte verlegen und nahm einen großen Schluck von seinem Bier bevor er weiter sprach „dass ich ganz gut zuhören kann.“
„Das ist lieb von Dir, wirklich. Das Problem ist nur, dass ich im Moment einfach nicht mehr darüber nachdenken will, verstehst Du? Vielleicht ... keine Ahnung ... ergibt sich ja morgen eine Gelegenheit. Wenn ich selbst ein wenig Abstand habe und ... klarer sehe.“
„Nun gut. Streichen wir das Thema, um was auch immer es hier eigentlich geht. Gibt es auch etwas erfreuliches, das Du mir mitteilen möchtest?“
„Du bist ja richtig vorsichtig geworden,“ und gegen meinen Willen mußte ich grinsen.
„Hey. Ich lerne schnell,“ gab er schmunzelnd zurück.
„So? Was hast Du denn gelernt?“
„Na, das es manchmal einfach besser ist, nicht nach zu fragen, was in Dir so vorgeht.“
„Was meinst Du, warum das so ist?“
„Hm ... ich glaube, dass Du gewisse Dinge gerne verdrängst und lieber mit etwas erfreulicherem überdeckst.“
„Ist das schlimm?“
„Das kommt darauf an. Redest Du denn mit irgendjemandem darüber. Ich meine ... so richtig den ganzen Schrott von der Seele reden und so?“
„Manchmal.“
„Na, das ist doch schon einmal etwas,“ lächelte er und ich erwiderte es, obwohl mir eigentlich gar nicht danach war. Ich beschloss das Thema zu wechseln. Wie kamen wir überhaupt darauf, mich zu analysieren?
„Wie läuft es mit Sarah?“ fragte ich ihn deshalb.
„Unverändert. Sie würdigt mich keines Blickes, was für mich wiederum den Vorteil hat, dass ich ihr ungeniert auf den Hintern starren kann.“
„Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, dass sie das vielleicht mitbekommen hat und Dich für einen Lüstling hält?“ fragte ich schmunzelnd und Will schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, dass sie überhaupt weiß, dass ich existiere.“
„Na, das können wir ändern.“
„Wie denn das?“
„Ich denke, wir sollten ihr erst einmal vor Augen führen, wie begehrenswert Du eigentlich bist.“
„Jetzt wird es interessant,“ grinste Will und beugte sich ein Stückchen näher zu mir herüber.
„Wir könnten so tun, als wäre ich Deine Freundin. So etwas zieht immer. Männer die vergeben sind, haben mindestens die doppelte Anziehungskraft.“
„Tatsächlich?“
„Vertrau mir. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.“
„Immerhin wird das meine Anziehungskraft auf einer Skala von eins bis zehn von null auf null Komma fünf steigern,“ meinte Will ironisch und ich gab ihm einen leichten Klaps auf den Arm.
„Jetzt hör aber auf. Du bist zufällig ein sehr gut aussehender, charmanter und hochanständiger Mann.“
„Oh Gott! Bin ich wirklich so langweilig?“ fragte Will in gespieltem Entsetzen und ich mußte lachen.
„Wir kriegen das schon hin, wirst sehen.“
„Ich glaube Dir kein Wort, aber ich bin sehr gespannt, wie das ausgehen wird. Ich bin also dabei.“ Und die nächste Stunde verbrachten wir damit, den perfekten Schlachtplan zu entwickeln.

Kapitel 15