Kapitel 13
Der Artikel erschien zwei Tage später. Da die Zeitung in LA nicht zu bekommen war, hatte ich meinen Chef gebeten, mir ein Vorab-Exemplar zu kommen zu lassen und ich trug es stolz mehr oder weniger den ganzen Tag mit mir herum.
Ich hatte versucht mich darauf vor zu bereiten, dass mein Artikel auf mindestens die Hälfte gekürzt wurde und zum Schluß nur noch Stoff für eine einzige, kleine Spalte im Mittelteil übrig blieb, aber ich hatte es tatsächlich auf eine halbe Seite im ersten Drittel geschafft. Scheinbar war in der Welt momentan nicht sehr viel los und wieder einmal war ich beinahe erstaunt über mein unverschämtes Glück.
Es dauerte auch nicht lange, bis die Zeitungen und Zeitschriften im ganzen Land das Thema aufgriffen.
Natürlich erzeugte ich keinen Wirbel wie bei der Watergate Affäre oder auch nur, um beim Thema zu bleiben, bei der Benifer-Geschichte, aber immerhin schaffte es meine Story sogar auf das Titelblatt eines Boulevard Magazins.
Natürlich hatte dort ein Journalist seine eigene Variante zu dem Thema geschrieben, aber im Großen und Ganzen stütze er sich auf meine Ermittlungen. Das Leben war einfach schön!
Allerdings nur so lange, bis ich eines Tages mit Boomer am Strand entlang ging und schon von weitem eine zusammengekauerte Gestalt in der Nähe des Wassers sitzen sah.
Boomer hatte AJ zu erst erreicht und sprang schwanzwedelnd um ihn herum. Müde hob AJ eine Hand und strich Boomer sanft durch das Fell, dann sank diese Hand kraftlos in seinen Schoß zurück und mir wurde es mulmig.
Hallo, sagte ich, als ich ihn erreicht hatte.
Hi, gab er leise zurück, sah mich dabei aber nicht an sondern starrte weiterhin regungslos auf das Wasser hinaus.
Vorsichtig setzte ich mich neben ihn und schlang meine Arme um die angezogenen Knie.
Hast Du es auch schon gelesen? fragte AJ schließlich.
Ja. Es war eher schwierig, es nicht zu sehen.
Er nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.
Wie ... wie geht es Dir denn? fragte ich leise.
Nicht sehr gut, gab er zurück und sah mich nun endlich an. Seine Augen hatten dunkle Ränder und seine Lider waren gerötet, rasiert hatte er sich wohl auch schon eine Weile nicht mehr und seine Haut war unnatürlich blass.
Ich kann nur froh sein, dass der Mistkerl von Schreiberling nicht auch noch diese Adresse hier heraus posaunt hat. Sonst ... , er stockte und blickte wieder hinaus aufs Meer.
Ein Kloß von den Ausmaßen eines Fußballs sammelte sich in meiner Kehle und ich war unfähig auch nur einen Ton heraus zu bringen.
Das habe ich nicht gewollt schoss es mir durch den Kopf und hätte beinahe laut aufgelacht. Schon klar. Ich hatte es nicht gewollt, aber genau gewußt, was passieren würde. Ich hatte die Augen vor der Wahrheit verschlossen, hatte mir eingeredet, dass dieser Artikel wie jeder andere war.
Andrea will nur noch am Telefon mit mir reden und Kim habe ich noch gar nicht zu Gesicht bekommen, fuhr er fort, so, als sei ich gar nicht da. Eigentlich geschieht mir das ganz recht. Ich bin ein mieser Kerl und dieser Artikel hat das nicht nur mir, sondern auch der ganzen Welt klar gemacht.
Du bist kein mieser Kerl, widersprach ich.
Würdest Du das auch noch sagen, wenn ich Dich betrogen hätte? fragte er zurück.
Wahrscheinlich nicht.
Siehst Du. Es ist immer eine Frage der Betrachtungsweise. Und weißt Du was das gruseligste an dem Ganzen ist?
Er sah mir direkt in die Augen und Angst schlug über mir zusammen wie eine dunkle, kalte Welle. Er würde es in meinen Augen lesen. Gleich würde er mich fragen, ob ich den Artikel geschrieben hatte und ich wäre nicht in der Lage, ihm zu widersprechen.
Ich schüttelte den Kopf nein, was ist gruselig?
Das ich froh darüber bin, dass es endlich vorbei ist, sagte er ganz leise und wandte dann seinen Blick wieder von mir ab.
Ich habe so lange ... so lange ... , er schüttelte den Kopf und fuhr sich dann mit den Händen über das Gesicht.
Es tut mir leid, sagte ich leise und legte ihm vorsichtig einen Arm um die Schultern.
Dir muß es nicht leid tun. Schließlich hast Du damit ja nichts zu tun.
Ich biss mir auf die Zunge und schwieg. Jetzt nur keine falsche Bewegung machen, nicht den Mund öffnen, denn im Moment war ich mir nicht sicher, was dann heraus kommen würde.
Ich hätte das mit Kim nicht anfangen dürfen, ich hätte Andrea die Wahrheit sagen sollen, ich hätte ... , er stockte und schüttelte erneut den Kopf. Ach, ist ja jetzt auch egal. Hätte, wäre, wenn bringt mich nicht weiter.
Was hast Du jetzt vor? fragte ich.
Keine Ahnung. Fürs erste werde ich mich hier verkriechen und warten, bis die Schlagzeilen von heute nur noch blasse Erinnerungen von gestern sind. Dann sehen wir weiter. Mein Telefon zu Hause stand nicht mehr still. Jeder den ich kenne hat mich angerufen und jeder hatte seine eigene Meinung zu dem Ganzen.
Wie sieht denn Deine aus?
Meine Meinung? fragte er erstaunt und ich nickte.
Ich denke, ich bin ein Idiot, weil ich das alles so gründlich vermasselt habe, aber inzwischen wundert mich eigentlich nichts mehr. Ich bin ein Profi darin, alles zu vermasseln.
Boomer kam angerannt und lies einen dicken Ast zu AJs Füßen fallen.
Hey Boom. Ganz falsches Timing, sagte ich zärtlich, kraulte ihn für einen Moment hinter den Ohren, nahm dann den Ast und schleuderte ihn so weit ich konnte. Boomer raste davon und Sand spritze auf, als er sich wie ein Verrückter auf das Stück Holz stürzte.
Du hast wirklich Glück, sagte AJ neben mir. Mein Arm lag immer noch um seine Schulter und ich spürte, wie er fast unmerklich zu zitterten begann.
Nein. Ich habe kein Glück. Das sieht nur so aus, erwiderte ich erhrlich und als er mich ansah, lag der Ansatz eines gequälten Lächelns auf seinem Gesicht.
Manchmal ist der Schein mehr wert, als das Sein, entgegnete er und ich nickte widerstrebend. Wenn er wüsste, wie recht er damit hatte.
Was hältst Du davon, wenn wir uns in Dein Wohnzimmer verziehen und ich uns erst einmal einen starken Kaffe koche? fragte ich und strich ihm sanft über den Rücken.
Er zuckte als Antwort mit den Schultern, stand dann aber ächzend auf.
Mir ist alles recht, so lange ich nicht alleine sein muß, sagte er und wurde bei jedem Wort ein wenig leiser, so dass ich den Schluß nur erahnen konnte.
Ich rief nach Boomer und zusammen stiegen wir die Stufen zu AJs Grundstück hinauf.
AJ saß im Schneidersitz auf dem Boden in der Küche, kraulte Boomer liebevoll den Bauch, dem ihm dieser genüsslich entgegenstreckte, und sah mir dabei zu, wie ich die Kaffeemaschine mit Wasser befüllt.
Was denkst Du über mich? fragte er plötzlich.
Ich? Über Dich?
Ja. Spreche ich so undeutlich?
Nein. Es ist nur ... normaler Weise fragt mich nie jemand so etwas.
Na, dann bin ich der Erste.
Ich sah auf ihn hinunter. Seine Hand verharrte reglos auf Boomers Brust und seine Augen schienen mich zu durchbohren.
Ich nahm die Filtertüten und die Kaffeedose aus dem Schrank und war selbst erstaunt darüber, wie ruhig meine Hände blieben.
Ich denke, dass Du einen Fehler gemacht hast, begann ich und ein kleiner Teil von mir denkt, dass es Dir gerade recht geschieht jetzt dafür an den Pranger gestellt zu werden. Aber der anderer Teil ist auch traurig darüber, dass es Dir so schlecht geht und ich ... nun ja ... ich wäre gerne für Dich da.
Ich traute mich nicht, ihn an zu sehen. Als ich die Kaffeemaschine einschaltete, zitterten meine Finger nun doch fast unmerklich und ich hatte mich wohl noch nie in meinem Leben so unwohl dabei gefühlt, die Wahrheit zu sagen.
Ich hörte, wie er sich hinter mir vom Boden erhob und ein paar Schritte auf mich zu kam.
Ich kenne Dich doch noch nicht einmal, sagte er und war mir dabei verdammt nahe.
Ich weiß. Aber ... na ja ... ich glaube, ich bin eine gute Zuhörerin. Was spricht also dagegen?
Das Du mir nicht in die Augen sehen kannst zum Beispiel, entgegnete er, fasste sanft nach meinem Arm und drehte mich zu sich herum.
Ich kann Dir sehr wohl in die Augen schauen, gab ich zurück, merkte aber im selben Moment, als ich meinen Blick auf ihn richtete, dass ich es tatsächlich nicht konnte. Meine Augen blieben für eine Sekunde an seinen hängen, dann wanderten sie weiter durch die Küche, hinunter zu seiner Hand, die immer noch auf meinem Arm lag und zurück zu seinem Gesicht. Ein leises Lächeln spielte um seine Lippen.
So, Du kannst mir also in die Augen sehen? Warum tust Du es dann nicht?
Hör auf damit, sagte ich brüsk, entriss ihm meinen Arm und trat ein paar Schritte zur Seite.
Womit?
Was auch immer Du hier tust. Was soll das? Ich bin hier, weil ich Dir helfen wollte und nicht, weil ... weil ... ,
Weil?
Ach! Ich drehte mich auf dem Absatz herum und stürmte durch den Flur, durch das Wohnzimmer und hinaus auf die Terrasse. Erst als ich den Garten durchquerte fiel mir auf, dass er mir nicht folgte. Dafür trottete Boomer neben mir her, als sei überhaupt nichts passiert. Manchmal war es vielleicht doch ganz gut kein Mensch zu sein. Als Hund hatte man niemals Sorgen, man mußte sich um nichts kümmern, man bekam sein Fressen mehr oder weniger pünktlich und verbrachte seine Zeit mit Schlafen, Faulenzen und Spielen.
Wir Menschen hingegen mußten für alles was wir taten irgendwann gerade stehen, wir mussten uns selbst darum kümmern, dass etwas zu Essen auf den Tisch kam und für uns war es nicht ausreichend uns einmal flüchtig zu beschnuppern um Freundschaften zu schließen.
Nein, bei uns ging es um Ehrlichkeit und Vertrauen und was diese beiden Punkte betraf hatte ich in AJs Fall ganz eindeutig versagt. Und das Schlimmste daran war, dass ich es jetzt noch nicht einmal wieder gut machen konnte, da er ganz instinktiv zu spüren schien, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte.
Ich hatte mittlerweile den Strand erreicht und ging hinunter zum Wasser. Für einen Moment lies ich die Wellen um meine nackten Zehen spülen und konnte mich dabei nicht entscheiden, ob ich nun wütend auf AJ war, oder nur traurig über meine momentane Situation, oder ob hinter meinem momentanen Gefühlschaos noch weit mehr steckte.
Während ich noch so da stand und auf das Wasser starrte, über dem sich langsam die rote Kugel der Sonne den Wellen näherte, und Boomer entspannt im Meer planschte, hörte ich Schritte näher kommen. Er war mir also doch gefolgt. Oder wollte er nur ein bißchen alleine am Strand sitzen um sich nicht ganz so einsam in dem großen Haus zu fühlen?
Du bist ja noch hier, hörte ich gleich darauf seine raue Stimme.
Hm. Bin wohl zu doof den Weg nach Hause zu finden, gab ich zurück, ohne meinen Blick vom Horizont zu lösen.
Es tut mir leid, sagte er leise und trat neben mich.
Was genau tut Dir leid?
Dass ... ich weiß nicht ... ich bin Dir wohl irgendwie zu nahe getreten, das wollte ich nicht.
Du hattest ja recht, murmelte ich und ich spürte, wie er sich zu mir herum drehte.
Wie meinst Du das?
Na, dass ich Dir nicht in die Augen sehen kann. Du hattest recht.
Wir schwiegen eine ganze Weile und ich weigerte mich beharrlich, ich an zu sehen. Ich hatte das unwirkliche Gefühl, so lange ich auf den Sonnenuntergang vor mir starrte, konnte mir nichts passieren. So lange war ich sicher vor dem Blick seiner traurigen Augen und dem Vorwurf, der darin zu lesen war, auch wenn ich wußte, dass ich mir das sicherlich nur einbildete.
Wie heißt er? fragte AJ plötzlich und vor lauter Überraschung vergas ich völlig, meine Blick nicht auf ihn zu richten.
Wer? fragte ich entgeistert zurück.
Der Kerl, der Dir weh getan hat.
Ich ... uhm ... was?
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Hey, das sieht doch ein Blinder mit nem Krückstock, dass da irgendetwas vorgefallen ist. Und ich kann sogar verstehen, dass meine ... ähm ... Situation Dich vielleicht ... na ja ... aus dem Konzept bringt weil es Dich ... vielleicht ... daran erinnert ... oder ... na ja ... vielleicht liege ich auch komplett falsch. Es ist nur ... , er brach mitten in seinem Gestammel ab und seufzte.
Tut mir leid. Ich sollte in meinem Zustand wirklich aufhören zu denken. Es kommt einfach nichts vernünftiges dabei heraus.
Könnte sein, stimmte ich ihm zu und wandte meinen Blick wieder hinaus auf das Wasser. Ich würde ihm ganz sicher nichts von Luke erzählen. Das ging ihn überhaupt nichts an und hatte mit seinem Zustand, wie er es so schön nannte, nicht das Geringste zu tun.
Also, wie heißt er?
Luke, entfuhr es mir und am liebsten hätte ich dieses eine Worte, diesen unsäglichen Namen, sofort wieder zurück genommen. Verdammt, ich wollte nicht über ihn reden, ich wollte ihn vergessen, er spielte keine Rolle mehr, er war Vergangenheit, er war ...
Was ist passiert?
Er hat mich vor dem Traualtar sitzen lassen.
Jetzt war aber endgültig Schluß! Was sollte das? Warum erzählte ich ihm von Luke?
Oh Shit, das hat er nicht wirklich getan, oder?
Nein, natürlich nicht, gab ich bissig zurück. Tut mir leid, ich muß los. Boomer!!
Hey warte. AJ fasste mich am Arm und ich versuchte sofort mich los zu reißen, allerdings mit wenig Erfolg.
Lauf nicht weg, sagte er eindringlich.
Lass mich gefälligst los, entgegnete ich wütend und stemmte mich mit einer Hand gegen seine Brust.
Es ist o.k., sagte er sanft und schien meine Widerstand einfach zu ignorieren.
Nein, ist es nicht, giftete ich zurück und merkte entsetzt, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.
Es ist überhaupt nichts o.k.. Mein ganzes Leben ist ... ist ... ein einziger Scherbenhaufen. Also erzähl Du mir nicht, es wäre o.k.!
Boomer kam kläffend angerannt und versuchte sich zwischen AJ und mich zu drängen. Braver Hund!
Lass uns doch vernünftig darüber reden, versuchte AJ es noch einmal.
ICH WILL ABER NICHT DARÜBER REDEN VERFLUCHT NOCHMAL!!!
Ich nahm all meine Kraft zusammen und riss in einer ruckartigen Bewegung meinen Arm nach hinten. Scheinbar überrumpelt lies AJ mich tatsächlich los und noch in der selben Bewegung drehte ich mich herum und rannte den Strand hinunter. Die Tränen liefen nun in Strömen über mein Gesicht und ich verfluchte AJ McLean innerlich. Was fiel ihm ein so mit mir zu reden? Wir kannten uns doch überhaupt nicht. Mein Privatleben ging ihn gar nichts an! Geschah ihm ganz recht, dass dieser Artikel erschienen war. Vielleicht war es ganz gut dass er einmal am eigenen Leib erfuhr wie es war total am Boden zu sein.