Kapitel 12

Will und ich standen auf dem Parkplatz, auf dem mein Volvo seit gestern Abend auf mich wartete. Der Fiat Panda war nirgends zu sehen.
„Verrätst Du mir jetzt endlich, warum ich meinen Fisch nicht fertig essen durfte und fluchtartig das Lokal verlassen musste?“ sagte Will und lehnte sich mit verschränkten Armen und missmutigem Gesicht an meinen Wagen.
„Das ist etwas kompliziert,“ gab ich vage zurück.
„Ich traue mir durchaus zu, ausreichend intelligent zu sein,“ erwiderte Will ironisch.
„Es ist nur ... also ... eigentlich ist das noch top secret und ... ich weiß nicht ... ,“
„Sky?“
„Hm?“
„Hör’ auf Dich heraus reden zu wollen und sag mir einfach, was da gerade passiert ist.“
Ich warf ihm einen prüfenden Blick zu. Am liebsten wäre ich einfach in meinen Wagen gestiegen und hätte ihn hier stehen lassen. Dabei konnte ich noch nicht einmal sagen, warum ich so empfand. Eigentlich sollte ich doch froh über diesen Zufall sein und stolz darauf, dass demnächst ein so brisanter Artikel, mit meinem Namen darunter, erscheinen würde.
Stattdessen plagte mich ein Anflug von schlechtem Gewissen. Wenn Andrea Seabridge, AJs Freundin, diesen Artikel las, würde sie wohl nicht sehr begeistert darüber sein.
Andererseits, und das hatte mir mein Redakteur immer wieder gesagt, waren wir nicht für die Vergehen der Stars verantwortlich. Sie mussten damit rechnen, dass ihre Taten irgendwann an die Öffentlichkeit gelangten und somit war uns kein Vorwurf zu machen.
„Sky, ich warte,“ sagte Will in meine Gedanken hinein.
„Also gut. Ich ... hast Du dieses Pärchen bemerkt, das in das Lokal kam, als der Kellner unser Essen brachte?“
Will schüttelte den Kopf. Wie hätte er sie auch sehen sollen? Ich hatte ihm ja schließlich verboten, sich herum zu drehen.
„Das war AJ McLean. Sagt Dir das was?“
Wieder schüttelte Will den Kopf.
„Er ist Mitglied der Backstreet Boys und ich bin Journalistin, verstehst Du?“
„Ich verstehe, dass er ein Sänger ist und Du Journalistin, aber der Zusammenhang fehlt mir, glaube ich, noch,“ gab er zu.
Ich seufzte. Es war wesentlich angenehmer, wenn sich meine Gesprächspartner die Geschichten so zusammen reimten, wie sie sie sehen wollten. So konnte ich hinterher wenigstens behaupten, ich hätte das so nie gesagt.
„Ich schreibe für die Klatschspalten und er war mit einer Frau da, die ganz eindeutig nicht seine Freundin ist UND,“ fügte ich schnell hinzu, als ich sah, dass er zu einer Erwiderung ansetzen wollte „sie haben sich geküsst.“
Will klappte seinen Mund wieder zu, starrte mich für einen Moment an und schien dann endlich zu verstehen, was ich ihm versuchte zu erklären.
„Du meinst, sein Techtelmechtel wird demnächst in der Zeitung stehen, sehe ich das richtig?“
„Jep, genau so ist es. Sogar mit Foto, dank meines Handys.“ Inzwischen konnte ich einen Anflug von Stolz doch nicht so ganz verbergen. Ich hatte verdammtes Glück gehabt und würde nun dafür sorgen, dass ich aus diesem Wink des Schicksals auch den entsprechenden Nutzen ziehen konnte.
„Er kann einem richtig leid tun,“ sagte Will und den Ton in seiner Stimme konnte ich nicht so recht deuten.
„Wie meinst Du das?“
„Na ja, wolltest Du, dass sämtliche Deiner Verfehlungen in der Zeitung stehen?“
„Nein. Aber ich bin auch nicht prominent. Die müssen mit so etwas rechnen, ich nicht.“
„Na, da geht es mir doch gleich viel besser,“ entgegnete Will sarkastisch und stieß sich von meinem Wagen ab.
„Ich glaube, es wird Zeit für mich, nach Hause zu gehen,“ sagte er.
„Du hasst mich jetzt,“ stellte ich fest und war überrascht, wie weh dieser Gedanke tat.
„Hassen wäre zu viel gesagt, aber ich muß erst einmal versuchen, diese Charaktereingenschaft mit Dir in Einklang zu bringen.“
„Klingt auch nicht viel besser,“ entgegnete ich und schlang fröstelnd die Arme um meinen Körper.
Will seufzte „ich bin einfach noch nie einer Journalistin begegnet, der es Spaß macht die schmutzige Wäsche Anderer in aller Öffentlichkeit zu waschen. Das passt so gar nicht zu Dir.“
„Aber was ist so schlimm daran?“ fragte ich hilflos. Plötzlich hatte ich das Gespräch mit Hannah wieder im Ohr. „Du liest jeden Tag in jeder Zeitung über solche Geschichten. Und, regst Du Dich darüber auf? Nein. Weil Du Dir denkst „der Typ hatte es verdient, wenn er schon seine Freundin betrügt.“ Aber mich verurteilst Du, weil ich es den Menschen zugänglich mache.“
Will schien einen Moment darüber nach zu denken. „Da ist schon irgendwie was wahres dran ... nur ... warum ausgerechnet Du?“
„Warum mußt ausgerechnet Du arme Schlucker vertreten, obwohl Du das große Geld in einer anderen Kanzlei machen könntest?“ fragte ich zurück und ich sah, wie er schluckte.
„Eine gute Frage.“
„Eben.“
„Und was würde passieren, wenn ich berühmt wäre und ich würde irgendetwas tun, über das es sich lohnt zu schreiben? Würdest Du auch mich der Presse ans Messer liefern?“ fragte Will weiter.
„Nein. Wir ... na ja ... wir sind so etwas wie Freunde. Das würde ich nicht tun,“ antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Na, da habe ich aber noch mal Glück gehabt,“ entgegnete Will und der Ansatz eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht.
Unbehaglich dachte ich daran, wie ich mit AJ am Strand entlang spaziert war, wie wir da gestanden hatten und so taten, als wären wir Vincent und Jules und gerade dabei als Auftragkiller einen Job für Marsellus Wallace zu erledigen, wie er in meiner Küche saß und mir einen Vortrag darüber hielt, wie seltsam ich doch war und wie er Boomer liebevoll hinter den Ohren kraulte. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr stolz und aufgekratzt und ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meiner Magengegend aus.

Der Artikel über AJ und Kimberly war so gut wie fertig. Was mir noch fehlte war ein aktuelles Bild von AJ und Andrea. Es konnte ja genau so gut sein, dass die beiden gar nicht mehr zusammen waren und dann würde ich mich mit meinem Artikel bis auf die Knochen blamieren.
Ich fuhr also nach LA, auf dem Beifahrersitz eine Kamera mit Teleobjektiv, und postierte mich vor AJs Haus. Ich wußte, dass er heute zu Hause war, hatte aber keine Ahnung, ob er sich mit Andrea treffen oder überhaupt das Haus verlassen würde.
Ich hatte mich auf eine lange Wartezeit eingestellt und eine Tasche mit einer Thermoskanne Kaffe und einigen Sandwiches eingepackt.
Während ich darauf wartete, dass sich irgendetwas tat, betrachtete ich sein Hause. Es war wesentlich größer als das am Strand, doch auch hier gab es keinen Zaun oder Mauer um das Grundstück herum.
Hinter den Fenstern bewegte sich nichts, niemand betrat das Haus, oder kam aus ihm heraus und so langsam wurde mir langweilig. Vielleicht sollte ich doch einfach ein Archivfoto benutzen und ...
In diesem Moment kam ein Wagen die Straße herauf gefahren und bog gleich darauf in AJs Auffahrt ein. Wie elektrisiert griff ich nach meiner Kamera und sah durch den Sucher. Eine Frau stieg aus dem Wagen und nahm mehrere Tüten vom Beifahrersitz. Auf die Entfernung konnte ich sie kaum erkenne, aber als ich durch den Sucher der Kamera blickte und mich ein wenig heranzoomte, war Andrea Seabridge bestens zu erkennen.
Sie schloss ihr Auto ab und ging dann über den Rasen zum Haus hinüber. Während sie noch in ihrer Tasche nach dem Hausschlüssel kramte, wurde die Tür geöffnet und AJ trat heraus.
Erschrocken zuckte ich zurück, als ich ihn so nahe durch das Teleobjektiv sah, schalt mich aber gleich darauf einen Idioten. Selbst wenn er meinen Wagen bemerkte, konnte er auf die Entfernung unmöglich erkennen, wer darin saß.
Wieder blickte ich durch den Sucher. AJ nahm Andrea die Tüten ab, beugte sich dann zu ihr hinunter und küsste sie sanft auf den Mund. Meine Kamera klickte ein paar Mal schnell hintereinander, dann schloss sich die Tür hinter den beiden und ich stieß die angehaltene Luft aus. Das war ja beinahe zu einfach gewesen!

Ich saß vor meinem Computer und las den Artikel ein letztes Mal Korrektur. Ich hatte mich bewußt vage gehalten, wo genau das Foto von Kim und AJ entstanden war und das Strandhaus erwähnte ich gar nicht. Es war vielleicht ganz gut, wenn nicht zu offensichtlich war, woher der Artikel wirklich stammte.
Ich hatte meinen Chef angerufen und ihm den Artikel avisiert. Wir waren schlussendlich darüber überein gekommen, ihn mit einem Pseudonym zu veröffentlichen, da es ja durchaus möglich war, dass es noch weitere Informationen gab, die mir AJ liefern konnte und das würde er wohl kaum, wenn er wußte, von wem der Artikel stammte.
Mir war durchaus bewußt, dass mein Chef weiterhin skeptisch war, was meine Leistungen betraf, aber am Ende unseres Gespräch schien er doch sehr zufrieden.
„Es ist schön, dass Du wieder ins Leben zurück kehrst,“ hatte er gesagt „und wer weiß? Vielleicht habe ich etwas für Dich, wenn Du wieder hier her zurück kehrst. Es sei denn, Dir gefällt es an der Westküste so gut, dann könnte ich vielleicht auch ein Treffen mit einem Freund von mir arrangieren, natürlich mit der Prämisse, dass Du uns ab und zu einen kleinen Tipp zukommen lässt.“
Ein größeres Kompliment hätte er mir wohl kaum machen können. Stolz und glücklich hatte ich aufgelegt und erst einmal einen kleinen Freudentanz durch das Wohnzimmer vollführt, während mich Boomer misstrauisch dabei beobachtete.
Ich betrachtete noch einmal die beiden Fotos, die ich eingefügt hatte. Sah AJ auf einem von beiden glücklicher aus? Es war schwer zu sagen. Ich fragte mich, warum er das tat. Kimberly konnte ihm ja wohl eindeutig nicht das Wasser reichen und Andrea schien wirklich nett zu sein.
Ich hatte noch ein wenig über sie recherchiert und ein paar Details zu Tage gefördert. Sie war Sekretärin in einem Immobilien Büro. AJ und sie hatten sich auf einer Party kennen gelernt. Sie wohnte weiterhin in ihrer eigenen Wohnung am anderen Ende der Stadt, ging weiterhin arbeiten und schien von Grund auf ein ehrlicher Mensch zu sein. Warum setzte er diese Beziehung nur aufs Spiel?
Doch die Antwort würde ich sicherlich auch nicht bekommen, wenn ich weiterhin auf die beiden Fotos starrte.
Ich schrieb eine Mail an meinen Chef, hängte den Text mit den Fotos an und sendete das Geschriebene ab.
Dann nahm mich mir eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank und lies mir ein Bad ein. Zeit zu feiern!

Kapitel 13