Kapitel 11

Das Restaurant, das Will ausgesucht hatte, war ein kleines Lokal in einer abgelegenen Seitenstraße. Ich hätte sicherlich tagelang durch die Stadt kurven können, ohne es zu finden.
Wir bestellten Fisch und Salat und dazu jeder ein Glas Weißwein. Mehr war uns nicht gestattet, da wir ja schließlich beide noch fahren mußten.
„Erzähl mir ein bißchen vor Dir,“ sagte ich, nachdem der Kellner die Getränke gebracht hatte.
„Was willst Du denn wissen?“
„Ich weiß nicht. Einfach alles.“
„Oh je. Ich hoffe, Du hast viel Zeit mitgebracht.“
„Du hast genau so lange Zeit, bis das Essen kommt,“ grinste ich.
„Also dann die Kurzversion. Ich wurde in Boston geboren, meine Eltern leben immer noch dort. Nach der Highschool bin ich nach L.A aufs College gegangen und nie wieder länger als für zwei Wochen nach Hause zurück gekehrt. Frag’ mich nicht wieso. Irgendwie gefällt es mir hier.“
„Das kann ich gut verstehen. In Pennsylvania ist es auch nicht so prickelnd.“
„Eben. Ich bin Anwalt und arbeite in einer kleinen Anwaltskanzlei die sich auf Kapitalverbrechen spezialisiert hat. Also ... na ja ... ,“ er wirkte sichtlich etwas verlegen „eher so die kleinen Fische. Wenn der Geschäftsführer mit der Portokasse durchbrennt oder jemand einen kleinen Supermarkt überfällt ... so etwas eben.“
Er nippte an seinem Glas und traute sich scheinbar nicht, mich an zu sehen.
„Ich finde daran nichts aus zu setzen. Es ist ein gut bezahlter Job, der Dir, hoffe ich zumindest, Spaß macht. Alles andere ist doch Nebensache.“
„Findest Du? Die meisten Leute rümpfen die Nase über uns. Klar, man kann nicht das große Geld machen wie zum Beispiel bei Schadensersatzklagen oder auch der Wirtschaftskriminalität, aber dafür ist mein Job wenigstens irgendwie ... na ja ... nahe am Leben, wenn Du verstehst was ich meine.“
„Ich verstehe das sehr gut.“ Vielleicht besser, als er sich vorstellen konnte. Im Prinzip liebten wir beide das Gleiche an unseren Berufen: Die Lebendigkeit, das wahre Leben und eine Rolle darin zu spielen.
„Und privat? Ich meine ... bist Du verliebt? Hast Du eine Freundin?“ fragte ich weiter.
„Wenn ich eine Freundin hätte, würde ich wohl kaum mit Dir hier sitzen,“ gab er zurück.
„Gute Antwort.“
„Ich wußte, dass Dir das gefallen wird,“ grinste er.
„Und?“
„Was und?“
„Bist Du verliebt.“
„Nun ja,“ er druckste eine Weile herum und war sichtlich erleichtert, als der Kellner mit unserem Essen kam. Als er wieder gegangen war, beugte ich mich ein wenig über meinen Teller zu ihm hinüber.
„Na komm schon. Erzähl’s mir.“
Er seufzte tief, stocherte dann einen Moment in seinem Essen herum und richtete dann seine blauen Augen wieder auf mich.
„Ich denke, ich bin verliebt, ja. Aber ... nun ja ... sie will wohl nichts von mir wissen.“
Vor Schreck hätte ich beinahe meine Gabel fallen lassen. Das Herz schlug mir bis zum Hals und meine Augen hatte ich weit aufgerissen. Er meinte doch hoffentlich nicht mich!
„Sie heißt Sarah,“ sprach er weiter, scheinbar war ihm mein entsetzter Gesichtsausdruck entgangen und während ich auf meine Erleichterung gleich einen kräftigen Schluck Wein goss, fuhr er fort
„Sie arbeitet in meiner Kanzlei und ist die Anwaltsassistentin meines Chefs.“
„Hast Du ... ich meine ... weiß sie es?“
„Gott bewahre!“ er fuchtelte aufgeregt mit der Gabel in der Luft herum. „Sie würdigt mich keines Blickes. Ich nehme mal an, ich bin unter ihrer Würde. Wenn man für den Chef arbeitet sind alle anderen nur kleine Fische.“
„Aber das kannst Du doch gar nicht wissen,“ beharrte ich.
„Glaub mir. Wenn Du eine Weile in dem Laden arbeitest, dann weiß man so etwas.“
„Du gibst viel zu leicht auf.“
„Das sagst ausgerechnet Du,“ lächelte er.
„Wieso ich?“
„Na, wenn ich das richtig deute, verkriechst Du Dich doch hier vor ... keine Ahnung ... vor Deinem Leben und allem, was damit zusammen hängt.“
„Nächstes Thema,“ gab ich zurück und widmete meine gesamte Aufmerksamkeit dem Lachs auf meinem Teller.
„Komm’ schon. Könntest Du nicht einfach mal ganz kurz den geheimnisvollen Schleier um Deine Person lüften? Tu’s für mich.“
Als ich zu ihm aufsah, sah er mich mit großen, flehenden Hundeaugen an und meine Mundwinkel bewegten sich von ganz alleine nach oben.
„Nur wenn Du mir versprichst, mit niemandem darüber zu reden.“
„Du hast doch niemanden umgebracht, oder?“ fragte er und seine Stimme war an zu merken, dass er die Möglichkeit nicht komplett ausschloss.
„Nein. Das nicht. Es ist eher ... ich weiß auch nicht. Es ist mir ziemlich peinlich und außerdem ... na ja ... tut es weh.“
„Der zehn Tonner,“ stellte Will fest.
„Hm,“ stimmte ich ihm zu.
Will sagte noch etwas, doch ich bekam es nicht mehr wirklich mit. Mein Blick wurde wie magisch von der Eingangstür an gezogen, durch die gerade zwei mir bekannte Personen traten.
„ .... nicht so schlimm,“ drang Wills Stimme wieder zu mir durch.
„Hm,“ gab ich unbestimmt zurück und versuchte, mich auf meinem Stuhl so klein wie möglich zu machen.
„Alles in Ordnung?“ fragte Will und war bereits im Begriff sich herum zu drehen um nach zu sehen, was meine Aufmerksamkeit so fesselte.
„Nicht umdrehen,“ zischte ich und kramte im gleichen Moment hektisch nach meiner Tasche, die irgendwo unter dem Tisch zu meinen Füßen stand.
„Was ist denn los?“ fragte Will verständnislos und beobachtete dabei, wie ich mein Handy aus der Tasche hervor kramte.
„Erklär ich Dir gleich, o.k.? Ich muß nur mal schnell für kleine Mädchen.“
„Und dafür brauchst Du Dein Handy?“
„Ich sagte doch, ich erkläre Dir das später.“
Damit erhob ich mich, schob mich durch das Lokal, immer darauf bedacht, die Neuankömmlinge im Auge zu behalten und dabei nicht gesehen zu werden.
Schließlich hatte ich den Durchgang zu den Toiletten erreicht und presste mich dort flach gegen die Wand.
„O.k. Sky. Du weißt wie das funktioniert,“ flüsterte ich, während ich eher hilflos auf dem Gerät in meinen Händen herum tippte um die Fotofunktion zu finden. Um ehrlich zu sein, hatte ich das Handy noch nie zu etwas anderem als zum Telefonieren benutzt, aber gerade jetzt war es einfach lebenswichtig heraus zu bekommen, wie ich damit eines dieser zwar immer etwas verschwommen wirkenden, aber für meine Zwecke ausreichendes Foto schießen konnte.
Ich warf einen verstohlenen Blick um die Ecke und stellte erfreut fest, dass sich das Pärchen nicht weit von mir an einen Tisch gesetzt hatten und sie mir zudem noch den Rücken zu drehten. Besser hätte es kaum laufen können.
Ich wandte mich wieder meinem Handy zu. Nach einigen verzweifelten Versuchen, zeigte mir das Gerät schließlich seine Kooperationsbereitschaft an und erneut lugte ich verstohlen um die Ecke, das Handy schussbereit im Anschlag.
Ich mußte nicht lange warten. Die beiden hatten die Speisekarten vor sich, schienen darüber zu diskutieren, wer nun was essen sollte und schließlich beugte er sich zu ihr hinüber und küsste sie.
Mein Handy gab ein widerstrebendes klick von sich und dann noch eins und noch eins und noch eins. Die beiden schienen sich durch nichts und niemanden stören zu lassen und spätestens nach dem dritten Foto war klar, dass die beiden sich nicht einfach mal freundschaftlich die Lippen aufeinander drückten, sondern das dort eine gehörige Portion Leidenschaft im Spiel war.
AJ McLean betrog gerade seine Freundin mit einem Blondchen namens Kimberly, die Hundehaare auf den Tod nicht ausstehen konnte, dafür aber an AJs Anatomie mehr als interessiert zu sein schien. Und das Ganze geschah direkt vor den Augen meiner Handykamera.

Kapitel 12