Kapitel 10
Ich saß jetzt schon eine geschlagene Stunde vor dem Telefon. Im Laufe der Zeit hatten Miss Telefon und ich eine lange Reise durch das Haus angetreten. Angefangen bei meinem Bett, über die Treppenstufen, hinunter ins Wohnzimmer, wo ich im fünf Minuten Takt von der Couch auf den Fußboden und wieder zurück gewechselt war, bis hin zur Küche, wo wir schlussendlich auf der Theke gelandet waren, die ich nur mit einiger Mühe erklimmen konnte.
Boomer war immer wieder hinter mir her geschlichen und fragte sich sicherlich zu recht, ob sein Frauchen nun komplett durchgedreht war.
Niemand benahm sich ähnlich daneben, nur weil er Panik hatte, seine beste Freundin um Verzeihung zu bitten. Doch wie das nun mal so ist: Entschuldigungen waren mir schon immer schwer gefallen.
Gerade als ich überlegte, ob ich wohl einen Ort im Haus ausgelassen hatte, der für dieses Gespräch besser geeignet sein könnte, klingelte das Telefon in meiner Hand. Vor lauter Schreck wäre ich beinahe von der Theke gefallen.
Schnell nahm ich das Gespräch entgegen und drückte mir mit klopfendem Herzen den Hörer ans Ohr.
Hallo?
Gott sei Dank. Du lebst!
Hannah?
Wer denn sonst?
Woher wußtest Du, dass ich Dich gerade anrufen wollte?
Am anderen Ende blieb es eine Weile still und ich befürchtete schon, sie hätte aufgelegt, als ich ihre vertraute Stimme erneut hörte.
Wie lange rennst Du schon mit dem Hörer im Haus herum?
Eine Stunde, gab ich zerknirscht zu.
Wow, das ist gar kein schlechter Schnitt.
Hannah, es tut mir leid.
Das sollte es auch. Du hättest mich schon vor einer Stunde anrufen können und ... ,
Nein. Das meine ich nicht, unterbrach ich sie.
Ich weiß, gab sie nachsichtig zurück.
Ich hätte nicht einfach auflegen sollen. Es tut mir wirklich leid.
Weißt Du, das Auflegen ist nicht das Problem. Das Gespräch davor schon eher.
Ich weiß.
Was ist nur passiert? Noch vor ein paar Wochen hättest Du mich ausgelacht und mir einen Vortrag darüber gehalten, wie wichtig es ist, dass Amerika solche hervorragende Journalisten wie Dich hat, die täglich darüber berichten, was wirklich in dieser Welt vorgeht.
Ich weiß es auch nicht Hannah. Ich fühlte mich so ... so ... Ja, wie eigentlich?
Verraten?
Beleidigt?
Verletzt, brachte es Hannah auf den Punkt.
Ja ... nein ... ich weiß nicht. Es ist einfach ... ich habe das Gefühl, seit der Geschichte mit Du-weißt-schon-wem mache ich alles falsch. Ich bin zu nichts zu gebrauchen, rede nur Bockmist und baue eine Katastrophe nach der anderen.
Das ist nicht wahr!
Oh doch ist es. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ich mich wegen einer kleinen Bemerkung meiner absolut besten Lieblingsfreundin so daneben benehme?
Ich befürchte, das weiß Deine absolut beste Lieblingsfreundin auch nicht, aber ich kann Dir sagen, dass ich Dich noch immer furchtbar lieb habe und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.
Wirklich? Ich wurde beinahe rührselig. So viel Verständnis und Großmut hatte ich eindeutig nicht verdient.
Wirklich. Hey, wir haben alle mal einen schlechten Tag.
Alle, außer mir. Ich habe ein schlechtes Leben, das ist ein Unterschied.
Sky, ich habe das ungute Gefühl, dass Du da drüben am Meer so langsam durchdrehst in dem großen Haus ganz alleine. Ich muß wohl mal ein ernstes Wörtchen mit Boomer reden, damit er besser auf Dich aufpasst.
Ach der, ich sah auf meinen Hund hinunter, der vor der Theke lag und genüsslich auf einem Stück Holz herum kaute, das er heute Morgen vom Strand ganz stolz bis in sein Körbchen geschleppt hatte. Höchstwahrscheinlich hoffte er immer noch, dass er im Laufe der Zeit auf etwas genießbares stoßen würde.
Ist Boomer etwa nicht nett zu Dir?
So lange ich ihm etwas zu fressen gebe, wird er mich bis ans Ende seiner Tage lieben, gab ich zurück und musste ungewollt schmunzeln.
Siehst Du. Um das bei Männern zu erreichen, mußt Du ihnen zusätzlich auch noch den Haushalt führen, ihre schmutzige Wäsche waschen und immer nett zu ihnen sein.
Wo Du recht hast, hast Du recht. Hannah?
Hm?
Es tut mir wirklich leid.
Entschuldigung angenommen und jetzt lass uns nicht mehr darüber reden, o.k.?
Du bist die beste.
Ich weiß. Erzähl mir lieber, was Mr. McLean macht.
Ich glaube, ich erzähle Dir vorher lieber, was Mr. Will macht.
Mr. Will? Du meinst jetzt hoffentlich nicht das, was ich meine.
Wieso, was meinst Du denn? Ich konnte ihr im Moment nicht ganz folgen.
Na jaaaaaa ... , meinte Hannah gedehnt Männer geben ihrem besten Stück ja öfter seltsame Namen. Mr. Will ist zumindest nicht sehr ausgefallen aber ... ,
STOP! Ich hatte angefangen haltlos in den Hörer zu kichern. Ich meinte nicht ... also ehrlich ... Du hast gedacht das ... , mittlerweile hielt ich mich an der Theke fest, um nicht einfach vor lachen hinunter zu fallen. Ich wußte nicht so genau, wo dieser Heiterkeitsausbruch her kam, aber ich vermutete, es hatte etwas mit meiner grenzenlosen Erleichterung zu tun.
Ich hatte gerade rechtzeitig einen Schritt zur Seite gemacht und das Klavier hatte mich nur um Zentimeter verfehlt. Da durfte man ja wohl mal ein wenig ausgelassen sein.
Nachdem ich Hannah alles über Will und AJ erzählt hatte, überredete sie mich dazu, sofort bei Will an zu rufen und die Sache mit dem Essen fest zu machen. Ich wehrte mich erfolglos eine halbe Stunde dagegen und gab dann irgendwann auf, einfach nur, damit sie Ruhe gab.
Ich war also schon wieder dabei, im Haus herum zu laufen und die beste Stelle für dieses Gespräch zu suchen. Schließlich blieb ich einfach mitten im Flur stehen und wählte mich zitternden Händen Wills Telefonnummer, die tatsächlich auf einem kleinen Zettel zwischen meinen Sachen in der Handtasche gesteckt hatte.
Nach dem sechsten Klingeln nahm er ab.
Hallo?
Hi, hier ist Grace. Hast Du Hunger?
Hey! er hörte sich tatsächlich erfreut an. So schnell hatte ich gar nicht mit Dir gerechnet.
Tja, manchmal überrasche ich mich tatsächlich selbst.
Wie geht es Dir?
Ganz gut eigentlich. Stell Dir vor, das Klavier hat mich doch nicht erschlagen.
Wow, das nenne ich doch mal einen Fortschritt, lachte er.
Also, wie sieht es aus? Hast Du heute Abend Zeit?
Für Dich doch immer.
Och komm schon, das kannst Du besser, schmunzelte ich.
Du hast recht ... uhm ... es wäre mir ein Vergnügen, Dich heute Abend aus zu führen.
Schon besser.
Wann soll ich Dich abholen?
Vorher möchte ich ein paar Regeln festlegen.
Regeln? Du klingst wie meine Mom, gab er entsetzt zurück.
Tut mir leid, aber anders geht es nicht. Also, bist Du bereit?
Habe ich denn eine andere Wahl?
Nein.
Na dann, schieß los.
Erstens: Das ist kein Date im eigentlichen Sinne.
Was meinst Du mit im eigentlich Sinne?
Wir gehen einfach als zwei Freunde mit einander aus. Kein Gefummel, kein Rumgeknutsche, keine anzüglichen Bemerkungen.
Und Du meinst, wir haben trotzdem Spaß? witzelte Will.
Ja, das meine ich.
O.k..
Zweitens: ...
Kommen noch mehr? Dann hole ich mir nämlich was zu schreiben.
Nein, ich bin gleich fertig.
Gott sei Dank. Das lässt hoffen.
Also zweitens: Wenn Du das möchtest, kannst Du mich abholen, aber ich fahre mit meinem eigenen Wagen nach Hause.
Oooooch. Du willst ihn tatsächlich von der kleinen Panda-Dame trennen?
Ja, ich weiß, es wird weh tun. Aber er ist jetzt in einem Alter, wo er lernen muß, mit Enttäuschung fertig zu werden.
Na gut. Aber ich werde ihm gleich sagen, dass ich damit nichts zu tun hatte.
Ich denke, das geht in Ordnung.
War es das?
Nein. Noch eine letzte Regel.
Oh Mann, ich dachte, wir gehen einfach miteinander essen.
Das tun wir ja auch, aber jeder bezahlt für sich.
Na das ist doch mal eine Regel, die ich gerne befolge.
Und es wäre die einzige gewesen, bei der ich noch mit mir hätte reden lassen, sagte ich in gespielter Enttäuschung.
Tja, das hast Du nun davon.
Wir lachten beide und das erste Mal nach einer langen Zeit fühlte mich tatsächlich wieder einigermaßen wohl in meinem Leben.
Um acht? fragte Will schließlich.
Acht klingt gut. Soll ich etwas bestimmtes anziehen?
Nein. Sei einfach Du selbst.
Ich befürchte, das habe ich verlernt.
Er schwieg einen Moment.
Dafür hast Du doch mich, sagte er schließlich und mein Lächeln, das er natürlich nicht sehen konnte, erhellte den gesamten Flur.
In Ordnung. Bis heute Abend also.
Ja, bis heute Abend. Ich freu mich.
Freu Dich nur nicht zu sehr. Du gehst mit mir aus, da mußt Du auf alles gefasst sein.
Ich werde es mir merken.
Als ich den Hörer aufgelegt hatte, sah ich hinunter zu Boomer, der vor meinen Füßen hockte und gespannt zu mir aufsah.
Ja, Dein Frauchen geht heute Abend tatsächlich aus. Soll ich Dir einen Babysitter besorgen oder willst Du lieber alleine fernsehen und den Kühlschrank plündern?
Er antwortete, in dem er aufgeregt mit dem Schwanz wedelte.
Ich werte das mal zu Gunsten des Fernsehers, grinste ich, zerwuselte ihm kurz das struppige Fell auf der Stirn und begab mich dann in mein Schlafzimmer, um die richtige Garderobe für mein neues/altes Selbst heraus zu suchen.