Kapitel 8
Ich war ganz eindeutig beschwipst und ich genoss dieses Gefühl in vollen Zügen. Das schöne am betrunken sein ist, dass man sich hinterher aus allem heraus reden kann. Ich war betrunken, da kann man mir das doch schon einmal nachsehen!
Nachdem ich den Hörer zurück auf die Ladestation geknallt hatte, begann es fast augenblicklich zu klingeln. Das Gute an Hannah ... oder sagen wir das normaler Weise Gute, war ihre Hartnäckigkeit. Mir war sofort klar, dass sie am anderen Ende dieses nerven aufreibenden Klingeln saß und darauf hoffte, dass ich den Hörer in die Hand nahm, damit sie mir erklären konnte, dass sie es doch SO gar nicht gemeint und ich da etwas ganz entschieden missverstanden hatte. Man könnte auch sagen, dass sie mich anrief, nur damit ich mich bei ihr entschuldigen konnte.
Da ich daran im Traum nicht dachte, hatte ich mir kurzer Hand Schuhe angezogen, meine Handtasche geschnappt und die Haustür hinter mir ins Schloß gezogen. Jetzt konnte sie anrufen, bis sie schwarz wurde.
Ich fuhr dann mit meinem alten Volvo blindlings in die Nacht hinaus und endete schließlich in dieser dunklen Kaschemme, die sich Bar nannte, und bestellte erst einmal einen doppelten Whisky, danach noch einen und als ich dieses warme Gefühl in meinem Bauch, meinen Beinen und vor allen Dingen in meinem Kopf fühlte, machte ich mit einer Flasche Rotwein weiter.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt setzte sich Will neben mich. Auf den ersten Blick stufte ich ihn als Sunnyboy ein: braun gebrannt, muskulös gebaut, sandfarbenes Haar, das ihm lässig in die Augen viel, blaue Augen und ein Lächeln zum dahin schmelzen. Er bestellt sich ein Bier und wandte sich dann mir zu.
Na, das sieht mir doch schwer nach Frustsaufen aus. Scheinbar waren ihm die beiden Whiskys nicht entgangen.
Na und? raunzte ich zurück, immer noch der Überzeugung, dass die ganze Welt, inklusive meiner besten Freundin, absolut gegen mich war.
Nichts na und. Ich habe nur etwas gesucht, dass das Eis zwischen uns brechen könnte.
Ich warf ihm einen, wie ich hoffte, vernichtenden Blick zu, doch er lächelte immer noch.
Ich bin Will, stellte er sich vor.
Und ich bin Grace, entgegnete ich und verschluckte mich beinahe an meinem Wein, weil ich meinen eigenen Witz zum Brüllen komisch fand.
Um sämtlichen Verdächtigungen vor zu beugen: Ich bin nicht schwul, gab Will grinsend zurück und erneut kicherte ich. Immerhin hatte er Humor, das mußte man ihm lassen.
Ich habe Dich noch nie hier gesehen, fuhr er fort was ziemlich ungewöhnlich ist, da sich hier selten fremde Gesichter her verirren.
Das heißt also, dass Du öfters in diesem Etablissement zu finden bist? hakte ich nach und wußte nicht, ob ich das jetzt gut oder schlecht finden sollte. Dieser kleine, geschmacklos eingerichtete Laden, der penetrant nach altem Zigarettenqualm und Alkohol roch, war nicht unbedingt ein Ort, an dem ich mich normaler Weise gerne aufhielt.
Man lernt gewisse Vorzüge zu schätzen, gab Will unergründlich lächelnd zurück und nahm einen großen Schluck von seinem Bier.
Die da wären?
Niemand sieht Dich schräg an, wenn Du Dich eigentlich nicht mehr gerade auf Deinem Barhocker halten kannst, aber trotzdem noch ein Bier bestellst, das anstrengende Ich bin Will, wer bist Du fällt normaler Weise auch weg, weil sich hier selten so hübsche Ladys wie Du her verirren und es ist nicht weit zu meiner Wohnung, was mir das lästige wie komme ich am nächsten Morgen zu meinem Wagen deutlich erleichtert.
Eigentlich bekam ich nur den Mittelteil seiner langen Rede mit. Hübsche Lady wenn das nicht aufbauend war.
Ich gebe zu, mein Interesse war geweckt. Ich drehte mich auf meinem Barhocker ein wenig in seine Richtung. Nicht zu weit, denn er sollte nicht denken, dass er leichtes Spiel haben würde, aber immerhin so weit, dass er in Gedanken schon einmal damit anfing, seine Chancen bei mir aus zu rechnen.
Du bist also nicht auf der Suche, stellte ich mit kokettem Augenaufschlag fest.
Uhm ... nicht auf der Suche, aber wenn sich eine Gelegenheit bietet ... , er vollendete den Satz nicht und setzte stattdessen dieses unwiderstehliche Kleinjungenlächeln auf.
Und Du? Bist Du auf der Suche? fragte er zurück.
Nein. Sonst wäre ich wohl kaum hier, stellte ich fest. Ich glaube, meine Motivation ist im Moment eher vergessen.
Dann kann es sich nur um einen Kerl handeln.
Wie kommst Du denn darauf?
War nur so ne Vermutung.
Na ja ... zumindest liegst Du nicht ganz falsch.
Was ist passiert?
Ich habe erwähnt, dass ich das vergessen möchte, oder?
Natürlich war es schon zu spät. In dem Moment, wo sein Fragezeichen unausgesprochen in der Luft hing, hatte ich bereits Luke vor meinem geistigen Auge. Seinen schwarzen Smoking, der ihm so unglaublich gut gestanden hatte, sein warmes Lächeln, sein Atem an meinem Hals und sein Geruch, den selbst hunderte von Meilen, die ich zwischen uns gebracht hatte, nicht vertreiben konnten.
Stimmt. Dann ... ähm ... was machst Du denn so?
Beruflich?
Beruflich und im Allgemeinen, gab er nickend zurück.
Ganz falsches Thema, antwortete ich und sah meinen leeren Schreibtisch im Büro vor mir, hörte meine Kollegen über mich tuscheln, sah das Essay über AJ auf dem Schreibtisch meines vorübergehenden Luxusdomizil liegen und meine Zukunft als arbeitslose Journalistin stand mir wohl ebenfalls deutlich ins Gesicht geschrieben.
O.k.. Ich versuche es noch einmal, meinte Will und schien sich von Minute zu Minute unwohler zu fühlen wie heißt Deine beste Freundin.
Leider wieder verloren, gab ich zurück. So langsam entbehrte das Ganze nicht mehr einer gewissen Komik. Es war egal was er mich fragte, hinter jeder potenziellen Antwort lauerte der Abgrund.
Ehrlich gesagt ... , er schluckte für einen Moment ... ehrlich gesagt würde ich an Deiner Stelle wohl nicht einfach hier sitzen und mich betrinken, sondern hätte mir einen Strick genommen.
Bring mich nicht auf irgendwelche komischen Ideen, warnte ich ihn und goss mir Wein nach. Die Flasche war mittlerweile fast leer und etwas verwundert fragte ich mich, wo ich das alles hin getrunken hatte. War ich überhaupt schon so lange hier?
Als ich wieder zu ihm hinüber sah, musterte er mich nachdenklich.
Du scheinst damit aber ganz gut um zu gehen, stellte er fest.
Was heißt schon gut umgehen? Ich versuche, nicht komplett aus zu rasten, indem ich mich so normal wie möglich gebe, es war die Wahrheit, die mir allerdings erst in dem Moment aufging, als ich sie aussprach.
Manchmal ist es aber auch nicht verkehrt, seine Wut und seine Trauer hinaus zu lassen.
Du meinst mit Schreien, Treten, Heulen und so.
So ungefähr, ja. Wahrscheinlich würde es auch erst einmal ein gut gefüllter Sandsack tun.
Deutete er etwa an, dass meinen ausladenden Hüften ein bißchen Sport ganz gut tun würden?
Auf alle Fälle kann ich Dich nur bewundern, sagte er und nickte dabei zur Bestätigung.
Du weißt doch überhaupt nicht, was passiert ist. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wie Du Dir das vorstellst. Redete ich gerade mit ihm oder mit mir?
Wie schlimm ist es denn? fragte er natürlich sofort zurück.
Das war eine gute Frage. Wie schlimm war es denn wirklich?
Stell Dir vor, begann ich Du läufst nichts ahnend über eine Straße und plötzlich streift Dich ein 10 Tonner. Du hast Schmerzen, vielleicht werden auch ein paar Deiner Körperteile nie wieder zu gebrauchen sein, aber Du freust Dich irgendwo tief in Dir drin, dass Du wenigstens überlebt hast.
Will nickte, so als hätte er tatsächlich eine Ahnung von was ich da sprach.
Dann stell Dir weiter vor, Du sitzt auf dem Bürgersteig, froh am Leben zu sein und dann kommt Dein Chef und hackt Dir auch noch die linke Hand ab, weil Deine rechte sowieso schon zu nichts mehr zu gebrauchen ist.
Will nickte wieder, allerdings waren seine Augen schon etwas größer und runder geworden.
Und dann, wenn Du denkst, Du hast es geschafft, dann kommt von oben ein Klavier angeflogen und begräbt Dich unter sich. An diesem Punkt bin ich jetzt ungefähr.
Das klingt schlimm, sagte Will und nickte erneut. So langsam war ich der Meinung, dass er nicht nur ein großer Lächler, sondern auch ein hervorragender Nicker war.
Ist es auch. Aber um mich um zu bringen, bin ich einfach zu feige.
Ach, ist ja auch nicht so schön. Wenn man tot ist, ist alles vorbei. Nichts mehr mit ausgehen, sich betrinken bis zum Umfallen und man hat auch keine Chance mehr dabei zu sein, wenn die Anderen ihre Fehler bereuen.
Ich glaube nicht, dass die Anderen ihre Fehler bereuen. Mal ganz abgesehen davon, dass meist ich diejenige bin, die die Fehler macht.
Tatsächlich? Dann bist Du also freiwillig auf die Straße gelaufen, als Du den riesigen Truck gesehen hast und Deinem Chef hast Du die Hand hingehalten und hast gesagt schlag hier bitte zu und unter das Klavier hast Du Dich selbstverständlich auch ganz alleine gestellt.
So wie Du das sagst, klingt das irgendwie einleuchtend, aber wir beide wissen, dass das, was passiert ist nichts mit einem Truck, einer Axt oder einem Klavier zu tun hat.
Das mag ja sein, aber wenn ein Leben so gründlich schief läuft, kann nicht nur eine Person daran Schuld sein.
Ich mag Dich, weißt Du das?
Ich lächelte.
Er lächelte zurück.
Das Erwachen am nächsten Morgen war leider nicht ganz so prickelnd wie der Abend davor.
Als ich ganz langsam und vorsichtig meine Augen öffnete, schoss mir sofort der Gedanke wo bin ich? durch den Kopf.
Die Tapete irgendeine Mischung zwischen gelb und rostbraun, verstreute Kleider auf dem Boden, mein Kopf tat weh, ich hatte einen Geschmack im Mund, der sich mit viel Wohlwollen als widerlich definieren lies und ich hatte das Gefühl, dass mein Körper ungefähr eine Tonne wog.
Unter fast unmenschlicher Anstrengung drehte ich mich langsam auf den Rücken und aus den Augenwinkeln nahm ich in diesem Moment einen blonden, verstrubbelten Haarschopf wahr.
Oh je. Will. Die Bar. Eine zweite Flasche Wein. Der Satz willst Du nicht bei mir übernachten? und meine Antwort klar, warum nicht?.
Vorsichtig betastete ich meinen Körper unter der Bettdecke. Höschen an, BH und T-Shirt waren auch an ihrem Platz. Jeans, Pullover und Schuhe dürften sich unter dem Chaos neben dem Bett finden.
Hatten wir es getan? Eine gute Frage. Ich konnte mich an nicht mehr viel erinnern. Ich wusste noch, dass Will einige Mühe hatte, mich durch das enge Treppenhaus zu seiner Wohnung hinauf zu buxieren und das ich eine ganze Weile aus dem Badezimmerfenster gestarrt hatte, weil ich mir einbildete, in der Schwärze hinter der Scheibe das Meer zu erkennen.
Mein nächster, reale Gedanke war dann wo bin ich?. Die Antwort darauf hatte ich inzwischen gefunden, auf die restlichen 1.000 allerdings noch nicht.
Ganz leise schlug ich die Bettdecke zurück, blieb dann einen Moment auf dem Bettrand sitzen, damit die Welt vor meinen Augen aufhörte, sich zu drehen, dann fischte ich mit einem Fuß nach meinen Kleidern auf dem Boden, presste sie an mich und schlich leise durch das Schlafzimmer hinaus in den Flur und zog gleich darauf lautlos die Haustür hinter mir zu.
Erst dann wagte ich es, in die Jeans zu schlüpfen und meinen Pullover über zu ziehen.
Wunderbar gemacht Sky, schimpfte ich mit mir selbst, als ich langsam die noch leeren Straßen entlang lief und dabei versuchte mich zu erinnern, wo mein Wagen stand aus einem Problem machst Du immer gleich hunderte. Als ob es Dir nicht schon schlecht genug geht. Jetzt mußt Du auch noch die nächsten Tage darüber nachdenken, ob Du mit diesem Will geschlafen hast oder nicht, ob ihr dabei wenigstens ein Kondom benutzt habt und ob der erste Sex, den Du nach Luke hattest, wenigstens ein bißchen besser war.
Als ich meinen guten, zuverlässigen Volvo dann endlich fand, mußte ich feststellen, dass ich ihn mindestens einmal um einen ganzen Block verpasst hatte und dass meine Autoschlüssel zusammen mit dem Wohnungsschlüssel, meinem Geld und all meinen Papieren immer noch in meiner Handtasche waren, die seelenruhig irgendwo in Wills Wohnung herum lag.
Kapitel 9