Kapitel 6

Wir hatten uns ins Wohnzimmer zurück gezogen, mittlerweile die Hälfte des Kuchens vertilgt und dazu mindestens einen Liter eiskalten Eistee getrunken. Wir unterhielten uns hauptsächlich über die Hunde: Wie wir zu ihnen gekommen waren, was wir mit ihnen schon alles erlebt hatten, warum sie uns so ans Herz gewachsen waren und so weiter und so fort.
Irgendwann beschloss ich, das Thema auf ein etwas persönlicheres Feld zu lenken. Ein Artikel über AJ und seine Hunde hätte sich sicherlich in einem Blättchen des örtlichen Tierschutzvereines gut gemacht, aber für unsere Zeitung brauchte ich schon etwas handfesteres.
„Haben sich die Hunde eigentlich schnell an Deine neue Freundin gewöhnt?“ fragte ich und nippte an meinem Glas, damit er nicht sah, wie meine Augen wissbegierig funkelten.
„Am Anfang war es etwas schwierig,“ gab er zu und innerlich machte ich mir eine Notiz: AJ ist vergeben „aber mittlerweile kommen sie ganz gut miteinander aus. Bei Daisy führt der Weg zu ihrem Herzen direkt über den Magen, Tank muß man nur ausdauernd den Bauch kraulen und schon ist er sanft wie ein Lamm,“ grinste er.
„Warum ist sie nicht hier?“ fragte ich weiter.
„Wer? Meine Freundin?“ fragte er zurück.
„Uhm ... ja?“
„Sie hat am Wochenende einen Termin,“ entgegnete er ausweichend und wenn ich mich nicht sehr irrte, huschte dabei ein Ausdruck von Misstrauen über sein Gesicht.
„Verstehe,“ beendete ich das Thema und für einen Moment entstand ein peinliches Schweigen.
„Und Dein Freund? Warum ist der nicht hier?“ fragte er schließlich.
Weil er mich vor dem Traualtar hat sitzen lassen. Laut sagte ich „weil es keinen Freund gibt.“
„Aha. Und? Gefällt Dir das Singleleben?“
„Geht so. Erklär’ mir lieber, was es mit dieser Bemerkung von wegen „ich habe mir das Haus verdient“ auf sich hat,“ lenkte ich vom Thema ab.
„Wie Du weißt habe ich Dir gesagt, dass Du das selbst heraus finden mußt,“ grinste er.
Aha, er stand wohl auf Spielchen. Nun gut, das konnte ich auch.
„Da gibt es in LA nicht sehr viele Möglichkeiten. Entweder Du bist Schauspieler,“ ich zählte die Punkte an meinen Fingern ab „oder Musiker, oder Internetmogul oder Börsenspekulant.“
Er lachte „sonst gibt es keine Alternativen?“
„Du mußt mir schon verraten, ob ich wenigsten in der Nähe war,“ entgegnete ich und schob dabei schmollend die Unterlippe vor.
„Nun gut. Die Wahrheit war zumindest schon einmal dabei.“
Wenigstens log er mich in diesem Punkt nicht an.
„Nun gut,“ ich tat so, als betrachtete ich ihn ausgiebig. Erst von der einen Seite, wobei er theatralisch das Kinn vorreckte, dann von der anderen.
„Internetmogul schließe ich aus,“ sagte ich schließlich und mußte mich beherrschen, dass ich nicht einfach drauf los kicherte. Es war aber auch zu albern, was ich hier tat.
„Wieso kein Internetmogul? Sehe ich zu unintelligent aus?“ Er schien tatsächlich ein wenig gekränkt zu sein.
„Nein, aber Du bist viel zu braun, als dass Du täglich in irgendeinem kleinen Büro ohne Fenster sitzt und Tag ein Tag aus auf einer Computertastatur herum tippst.“
„O.k., das lasse ich gelten.“
„Gut, dann weiter ... uhm ... Börsenspekulant traue ich Dir irgendwie auch nicht zu.“
„Pass auf was Du sagst,“ lachte er und drohte mir scherzhaft mit dem Finger.
„Hey, wenn Dir nicht passt, was ich sage, dann verrate mir lieber gleich, was Du machst,“ gab ich gespielt gekränkt zurück, doch er schüttelte den Kopf.
„Nein. Erklär mir lieber, warum ich von der Börse keine Ahnung haben soll.“
„Kannst Du mir auf Anhieb sagen, wie heute der Dow-Jones abgeschlossen hat?“
„Dow-Jones? Noch nie gehört. Kann man das essen?“ fragte er und ich mußte lachen.
„Siehst Du, Börse scheidet auch aus.“
„Na gut. Zwei zu null für Dich. Bleiben also noch zwei Alternativen.“
„Richtig. Schauspieler ... hm ... ,“ erneut wandte er seinen Kopf von rechts nach links, straffte dabei sein Kinn und zog auch noch den Bauch ein, was mich zum kichern brachte.
„Tut mir leid, aber wenn Du Schauspieler sein solltest, so habe ich Dich jedenfalls in noch keinem Film oder Werbespot gesehen. Du müsstest demnach ein ziemlich mieser Schauspieler sein und könntest Dir Ergo so ein Haus nicht leisten. Also bleibt wohl der Musiker übrig.“
Für einen Moment sah er mich durchdringend an ohne eine Miene zu verziehen.
„Du hast es schon vorher gewußt, stimmts?“ fragte er schließlich und ich überlegte fieberhaft, was ich sagen sollte. Besser weiterhin die Ahnungslose spielen, auch wenn ich mich dabei nicht im geringsten wohl fühlte.
„Nein, wirklich nicht. Das war jetzt tatsächlich Glück.“
Er überlegte scheinbar einen Moment, ob er mir das glauben sollte, entschied sich aber dann wohl doch erst einmal von meiner Unschuld aus zu gehen und nickte dann.
„Ja, ich bin Musiker.“
„Sänger?“ hakte ich gleich nach.
„Auch das,“ nickte er.
„Alleine oder in einer Band?“
„Sowohl als auch.“
Ich stutze einen Moment und sah ihn verständnislos an.
„Wie soll denn das gehen?“
„Schon mal was von einer Band gehört, deren einzelne Mitglieder auch mal was solo machen?“ fragte er in nachsichtigem Tonfall.
Ich zuckte mit den Schultern. Auf Anhieb fiel mir nur ...
„N’Sync ... hat da nicht dieser Justin Sowieso eine eigenen Platte gemacht? Aber Du siehst gar nicht aus wie er.“ Wenn das hier noch länger so weiter ging, würde ich auf der Stelle platzen.
„Ja, hat er wohl,“ gab er zu „aber mit der Band habe ich eher indirekt zu tun.“
„Bitte, können wir damit aufhören? Sag’ mir einfach, in welcher Band Du bist und alles ist gut.“
„Ein bißchen ungeduldig, was?“ fragte er grinsend und ich nickte „ja, ich gebe es zu.“
„Nun gut. Weil Du Dich so gut geschlagen hast ... ich bin ein Mitglied der fabelhaften, umwerfenden, nie erreichten aber oft kopierten ... ,“ dann machte er eine lange und sehr dramatische Pause, in der ich ihm sicherlich an die Gurgel gesprungen wäre, wenn ich nicht schon gewußt hätte, was jetzt kam „ ... Backstreet Boys,“ vollendete er den Satz und sah gespannt zu mir herüber.
„Backstreet Boys? Noch nie gehört,“ sagte ich und konnte nun mein Lachen leider nicht mehr zurück halten, als ihm buchstäblich die Kinnlade herunter klappte.
„War nur Spaß,“ beeilte ich mich zu sagen, doch er schien noch eine Weile zu überlegen, ob er mir das nun glauben sollte oder ich vielleicht doch so weit hinter dem Mond lebte, dass ich tatsächlich nicht wußte, welche Band er meinte.
Er entschied sich wohl schließlich dafür, mir zu glauben und innerlich seufzte ich abgrundtief. Wenn jede Information so schwer aus ihm heraus zu kriegen war, hatte ich ein ganzes Stück Arbeit vor mir.

Draußen setzte langsam die Dämmerung ein, Boomer schaute immer häufiger sehnsüchtig hinaus auf AJs Grundstück in das schwindende Licht und ich war bereits im Begriff zu gehen, als es an der Haustür klingelte.
Wie von der Tarantel gestochen fuhr AJ von der Couch in die Höhe und versuchte mit einiger Verspätung überrascht aus zu sehen.
„Wer kann das nur sein?“ fragte er, doch sein Grinsen missglückte und so wischte er sich die Hände nervös an seinen Shorts ab und ging hinaus in den Flur.
„Jetzt wird es interessant Boom,“ flüsterte ich, während ich nach seinem Halsband fasste, damit er den Neuankömmling nicht durch seine übliche Hallo-ich-bin-ein-aufgeregter-Hund-und-wer-bist-Du-Begrüßung erschrecken konnte.
Ich hörte ein fröhliches „Hallo Darling“ aus dem Gang, das eindeutig von einer weiblichen Person stammte, dem ein leises Gemurmel von AJ folgte.
„Ach, tatsächlich?“ hörte ich die Frau wieder und gleich darauf verriet das Klappern von hohen Absätzen, dass sie mit schnellen Schritten näher kam.
Gleich darauf betrat eine große Blondine, mit endlos langen Beinen, kurzen Shorts und einem Bikini-Oberteil das Wohnzimmer.
„Hi, ich bin Kimberly,“ sagte sie lächelnd und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu „es ist ja soooo toll endlich mal jemanden von AJs Freunden kennen zu lernen.“ Dabei ergriff sie meine Hand und schüttelte sie so sehr, dass ich für einen Moment bedenken hatte, ob sie sie mir nicht gleich abreißen würde.
„Hallo, mein Name ist Skyler und das hier ist Boomer,“ dabei deutete ich mit dem Kopf auf meinen Hund hinunter.
Ihr leicht missbilligender Blick auf Boomer entging mir dabei nicht und ich fügte schnell hinzu „Du hast doch keine Angst vor Hunde, oder?“
„Nun ja ... ,“ entgegnete sie gedehnt, trat einen vorsichtigen Schritt zurück und sah dann hilfesuchend zu AJ auf, der sich mittlerweile zu uns gesellt hatte und alles andere als glücklich aussah.
„Kim hat nicht direkt etwas gegen Hunde,“ erklärte dieser „sondern eher gegen Hundehaare.“
„Ja, so könnte man es ausdrücken,“ nickte Kimberly sichtlich erleichtert „es ist so ... unhygienisch, verstehst Du?“ dabei warf sie ihre blonden Haare, an deren Ansatz man ganz deutlich erkennen konnte, dass ihre Naturhaarfarbe eher in Richtung Dunkelbraun angesiedelt war, mit einer schwungvollen Handbewegung über die Schulter zurück.
„Unhygienisch?“ meine Augenbrauen schnellten nach oben und bevor ich richtig darüber nach gedacht hatte, lies ich Boomers Halsband los.
Sofort sprang er mit aufgeregt wedelndem Schwanz nach vorne und beschnupperte ausgiebigst den Neuankömmling. Kimberly trat noch einen weiteren Schritt zurück und klammerte sich hilfesuchend an AJ fest.
„Darling, das finde ich jetzt aber nicht gut,“ sagte sie und ihre Stimme klang dabei so, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.
„Keine Sorge, wir sind sowieso schon so gut wie weg,“ lächelte ich zuckersüß, dann rief ich Boomer zurück an meine Seite und streckte AJ die Hand entgegen.
„Mach’s gut. Vielleicht sehen wir uns ja bald mal wieder.“
Er entwandt sich aus Kimberlys Griff und erwiderte meinen Händedruck „Bestimmt. Am Mittwoch habe ich die Hunde wieder hier, dann können wir ja mal einen Spaziergang zusammen machen,“ sagte er. Irgendwie hatte ich so den Verdacht, dass er mir alles versprochen hätte, wenn ich nur endlich ging.
„Bis dann Kimberly,“ verabschiedete ich mich von dem Prinzesschen an seiner Seite und ging dann an den beiden vorbei hinaus in den Flur. AJ brachte mich noch bis zur Tür.
„Ähm ... ja ... also dann ... ,“ stotterte er und der Unterschied zwischen dem selbstbewußten Mann, der mir vor ein paar Stunden die Tür geöffnet hatte, war so unglaublich, dass man hätte meinen können, einem ganz anderen Menschen gegenüber zu stehen.
Beinahe hätte ich ihn darauf angesprochen ... aber nur beinahe. Meine Zeit würde kommen und bis dahin würde ich schweigen, beobachten und zum gegebenen Zeitpunkt die Informationen, die ich brauchte, aus ihm heraus kitzeln.

Kapitel 7