Kapitel 5
Natürlich backten wir den Kuchen nicht mehr an diesem Tag. Bis die Kartons so weit aus gepackt waren, dass überhaupt annähernd so etwas wie Ordnung herrschte, war es spät am Abend. Wir schafften es gerade noch, uns eine Pizza zu bestellen, bevor wir unter die Dusche sprangen, um danach völlig erledigt auf die Couch zu fallen.
Wir redeten noch über dies und das, verdrückten dabei unsere Pizza und es war mir fast ein wenig peinlich, dass Hannah bei ihrem ersten Besuch in L.A. überhaupt nichts von der Stadt zu sehen bekam.
Sie war allerdings der Meinung, dass ihr das nichts ausmachte.
Es ist ein bißchen wie früher, lächelte sie wir reden über Männer, die perfekte Anmach-Strategie und die Schwierigkeiten im Leben eines Singles. Wer will da schon etwas von Hollywood wissen?
Wobei das nur meine Schwierigkeiten sind, gab ich zu bedenken.
Na und? Jede Schwierigkeit zu seiner Zeit, und wir kicherten beide eine ganze Weile über diesen Spruch. Es war einfach schön ein wenig albern sein zu können.
Überhaupt ... ich hatte noch nie jemanden getroffen, der eine ähnlich gute Eignung zur Freundin hatte, wie Hannah. In meinem Leben gab es zwei Sorten von Freunden: Die, mit denen man Spaß hatte, mit denen man ausging und die man meist nur dann anrief, wenn man nicht wußte, was man an diesem Abend mit sich anfangen sollte - sie machten auf jeden Fall den größeren Teil meines Umfeldes aus - und die Menschen, mit denen ich mein Seelenleben diskutieren konnte. Da gab es allerdings nicht wirklich viele: Hannah, meine Eltern manchmal, und noch zwei, drei andere, die ich allerdings selten öfter als vier Mal im Jahr sah.
Hannah vereinte beide Seiten in sich. Wir konnten ausgehen, Spaß haben und im nächsten Moment gemütlich in einer Ecke sitzen, das restliche Leben aussperren und stundenlang über Gott und die Welt und vor allen Dingen über uns reden.
Mittlerweile war ich zu dem Schluß gekommen, dass nicht viele Leute dieses Privileg genießen konnten. Meist traf man eben nur Menschen die das eine oder das andere zu bieten hatten.
Als ich am nächsten Morgen noch ziemlich verschlafen hinunter in die Küche kam, war Hannah bereits dabei einen ganzen Berg Äpfel zu schälen.
Guten Morgen, begrüßte ich sie, drückte ihr einen Kuß auf die Wange und langte dann über ihre Schulter um mir gleich darauf einen Apfelschnitz in den Mund zu schieben.
Guten Morgen Du Murmeltier, erwiderte sie lächelnd.
Du willst das tatsächlich mit dem Kuchen durch ziehen, sagte ich kopfschüttelnd, während ich mir eine Tasse Kaffee einschenkte.
Na, was denkst denn Du? Die Idee war doch großartig, oder etwa nicht?
Gestern war sie großartig. Heute habe ich, ehrlich gesagt, ein wenig Bammel davor.
Wieso? Welcher Mann freut sich denn nicht, wenn er mit Kuchen verwöhnt wird?
Höchstwahrscheinlich ist er der Einzige, gab ich zu bedenken und fühlte, wie mein Herz ängstlich ein paar Takte schneller zu schlagen begann als ich daran dachte, wie ich zu ihm hinüber ging, an seine Tür klopfte und dann dämlich lächelnd mit dem Kuchen in meiner Hand vor ihm stand.
Du kannst es natürlich auch lassen, sagte Hannah nachsichtig und lehnte sich neben mich an die Spüle die Frage ist doch nur, wie wichtig es Dir ist, ihn näher kennen zu lernen.
Ziemlich wichtig, gab ich zu.
Und dafür ist das doch der perfekte Weg, oder?
Ja ... nein ... ich weiß nicht, sagte ich und blickte dann hilflos zu ihr auf. Ich habe wohl einfach Angst, dass ich mir die einzige Chance bei ihm versauen könnte.
Das ist doch nicht Deine einzige Chance, lächelte sie. Nehmen wir mal an, er findet die Idee wirklich idiotisch. Was wird wohl im schlimmsten Fall passieren?
Ich zuckte mit den Schultern, da die Szenarien in meinem Kopf sicherlich um einiges schlimmer ausfielen, als Hannah sich das dachte.
Er wird höflich lächeln, den Kuchen an sich nehmen, Dir für Deinen Besuch danken und dann ganz diplomatisch die Tür zu machen. Danach hast Du jede Menge Zeit, um ihm am Strand ganz zufällig zu treffen und Plan B durch zu ziehen.
Klingt eigentlich ganz einfach, gab ich zu und fühlte mich schon ein bißchen besser.
Ist es auch. Hey, Du bist doch hier die Sensationsreporterin. Ich dachte immer, die haben keine Skrupel, grinste Hannah und ich gab ihr einen sanften Knuff in die Seite.
Ich bin höchstwahrscheinlich die einzige Reporterin, die sich Gedanken darüber macht, was andere Leute über sie denken.
Eben und genau das ist Deine Stärke, stellte Hannah fest und ich sah überrascht zu ihr auf. So hatte ich das noch nie gesehen.
Und jetzt hilf mir diesen Berg von Äpfel von ihrer Schale zu befreien, sonst schaffen wir das nicht mehr, bevor ich zurück zum Flughafen muß. Sie stieß sich neben mir ab und wandte sich wieder den Äpfeln zu.
Nun gut, dann würde ich mich später also tatsächlich in die Schlacht begeben, mit einem Apfelkuchen als einzige Waffe.
Meine Knie waren weich wie Pudding, als ich mit dem Apfelkuchen im Arm die Straße hinunter ging. Boomer hechelte neben mir, als wäre er kurz davor einfach um zu fallen und auch mir setzte die ungeheure Hitze zu. Es war aber auch wirklich eine dämliche Idee gewesen, mich direkt in der Mittagszeit auf den Weg zu machen.
Außerdem hatte ich mich mit der Entfernung ganz schön verschätzt. Es klang so nah wenn man sagte er wohnt zwei Häuser weiter, aber in diesem exklusiven Wohnviertel bedeutete das eine Entfernung von fast einer halben Meile.
Hannah und ich hatten uns vor ungefähr einer Stunde mit einer kleinen Träne im Augenwinkel am Flughafen von einander verabschiedet und ich hätte alles dafür gegeben, wenn sie jetzt bei mir gewesen wäre. Manchmal wußte sie einfach besser was man wie in welcher Situation sagte.
AJs Haus tauchte langsam in der Ferne vor mir auf. Während meines zum größten Teil aus Holz bestand, herrschten bei ihm Beton und Glas vor. Einige Palmen säumten den Weg die Auffahrt hinauf und verstellten so den genauen Blick auf sein Anwesen, doch der hohe Giebel, der komplett verglast auf den beiden Stockwerken des mit roten Ziegeln gedeckten Daches thronte, war auch von hier schon gut zu sehen.
Zum ersten Mal fragte ich mich, ob er überhaupt zu Hause war. Wie er selbst gesagt hatte, war er nicht die ganze Zeit hier und da ich ihn weder gestern noch heute Morgen mit seinen Hunden am Strand gesehen hatte, war die Wahrscheinlich relativ hoch, dass ich den langen Weg in der drückenden Hitze ganz umsonst gemacht hatte.
Als ich schließlich vor seiner Haustür ankam, lies sich Boomer sofort abgrundtief seufzend ganz flach auf die kühlen Fliesen fallen, während ich mein ziemlich erhitzt wirkendes Konterfei in der Glasscheibe neben der Tür musterte, was mich schon wieder daran denken lies, unverrichteter Dinge nach Hause zurück zu gehen.
Ich sah aus wie eine Vogelscheuche: meine Wangen waren gerötet als hätte ich mal eben einen Marathonlauf hinter mich gebracht, ich spürte, wie mir der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter rann und aus meiner kunstvoll aufgesteckten Frisur hatten sich die ersten Strähnen gelöst und klebten mir verschwitzt am Hals. Höchstwahrscheinlich würde ich mich in diesem Zustand auch nicht ins Haus lassen.
Für eine ganze Weile stand ich wie festgewachsen vor dieser Tür, überlegte hin und her, ob ich hier tatsächlich das richtige tat und versuchte mein wie wild klopfendes Herz zu beruhigen. Schließlich streckte ich in einer hektischen Bewegung den Arm aus und drückte auf den Klingelknopf, bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte, dann hielt ich die Luft an und horchte in das Haus hinein.
Kamen da Schritte näher? Würde gleich ein Hund anfangen zu bellen? Doch nichts geschah.
Tja Boom, scheinbar ist er tatsächlich nicht da, sagte ich enttäuscht und blickte auf meinen Hund hinunter, der mich von unten herauf aufmerksam musterte.
Wir sollten wieder gehen, was meinst Du?
Wie als Antwort erhob er sich schwerfällig von seinem kühlen Plätzchen und trottete an mir vorbei ein Stück die Auffahrt hinunter, wo er stehen blieb und auffordernd zu mir zurück sah.
Ein bißchen hättest Du Dich ruhig zieren können, schnaubte ich und folgte ihm etwas zögerlich. Immer noch war kein Ton aus dem Haus zu hören. Ich warf einen letzten Blick zurück und zuckte dann mit den Schultern.
Ich habe es wenigstens versucht, sagte ich an niemanden bestimmten gewandt und machte mich auf den Weg, die Auffahrt hinunter. Ich hatte noch keine zwei Schritte gemacht, als ich hörte, wie hinter mir die Haustür aufgerissen wurde.
Hey, rief es hinter mir und erschrocken fuhr ich herum. AJ stand in der Tür, mit nicht mehr als einem Handtuch um seine Hüften, das er mit einer Hand zusammen hielt, während er sich mit der anderen die Wassertropfen aus dem Gesicht wischte.
Oh, brachte ich irgendwie heraus und blieb wie angewurzelt an meinem Platz stehen.
Kann ich Dir irgendwie helfen? fragte er und grinste.
Ich ... ähm ... also ... Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie Boomer interessiert zwischen AJ und mir hin und her blickte und dann ganz langsam in Richtung Haus trottete.
Hey Boomer, alter Junge, begrüßte ihn AJ, ging dabei vorsichtig in die Hocke, wobei er darauf achtete, dass das Handtuch weiterhin die wichtigste Stelle seines Körpers bedeckte, und begann meinen Hund hinter den Ohren zu kraulen.
Ich ... also ... , stotterte ich und ging langsam auf die Haustür zu. Ich komme wohl zu einem ungünstigen Zeitpunkt, stellte ich fest.
Das kommt darauf an, was Du von mir willst, lächelte er mich von unten herauf an und stand dann endlich wieder auf.
Also eigentlich wollte ich Dir das hier vorbei bringen, gestand ich und hielt ihm den Apfelkuchen unter die Nase wo wir doch so zu sagen Nachbarn sind.
Verblüfft starrte er auf das runde Etwas in meiner Hand hinunter, dass noch ganz schwach aber sehr verführerisch duftete.
Ist das Dein Ernst? fragte er und sah mich an. Mit einem Schlag war meine gesamte Unsicherheit wieder da. Wie kam ich eigentlich auf den dämlichen Gedanken ihm einen Kuchen vorbei zu bringen?
Als ich nicht antwortete, lächelte er und bedeutete mir mit dem Kopf ihm ins Haus hinein zu folgen.
Kommt erst einmal rein. Ich glaube, dabei kicherte er leise mir hat noch nie jemand einen selbst gebackenen Kuchen geschenkt.
Ja, war ne doofe Idee, murmelte ich, was ihn dazu veranlasste, stehen zu bleiben.
Nein, finde ich gar nicht, entgegnete er lächelnd und streckte die Hand aus. Im ersten Moment wußte ich nicht, was er von mir wollte, doch als er einen amüsierten Blick auf meinen Kuchen hinunter warf, wurde mir das schlagartig klar.
Oh ... ähm ... hier ... , ich reichte ihm den Kuchen und er verschwand damit nach links in die Küche. Ich folgte ihm wesentlich langsamer, während Boomer keinen Schritt von seiner Seite wich. Höchstwahrscheinlich glaubte er, es gäbe gleich ein zweites Frühstück.
Tut mir leid, dass ich hier nur in einem Handtuch herum renne, sagte AJ aber ich stand gerade unter der Dusche.
Das war vielleicht ein wenig mehr Information, als ich mir gewünscht hätte, denn sofort sah ich das Bild vor mir: Eine milchige Scheibe, hinter der man die Konturen seines muskulösen Körpers sehen konnte.
Mein Herz, das sich in den letzten Minuten etwas beruhigt hatte, begann erneut schneller zu schlagen.
Ich ziehe mir schnell etwas an, o.k.? Fühl Dich wie zu Hause. Sprachs und war schon an mir vorbei. Ich hörte seine nackten Füße die Treppe hinauf laufen und gleich darauf eine Tür, die ins Schloß viel.
Als ich mir sicher war, dass er nicht gleich wieder herunter kommen würde, weil er irgendetwas vergessen hatte, sah ich mich mit einem schnellen, aber aufmerksamen Blick in der Küche um.
Hohe, weiße Schränke, ein runder Esstisch aus hellem Holz, eine weiße Keramikspüle, in der zwei benutzte Gläser standen, aber nichts, was mir irgendwie bei meiner Story behilflich sein konnte.
Nun gut, er hatte gesagt, ich sollte mich wie zu Hause fühlen, also schlich ich leise aus der Küche durch den Flur und stand gleich darauf in einem geräumigen Wohnzimmer.
Vor einem überdimensionalen Fernseher umstanden zwei üppige, schwarze Ledersofas einen ovalen Glastisch, dahinter stand ein riesiger Turm aus CD-Spieler, Verstärker, Kassetten-Deck und oben auf ein Plattenspieler einfach auf dem Boden. Davor lagen Unmengen von CDs verstreut, die Boomer jetzt aufmerksam beschnupperte, daneben in ordentlicher Reihe eine umfangreiche Plattensammlung.
Mein Blick schweifte weiter. Über drei Treppenstufen hinunter erreichte man die nächste Ebene des Wohnzimmers. Auch dort stand ein Fernseher, davor lag eine Playstation auf dem Boden und die beiden Gamepads sahen so aus, als hätte sie jemand gerade aus der Hand gelegt. Eine große Schiebetür führte hinaus auf die Terrasse.
Fasziniert stieg ich die drei Stufen hinunter und blickte hinaus auf ein riesiges Grundstück. Ein nierenförmiger Pool glitzerte smaragdgrün im gleißenden Licht der Sonne und ein ganzes Stück dahinter sah ich eine Treppe mit Geländer, die hinunter zum Strand führte und hinter dem das dunkle Blau des Ozeans im feinen Dunst hervor lugte.
Gerade als ich mich endlich von dem fantastischen Anblick losreißen konnte um meine Erkundungstour fort zu setzen, hörte ich AJ die Treppe wieder hinunter kommen.
Ich beeilte mich, zurück in die obere Ebene des Wohnzimmers zu kommen und während ich noch überlegte, welche Position wohl am unauffälligsten wirke, hatte er mich bereits entdeckt. Lächelnd kam er zu mir hinüber. Er trug nun ein T-Shirt und Shorts, hatte seine Haare, die an der Stirn schon langsam zurück wichen, nachlässig trocken gerubbelt und hielt eine Zigarette in der Hand.
Und, wie findest Du es? fragte er, während er an mir vorbei zu dem Couchtisch ging um die Asche in einen Aschenbecher zu schnipsen.
Es ist ziemlich groß, war alles, was ich sagen konnte.
Das stimmt allerdings, lächelte er und als ich nichts mehr sagte zuckte er mit den Schultern.
Möchtest Du etwas trinken? Außerdem finde ich, wir sollten unbedingt sofort den Kuchen anschneiden.
Gerne, gab ich zurück und folgte ihm durch den Flur zurück in die Küche.
Der Umstand, dass er wieder ordentlich bekleidet war, gab mir ein großes Stück meiner Sicherheit zurück und so lehnte ich mich entspannt an den Küchentisch, verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihm dabei zu, wie er ein riesiges Messer aus einem Messerblock zog und den Kuchen vor sich kritisch musterte.
Wo sind eigentlich Deine Hunde? fragte ich, da mir erst jetzt auffiel, dass Boomers neue Spielgefährtin nicht um uns herum sprang.
Ich teile mir so zu sagen mit meiner Ex-Freundin das Sorgerecht, erklärte er, während er mit vor Konzentration gerunzelten Stirn den Kuchen in zwei Hälften teilte ein paar Tage die Woche kümmere ich mich um Daisy und Tank und die andere Zeit sind sie bei ihr.
Und das funktioniert? fragte ich skeptisch. Wenn ich mir vorstellte, ich müsste Boomer mit Luke ... nein, an den sollte ich jetzt wirklich nicht denken.
Meistens sogar sehr gut, entgegnete er und sah lächelnd zu mir herüber. Großes oder kleines Stück? fragte er.
Nun ja ... , sagte ich gedehnt und trat ein paar Schritte an ihn heran. Das ist so eine Sache. Wenn ich jetzt sage kleines Stück denkst Du vielleicht, er schmeckt mir eigentlich nicht und ich drehe Dir ungenießbares Zeug an. Wenn ich aber sage großes Stück werde ich das wohl nicht ganz schaffen.
Mir ist schon öfter aufgefallen, dass ihr Frauen sehr kompliziert seid, entgegnete er kopfschüttelnd, grinste aber dabei. Also kleines Stück, stellte er dann fest.
Hm, stimmte ich ihm zu und fragte mich gleichzeitig, warum ich nur so einen Unsinn redete.