Kapitel 4

Obwohl ich die nächsten Tage mehr Zeit am Strand verbrachte, als der Karton-Unordnung in meinem Haus gut tat, traf ich AJ nicht wieder. Wenn ich nicht gerade kilometerweit am Wasser entlang lief, saß ich auf der Terrasse, den Stuhl in die Richtung seines Domizils ausgerichtet und mit einer Zeitschrift auf den Knien, in der ich in der ganzen Zeit nicht mehr als zwei Absätze las.
Höchstwahrscheinlich würde ich heute noch dort sitzen, wenn ich nicht am Samstag Vormittag Hannah vom Flughafen hätte abholen müssen.
Nur widerwillig verabschiedete ich mich von meinem Beobachtungsposten und Boomer, stieg in meinen Wagen und brauste so schnell es der alte Volvo zu lies durch die halbe Stadt zum Flughafen.
Hannahs Flug hatte auch noch Verspätung und so verbrachte ich eine geschlagene Stunde damit, immer wieder auf die Anzeigetafel des Ankunftsterminals zu starren und mir innerlich aus zu malen, welche günstige Gelegenheit ich gerade verpasste, AJ näher kennen zu lernen.
Ich gebe zu, vielleicht war ich in diesem Punkt, gelinde gesagt, besessen. Dieser Mann erschien mir wie ein Zeichen, ein Silberstreif an meinem ansonsten rabenschwarzen Horizont. Ich machte mir keine Illusionen: Wenn einem der Chef schon freiwillig ein halbes Jahr frei gibt, dann war man vorher nicht gerade unersetzlich gewesen.
Was würde passieren, wenn ich zurück ins Büro kam? Ein halbes Jahr war in diesem Geschäft eine halbe Ewigkeit. Wenn man Pech hatte, verpasste man endgültigen jeglichen Anschluss und zurück blieb eine frustrierte Journalistin, die zukünftig für so spannende Schlagzeilen wie „Katze von ehrlichem Feuerwehrmann aus Baum gerettet“ und „Der diesjährige Kuchenback-Wettbewerb – ein voller Erfolg“ verantwortlich war.
„Na, Du scheinst Dich ja förmlich nach mir verzehrt zu haben,“ riss mich plötzlich Hannas amüsierte Stimme aus meinen trüben Gedanken.
Erschrocken fuhr ich zu ihr herum. „Wo kommst Du denn auf einmal her?“ fragte ich überrascht und lies mich gleich darauf in ihre ausgebreiteten Arme ziehen.
„Hier hätte die Queen mit 12 weißen Schimmel vorbei reiten können und Du hättest es nicht gemerkt,“ schmunzelte sie.
Eine Weile hielten wir uns einfach fest im Arm.
„Gott, es tut so gut Dich zu sehen,“ murmelte ich schließlich an ihrer Schulter und sie seufzte. „Geht mir genau so. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie langweilig es zu Hause ohne Dich ist.“
Ich lies sie los und sah sie prüfend an „ist mit Dir und Simon alles in Ordnung?“
„Klar, warum fragst Du?“ Ihre Stirn legte sich in misstrauische Falten und ich zuckte mit den Schultern. „Na ja ... ich bin gerade mal ne halbe Woche weg. Ich hätte nicht gedacht, dass Du mich so schnell vermisst.“
„Sky, manchmal frage ich mich wirklich, was in Deinem hübschen Kopf vor sich geht,“ entgegnete Hannah kopfschüttelnd, schnappte sich dann ihre Tasche und ging einfach los in Richtung Ausgang.
„Warte!“ rief ich und beeilte mich ihr hinterher zu kommen.

„Das Haus ist immer noch so fantastisch, wie ich es in Erinnerung hatte,“ meinte Hannah schwärmerisch und nahm einen Schluck von ihrem Eistee. Wir saßen gemeinsam auf der Terrasse, Boomer hatte sich zu ihren Füßen eingerollt und schlief, wobei er leise vor sich hin schnarchte, und ich starrte immer wieder an Hannahs Schulter vorbei, ob sich unter uns am Strand etwas tat.
Schließlich stellte Hannah ihr Glas hörbar auf dem Tisch ab, fasste nach meiner Hand und wartete, bis ich ihr in die Augen sah.
„So, und jetzt erzählst Du mir gefälligst, was hier los ist,“ forderte sie.
„Nichts ist los. Gar nichts.“
„Hm ... und in der Hölle schneit es. Du bist schon seit dem Flughafen so komisch ... nicht ganz bei der Sache würde ich mal sagen und der Strand hinter mir muss zudem auch noch äußerst interessant sein.“
„Ich ... ähm ... ,“ ich wußte nicht was ich sagen sollte. Sie würde mich auslachen, mich für nicht ganz dicht erklären und dann darauf bestehen, dass ich sie sofort zurück zum Flughafen brachte, damit sie die nächste Maschine nach Hause nehmen konnte ... möglichst weit weg von mir.
„Ich warte,“ hörte ich sie und nahm meinen ganzen Mut zusammen.
„Ich habe da vor ein paar Tagen einen Mann kennen gelernt ... ,“ begann ich.
„Einen Mann?“ Hannahs Augenbrauen schnellten in die Höhe und ein breites Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit.
„Nicht was Du jetzt denkst,“ wehrte ich sofort ab „er ist ... nun ja ... berühmt ... so zu sagen.“
„Berühmt ... so zu sagen ... ,“ wiederholte sie, als überlege sie gerade, in welche Nervenheilanstalt sie mich am besten einweisen lassen könnte.
„Ja ... also ... das ist vielleicht schon eine Weile her und ... ähm ... ,“
„Sky, warte.“ Sie rutschte noch ein Stückchen auf ihrem Stuhl nach vorne, so dass unsere Knie beinahe zusammen stießen, fasste meine Hand etwas fester und legte ihre andere Hand auch noch darüber.
„Hör zu ... Du weiß doch noch, wer ich bin, oder?“
„Was soll das denn jetzt?“ sie brachte mich gerade total aus dem Konzept.
„Ich bin’s, Hannah,“ fuhr sie fort, ohne mir scheinbar erklären zu wollen, worauf das hier hinaus lief „Deine älteste und beste Freundin. Du weißt, dass Du mir vertrauen kannst. Richtig?“
„Ich ... ähm ... ,“
„Richtig?“
„Ja, richtig,“ seufzte ich.
„Gut. Weißt Du, ich habe sehr wohl gemerkt, dass Du Dich seit dieser Geschichte mit Du-weißt-schon-wem und der geplatzten Hochzeit verändert hast. Ich dachte, wenn Du hier her fährst, wird sich das sicherlich geben. Aber je länger Du weg bist, um so weniger erkenne ich Dich wieder.“
Ich schwieg. Was hätte ich dazu auch sagen sollen? Du hast recht? Nur über meine Leiche!
„Sky, es war nicht Deine Schuld,“ sagte sie in sanftem Tonfall und drücke zusätzlich meine Hand ein wenig.
„Können wir das Thema wechseln? Bitte.“
„Aber ich möchte doch nur ... ,“
„Hannah, bitte. Natürlich weiß ich, dass es nicht meine Schuld ist.“ So, wußte ich das?
„Und ich gebe zu, dass ich mich vielleicht etwas sonderbar benehme.“ Etwas? Ha, ha.
„Aber das hier, hat überhaupt gar nichts mit Luke zu tun.“
„Bist Du Dir sicher?“
„Ganz sicher!“ Ich brachte ein einigermaßen überzeugendes Lächeln zu Stande, was Hannah zaghaft erwiderte.
„Um was geht es dann?“
„Dieser Typ ... er wohnt hier den Strand hinunter und ist der Schwarm aller Teenies. In der letzten Zeit hat man weder von ihm, noch von seinen Bandkollegen viel gehört und ich kann das womöglich ändern. Ich weiß nur noch nicht so genau wie ich das anstellen soll.“
„Wer ist es?“ Hannah hatte meine Hand los gelassen, aber hockte immer noch auf der äußersten Stuhlkante, inzwischen aber wohl vor gespannter Erwartung und nicht, weil sie besorgt war. Das war gut, das war sogar sehr gut.
„Sagt Dir AJ McLean etwas?“
„McLean? McLean ... ,“ murmelte sie nachdenklich, lehnte sich endlich in ihrem Stuhl zurück, sah mich dann enttäuscht an und schüttelte den Kopf „tut mir leid.“
„O.k. ... versuchen wir es mit ... ,“ ich machte eine dramatische Pause und hauchte dann „den Backstreet Boys?“
Ihr Augen wurden augenblicklich so groß wie Untertassen und ihre Hand fuhr erschrocken zu ihrem Mund.
„Du meinst, dieser AJ McLean ist ein Mitglied der Backstreet Boys und er ist so zu sagen seit dieser Woche Dein Nachbar?“
„Cleveres Mädchen,“ grinste ich.
„Und ... ach Du meine Güte ... Du meinst ... ,“
„Ganz genau. Wenn ich über ihn einen Artikel verfassen könnte, der dann auch noch ein paar Details enthält, von denen noch nicht die gesamte weite Welt weiß, dann wäre ich wieder im Geschäft. Vielleicht versetzt mich mein Boss sogar hier an die Westküste. Das könnte mein Durchbruch sein!“
„Aber wie willst Du das anstellen?“ fragte sie, jetzt selbst Feuer und Flamme für dieses Thema.
„Ehrlich gesagt, weiß ich das noch nicht so genau. Auf jeden Fall, muß ich ihn wieder sehen. Ich hatte gehofft, ich würde ihn irgendwann „zufällig“,“ ich malte die Anführungsstriche in die Luft „wieder am Strand treffen, aber bisher hatte ich da noch kein Glück.“
„Und dann? Ich meine ... wirst Du ihm sagen, dass Du einen Artikel über ihn schreiben willst?“
„Ich befürchte, das wäre zumindest im Anfangsstadium nicht besonders klug. Da sind die Promis alle gleich. Wenn sie einen Journalisten auch nur fünf Meter gegen den Wind riechen schaltet sich ihr ich-rede-jetzt-mit-der-Presse-Sprachzentrum ein.“
„Ich verstehe,“ nickte sie, dann wanderte ihr Blick den Strand hinunter. „Welches Haus ist es denn?“
„Das zweite nach meinem,“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen und folgte ihrem Blick, doch wie immer war der Strand menschenleer.
„Und ihr seid Euch einfach zufällig begegnet?“
„Nun ja ... Boom hat seinen Hund beinahe ertränkt,“ kicherte ich und Hannah sah tadelnd auf den schlafenden Boomer hinunter „das ist aber nicht nett Boom.“
Wie zur Bestätigung wedelte er kurz mit seinen pelzigen Ohren, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen, und lies einen abgrundtiefen Seufzer hören, rührte sich aber ansonsten keinen Millimeter.
„Du weißt also wo er wohnt und ihr habt Euch so zu sagen schon einander vorgestellt,“ stellte sie fest.
„Ja, so könnte man es ausdrücken.“
„Und warum bist Du dann noch nicht bei ihm vorbei gegangen? Du hättest ... na ja ... einen selbst gebackenen Kuchen mitbringen und sagen können, dass Du auf der Suche nach neuen Freunden bist.“
„Ach ich weiß nicht,“ wehrte ich ab und schüttelte den Kopf „glaubst Du nicht, das wäre zu offensichtlich?“
„Nein, ganz und gar nicht. Du hast ihm doch sicherlich gesagt, dass Du erst vor Kurzem hier her gezogen bist, oder?“
„Uhm ... ja.“
„Na also. Ich würde sagen, wir packen jetzt endlich die Kartons in der Küche aus und dann backen wir gemeinsam meinen unübertrefflichen Apfelkuchen. Wetten er frisst Dir hinterher aus der Hand?“
Ich war nicht einmal halb so fest davon überzeugt wie sie, dass das klappen könnte, aber alles war besser, als weiterhin wie hypnotisiert auf einen leeren Strand zu starren.

Kapitel 5