Kapitel 3
Völlig in Gedanken versunken schlenderte ich den Strand hinunter. Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich dabei ein imaginäres Gespräch mit Luke führte. Ich fragte ihn, warum er mich einfach hatte stehen lassen, warum er so augenscheinlich der Meinung war, nicht mit mir den Rest seines Lebens verbringen zu wollen und bekam wie immer eine eher ausweichende Antwort:
Ich weiß nicht so genau Sky ...
Plötzlich war da so ein Gefühl ...
Irgendwann würde ich ihn hoffentlich tatsächlich fragen können, was damals passiert war und dann hoffte ich für ihn, dass er ein paar überzeugendere Gründe vor zu weisen hatte.
Boomers aufgeregtes Bellen holte mich schließlich zurück in die Wirklichkeit und als ich aufblickte, sah ich gerade noch, wie er wie ein Blitz an mir vorbei schoß.
Boomer, hiiiiiiier her! brüllte ich ihm hinterher, aber es war schon zu spät. In einer riesigen Wasserfontäne stürzte er sich auf das Objekt seiner Begierde und als er gleich darauf pitschnass wieder aus den Fluten auftauchte, erblickte ich einen braunen Hundekopf neben ihm, der verzweifelt versuchte, nicht von Boomers Übermut unter Wasser gedrückt zu werden.
Boomer, verdammt noch mal. Hier her, aber plötzlich, brüllte ich aus Leibeskräften, während ich buchstäblich meine Beine in die Hand nahm und zu ihm hinüber rannte.
Von irgendwo her ertönte ein schriller Pfiff und mühsam kämpfte sich der mir unbekannte Hund Richtung Strand. Als er wieder sicheren Boden unter den Pfoten hatte, machte er ein paar halbherzige Schritte weiter den Strand hinauf, blieb dann allerdings stehen, schüttelte sich ausgiebig und drehte sich dann zu Boomer um.
Dieser war wohl noch nicht so geübt darin, gegen die Strömung an zu schwimmen, denn er brauchte wesentlich länger um das rettende Ufer zu erreichen.
Gerade als ich mir sicher war, hilflos dabei zusehen zu müssen, wie mein Hund ertrinkt weil ich nicht schnell genug bei ihm sein konnte, erreichte er den rettenden Strand. Für einen Moment blieb er stehen um sich mit Hingabe ebenfalls das Salzwasser aus dem Fell zu schütteln und trottete dann seelenruhig hinüber zu seinem neuen Spielkameraden.
Die beiden beschnupperten sich ausgiebig, als ich schwer atmend bei ihnen ankam.
Boomer ... , japste ich und lies mich neben ihm auf die Knie in den Sand fallen ... kannst Du mir mal verraten ... was das sollte?
Daisy! hörte ich es plötzlich irgendwo über mir und wie der Blitz flitze die stämmige Hundedame davon, nur um sich gleich darauf neben dem Bein ihres Herrchens nieder zu lassen und treuherzig zu ihm auf zu blinzeln.
Ich folgte ihrem Blick. Kurze, abgeschnittene Hosen in Tarnfleck, ein schwarzes T-Shirt über einem angenehm muskulösen Oberkörper, schlanke, über und über tätowierte Arme und ein Gesicht, das unter dem Schirm einer Baseballkappe im Schatten lag.
Wie auf Kommando redeten der Fremde und ich gleichzeitig los.
Es tut mir leid ... , Ist bei Ihnen alles in Ordnung ... ,
Wir stockten gleichzeitig und begannen dann verlegen zu lachen.
Sie zu erst, sagte er grinsend und trat einen Schritt näher, was mir einen genaueren Blick auf sein Gesicht ermöglichte. In selben Moment machte mein Herz einen erschrockenen Satz und ich senkte schnell den Blick hinunter auf Boomers immer noch nasses Fell.
Konnte das sein? Ich meine ... war es möglich, dass ausgerechnet er ... nein, nie im Leben. Das konnte nicht sein. Oder etwa doch? Es hatte zumindest danach ausgesehen. AJ McLean, Mitglied einer der bekanntesten Boygroup, stand mir tatsächlich gerade gegenüber. Ich konnte es nicht fassen. Sollte ich endlich auch einmal Glück haben?
Ich konnte ... vielleicht würde er ja ... ein Interview ... oder noch besser ... ein Artikel über ihn, seine Hunde, das neue Album ... ich könnte ...
Ist wirklich alles in Ordnung? fragte er besorgt, als ich immer noch stumm wie ein Fisch vor seinen Füßen sitzen blieb und ging dann auch noch neben mir in die Hocke.
J-Ja ... , stotterte ich alles bestens. Ich ... es tut mir leid ... ich hoffe Ihrem Hund ist nichts passiert ...
Jetzt endlich wagte ich es, ihn wieder an zu sehen. Vielleicht hatte ich mich ja auch geirrt. Ich hatte ja schließlich nur einen kurzen Blick ... heiliger Bimbam, er war es tatsächlich!
Dunkle Augen musterten mich skeptisch, aber dennoch freundlich.
Daisy geht es gut, sagte er und streichelte dann zärtlich über den breiten Kopf des Hundes nicht wahr Lady? Du bist ganz aufgeregt, dass Du endlich mal einen wirklichen Spielkameraden gefunden hast und Dich nicht immer mit dem faulen Tank abgeben mußt.
Tank? fragte ich etwas verwirrt, was AJ schmunzeln lies.
Das ist der zweite von der Sorte hier, dabei nickte er mit dem Kopf auf die Hundedame an seiner Seite hinunter allerdings ist er so faul, dass er unsere langen Strandspaziergänge nicht so gerne mit macht. Nicht wahr, Daisy?
Als Antwort leckte Daisy ihrem Herrchen einmal aufgeregt über das ganze Gesicht, was er lachend versuchte ab zu wehren, aber recht wenig Erfolg damit hatte.
Ich verstehe. Ähm ... jedenfalls bin ich froh, dass Daisy nichts passiert ist, gab ich ehrlich erleichtert zurück. Nicht aus zu denken, was es bedeutet hätte, wenn Boomer den Hund von AJ McLean, meiner momentan einzigen, Erfolg versprechenden Zukunftsperspektive, ertränkt hätte.
Und Du Boomer solltest Dich was schämen. Ich versuchte einen möglichst tadelnden Tonfall auf zu setzen, doch wie ich Boomer da so sitzen sah, mit eingekniffenem Schwanz, nass bis auf die Haut, was ihn auf ungefähr die Hälfte seines normalen Körperumfangs zusammen schrumpfen lies, konnte ich ihm nicht wirklich böse sein. Immerhin war ja nun tatsächlich nichts passiert. Im Gegenteil, eigentlich sollte ich ihm dankbar sein.
Es ist furchtbar, dass man ihnen nicht wirklich böse sein kann, oder? fragte mich AJ lächelnd und ich nickte.
Ja, sie haben so etwas an sich ... ich weiß auch nicht. Eigentlich möchte man mit ihnen schimpfen und in Wirklichkeit nimmt man sie in den Arm und findet es auch noch toll.
Wir lachten beide und standen dann gemeinsam auf.
Ich bin AJ, sagte er und streckte mir die Hand entgegen.
Skyler, gab ich zurück, während ich seinen kräftigen Händedruck erwiderte. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich versucht ihm zu sagen, dass ich sehr wohl wußte wer er war und was er tat, doch die Worte kamen aus irgendeinem Grund nicht über meine Lippen.
Die Hunde hatten wohl gemerkt, dass das Donnerwetter über sie hinweg gezogen war, denn wie auf Kommando sprangen sie auf und jagten davon.
Ich habe Dich noch nie hier gesehen, sagte AJ, während wir gemeinsam weiter den Strand hinunter schlenderten.
Das wird daran liegen, dass ich erst heute hier eingezogen bin, gab ich lächelnd zurück.
Oh, dann hast Du das Haus von den OLearys gekauft?
Gemietet, korrigierte ich ihn und auch erst einmal nur für sechs Monate.
Und danach?
Eigentlich ging ihn das ja gar nichts an. Die Erklärung dazu hätte die gesamte Geschichte mit Luke beinhaltet und ich war gerade froh, dass ich an einem Ort gelandet war, an dem keiner von diesem beschämenden Ereignis wußte.
Ich weiß noch nicht so genau, hörte ich mich sagen und hielt den Blick krampfhaft auf die beiden Hunde gerichtet, die wie zwei wahnsinnig gewordene Wollknäule miteinander im Sand rangen.
Klingt nach einem guten Plan, schmunzelte AJ neben mir.
Ja, finde ich auch. Und Du? Was machst Du hier so? Geschickte Ablenkung war schon immer mein Spezialgebiet.
Uhm ... ich mache hier so etwas wie Urlaub. Normaler Weise wohne ich in der Stadt, aber hier draußen ... na ja ... hier kann ich entspannen. Meist bin ich nur am Wochenende hier.
So schön möchte ich es auch mal haben, seufzte ich ein Haus in der Stadt und zur Entspannung ein Häuschen am Meer.
Sagen wir mal so ... ich bin der Meinung, dass ich mir das durchaus verdient habe, gab er grinsend zurück und seine Augen funkelten unter seiner Kappe hervor.
So? ich hob gespielt spöttisch eine Augenbraue womit könnte man sich so etwas wohl verdienen?
Tja, das wirst Du wohl selbst heraus finden müssen, grinste er, zog dann seine Lippen zwischen die Zähne und pfiff erneut gellend.
Aua, gab ich mit gequältem Gesichtsausdruck zurück und hielt mir die Ohren zu, was ihn allerdings nur zum lachen brachte.
Daisy steht darauf, sagte er grinsend und zuckte mit den Schultern. Wie zur Bekräftigung kam sein Hund auch schon angerannt, Boomer dicht dahinter.
Es war schön Dich kennen zu lernen Skyler. Vielleicht sehen wir uns mal wieder, sagte er und ging dabei schon die ersten Schritte rückwärts.
Ja ... ähm ... vielleicht, entgegnete ich lahm und blickte ihm dann hinterher, wie er langsam den Strand hinauf und zu einem Haus ging, das etwas zurück gesetzt vom Strand lag und noch einmal doppelt so groß war wie meines.
Tja Boom, sagte ich leise und kraulte ihn dabei Gedanken verloren hinter den Ohren da geht er hin. So viel zu Mr. McLean.
Boomer schnaubte neben mir sehnsüchtig, wobei ich ziemlich sicher war, dass sich dieser Gefühlsausbruch eher auf seine neue Hundebekanntschaft bezog.
Na dann komm. Machen wir uns auch auf den Heimweg. Ich habe einen mordsmäßigen Hunger.
Als wäre das sein Stichwort gewesen sprang Boomer auf und lief den Strand hinunter in Richtung unseres zu Hauses. Manchmal könnte man fast meinen, er bestehe nur aus Magen ... ein Magen auf vier Beinen.