Kapitel 2

Boomer rannte vor mir her, direkt auf das Wasser zu, machte dann zwei vorsichtige Schritte hinein und schnüffelte interessiert an dem kühlen Nass.
Das Meer war sowohl für ihn als auch für mich etwas ganz Neues. Ursprünglich kamen wir aus Pensylvania, von wo aus es eigentlich nicht weit bis an die Ostküste war, aber irgendwie hatte ich es nie wirklich bis dahin geschafft.
Einmal ganz davon abgesehen, dass die Westküste hier, ganz in der Nähe von L.A., noch einmal etwas ganz anderes war. Hier herrschte eher ein mildes Klima, der Strand erinnerte schon fast an kitschige Postkarten und die Luft roch ganz anders ... zumindest bildete ich mir das ein ... nach Salz, Wasser und Freiheit.
Boomer hatte in seinem kurzen Hundeleben von inzwischen 3 Jahren ebenfalls noch keine Meeresluft geschnuppert und so war es jetzt schon sehr lustig, wie er immer wieder verwundert und auch ein wenig ängstlich vor den heranrollenden Wellen zurückschreckte, nur um gleich darauf der zurückweichenden Flut hinterher zu rennen.
Gemütlich schlenderte ich barfuß am Wasser entlang, hielt mein Gesicht in den Wind und spürte, wie so langsam der Druck der vergangenen Wochen von mir abfiel. So viel war passiert, so viele Dinge hatten gar keine Zeit gehabt, sich in meinem Gehirn wirklich fest zu setzen, damit ich es irgendwie verarbeiten konnte.
Ich hatte die letzten Nächte furchtbar schlecht geschlafen, da mich ein böser Traum nach dem anderen geweckt hatte. Angst vor der Zukunft paarte sich mit der Scham über die Vergangenheit, was mich dann schließlich hier her flüchten lies.
Manche Menschen, wie zum Beispiel Hannah, hatten mich zu diesem Vorhaben beglückwünscht, andere, wie meine Eltern, sahen darin beinahe so etwas wie eine Kapitulation. Sie meinten, nicht ich wäre die Verbrecherin, sondern der Mann, der ganz dreist die Frage, ob er mich heiraten wolle vor versammelter Mannschaft mit „nein“ beantwortet hatte.
„ER sollte die Stadt verlassen,“ hatte meine Mutter gesagt, immer noch unsagbar empört über dieses Ereignis „er ist es, der Schimpf und Schande über uns und seine Familie gebracht hat.“
„Aber Mom, wäre es Dir lieber, wir hätten geheiratet und in einem halben Jahr die Scheidung eingereicht?“
„Nein, natürlich nicht. Aber er wollte Dich doch heiraten, oder etwa nicht? Ich meine ... er hat Dich gefragt, ob Du seine Frau werden möchtest und jetzt hat er einen Rückzieher gemacht. Ich verstehe das einfach nicht.“ Dabei wurden ihre, ansonsten hellgrauen Augen vor Missbilligung ganz dunkel und ihr zierlicher Körper begann zu zittern.
Ich hatte dem nichts entgegen zu setzen, da ich leider ebenfalls nicht wußte, warum er im entscheidenden Moment kalte Füße bekommen hatte.
Als ich wieder zu mir kam, war er einfach verschwunden. Niemand hatte versucht ihn auf zu halten, was ich bis heute nicht wirklich verstand, und so lebte ich heute noch in der Ungewissheit, warum verdammt noch mal er mir das angetan hatte.
Ich hatte nach einer Woche versucht, mein bisheriges Leben wieder auf zu nehmen. Die Tage bis dahin hatte ich hauptsächlich mit weinen, fluchen und dem Zurückgeben der unzähligen Hochzeitsgeschenke verbracht.
Ich bin mir sicher, dass es nichts demütigerendes für eine Frau gibt, als bei ihr unbekannten Menschen an der Tür zu klingeln, ihnen ihren, mit viel Liebe ausgesuchten Toaster wieder in die Hand zu drücken und sich dafür zu entschuldigen, dass die große Party nicht stattgefunden hat.
Die gut gemeinten Ratschläge der Hochzeitsgesellschaft, die kaum verhüllte Sensationslust in ihren Augen, das Mitleid, dass mir meist entgegenschlug ... das alles nervte mich unglaublich und schürte den Hass auf diesen Mann, der mich einfach ganz alleine damit gelassen hatte.
„Er ist nicht nur gemein, sondern auch noch feige,“ hatte Hannah kopfschüttelnd bemerkt und ich konnte ihr nicht widersprechen.
Als ich nach einer Woche zurück ins Büro kam, hatte ich erst einmal das Gefühl, ich sei eine Aussätzige. Niemand traute sich so recht, mich an zu sprechen, keiner wußte, wie er mit mir umgehen sollte.
Ausgerechnet hier hatten meine so geschätzten Kollegen Skrupel gezeigt. An dieser Stelle muß ich wohl dazu sagen, dass ich als Journalistin arbeite. Nicht als hoch angesehene Auslandskorrespondentin oder schicke Nachrichtensprecherin, sondern in der, in der Branche ziemlich verpönten, Klatschspaltenfraktion.
Man kann mich nach allem fragen: Wer ist gerade mit wem zusammen, in welcher Beziehung gibt es die größten Skandale, wer hat auf dem letzten Wohltätigkeitsball einen über den Durst getrunken und damit die halbe Party ruiniert ... diese ganzen unwichtigen Dinge habe ich in meinem Kopf gespeichert und zu allem Überfluß muß ich zugeben, dass mir dieser Job auch noch Spaß macht.
Ich mag es, mehr über Menschen zu erfahren, darüber zu berichten, was in unserem Land aufregendes passiert, als lediglich die Anzahl der Todesopfer in einem Krieg zu nennen, der sich so weit von zu Hause abspielt, dass sowieso niemand nachvollziehen kann, warum und weshalb sich die Menschen dort gegenseitig abschlachten.
Sind wir doch einmal ehrlich: Welche Schlagzeile trägt eher zu unserem Wohlbefinden bei:
Wieder zehn Todesopfer bei Kämpfen um Kabul oder
Hochzeit von Jennifer Lopez und Ben Affleck endgültig geplatzt
Eben. Genau das meine ich.
Natürlich hatte ich nicht mit solchen großen Dingen wie die „Benifer-Affäre“ zu tun. Nicht in Pensylvania. Hier beschränkte sich mein investigativer Journalismus auf den Bürgermeister, ein paar gealterte Promis, die sich aufs Land zurück gezogen haben (wobei ich immer noch nicht verstehen kann, warum man sich dafür gerade Pensylvania aussucht) und ein paar lokale Berühmtheiten.
Meine Hochzeit sollte eigentlich auch dazu beitragen, in diesem Geschäft etwas weiter zu kommen, wobei sich das so zu sagen als kostenlose Zugabe zu diesem wundervollen Mann ergeben hatte.
Luke Phillip Harrington III. ist der Erbe von Harrington Enterprises, eine mittelständige Firma, die elektronische Steuerungssysteme für Industrieanlagen herstellt.
Ich lernte Luke auf einer Party kennen, auf der ich eigentlich erschienen war um mehr über das Sexleben eines ehemaligen Footballstar heraus zu finden, nachdem er wegen Doping-Vorwürfen aus der Liga ausgeschlossen wurde. Doch wie es der Zufall so wollte, lernte ich stattdessen in dieser Nacht einiges über mein eigenes Sexleben und die nächsten Monate schwebte ich auf Wolke 7.
Luke war zuvorkommend, unersättlich und noch dazu überaus reich und das beste an der ganzen Sache war, dass mich das ganze Geld überhaupt nicht interessierte. Ich hatte mich Hals über Kopf in ihn verliebt und als er nach sieben Monaten vor mir niederkniete und mir den Heiratsantrag machte, sagte ich ohne zu überlegen „ja“.
Irgendetwas mußte dann schließlich zwischen Antrag und Hochzeit schief gelaufen sein. Nur leider hatte ich keine Ahnung, was das genau gewesen sein könnte. Bis zu dem Moment, als er neben mir am Altar stand und das berühmte Wort mit den vier Buchstaben aussprach, war ich der Meinung gewesen, es gäbe kein glücklicheres Paar als uns.
Und jetzt? Luke war wie vom Erdboden verschluckt, sein Name wurde in meiner Gegenwart nicht mehr ausgesprochen, mein Chef hatte mir eine unbezahlte Auszeit von einem halben Jahr angeboten und die Eltern von meinem Beinahe-Ehemann hatten mich erfolgreich dazu überredet, als Entschädigung für die Demütigung diese Auszeit zu bezahlen.
Und so war ich schließlich hier gelandet: In diesem fantastischen Haus am Meer, in der Nähe von L.A., in dem sich bekanntlich die Promis tummelten und hatte keine Ahnung, was ich mit meiner freien Zeit anfangen sollte. Ich war nicht dazu gemacht einfach tatenlos irgendwo herum zu sitzen und mein Leben zu betrauern.
Vielleicht hatte irgendein versteckter Teil in mir deshalb L.A. gewählt. Vielleicht ergab sich hier die Chance, wenigstens beruflich voran zu kommen, dann hätte dieses ganze Hochzeitsdisaster wenigstens irgendeinen Sinn gehabt.

Kapitel 3