Kapitel 1
Das war dann der letzte Karton, sagte der freundliche Mann von der Umzugsfirma und streckte mir ein Klemmbrett entgegen. Ich bekomme hier noch eine Unterschrift und dann sind sie uns endlich los.
Sie meinen, Sie lassen mich einfach alleine in diesem ganzen Chaos zurück, stellte ich grinsend fest und setzte schwungvoll meine Unterschrift an das untere Ende des Formulars.
So könnte man es auch ausdrücken, lachte er, tippte sich einmal kurz an seine Schirmmütze, ging dann die drei Stufen der Veranda hinunter und kletterte in das Führerhaus seines LKWs, wo schon seine beiden Kollegen auf ihn warteten.
Sie winkten mir noch einmal kurz zu, dann startete der Motor mit einem tiefen Grollen und der Wagen rollte gleich darauf die Straße hinunter. Nach wenigen Sekunden war er um die nächste Kurve verschwunden und Stille senkte sich über mich.
Für einen Moment lies ich meinen Blick die Straße hinauf und wieder hinunter schweifen. Alles war ruhig, niemand befand sich in einem der kunstvoll angelegten Gärten vor den großen Häusern, die sich, immer mit genügend Abstand zum Nachbarn, wie wundervoll schimmernde Perlen an einer teuren Halskette aneinander reihten. Dies hier war eindeutig eines der besseren Wohnviertel, was alleine der horrende Mietpreis bestätigte.
Schließlich ging ich langsam zurück ins Haus, schloss die Tür hinter mir und lehnte mich für einen Moment mit geschlossenen Augen dagegen.
Ich hatte mich wohl noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt. Alles was ich bisher gekannt und geliebt hatte, war meilenweit von mir entfernt. Andererseits ... ich hatte es ja nicht anders gewollt.
Ein leises Kratzen und Scharren erinnerte mich daran, dass ich doch nicht ganz alleine war und mit einem liebevollen Lächeln auf den Lippen öffnete ich die Tür zum Gästebad.
Ein graues Wollknäuel kam mir sofort hechelnd entgegen gesprungen und bellte einmal kurz um mir zu verstehen zu geben, dass er diese Behandlung zum Einen nicht gewohnt war und zum Anderen auch nicht so einfach tolerieren würde. Als ich mich auf die Knie hinab lies um dieses wundervolle Exemplar von einem Bobteil zu streicheln, machte er zwei Schritte rückwärts und schien mich dabei vorwurfsvoll aus seinen braunen Augen an zu starren.
Tut mir leid Boomer, wirklich! Aber wenn Du den Männern auch noch zwischen den Füßen herum gelaufen wärst, wären sie nie fertig geworden. Ich verspreche hoch und heilig, dass das nie wieder vorkommen wird.
Ich sah treuherzig zu ihm hinüber und klimperte auch noch ein paar Mal mit den Augendeckel, doch Boomer rührte sich keinen Millimeter.
Komm schon Boom, hab Mitleid, versuchte ich ihn zu besänftigen, doch er lies sich lediglich mit einem Seufzer auf sein Hinterteil sinken und starrte mich weiterhin an.
O.k., gut, ich weiß, ich muß mir was besseres einfallen lassen als eine lahme Entschuldigung, gab ich nach und stand auf. Boomers Pfoten klackten leise auf den alten Holzdielen, als er mir in einigem Abstand durch das Haus folgte.
Durch den Flur gelangte ich in das wundervoll helle, allerdings im Moment mit Kartons voll gestellte Wohnzimmer. Links schloss sich, nur durch eine hohe Theke vom restlichen Raum getrennt, die Küche an. Auch hier standen jede Menge Kartons herum und seufzend blieb ich einen Moment davor stehen.
Ich hoffe, ich finde Deine Hundekuchen Boom, sonst wirst Du Dich fürs erste mit einer einfachen Entschuldigung zufrieden geben müssen.
Boomer lies ein kurzes Schnauben hören, das mir klar machte, dass ich besser anfangen sollte zu suchen anstatt hier große Reden zu schwingen und so wandte ich mich den ersten Kartons zu. Immerhin war ich so schlau gewesen, sie zu beschriften, bevor sie in dem großen Bauch des LKWs verschwunden waren.
Nach einigem Hin und Her, einer Beule am Hinterkopf, den ich mir an der Theke anschlug, und zwei abgebrochene Fingernägel hatte ich schließlich den Karton mit der Aufschrift Boomer gefunden.
Ich hab ihn Boom, was sagst Du nun? rief ich triumphierend und öffnete den Deckel.
Nachdem ich seinen Fressnapf, das Trocken- und Dosenfutter, die Leine, sein Körbchen (wobei man das chen hier durchaus streichen konnte) und diverses Spielzeug hervor gekramt hatte, viel mir endlich die Schachtel mit den Hundekuchen in die Hände.
Boomer war mittlerweile dabei, genüsslich auf einem orangenen Gummi-Igel herum zu kauen, der dabei immer wieder quitschende Geräusche von sich gab.
O.k. Boom, ich tausche Mr. Hundekuchen gegen den Quitschigel, was hältst Du davon? fragte ich ihn und wedelte dabei mit dem Hundekuchen in meiner Hand herum. Sofort lies er von dem Igel ab, was ihm meine Ohren tausendmal dankten, und kam langsam zu mir herüber geschlichen.
Freunde? fragte ich ihn und lies mich in die Hocke sinken. Er schnüffelte kurz über den Hundekuchen in meiner Hand, sah dann zu mir auf, stupste mich kurz mit seiner feuchten Nase an und lächelnd schob ich ihm das trockene Gebäck ins Maul.
Für einen Moment kaute er genüsslich, wobei sein Schweif immer schneller auf den Boden zu klopfen begann, dann streckte er seinen Kopf vorwitzig vor und versenkte seine Schnauze in der Packung, die ich unvorsichtiger Weise in seiner Reichweite auf den Boden gestellt hatte.
Neiiiiiin, quitschte ich, schnappte mir die Schachtel und rannte von dem kläffenden Boomer verfolgt durch das Wohnzimmer, versuchte ihn durch einen gewagten Zickzackkurs um die Kartons herum ab zu hängen und landete schließlich mit ihm auf der Terrasse, wo wir uns lachend und bellend um die Hundekuchen balgten.
Schließlich einigten wir uns auf drei Hundekuchen vor dem Abendessen und schwer atmend lehnte ich mich gegen die Brüstung der Terrasse, während ich ihm beim Fressen zu schaute.
Mein Blick schweifte an der Fassade hinauf. Dieses Haus war direkt aus meinen Träumen entsprungen und ich hatte nicht lange überlegen müssen, als ich den Mietvertrag unterschrieb.
Das Gebäude umfasste zwei Stockwerke, einen Keller gab es nicht, da das Gelände an der Rückseite zum Strand hinunter abfiel und das Haus somit auf dicken Pfählen ruhte.
Als ich das Haus zusammen mit einer Maklerin besichtigte, hatte ich dem Eingangsbereich mit dem Gästebad und dem Treppenaufgang zum zweiten Stock kaum Beachtung geschenkt, da mein Blick sofort von dem riesigen Wohnzimmer und den großen Flügeltüren angezogen wurde, die hinaus auf die Terrasse führten. Dicke Holzbohlen thronten über einem weißen Sandstrand und keine hundert Meter weiter brachen sich die Wellen des Pazifiks an vereinzelten, rauen Felsen.
Hier gab es genug Platz für Boomer und mich, außerdem genug Raum für meine Gedanken, Vorstellungen und Pläne für die Zukunft.
Der Wind spielte sanft mit meinem Haar und als ich die wärmenden Strahlen der Sonnen in meinem Gesicht spürte, war ich beinahe glücklich. Wenn da nicht diese Sache mit ...
Das Telefon klingelte und ich war beinahe froh, dass damit auch meine Gedanken, die mal wieder in die völlig falsche Richtung abgedriftet waren, unterbrochen wurden.
Ich hüpfte an Boomer vorbei hinein ins Wohnzimmer und versuchte dann das Telefon zu orten. Irgendwo zwischen den ganzen Bergen von Kisten, Kartons und Tüten musste dieses Klingeln ja wohl her kommen.
Schließlich griff ich nahe der Telefonbuchse nach dem Telefonkabel und schlängelte mich so durch das halbe Wohnzimmer, bis ich den dunkelblauen Hörer schließlich auf der Ladestation fand.
Nicht auflegen, hier bin ich, rief ich aufgeregt in den Hörer, schob dann kurzerhand einen Berg Kleider von der Couch und lies mich darauf fallen.
Hey Sky. Ich wollte nur mal hören, ob alles geklappt hat.
Hallo Hannah. Frag lieber nicht. Also ... geklappt hat eigentlich alles, aber hier herrscht absolutes Chaos. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich das jemals aufgeräumt kriege.
Keine Panik. Ich komme ja am Wochenende, dann machen wir das gemeinsam.
Gott, es tut so gut, das zu hören, seufzte ich dankbar.
Hannah war meine beste Freundin. Wir kannten uns schon seit Kindertagen und bisher hatten wir noch jede Katastrophe zusammen gemeistert.
Manchmal hielten uns die Leute für Schwestern, was wir allerdings beide nicht so ganz verstehen konnten. Wir hatten zwar beide dunkles Haar, wobei ich unglaublich neidisch auf ihre Naturwellen war, und blaue Augen, aber das war es dann auch schon. Während Hannah recht groß und athletisch gebaut war, hatte ich eher ein paar Pfunde zuviel auf meinen nicht gerade majestätischen 1,68 m. Hannah sagte immer, dass ich auf das bißchen Babyspeck, das mir geblieben war, ruhig stolz sein könnte, weil die Männer eben nicht auf die ausgehungerten Knochengestelle abfuhren. Ich ärgerte mich allerdings trotzdem immer wieder, wenn ich nicht in Hosengröße 38 hinein passte.
Ich beneide Dich ja so, fuhr Hannah fort.
Wieso denn das bitte schön? Wie kann man auf eine geplatzte Hochzeit neidisch sein?
Du weißt genau, was ich meine. Ein halbes Jahr keine Arbeit, keine Verpflichtungen und dann auch noch in diesem Haus. Mann, das ist so was von cool!
Ach Hannah, ich würde das sofort gegen einen Mann, der mich wirklich liebt, eintauschen.
Falls Du es noch nicht bemerkt haben solltest, ich versuche gerade Dich auf zu bauen, also hilf mir gefälligst ein bißchen, sagte sie vorwurfsvoll.
Na gut, kicherte ich ich gebe ja zu, dass dieses Haus einfach fantastisch ist.
Und noch dazu, mußt Du keinen Cent dafür bezahlen.
Ja, seine Eltern waren wirklich großzügig.
Wenigstens hat einer in der Familie so etwas wie Anstand, gab Hannah schnaubend zurück.
Weißt Du, manchmal denke ich, dass es vielleicht ganz gut war, dass ihm noch rechtzeitig eingefallen ist, dass er mich gar nicht haben will.
Rechtzeitig?? Skyler, kann es sein, dass Dir irgendein besonders schwerer Karton auf den Kopf gefallen ist? Rechtzeitig wäre gewesen, bevor ihr die ganze Hochzeit organisiert habt und bevor sämtliche Eurer Freunde vor dem Altar saßen und darauf gewartet haben, möglichst rührselige Bilder von Eurer Trauung zu schießen.
Stattdessen haben sie einen Tüllberg und ne blutige Nase vor die Linse gekriegt, das hat auch nicht jeder, gab ich zu bedenken. Wir schwiegen einen Moment, dann begann Hannah zu kichern und ich stimmte mit ein.
Tut mir leid, sagte sie und gab sich alle Mühe ihren Lachanfall in den Griff zu bekommen aber es war wirklich ein sehr ... nun ja ... interessantes Bild.
Ich weiß, kicherte ich Gott, währe ich gerne dabei gewesen.
Ronny sagt, er hat in den nächsten Tagen den Film fertig, dann kannst Du auch noch mal in Echtzeit verfolgen, wie Simon auf ihn losgegangen ist.
Dein Freund ist wirklich ein wahrer Held, bemerkte ich, wieder einigermaßen gefasst.
Nicht wahr? Wenn man bedenkt, dass er sich zwei Jahre dagegen gewehrt hat, mit mir aus zu gehen.
Und dabei haben wir ihm alle gesagt, was er verpasst, wenn er es nicht tut.
Na ja, schlußendlich konnte er sich meiner Anziehungskraft eben nicht mehr entziehen.
Das hätte er mal wagen sollen, dann hätte er es aber mit mir zu tun bekommen.
Wir kicherten erneut, dann kam Boomer von der Terrasse herein und lies sich zu meinen Füßen nieder.
Hör zu Hannah, ich melde mich vielleicht später noch einmal. Ich muß mich jetzt erst einmal um Boom kümmern. Wir können wohl beide einen kleinen Strandspaziergang vertragen und danach werde ich mal sehen, ob ich das Chaos hier wenigstens ein wenig in den Griff bekomme.
Tu das. Allerdings hat mich Simon heute Abend zum Essen eingeladen. Wir telefonieren morgen, o.k.?
Alles klar. Sag ihm liebe Grüße, ja?
Mach ich. Bis morgen.
Ja, bis morgen.
Nachdem ich aufgelegt hatte, schnappte ich mir Boomers Leine, hängte sie mir um den Hals, schloss dann die Terrassentür hinter mir und stieg langsam die steilen Stufen zum Strand hinunter.