...und gleich nach den Nachrichten meldet sich unser Experte in Sachen Stars und Sternchen, Karsten Delling, mit dem neusten Klatsch und Tratsch über die Schönen und Reichen dieser Welt...
Ich hörte dem Radiosprecher nur mit halbem Ohr zu. Im Moment war ich in der virtuellen Welt meiner Playstation gefangen und hatte auch nicht vor, demnächst daraus wieder auf zu tauchen.
Ich war gerade dabei, als Lara Croft die Welt zu retten und konnte mich da nicht auf so profane Dinge wie das Liebesleben der berühmten Persönlichkeiten oder das Treiben in der restlichen Welt konzentrieren.
Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn ich für immer in die Welt von Lara hätte abtauchen können. Gut und Böse waren hier klar definiert. Hier musste ich mich nicht jahrelang mit irgendwelchen Freunden abgeben um dann fest zu stellen, dass ich den Falschen vertraut hatte.
Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Anna Morgen, bin 23 Jahre alt und seit einer Woche unglücklich geschieden. Wie man das in einem so zarten Alter schafft? Ganz einfach. Man lernt seinen Traummann mit 18 kennen, verliebt sich unsterblich, lässt sich von seinem Süßholzraspeln einlullen, sagt ja, wenn er einen fragt, ob man ihn heiraten will und stellt nach einem Jahr fest, dass er mit mindestens der Hälfte aller Mädchen in unserer Stadt geschlafen hat. Wohlgemerkt, während ich immer noch die treu sorgende Ehefrau gemimt habe.
Steven zeigte sich ziemlich unbeeindruckt, als ich ihm die Scheidungspapiere vorlegte. Manchmal glaube ich, dass er es im Grunde darauf angelegt hat. Die letzte Zeit hatte er sich nicht mehr viel Mühe gegeben, seine Affären zu verheimlichen.
Was mich an der ganzen Geschichte mit am meisten ärgerte war der Umstand, das alle unsere Freunde davon gewusst hatten. Zum Teil sogar bevor ich ihn ehelichte. Hätte mir nicht einer von ihnen sagen können, welchen Mistkerl ich mir da angelacht hatte? Aber nein...sie ließen mich ohne Skrupel in mein Verderben rennen.
Ich hatte daraufhin den Kontakt zu meiner Außenwelt abgebrochen. Steven wollte ich sowieso nicht wieder sehen und auf meine so genannten Freunde konnte ich auch gut verzichten.
Der Jingle für die Stars und Sternchen Reportage wurde gespielt und interessiert versetzte ich Lara für einen Moment in den Pausemodus. Ich gebe zu, Einsamkeit macht dann doch neugierig auf den Rest der Welt.
Es kam nichts wirklich interessantes....Tom Cruise drehte einen neuen Film und bekam dafür eine horrend hohe Gage....die Stones kamen noch einmal auf Tour...Cameron Diaz hatte sich mit ihrer besten Freundin Drew Barrymore gestritten.. Ich hatte mein Gamepad schon wieder in der Hand, als ich seinen Namen hörte.
...neues aus L.A.. Die Ehe von Backstreet Boy A.J. McLean und Sarah Martin wird nach nur einem halben Jahr geschieden. Wie eine Pressesprecherin verlauten lies, gebe es unüberbrückbare Differenzen, so dass das Paar beschlossen hat, sich in gegenseitigem Einvernehmen zu trennen...London....Westlife und kein Ende ab zu sehen....
Wie betäubt starrte ich auf meinen Fernsehbildschirm, wo Lara in guter Schussposition erstarrt war.
Er lies sich also wieder scheiden? Verrückt, aber mein Herz klopfte bis zum Hals und meine Finger begannen leicht zu zittern.
Meine Gedanken schweiften zurück zum 14. Februar dieses Jahres. Damals war mit Steven schon Schluss gewesen und ich hatte weinend und alleine vor meinem Computer gesessen. Backstreet.net hatte für alle Fans einen kurzen Videoclip von A.J.s Hochzeit online gestellt und als ob es mir damals nicht schon schlecht genug gegangen wäre, hatte ich mich mit den Bildern gequält. Ich musste es einfach mit eigenen Augen sehen, sonst hätte ich es vielleicht nicht geglaubt.
Sicherlich fragen Sie sich jetzt, wie ich gerade an den Sänger einer Boygroup komme und warum es mich so sehr schmerzte ihn vor dem Traualtar zu sehen.
Nun, zum einen sieht er ja wohl wirklich zum anbeißen aus und hat die atemberaubenste Stimme, die ich seit langem gehört habe...aber das ist es nicht. Dieser Mann hat Herz und Verstand an der richtigen Stelle. Er schafft es, über so viele tausend Kilometer mein Herz zu erreichen. Damit keine Missverständnisse aufkommen...ich habe ihn nie in meinem Leben live gesehen. Ich war weder auf einem Konzert, noch bin ich ihm irgendwann begegnet. Ich habe nie ein Wort mit ihm gewechselt....außer in meinen Träumen.
Und trotzdem hat er einen gewissen Einfluss auf mich. Er hat mir gezeigt, was es heißt zu sich selbst zu stehen. Fehler ein zu sehen und etwas dagegen zu tun. Als ich damals von seiner Entziehungskur hörte, war ich im ersten Moment entsetzt und dann gleich darauf stolz auf ihn gewesen.
Er gab mir die Kraft zu erkennen, dass das mit Steven keine Zukunft hat. Er inspirierte mich zu ein paar sehr seltsamen Gedichten und er war für mich da, als alle anderen mich verlassen hatten.
Und jetzt musste ich hören, dass man ihm wieder weh getan hatte.
Was das wohl bedeutete unüberbrückbare Differenzen? In den Weiten des Cyberspace war man sich sowieso sicher, dass Sarah nicht die richtige Frau für ihn war. Die einen meinten, sie nütze ihn nur aus, um Karriere als Sängerin zu machen, die anderen konnten sie einfach nicht leiden, da sie zum einen künstlich wirkte mit ihrem großen Busen und dem Puppengesicht und weil sie uns A.J. eben weg nahm.
Ich hatte das nie so gesehen. Irgendwas musste ja wohl an ihr dran sein, wenn er beschlossen hatte, sein Singleleben mit den Partys und Weibergeschichten auf zu geben und mit ihr sesshaft zu werden.
Trotz meiner Trauer, die, das weiß ich durchaus, für einen normalen Menschen kaum nach zu voll ziehen ist, hatte ich mich für ihn gefreut. Ich hatte gehofft, dass er endlich seinen Frieden und die Frau, mit der er glücklich werden konnte, gefunden hatte .
Tja, es sah nicht wirklich danach aus.
Ich schaltete die Playstation aus und legte Robbie Williams in meinen CD-Player. Dann wählte ich mich ins Internet ein.
Wenn schon unser kleiner Lokalsender von der Scheidung wußte, fand ich bestimmt einiges auf den diversen Homepages, deren Besitzer über die ganze Welt verteilt waren.
Fast zwei Stunden verbrachte ich im WorldWideWeb und wusste danach im Prinzip auch nicht mehr als vorher. Nirgendwo stand, warum sie sich jetzt wirklich getrennt hatten. Das Einzige das ich fand, war eine Adresse, an die man aufmunternde Briefe schicken konnte.
Mir war klar, dass er diese wohl nie persönlich bekommen würde...aber man wusste ja nie. Die Vorstellung, ihm einfach mal zu sagen, was für ein toller Mensch er war und wie sehr ich mit ihm litt, war einfach groß.
Ich notierte mir die Adresse, schaltete den Computer aus und suchte dann in der Unordnung meines Schreibtisches nach noch einigermaßen brauchbarem Papier. Zum Schluss zog ich noch mein verstaubtes Englisch-Wörterbuch aus dem Regal.
Als ich mit einem frischen Glas Limonade und einem neuen Vorrat an Erdbeerbonbons vor den leeren Seiten Papier saß, hätte ich fast aufgegeben. Das war doch völliger Unsinn. Ich hatte vor, einen Brief zu schreiben in dem ich mein Innerstes nach Außen kehrte und irgendein armes Würstchen, das den Meister selbst wohl nie zu Gesicht bekommen würde, musste sich das von morgens bis abends durchlesen.
Andererseits fühlte ich mich nach langer Zeit wieder annähernd lebendig. Ich hatte ein Ziel...und wenn es nur ein paar Zeilen an einen Popstar waren, die er sowieso nie lesen würde. Es versprach zumindest, mich für zwei Stunden von meinen restlichen Problemen ab zu lenken.
Entschlossen suchte ich also auf der Couch eine bequeme Position, schob mir ein Erdbeerbonbon in den Mund und begann zu schreiben.
Drei Stunden, 5 Erdbeerbonbons und hundert gescheiterte Versuche später, lag der fertige Brief schließlich vor mir.
25. August 2003