Epilog

Nachdem ich seinem Flieger nachgesehen hatte, bis er tatsächlich nicht mehr zu sehen war, fuhr ich eine ganze Weile Deutschlands Autobahnen ab. Das ich dabei keinen Unfall baute war wohl mehr Glück als Verstand, denn mit meinen Gedanken flog ich mit ihm über den großen Teich.
Als es schließlich langsam dunkel wurde und ich das Schild laß „München 50 km“ beschloß ich um zu kehren und mich nach Hause zu trauen.
Meine Tränen waren mittlerweile versiegt (höchstwahrscheinlich hatte ich einfach nicht mehr genug Flüssigkeit in mir) und ich spürte so langsam, selbst in diesem unpassenden Moment, so etwas wie Hunger.
Spät in der Nacht kam ich schließlich bei meiner Wohnung an. Im ersten Stock überlegte ich für einen Moment, ob ich bei Maria unterkriechen sollte, entschied mich dann aber dagegen. Da mußte ich alleine durch.
Leise und unendlich langsam öffnete ich meine Wohnungstür, legte den Schlüssel an seinen gewohnten Platz, hängte meine Jacke an die Garderobe und schlich dann langsam in die Küche.
Auf der Spüle standen noch unsere beiden Kaffeebecher von heute Mittag und vorsichtig nahm ich Alex Tasse in die Hand. Ein schwacher Abdruck seiner Lippen war noch zu erkennen und als würde es mir irgendetwas nützen, presste ich meinen Mund genau an diese Stelle.
Gleich darauf überlegte ich, wie weit es mit mir gekommen war, wenn ich jetzt schon Kaffeetassen küsste und räumte beide Becher mit Nachdruck in die Spülmaschine.
Schluß mit der Traurigkeit. Er war ja nicht für immer gegangen!
Ich kochte mir eine Kanne Tee, legte währenddessen Linkin Park in den CD-Player ein und machte mich dann auf den Weg in Alex Zimmer.
Am besten brachte ich das Bettenabziehen gleich hinter mich. Ich trat ein, knipste das Licht an und sah im selben Moment den großen, braunen Umschlag auf seinem Bett liegen.
Ich hastete hinüber, drückte den Umschlag an mich und lies mich rücklinks in die Kissen fallen. Sofort umgab mich sein, noch schwach vorhandener Geruch und ich glaubte, die Sehnsucht würde mir die Sinne rauben. Vorsichtig presste ich mein Gesicht in sein Kopfkissen und sog ganz tief seinen Geruch ein.
Danach fühlte ich mich in der Lage, den Umschlag zu öffnen. Ich schüttete den Inhalt auf die Bettdecke.
Zum Vorschein kam ein Handy, ein kleiner, weißer Umschlag, ein zusammengefaltetes Blatt Papier und eine CD ohne Cover.
Ich ordnete die Sachen auf dem Bett und überlegte, mit was ich wohl anfangen sollte. Schließlich entschied ich mich für das Blatt Papier.
Schon wieder schossen mir die Tränen in die Augen, als ich seine vertraute Handschrift erkannte.

Liebe Anna,

wenn Du das hier liest, bin ich wohl leider schon auf dem Weg nach Hause und ich kann Dir sagen, dass Du mir jetzt schon, obwohl ich eigentlich noch gar nicht weg bin, unglaublich fehlst.
Ich kann kaum in Worte fassen, wie wundervoll jeder einzelne Tag in Deiner Nähe für mich war.
Ich habe die Frau gefunden, die mir durch die Briefe und die Gespräche schon so vertraut war und der ich unglaublicher Weise noch etwas näher kommen durfte.
Ich liebe Dich.
Du bist mein Ein und Alles.
Und wirst es für immer bleiben.

Damit der Abschiedsschmerz nicht ganz so groß wird, habe ich Dir ein paar nette Kleinigkeiten da gelassen.
Ich würde vorschlagen, Du klappst als erstes mal das Handy auf.

Ich versuchte, einigermaßen erfolglos, die Tränen weg zu blinzeln und nahm das Handy in die Hand. Die ganze Zeit hatte ich dabei seine Stimme im Ohr und sein Lächeln vor meinem geistigen Auge.
Ich klapte den Deckel auf und sofort leuchtete das Display auf. Es ist eine neue Nachricht für Sie eingegangen stand dort in englisch und ich drückte versuchsweise den „O.k.-Button“. Die Mitteilung verschwand und gleich darauf erschien ein winziges Foto im Display.
Alex lächelte mich an. Er schien entspannt in einem Sessel oder etwas ähnlichem zu sitzen und winkte mir zu.
„Chaot,“ flüsterte ich und freute mich wie ein kleines Kind über dieses überaus nützliche Geschenk.
Vorsichtig legte ich das Handy zurück auf die Bettdecke und wandte mich wieder seinem Brief zu.

Den unromantischen Karton mit der ungefähr fünf Zentner wiegenden Bedienungsanleitung habe ich übrigens unter dem Bett versteckt ;-).
Nachdem Du das jetzt mit Deinem phänomenalen, technischen Verstand ganz sicher hin bekommen hast, kommt jetzt wohl der kleine Umschlag an die Reihe.

Mit zitternden Fingern riss ich den Umschlag auf und lies den Inhalt auf meine Handfläche gleiten.
Ein dunkelgrüner Stein an einem Lederband lächelte mich an und ich schüttelte den Kopf. Das war einfach wunderschön und er eindeutig verrückt.
Nach einiger Mühe hatte ich es schließlich geschafft, mir die Kette um zu legen und die beiden Enden des Bandes zu verknoten. Kalt und schwer lag der Stein auf meiner Brust.
Ich nahm den Stein, küsste ihn kurz und nahm dann wieder Alex Brief auf.

Das nächste Geschenk bedarf einer kleinen Erklärung. Ich habe eine kleine Botschaft für Dich aufgenommen...allerdings bevor ich aus Amerika zu Dir geflogen bin. Dementsprechend könnte der Inhalt nicht ganz so überschwänglich rüber kommen, wie es eigentlich sein sollte.
Also...schau es Dir einfach an (ich hoffe Du hast Quick-Time) und denke dabei an mich. Ich mache das auf jeden Fall so lange, bis wir uns wieder in den Armen liegen.

Du fehlst mir so sehr Süße. Ich weiß gar nicht, wie ich ohne Dich überleben soll. Denke immer daran, wie sehr ich Dich liebe
!
Love always and forever

Alex

Ich schluckte hart, las den Brief noch einmal durch und legte ihn dann vorsichtig beiseite.
Für einen Moment drehte ich die CD unschlüssig in den Händen, dann stand ich auf und ging in mein Arbeitszimmer wo mein Computer stand.
Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis er hochgefahren und die CD eingelesen hatte.
Mit einem Doppelklick öffnete ich die Datei und sah mich gleich darauf Alex gegenüber...genau genommen seinem Allerwertesten.
Er krabbelte gerade auf ein Bett mit blassgelben Kissen und lies sich im Schneidersitz darauf nieder. Am äußeren rechten Rand konnte man weiße Vorhänge sehen, die sich im Wind aufblähten.
„Hallo meine Süße,“ sagte er plötzlich und meine Kehle war wie zu geschnürt.
„Egal wie mein Besuch bei Dir auch ausgehen wird, ich weiß schon jetzt, dass ich ihn keine Sekunde bereuen werde. Es ist wohl einiges schief gelaufen, angefangen mit meinen absolut unangebrachten Bemerkungen über Steven. Ich möchte Dir einfach nur sagen, wie leid mir das alles tut und wie viel Du mir bedeutest und da ich im Singen dann doch etwas besser bin, als mit Worten, werde ich dies auf meine eigene Art und Weise tun.“
Er beugte sich nach links über das Bett und zog eine Gitarre hervor. Mit geübten Bewegungen legte er sie sich über die Knie und sah dann wieder in die Kamera.
„Natürlich habe ich jetzt wieder ein kleines Problem, denn ich weiß ja leider nicht, ob Du mir vergeben wirst und ob Du das gleiche für mich empfindest. Ich habe mich als für ein Meddley entschieden,“ bei diesen Worten stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht und ich konnte nicht anders, als meine Hand aus zu strecken und ihm zärtlich über das Gesicht zu streichen.
Er fehlte mir so sehr!
„Also...ähm...,“ er räusperte sich „Teil eins dieses Liedes ist für den Fall, dass Du mich postwendend wieder nach Hause schickst, Teil zwei für den Fall, dass Du mich genau so sehr liebst, wie ich Dich. Also...,“ er legte die Finger an die Seiten, rutschte noch einen Moment auf dem Bett hin und her und sah dann wieder in die Kamera „jetzt geht es los.“
Er spielte die ersten Akkorde und wie hypnotisiert hing ich vor dem Bildschirm. Mein Finger schafften es gerade noch die Lautstärke etwas nach oben zu drehen, als seine wundervolle raue, männliche Stimme erklang.

I am ready for love
Why are you hiding from me
I’d quickly give my freedom
To be held in your captivity

I am ready for love
All of the joy and the pain
And all the time that it takes
Just to stay in your good grace
Lately I’ve been thinking
Maybe you’re not ready for me
Maybe you think I need to learn maturity
They say watch what you ask for
Cause you might receive
But if you ask me tomorrow
I’ll say the same thing

I am ready for love
Would you please lend me your ear?
I promise I won’t complain
I just need you to acknowledge I am here

If you give me half a chance
I‘ll prove this to you
I will be patience, kind, faithful and true
To a woman who loves music
A woman who loves art
Respect’s the spirit world
And thinks with his heart

I am ready for love
If you’ll take me in your hands
I will learn what you teach
And do the best that I can

I am ready for love
Here with a offering of
My voice
My Eyes
My soul
My mind

Tell me what is enough
To prove I am ready for love

Die Tränen liefen nun in Sturzbächen meine Wangen hinunter. Es war einfach unglaublich was dieser Mann alleine mit seiner Stimme ausrichten konnte.
Er stand India Arie in keinster Weise nach, auch wenn es etwas ungewohnt war, ihre Worte durch seinen Mund zu hören.
Er hatte das Lied einfach wundervoll interpretiert und wenn mir bisher noch nicht klar gewesen wäre, wie sehr ich ihn liebte, so hätte er mich nur mit diesen Zeilen überzeugt.
Der Rythmus wechselte fast unmerklich, die Tonart ging von der traurigen Moll-Spielweise in eine etwas freundlichere Gangart über und nach einem kurzen Zwischenspiel, bei dem seine Finger den Gitarrenhals hinauf und hinunter glitten, begann Teil zwei seiner Botschaft.

If she were a color,
she'd be a deep dark forest green.
If she were a car,
she'd be a long stretch limousine,
with room for all humanity Inside.
Cause' she is so giving, and she is so wise.
If she were a number,
she'd be a five, cause' she has such a brilliant mind.
If she were an animal, she'd be an ass,
cause' she's stubborn sometimes.
But If she were a song,
she'd be a complicated melody, that complicated fellow she
I almost can not sing it on key ... But she means the world to me

If she were a building,
she'd be a beautiful cathedral,
cause' she's so traditionally spiritual.
If she were a dance,
she'd be complicated like the tango, exotic like a mango.
But if she were a song, she'd be a complicated melody,
that complicated fellow she,
I almost can not sing it on key ... But she means the world to me.

She ain't the reason for the sun and moon.
She is just the reason for this here tune.

Cause' she means the world to me,
said she means the world to me,
Me, me, me... yeah
She means the world to me, yeah

Complicated melody
That, complicated fellow she
She's a complicated melody
I almost can not sing it on tune

„So meine Süße, das war es dann wohl auch schon.“ drang seine Stimme schließlich wieder zu mir durch. „Ich hoffe einfach mal auf das Beste und werde jetzt meine Sachen packen.
Egal was passiert, ich liebe Dich. Vergiss das nie!“
Er stellte die Gitarre beiseite, rutschte vom Bett, kam direkt auf die Kamera zu und drückte einen Kuß auf die Linse. Das Bild wackelte noch einen Moment, dann wurde der Bildschirm dunkel.
Wie erstarrt saß ich geschlagene zehn Minuten vor dem Bildschirm, dann schaute ich mir seine Nachricht noch etwa zwanzig mal an.
Als ich mir schließlich sicher war, auch keine noch so kleine Nuance verpasst zu haben, stand ich auf, ging in sein Zimmer zurück und nahm das Handy in die Hand.
Seine Nummer war bereits eingespeichert. Mit völlig ruhiger Hand drückte ich die Wahltaste und wartete. Nach dreimaligem Klingeln wurde am anderen Ende der Leitung abgenommen.

Al: *leise* Du hast mein Päckchen gefunden.
An: Ich liebe Dich wahnsinnig, weißt Du das?
Al: Ich liebe Dich noch viel mehr.
An: *schmunzelt* Nie im Leben!
Al: Oh doch.
An: Nein!
Al: Doch!
.............

The End

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