26. Mai 2004

Ich erwachte, gähnte und kuschelte mich dann noch einmal wohlig seufzend in die Kissen. Samstag...keine Termine, keine Arbeit...einfach nur Zeit zum Ausspannen.
Ich hatte die Augen schon fast wieder geschlossen, als ich mich ruckartig und mit rasendem Herzen aufsetzte, da mir unvermittelt eingefallen war, wer in meinem Gästezimmer lag.
Eigentlich unglaublich, dass ich in dieser Nacht überhaupt ein Auge zu getan hatte.
Langsam lies ich mich in die Kissen zurück sinken und starrte nun hell wach und mit offenen Augen an die Zimmerdecke, wo die spärlich durch den Rolladen einfallenden Sonnenstrahlen an der Decke tanzten.
Meine Gedanken kehrten zu dem gestrigen Abend zurück.
Ich hatte nicht erwartet, mich so entspannt und locker in Alex Gegenwart fühlen zu können. Wir waren zu dritt um den Esstisch herum gesessen, hatten gegessen, gescherzt, gelacht und uns einfach richtig nett miteinander unterhalten.
Je später es allerdings wurde, desto mehr versuchte ich den Zeitpunkt hinaus zu schieben, an dem ich mit Alex alleine in meine Wohnung hinauf gehen mußte.
Irgendwie war mir das Ganze doch noch etwas unheimlich und so recht traute ich ihm einfach nicht über den Weg.
Vielleicht traute ich auch mir nicht...das war mir nicht so ganz klar, aber fest stand, als wir das letzte Mal alleine gewesen waren, hatte er mich versucht zu küssen.
Und so heftig auch meine Abwehrreaktion gewesen war, es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte mich meinen Gefühlen und der Sehnsucht, nach seinen Lippen auf den meinen, hin gegeben.
Schließlich konnte ich es aber nicht länger hinaus schieben. Maria gähnte nur noch und warf mir immer wieder flehende Blicke zu, so dass wir uns schließlich verabschiedeten. Sie brachte uns zur Tür, wünschte uns mit einem warmen Lächeln noch einen schönen Abend und ich ging mit weichen Knien und Alex im Schlepptau die Treppen zu meiner Wohnung hinauf.
Bei jeder Stufe versuchte ich mir in Erinnerung zu rufen, ob die Wohnung einigermaßen aufgeräumt war und versuchte mir vor zu stellen, wie er mein Reich wohl sehen würde.
Zu klein? Zu wenig Komfort? Wußte ich denn, was er sonst so gewohnt war?
Doch die ganzen Gedanken hätte ich mir sparen können. Als ich die Tür öffnete stellte ich mit einem schnellen Blick in den Flur und das Wohnzimmer fest, dass es einigermaßen annehmbar aussah und Alex blickte sich mit großen Augen um.
„Wow,“ sagte er schließlich, als er seinen Mund wieder zu gemacht hatte „Du hast es richtig schön hier.“
„Findest Du?“ gab ich unsicher zurück, während ich meinen Hausschlüssel in die kleine Schale auf der Kommode legte.
„Aber sicher. Schau Dir nur diese hohen Decken und diese Plakate...,“ er wanderte langsam den langen Flur entlang und besah sich jeden Glasrahmen ganz genau.
Ich drückte hier wohl am deutlichsten meine Liebe zur Musik aus. Hinter schlichten Glasrahmen hingen Plakate von den Konzerten, die ich im Laufe der Zeit besucht hatte. In der unteren, rechten Ecke steckte jeweils die Eintrittskarte und ab und an hatte ich sogar ein Autogramm darauf ergattert.
„Pink Floyd...,“ zählte er auf „die Chilli Peppers ... Whitney Houston ... Bloodhound Gang ... ein Autogramm von India???? ... Himmel ... und wer ist das hier?“ fragte er und blieb vor einem der letzten Rahmen stehen.
Ich gesellte mich zu ihm und sah über seine Schulter. „Oh, das ist ein unglaublicher deutscher Künstler. Xavier Naidoo ... wirst Du nicht kennen ... er hat eine wahnsinns Stimme ... singt in Richtung Soul und Hip Hop und schreibt noch dazu sehr faszinierende Texte.“
„Klingt gut,“ entgegnete er und schlenderte weiter „na, das hier nenne ich doch Geschmack,“ sagte er schließlich und sah grinsend zu mir hinüber.
„Ja, damals wart ihr noch seeehr jung,“ gab ich kichernd zurück und betrachte mit ihm das Plakat der Backstreet Boys.
„Ich hatte eine unmögliche Frisur,“ sagte er und schüttelte dabei den Kopf.
„Ach, ganz anders als heute,“ gab ich lachend zurück und er knuffte mich sanft in die Seite.
„Geht das hier raus?“ fragte er dann und versuchte die Eintrittskarte aus dem Rahmen zu ziehen. Allerdings stellte er sich nicht wirklich geschickt dabei an.
„Warte, ich mache das,“ sagte ich, schob ihn ein wenig zur Seite und schaffte es schließlich die Karte heraus zu fischen, ohne mir größere Verletzungen dabei zu zu ziehen.
„Und nun?“ fragte ich ihn, während ich ihm die Karte hin hielt.
„Hast Du einen Stift?“ fragte er zurück.
„Sicher, in der Küche.“ Ich ging ihm voraus, deutete im Vorbeigehen auf eine Tür „das Bad,“ informierte ich ihn und schaltete dann in der Küche das Licht an. Ich kramte in der Schublade unter dem Kühlschrank nach einem Edding-Filzer,
er nahm den Stift entgegen, setzte sich an den Küchentisch, entfernte die Kappe mit den Zähnen und begann zu schreiben.
Neugierig linste ich zu ihm hinüber, aber er schirmte die Karte mit der Hand ab und so begab ich mich nach kurzem Zögern in das Gästezimmer, auch von mir als Abstellkammer genutzt, um sein Bett zu beziehen.
Als ich schließlich wieder zurück in den Flur trat, war er gerade dabei, die Karte an seinen alten Platz in den Rahmen zu stecken.
„Was hast Du geschrieben?“ fragte ich und stellte mich neben ihn.
„Lies selbst...sofern Du meine Sauklaue entziffern kannst,“ lächelte er und ich trat einen Schritt näher an das Plakat heran.
Auf der blassgelben Karte prangte, in den mir so vertrauten Blockbuchstaben

For Anna
I’m ready to fly
right into your arms,
open yours wide in trust
and fly with me
Alex

Ich schluckte und traute mich nicht, zu ihm auf zu sehen. Das war wirklich...also... „und das ist Dir gerade eben so eingefallen?“ hauchte ich und starrte immer noch fasziniert auf die Karte.
„Hm...ich bin Songschreiber, weißt Du? Das gehört so zu sagen zu meinem Job,“ dabei kicherte er und legte mir eine Hand auf die Schulter.
Augenblicklich erstarrte ich, doch ihn schien das nicht weiter zu stören.
„Hör zu,“ sagte er eindringlich und eindeutig zu nahe an meinem Ohr „ich werde nichts tun, was Du nicht auch willst, das bedeutet, ich halte mich zurück. Ich möchte nur, dass Du weißt, dass Du mir unglaublich wichtig bist und ... na ja ...,“ er sprach nicht weiter, so dass ich mich schließlich doch von der Karte vor mir löste und zu ihm auf sah. Dummer Weise landete mein Blick direkt in seinen warmen, braunen Augen.
Er wirkte etwas unsicher und so, als kostete es ihn große Mühe einfach so da zu stehen und nichts weiter in den Händen zu halten, als meine Schulter.
„Was wolltest Du sagen?“ fragte ich, immer noch ganz leise.
„Ich glaube...also...ich...,“ er seufzte „ich bin müde und muß wohl so langsam ins Bett.“
Er nahm seine Hand von meiner Schulter und für einen Moment war die Stelle noch angenehm warm, bevor sie abkühlte und sich meiner restlichen Körpertemperatur anpasste.
Uns war beiden klar, dass er eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen, aber andererseits war es mir auch lieber so. Ich hätte nicht gewußt, wie ich auf etwaige Annäherungsversuche seinerseits reagiert hätte.
Ich wollte doch Abstand, also sollte er gefälligst jetzt ins Bett gehen.
„Ich habe Dir schon Dein Bett gemacht,“ sagte ich also und geschäftig ging ich ihm voraus ins Gästezimmer.
„Es ist nicht gerade das Rizz aber es sollte reichen,“ versuchte ich zu scherzen, was allerdings kläglich misslang.
„Hey...das ist vollkommen in Ordnung. Ein richtiges Bett für mich ganz alleine...wirklich toll.“ Ich versuchte den Sarkassmus in seinen Worten zu überhören, während ich mich zum Gehen wandte.
„Dann schlaf gut,“ sagte ich.
„Du auch,“ kam es leise zurück.
Bevor er noch irgendetwas hinzu fügen konnte, war ich schon aus der Tür verschwunden und hatte sie lautlos hinter mir zu gezogen.

Tja, und jetzt lag ich also alleine in meinem Bett und traute mich nicht so recht auf zu stehen.
Ich hatte ihn gestern ganz schön abblitzen lassen...genau genommen zwei Mal. Das war bestimmt nicht gut für sein Ego. Eigentlich überlegte ich hätte ich schon etwas freundlicher zu ihm sein können. Immerhin ist er extra hier her gekommen um mich zu sehen. Brauche ich sonst noch einen Beweis, dass er es ehrlich meint?
Doch so wirklich überzeugt war ich nicht. Morgen früh würde er wieder verschwinden und sein eigentliches Leben wieder aufnehmen. Darin hatte ich keine Platz ... na ja ... zumindest konnte ich es mir nicht vorstellen.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich keine Ahnung haben würde, was er so trieb und mit welchen Frauen er sich traf, war er einfach zu weit weg. Eine Beziehung, die so etwas aushielt mußte schon sehr stark sein. Und ich war das eindeutig nicht.
Nun gut, so weit zur Theorie.
Als ich mich dann endlich aus dem Bett gequält, angezogen und eine halbe Stunde im Bad verbracht hatte, wartete er bereits in der Küche auf mich. Er hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen und lächelte zu mir auf.
„Auch schon wach, Schlafmütze?“ begrüßte er mich.
„Gerade so,“ gab ich grinsend zurück, schenkte mir ebenfalls eine Tasse Kaffee ein und setzte mich ihm gegenüber.
Es kam mir so vor, als hätte meine Küche noch niemals so schäbig ausgesehen. Alex schien sie voll und ganz mit seiner Präsenz aus zu füllen. Wie ein Diamant in einem Haufen Kieselsteine.
Erneut kam ich zu dem Schluß, dass ich ihm nichts, aber wirklich gar nichts zu bieten hatte. Eigentlich ein Wunder, dass er trotzdem hier saß.
„Was denkst Du?“ fragte er unvermittelt und ich verschluckte mich fast an meinem Kaffee. Wie kam er gerade jetzt auf diese Frage?
Lügen oder ehrlich sein? Blamieren oder meine Haut retten?
„Sei ehrlich,“ setzte er noch hinzu und ich war kurz davor ihm meine Tasse entgegen zu schleudern.
„Es ist noch zu früh, als das ich wirklich denken könnte,“ gab ich zurück und fand, dass es tatsächlich einigermaßen plausibel klang. Doch ich sah ihm sofort an, dass er mir nicht glaubte. Er legte den Kopf schief und musterte mich.
„Warum bist Du hier so ... so ....,“ er suchte nach dem passenden Wort und fuchtelte dabei in der Luft herum „so ... verkrampft? Wenn wir telefoniert haben, war das anders.“
„Vielleicht, weil Du mir jetzt gegenüber sitzt?“
„Wo ist der Unterschied?“
„Sag bloß, Du fühlst Dich jetzt nicht irgendwie anders,“ gab ich zurück. Ich gebe zu, ich wollte ihn provozieren. Sollte er doch mal sagen, was er gerade dachte.
„Gut, ich gebe zu, es ist schon etwas anderes. Aber ... es scheint mir, als würdest Du mir keinen Schritt mehr über den Weg trauen. Was mich betrifft, hat sich in dieser Beziehung nichts verändert. Ich vertraue Dir ... und Du kannst mir vertrauen. Ich werde Dich nicht auslachen, ich werde nicht vor Dir davon rennen, ich werde....,“
„Ja, ja, schon gut,“ gab ich mich geschlagen und hob die Hände „ich habe verstanden.“
Sein erleichterter Seufzer entlockte mir dann doch ein Lächeln.
„Also, dann sag mir, was Du gedacht hast, als Du Dich zu mir an den Tisch gesetzt hast,“ wiederholte er, lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorne und stützte sich mit den Unterarmen auf den Tisch.
„Ich...ich habe mir überlegt, was Du eigentlich hier machst. Ich frage mich, was ich Dir bieten kann.“ Vor lauter Angst wagte ich es nicht, ihn an zu sehen. Statt dessen stand ich auf, um mir frischen Kaffee ein zu schenken, auch wenn meine Tasse eigentlich noch halb voll war.
„Was ich hier mache?“ hörte ich ihn nachdenklich hinter mir murmeln. Stuhlbeine wurden über den Boden geschoben, als er auf stand und gleich darauf trat er hinter mich.
„Was Du mir bieten kannst?“ fragte er, immer noch in nachdenklichem Ton und dann spürte ich, wie er seine Arme von hinten um mich schlang. Er legte sein Kinn auf meine Schulter und wiederholte „was Du mir bieten kannst? Lass mich nachdenken...“
Ich stand wie erstarrt und konnte mich nicht entscheiden, was ich jetzt tun wollte. Ihn abschütteln, oder für immer hier stehen bleiben, eingehüllt in seine Nähe und mit seinem Kopf an meiner Schläfe.
„Ich würde sagen, Du hast mir sehr viel zu bieten. Du verstehst mich und glaub mir, das können nicht viele von sich behaupten.“
Ich kicherte nervös.
„Außerdem hast Du ein unwerfendes Lächeln und die wunderschönsten Augen, die mir jemals begegnet sind.“
„Ich...,“ setzte ich an, doch Alex legte mir sanft seine Hand über den Mund.
„Ich mag es, wenn Du rot wirst wenn Dir etwas unangenehm oder peinlich ist, ich mag, wie Du mich zum Lachen bringst, auch wenn es mir eigentlich furchtbar schlecht geht, ich mag Deine Liebe zur Musik, ich liebe diese Wohnung, die so viel von Dir verrät, ich mag Deine beste Freundin weil sie mir geholfen hat, die Sache mit Dir wieder auf die Reihe zu bekommen. Ich genieße es sogar, morgens um halb fünf mit Dir zu telefonieren, obwohl jeder weiß, dass ich um diese Uhrzeit normalerweise nicht ansprechbar bin. Ich liebe Deine Stimme, Dein Lachen und Deinen Humor und...,“ er machte eine bedeutungsvolle Pause und nahm dabei seine Hand von meinem Mund „ich mag Deine Ehrlichkeit.“
„Wow,“ war das einzige, was ich nach einer kleinen Ewigkeit dazu sagen konnte.
Ich hörte Alex leise in mein Ohr lachen. „So hätte man es auch ausdrücken können.“
„Nein ... nein ... ich meine ... ,“ ich drehte mich zu ihm herum und vergaß sofort, was ich eigentlich hatte sagen wollen. Er hatte immer noch ein sanftes Lächeln auf den Lippen und sah mir direkt in die Augen „ja?“ fragte er leicht amüsiert und ich fuhr mir mit der Hand über die Schläfe.
„Ich wollte eigentlich sagen ... dass noch niemals jemand etwas so schönes zu mir gesagt hat. Ich meine...auch wenn es vielleicht nicht ganz so ... ist ...,“
„Willst Du etwa behaupten ich lüge?“ fragte er mit hoch gezogenen Augenbrauen.
„Nein, natürlich nicht. Ich...,“ ich sah zu ihm auf und seufzte dann laut und vernehmlich „kannst Du mir vielleicht mal sagen, warum ich mich in Deiner Nähe immer wie der letzte Idiot benehme?“
„Nein, das kann ich nicht,“ gab er zu und küsste mich dann vorsichtig auf die Stirn.
„Du stimmst mir also zu, dass ich ein Idiot bin?“
Verdutzt sah er auf mich hinunter „nein...so...hatte ich das nicht gemeint...ich...“
Ich begann laut los zu lachen „hey, sag bloß ich habe Dich aus dem Konzept gebracht.“
„Das. War. Nicht. Fair.“ Stieß er hervor und bevor er noch irgend etwas tun konnte, hatte ich mich aus seinen Armen heraus gewunden und lief kichernd aus der Küche. Alex mir dicht auf den Fersen.
„Bleib stehen,“ rief er lachend und schlitterte knapp hinter mir durch die Tür ins Wohnzimmer „empfange Deine gerechte Strafe!“
„Strafe?“ rief ich außer Atem, duckte mich unter seinem ausgestreckten Arm hindurch, kurz bevor er mich zu fassen bekam, und rannte zurück in den Flur „ich wüßte nicht, wodurch ich mir eine Strafe verdient hätte.“
Kurz bevor ich im nächsten Zimmer verschwinden konnte, hatte er mich schließlich eingefangen.
Lachend versuchte ich mich aus seinem Griff zu befreien, bis wir am Ende gemeinsam zu Boden purzelten.
Immer noch kichernd und außer Atem blieben wir erschöpft nebeneinander im Flur liegen.
„Es ist schön, dass Du hier bist,“ sagte ich schließlich leise.
„Komm her,“ entgegnete er ebenso leise und zog mich in seine Arme.
„Ich finde es auch schön, dass ich hier bin,“ sagte er, während er mir sanft über den Rücken strich.
„Obwohl ich manchmal so eine Zicke bin?“ fragte ich und er schmunzelte „obwohl Du manchmal eine Zicke bist, ja. Ich liebe übrigens Zicken, habe ich das schon mal erwähnt?“
„Nein,“ kicherte ich und kuschelte mich noch etwas enger an ihn.
„Was mache ich denn jetzt mit Dir?“ fragte er, während er mit mir zur Seite rollte.
„Ich weiß es nicht,“ gab ich zurück und genoß dabei das Gewicht seines Körpers auf meinem und das Leuchten seiner Augen, die mir ganz nahe waren.
Er stütze sich mit dem Ellenbogen neben meinem Kopf auf und strich mir vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ich würde Dich jetzt gerne küssen,“ sagte er leise und mit einem unsicheren Ausdruck in den Augen „ich traue mich aber nicht.“
Anstatt einer Antwort zog ich sanft seinen Kopf zu mir hinunter. Kurz bevor sich unsere Lippen berührten, hielt er noch einmal einen Moment inne und sah mir tief in die Augen „bist Du Dir sicher?“ fragte er mit rauer Stimme.
„Ganz sicher,“ antwortete ich und meinte es auch genau so. Ich wollte ihn küssen, jetzt und hier, auf dem kalten, harten Pakett, das ich aber in diesem Moment überhaupt nicht spürte. Da waren nur er und ich, auf einer Wolke weit über dem Planeten Erde.
Ein zärtliches Lächeln umspielte seine Lippen und langsam senkte er den Kopf. Leicht wie eine Feder streiften seine Lippen meinen Mund und sofort flammte etwas in meinem Körper auf, was ich seit langem nicht mehr gefühlt hatte. So etwas wie Leidenschaft, Glück ... Liebe ... das war schon so lange her.
Zitternd atmete ich ein, als seine Lippen erneut die meinen berührten. Diesmal verharrten sie einen Moment, um sich dann wieder von mir zu lösen und sich gleich darauf wieder auf meinen Mund zu senken.
Diesmal war der Kuß fordernder, voller Leidenschaft und Vertrauen.
Seine Zunge strich sanft über meine Lippen und spielte dann einen Moment mit meiner, bis er sich plötzlich abrupt aufsetzte.
„Was ist los?“ fragte ich irritiert.
„Also erstens,“ sagte er und versuchte offensichtlich wieder einigermaßen zu sich zu kommen „ist dieser Boden verdammt hart und zweitens ... ,“ er stockte.
„Und zweitens?“ hakte ich nach.
„Zweitens kann ich gleich für nichts mehr garantieren,“ gab er zurück und seine Brust hob und senkte sich unter seinen schnellen Atemzügen.
Für einen Moment musterte ich ihn stumm, registrierte die begehrlichen Blicke, die er mir zu warf und seine Hände, die zu Fäusten geballt auf seinen Knien lagen.
Langsam stand ich auf und streckte ihm meine Hand entgegen. Er ergriff sie und ich zog ihn in die Höhe. Ohne ein Wort zu sagen führte ich ihn den Flur entlang bis zu meinem Schlafzimmer.
Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich hier das Richtige tat, doch nach meinen Gefühlen zu urteilen, hatte ich überhaupt keine andere Wahl.

27. Mai 2004