25. Mai 2004
Es war ein langer, anstrengender Tag gewesen. Nicht nur, dass aus unerfindlichen Gründen einige wichtige Aufzeichnungen von meinem Computer verschwunden waren, irgendwie war auch die Stimmung in der Firma sehr angespannt gewesen. Es wurde weniger als sonst gelacht, jeder hing seinen eigenen Gedanken und Problemen nach und zu guter letzt hatte ich mich auch noch mit meinem Chef angelegt, da er in unserem neuen Projekt eine für mich völlig unverständliche Meinung vertrat.
Vielleicht übertrug ich aber auch nur meine innere Unzufriedenheit auf die Anderen.
Es war jetzt fast einen Monat her, dass ich das letzte Mal mit Alex gesprochen hatte. Unser Streit lag mir unglaublich schwer im Magen.
Doch mich wieder bei ihm zu melden verbat mir mein Stolz und seine verletzenden Worte hallten immer noch in meinem Kopf.
Was gab ihm bitte schön das Recht, so über Steven und mich zu urteilen? Er hatte keine Ahnung wie es war, alleine zu sein. Was es hieß in einer Beziehung Kompromisse ein zu gehen.
Sicher, Steven hatte mir weh getan, mich betrogen...aber die Möglichkeit, und sei sie noch so gering, bestand immer hin, dass er tatsächlich begriffen hatte, was er da so leichtfertig auf gegeben hatte.
Vielleicht ist es aber auch nur der Nervenkitzel, der ihn antreibt flüsterte die Stimme der Vernunft in meinem Kopf vielleicht ist es einfach dieser Jagdinstinkt. Etwas haben zu wollen, was sehr schwer erreichbar ist. Sobald er das bekommen hat, wirft er es auch schon wieder weg, da der Spaß dann vorbei ist.
An manchen Tagen war ich tatsächlich so weit, auf diese Stimme zu hören. Ich wußte dann, dass sie natürlich recht hatte und dass ich ihn auch, genauer betrachtet, nicht mehr liebte. Es war einfach die Sehnsucht nach einem behüteten zu Hause, die mich veranlasste überhaupt noch einen Gedanken an ihn zu verschwenden.
Und dann waren da die Tage der Einsamkeit. Sicherlich...ich kam damit zurecht...ich hatte ja auch keine andere Wahl. Doch der Wunsch nach Zweisamkeit wuchs von Tag zu Tag und was war da nicht naheliegender, als nach der Hand zu greifen, die mir sowieso schon entgegen gestreckt wurde?
Die Hand, die ich eigentlich wollte, konnte ich sowieso nie erreichen. Sie saß zusammen mit ihrem dazugehörigen Besitzer weit weg über dem großen Teich und dachte vermutlich nicht einmal mehr an mich.
Aber was machte ich mir eigentlich Gedanken? Heute war Freitag, das Wochenende lag vor mir, Maria und ich würden ausgehen und wer weiß...vielleicht lief mir ja gerade heute Abend mein Traummann über den Weg?
Schon wieder etwas motivierter stieg ich die Stufen zu meiner Wohnung hinauf. Auf dem Treppenabsatz kramte ich in meiner Handtasche nach meinem Hausschlüssel. Entnervt stellte ich fest, dass ich ihn mal wieder nicht in das kleine Fach in der Tasche gesteckt hatte, wo ich ihn sofort finden würde, sondern er irgendwo in den Tiefen zwischen Taschentüchern, Geldbeutel, Handy, Kaugummi und was man eben noch so als moderne Frau mit sich herum schleppte, verschollen war.
Während ich noch so kramte, viel mein Blick auf meine Wohnungstür und auf den kleine Zettel, der daran geklebt war.
Hallo Anna,
wie siehts aus, kommst Du gleich mal vorbei? Habe wie immer zu viel gekocht und könnte etwas Unterstützung im Vertilgen des Gulaschs gebrauchen.
Lass mich nicht hängen!
Liebe Grüße
Maria
Das war wieder typisch Maria. Wenn sie kochte, konnte man direkt noch eine ganze Fußballmannschaft davon satt bekommen. Mittlerweile klebte fast jeden zweiten Tag so ein Zettel an meiner Tür und ich ging grundsätzlich mit einem Bärenhunger und einem glücklichen Lächeln zu ihr hinunter.
Ich hatte einmal zu ihr gesagt, dass sie durchaus auch einfach sagen könnte, wenn sie mit mir ein bißchen Zeit verbringen wollte und deshalb nicht immer Berge von Essen zu kochen brauchte, doch sie hatte nur gelacht.
Gönn mir doch die Freude. Zu sagen hey, kommst Du vorbei? Ich wäre heute Abend nicht so gerne alleine. kann ja wohl jeder.
Endlich hatte ich meinen Schlüssel gefunden und leise summend öffnete ich die Tür.
Ich hängte meine Jacke wie gewohnt an die Garderobe gleich neben der Tür, warf meine Schlüssel in die kleine Schale auf der Kommode daneben und auf dem Weg in mein Schlafzimmer entledigte ich mich meiner Schuhe und dem Kostüm...meinem Arbeitsoutfit sozusagen.
Ich verzichtete auf eine Dusche, da mein Magen bereits vernehmlich knurrte und mich ermahnte, mich gefälligst zu beeilen, damit er zu seinem Gulasch kam.
So zog ich mir nur schnell eine Jeans und ein dunkelrotes T-Shirt mit langen Ärmeln über und schnappte mir im Vorbeigehen meine Haarbürste aus dem Bad.
Während ich mir die Haare kämmte, sammelte ich meine Klamotten und die Schuhe ein, warf sie unbeachtete ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter mir zu.
Ich hielt kurz vor dem Spiegel inne und überprüfte das Ergebnis meiner Bemühungen, einigermaßen jugendlich und ungestresst aus zu sehen und war sogar ausnahmsweise zufrieden mit dem was ich sah.
Marias Kochkünste hatten dazu beigetragen, dass ich nicht mehr ganz wie ein verhungertes Gerippe aussah. Mein Busen war wieder voller geworden, mein Po füllte tatsächlich die Jeans wieder aus und meine Schlüsselbeine stachen nicht mehr so eckig hervor.
Meine Wangen waren nicht mehr so eingefallen und meine Augen strahlten tatsächlich wieder unter den braunen Haaren, die ich mir jetzt noch schnell zusammen band.
Beschwingt schnappte ich mir meinen Hausschlüssel und begab mich dann auf den Weg nach unten.
Ich klopfte an Marias Tür und hörte dann ihre Schritte auf dem Parkett, die eilig näher kamen.
Gleich darauf wurde die Tür buchstäblich aufgerissen und sie strahlte mich an.
Hallo Anna, schön dass Du da bist...komm doch rein.
Spätestens hier hätte ich mich fragen sollen, ob tatsächlich alles in Ordnung war. Normalerweise drückte sie nur kurz auf die Türklinke, so dass ich die Tür von selbst aufdrücken konnte und bevor ich noch richtig ihre Wohnung betreten hatte, war sie meist schon wieder in der Küche verschwunden. Sie rief mir dann ein etwas verspätetes Hallo zu und ich gesellte mich zu ihr in die Küche.
Doch heute war das anders. Angefangen mit ihrer, für ihre Verhältnisse sehr ausgiebigen Begrüßung, blieb sie jetzt auch noch mit mir im Flur stehen.
Sie wirkte nervös und trippelte unbewußt von einem Bein auf das Andere. Als ich an ihr vorbei ins Wohnzimmer gehen wollte, hielt sie mich zurück.
Warte..., sagte sie und schien dann nicht mehr genau zu wissen, was sie eigentlich sagen wollte.
Alles in Ordnung mit Dir? fragte ich vorsichtig und beobachtete, wie sie sich unsicher umschaute und sich dann wieder an mich wandte.
Alles Bestens...es ist nur...also..., dann seufzte sie laut und schien zu beschließen, dass es keine Sinn machte, das, was sie mir sagen wollte, noch länger hinaus schieben zu wollen.
Es ist Besuch für Dich da, sagte sie schließlich und trat endlich zur Seite.
Zu erst dachte ich an Steven. Ich hatte seine Anrufe in der letzten Zeit mehr als kurz gehalten und ihm versucht verständlich zu machen, dass es für ihn kein zurück mehr gab.
Trotzdem rief er jeden zweiten Tag an und je nach dem in welcher Stimmung ich war, freute ich mich darüber oder hasste ihn dafür. Sollte er tatsächlich einfach so hier aufgetaucht sein, um mich zu überraschen?
Allerdings wußte er, wann ich für gewöhnlich von der Arbeit nach Hause kam.
Dann dachte ich an meine Familie...war vielleicht etwas passiert und man hatte mich nicht erreichen können? Ich überlegte fieberhaft, wann ich das letzte Mal auf mein Handy geschaut hatte, konnte mich aber nicht erinnern.
Noch bevor ich wegen dieses Gedankens wirklich in Panik verfallen konnte, tauchte plötzlich ein Schatten im Türrahmen des Wohnzimmers auf. Ich blickte unsicher zu Maria hinüber, aber deren Gesicht war so verschlossen wie ein Eisblock.
Ich schaute wieder zurück zur Tür und hätte um ein Haar aufgeschrieen. Mit ihm hatte ich nicht gerechnet. Mein Herz begann sofort in rasendem Galopp zu schlagen und meine Kehle fühlte sich an, als hätte jemand mal eben eine Drahtschlinge darum gelegt und zog diese nun fest zu.
Alex stand in der Tür, stütze sich mit einer Hand am Türrahmen ab und mit der anderen nestelte er ununterbrochen an der Tasche seiner Kargohose herum.
Unsicher blickte er zwischen mir und Maria hin und her.
Das ist Anna, stellte Maria mich mit einem breiten Lächeln und ihrem besten Schulenglisch vor. Richtig...er konnte sich ja gar nicht sicher sein, dass ich es nun tatsächlich war...
Maria fasste mich an den Schulter und schob mich ein Stück in seine Richtung.
Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte oder auch nur, ob ich mich jemals im Leben wieder würde bewegen können.
Alles an mir schien wie eingefroren. Einzig mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren.
Was machte er hier? Was wollte er? Und was hatte Maria damit zu tun? Und überhaupt...das war doch alles nur ein Traum, oder?
Hi Anna, sagte er schließlich und sein Gesicht begann...zu leuchten. Ich kann es einfach nicht besser ausdrücken. Er lächelte, aber dieses Lächeln schien selbst noch seine Ohrläppchen und die Haarspitzen zu erreichen.
Hallo, brachte ich irgendwie heraus und starrte ihn immer noch wie hypnotisiert an.
Ich lass Euch dann mal alleine, sagte Maria und verzog sich diskret in die Küche.
Am liebsten hätte ich ihr hinter her gerufen, dass sie mich nicht hier alleine mit ihm lassen sollte. Ich hatte doch keine Ahnung, was hier überhaupt los war.
Ich überlegte gerade ernsthaft, ob ich mich einfach wieder umdrehen und fluchtartig die Wohnung verlassen sollte, als er wieder sprach.
Wie...geht es Dir...ich meine...oh Mann...ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ich jetzt eigentlich sagen soll.
Da geht es Dir wie mir, antwortete ich zögerlich und warf immer wieder einen verzweifelten Blick Richtung Küche. Wie konnte sie mich nur hier alleine lassen, mit diesem...Irren...der...warum auch immer...plötzlich mitten in ihrem Flur stand, mich nicht aus den Augen lies und immer noch im Dunkeln zu leuchten schien.
Vielleicht sollten wir uns erst einmal setzen, schlug er vor und machte eine einladende Geste Richtung Wohnzimmer.
Der Vorschlag an sich war ja nicht schlecht, aber um ins Wohnzimmer zu gelangen, mußte ich an ihm vorbei...das ging nun ganz und gar nicht. Angst kletterte in mir hoch. Er sollte nicht hier sein...er sollte mich in Ruhe lassen...was wollte er von mir? Reiste er jedem Mädchen hinterher, dass einfach beschlossen hatte, den Kontakt zu ihm ab zu brechen?
Er schien mein Unbehagen zu spüren, denn er senkte den Blick, drehte sich langsam um und verschwand durch die Wohnzimmertür aus meinem Blickfeld.
Was nun? Hier stehen bleiben und mich in seinen Augen noch mehr zum Idioten machen, oder ihm folgen und...tja...was und? Was konnte mir schon passieren? Maria war neben an in der Küche und noch bestimmte ich, wer sich in meinem Leben aufhalten durfte und wer nicht.
Entschlossen machte ich also drei schnelle Schritte und betrat hinter Alex das Wohnzimmer.
Er hatte sich in die hinterste Ecke der Couch verzogen. Er saß einfach da, den Arm auf die Rückenlehne gelegt, mit der anderen Hand den Knöchel seines Fußes umfassend, den er auf sein Knie gelegt hatte und irgendwie wirkte er dabei...ekelhaft entspannt.
Ich positionierte mich in der entgegen gesetzten Ecke der Couch. So weit weg wie eben möglich von ihm, seinem Lächeln und seinen sanften Augen, die mich immer noch aufmerksam musterten.
Eine Weile saßen wir uns so gegenüber und keiner sagte ein Wort. Ich merkte, wie ich mich langsam ein wenig entspannte. Warum auch immer er hier war, er würde auch wieder gehen.
Als er sich dann aufsetzte und nach vorne beugte, um einen Schluck von seinem Wasser zu trinken, zuckte ich unwillkürlich zusammen. Er sollte bloß da hinten in seiner Ecke bleiben!
Wieder dieser intensive Blick aus seinen Augen über den Rand des Glases hinweg. Dann stellte er das Glas wieder ab und lehnte sich zurück.
Was auch immer Du jetzt denken magst, ich werde Dir nichts tun, sagte er mit ernstem Gesichtsausdruck und genau so ernster Stimme.
Man weiß ja nie, sagte ich, doch die Worte waren nicht mehr als ein gehauchtes Flüstern, was mich ärgerte. Ich räusperte mich und wiederholte meine Worte, diesmal etwas lauter man weiß ja nie...was...was zum Teufel machst Du hier?
Ich habe auf Deinen Anruf gewartet, es ungefähr fünftausend Mal bei Dir probiert und mich dann entschlossen, die Sache eben so in die Hand zu nehmen, entgegnete er und machte dabei eine Handbewegung, die das Wohnzimmer und mich mit einschloss, gerade so, als sei dies die normalste Sache von der Welt.
Ich erinnerte mich an mein Handy, das ich irgendwann, als mir seine Anrufe zu viel wurden, ausgeschaltet und in irgendeine Ecke vergraben hatte.
Am nächsten Tag war ich los gezogen und hatte mir ein neues geleistet. Es war sowieso Zeit gewesen, mir ein moderneres Gerät zu kaufen!
Bist Du jemals auf den Gedanken gekommen, dass ich das vielleicht gar nicht will? fragte ich also zurück und war mir dabei sehr wohl bewußt, dass ich ihn absichtlich verletzen wollte. Er hatte mir einen heiden Schrecken eingejagt und so ganz hatte ich den noch nicht überwunden.
Ich denke die ganze Zeit an nichts anderes, gab er zu und seine zur Schau gestellte Sicherheit und Gelassenheit begann zu bröckeln.
Er machte es einem nicht gerade leicht, auf ihn sauer zu sein!
Und trotzdem bist Du hier, stellte ich fest.
Nein...genau deswegen bin ich hier.
Wie meinst Du das? irritiert sah ich zu ihm hinüber.
Ich suche nach einer Antwort Anna. Eine Antwort auf all meine Fragen. Warum hast Du einfach aufgelegt?
Die Frage kam so unvermittelt, dass ich mehr aus einem Reflex heraus antwortete.
Du hast mich in die Ecke gedrängt. Du hast so schlecht über Steven gesprochen. Er bedeutet mir nach wie vor sehr viel. Es war nicht in Ordnung, so auf ihm herum zu hacken, Du kennst ihn nicht.
Da gebe ich Dir recht. Ich darf mir nicht anmaßen so über ihn zu reden...aber..., er brach ab und schien auf dem Fußboden nach den nächsten Worten zu suchen.
Ich sah gar nicht ein, ihm das hier leichter zu machen, also schwieg ich.
Aber ich glaube nicht, dass das der einzige Grund war, fuhr er schließlich fort Ich habe mich entschuldigt..na ja, zumindest habe ich es versucht und ich dachte, wir wären über das Stadium hinaus, hinter jedem falschen Wort sofort eine Gemeinheit oder einen Angriff zu vermuten.
Vielleicht bist Du über dieses Stadium hinaus....
Sofort biss ich mir auf die Zunge. Das war jetzt taktisch unklug gewesen. Jetzt wußte er, dass es nicht nur alleine an der Sache mit Steven lag.
Ich hatte lange gebraucht, um mir den wahren Grund, warum ich nicht mehr mit Alex sprechen wollte, ein zu gestehen.
Nachdem ich ihn angerufen hatte, um mir den Kummer mit Steven von der Seele zu reden, hatte ich lange darüber nach gedacht, warum ich eigentlich ausgerechnet Alex angerufen hatte...wie ich überhaupt auf die Idee gekommen war, ihn sehen zu lassen, wie schlecht es mir ging. Das ging ihn doch gar nichts an und außerdem...wer wollte schon eine Heulsuse zur Freundin? Jemanden, der sein Leben nicht wirklich auf die Reihe bekam und so etwas wie Hilfe in Anspruch nehmen mußte, wenn er mal kurz seinen Exmann wieder traf?
Ich ärgerte mich im Nachhinein über mich. Ich hatte Alex mehr von mir gezeigt, als ich eigentlich wollte.
Und natürlich hatte er bei unserem nächsten Gespräch direkt wieder auf diesem Punkt herum reiten müssen.
Er führte mir meine Schwächen vor Augen. Er sagte mir mit schonungsloser Offenheit, dass ich ein Idiot war. So etwas tat weh! Nicht dass er mir das sagte, dass wußte ich auch so...aber dass er so über mich dachte.
Ich hatte gemerkt, wie wichtig er für mich geworden war. Ich durfte nicht zu lassen, dass er noch mehr Macht über mich gewann. Am Ende würde ich doch wieder alleine da sitzen, würde er mich genau so verlassen wie Steven, würde er mir genau so weh tun, wie meine damaligen sogenannten Freunde.
Dem mußte ich im Vorfeld schon entgegenwirken und da mir nichts besseres eingefallen war, hatte ich diesen Streit vom Zaun gebrochen. Nicht wissentlich natürlich, aber manchmal machte mein Körper dann doch auch mal ohne mein Zutun das Richtige.
Doch das alles konnte ich ihm nicht sagen. Er würde es nicht verstehen. Er war, entgegen dem was er von sich selbst dachte, sehr stark. Er wußte, was das Richtige für ihn war und wie er mit anderen Menschen umgehen mußte.
Das brachte wohl auch sein Beruf mit sich. Zum ersten Mal, seit er mir plötzlich im Flur gegenüber gestanden hatte, sah ich ihn mir genauer an.
Dunkle Hosen, schwarzes T-Shirt über einem weißem, langärmligen Shirt, Turnschuhe und dieses interessante, ausdrucksstarke Gesicht mit...na ja...diesen Augen eben.
Irgendwie passte er für mich nicht in dieses Bild des Popstars. Ich hatte versucht ihm begreiflich zu machen, dass er im Laufe der Zeit für mich zu einem ganz normalen Menschen geworden war und war mir dessen doch nie wirklich sicher gewesen.
Einer gesichtslosen Person Briefe zu schreiben, oder auch mit ihr zu telefonieren, war immer noch etwas anderes, als demjenigen direkt gegenüber zu stehen.
Titelseiten von Magazinen fielen mir wieder ein, die kleinen Videos, die ich mir aus dem Internet herunter geladen hatte und die immer noch in meinem Computer schlummerten, die ganzen Informationen, die ich im Laufe der Jahre über ihn gesammelt und in meinem Kopf gespeichert hatten...sie schienen von einer anderen Person zu sein.
Alex hatte nur äußerlich etwas mit dieser, mir eigentlich völlig fremden Person gemeinsam. Ich hatte früher mal gedacht, ich würde ihn verstehen, ich wüßte, wie es in etwa in ihm aussah. Ich kam mir inzwischen deswegen recht lächerlich vor. Es waren nie mehr als Ahnungen gewesen, ein Gefühl, dass mich mit ihm verbunden hatte.
Jetzt saß er hier, ich hatte so viel über ihn gelernt und ganz langsam war er zu einer realen Person geworden, die nicht mehr viel von meinem früheren Bild von ihm gemeinsam hatte.
Er war eben Alex und nicht A.J..
Und genau dieser Alex, der bisher meilenweit von mir entfernt gewesen war saß mir jetzt hier in Marias Wohnzimmer gegenüber und wartete darauf, dass ich aus meinen Gedankengängen wieder auftauchte und ihm ein paar Erklärungen für ein Verhalten gab, dass man nicht wirklich mit Worten beschreiben konnte.
Ich befürchte, ich kann es nicht wirklich erklären, sagte ich also und hoffte, dass ihm das genügen würde. Doch er war eben Alex...er lies sich nicht einfach so abspeisen.
Versuch es wenigstens...ich meine...ich bin hier, siehst Du? er breitete die Arme aus und lächelte Sollte Dir das nicht Beweis genug dafür sein, dass ich es ernst meine?
Ich denke, ich habe nie wirklich daran gezweifelt, dass Du es ernst meinst, entgegnete ich wahrheitsgemäß.
Was ist es dann?
Vielleicht hast Du es zu ernst gemeint.
Er sah mich irritiert an. Keine Frage, er hatte keine Ahnung, was ich damit meinte.
Ich seufzte, lehnte mich zurück und zog die Beine unter meinen Körper. Wie sollte ich ihm das bloß erklären, ohne zu viel zu sagen?
Weißt Du...es waren wohl nicht wirklich Deine Worte, die mich verletzt haben...obwohl, verletzt ist wohl nicht der richtige Ausdruck..., ich stockte. Irgendwie kam ich nicht weiter.
Ich habe Dir Angst gemacht, sagte Alex leise und überrascht sah ich zu ihm auf. Scheinbar hatte er doch mehr Ahnung, als ich gedacht hatte.
J-Ja...ich meine...Gott...ich weiß nicht was ich meine.
Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Ich wollte, dass das hier aufhörte und wenn er dafür gehen mußte, dann war das auch o.k.. Doch er schien überhaupt nicht daran zu denken.
Im Gegenteil. Er stand auf und kam mir vorsichtig ein Stück entgegen. Langsam, so als wollte er mich nicht durch eine schnelle Bewegung erschrecken, lies er sich neben mir auf die Couch nieder.
Immerhin hatte er noch so viel Anstand, etwas Abstand zwischen uns zu lassen. Trotzdem rückte ich unbewußt ein Stückchen von ihm ab. Allerdings nicht wirklich weit, da die Couch hinter mir zu Ende war.
Mein Herz, dass sich in der letzten Zeit ein wenig beruhigt hatte, begann wieder schneller zu schlagen. Wenn er auch nur noch einen Zentimeter näher kam, würde ich schreiend davon laufen.
Doch er lehnte sich einfach zurück, stützte seinen Arm auf die Rückenlehne, legte seine Kopf in die Hand und sah mich unverwandt an.
Versuch es, sagte er leise, aber deshalb nicht weniger eindringlich.
Es ist...ich weiß nicht...so ein...Vertrauensding nehme ich an. Je weiter ich von Dir weg bin, desto weniger kannst Du mir weh tun.
Mit anderen Worten, ich bin Dir zu nahe gekommen und Du hast beschlossen davon zu rennen?
So in etwa.
Was hast Du gedacht, was passieren würde, er legte den Kopf etwas schief und wartete gespannt auf meine Antwort.
Ich denke nicht, dass ich in diesem Moment wirklich nach gedacht habe, entgegnete ich.
Gut, dann...hm...was hast Du danach gedacht? Warum hast Du aufgelegt und Dich danach nie wieder gemeldet?
Was willst Du eigentlich hören?
Die Worte sollten bissig und verletzend klingen, stattdessen wirkten sie einfach nur kläglich. Es klang, als sollte er mir den Text für unser Rollenspiel geben, damit ich wußte, was er von mir erwartete und ich mich danach richten konnte. Ich wollte nicht schon wieder etwas falsch machen, ihn nicht noch einmal enttäuschen und wenn ich viel, viel Glück hatte, würde er irgendwann befriedigt wieder von dannen ziehen, ohne dass ich zu viel von mir preis gegeben hatte.
Ich will die Wahrheit hören...sonst gar nichts, sagte er sanft und seine Hand rutschte verdächtig nahe in meine Richtung. Sofort verschränkte ich meine Finger ineinander und versteckte sie in meinem Schoß. So nicht mein Lieber!!
Die Wahrheit...wenn ich die kennen würde. Ich denke, ich bin einfach gegangen, bevor Du es konntest.
So, jetzt war es heraus und es klang sogar noch einigermaßen vernünftig und wohl überlegt. Der Punkt ging an mich...welches Spiel wir hier auch immer spielten.
Alex nickte, so als hätte er genau das erwartet und zum ersten Mal fragte ich mich, was er wohl mit Maria bisher so besprochen hatte. Welche Rolle spielte sie eigentlich in dem ganzen Szenario und wo war sie überhaupt?
Ich drehte meinen Kopf ein wenig um besser in die Wohnung hinein hören zu können und tatsächlich hörte ich sie in der Küche hantieren. Auf der einen Seite beruhigte es mich ungemein, dass sie in unserer Nähe war, auf der anderen Seite wurde ich misstrauisch.
Was hatte sie ihm erzählt?
Ich sah wieder zu ihm hinüber. Er saß immer noch am gleich Fleck, wie festgewachsen und sah mich einfach nur an.
Was? fragte ich also, da mir die Stille langsam unangenehm wurde.
Du bist wunderschön, sagte er und ich spürte, wie mein Gesicht zu brennen begann. Mit Komplimenten konnte ich auch nicht wirklich umgehen.
Übertreiben brauchst Du auch nicht, murmelte ich, während ich den Blick senkte. Ich brauchte dringend Hiiiiilfe!!!
Ich hörte ihn leise Lachen und bekam eine Gänsehaut. Plötzlich registrierte ich sein Aftershave, das mich einhüllte und das so wundervoll nach ihm roch, ich konnte förmlich die Wärme seines Körpers spüren, obwohl uns einige Zentimeter Couch trennten und ich begriff, dass ich mich verliebt hatte.
Zu erst in eine Kunstfigur...eine Hülle, auf die ich meine Träume projeziert hatte und danach in einen wirklich einfühlsamen Menschen, der mir seitenlange Briefe schrieb, der mich anrief, nur um meine Stimme zu hören und der jetzt hier bei mir saß um einen Streit aus der Welt zu schaffen, für den er überhaupt nichts konnte.
Meine Finger begannen zu schmerzen, so krampfhaft presste ich sie zusammen. Ich versuchte mich zu entspannen, nahm die Hände aus dem Schoß, öffnete und schloß meine Finger ein paar mal, bis das Blut wieder zu zirkulieren begann und legte sie dann locker auf meine Knie.
Im selben Moment bemerkte ich, wie sich Alex Hand auf mich zu bewegte. Langsam und vorsichtig umschloß er meine kalten Finger mit seiner warmen Hand und fuhr sanft mit dem Daumen über meinen Handrücken.
Zu fasziniert um meine Hand einfach weg zu ziehen, beobachtete ich dieses Schauspiel, so, als gehöre sie nicht mehr zu mir.
Ich sah seine gebräunte Hand über meiner, etwas blasseren, liegen. Ich sah die zärtlichen Bewegungen, mit der er über meine Finger strich und schließlich fühlte ich auch die Wärme seiner Handfläche.
Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, flüsterte er und ich sah zu ihm auf, direkt in seine Augen, die mich nun zärtlich anlächelten.
Ich schüttelte einfach den Kopf, da ich nicht in der Lage war zu sprechen.
Du bedeutest mir zu viel, als das ich Dir jemals weh tun könnte, sprach er weiter. Meine Bemühungen, Dich von Steven fern zu halten, sind nur aus der echten Sorge um Dich entsprungen. Ich dachte, wenn ich offen und ehrlich bin, Dir meine Meinung sage, könnte ich Dich vielleicht davon überzeugen, dass er nicht gut für Dich ist. Ich hätte wissen sollen, dass das nicht funktioniert...ich meine...ich hätte Dir wohl auch nicht geglaubt bzw. zu gehört, wenn es umgekehrt gewesen wäre.
Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, sagte ich in dem Versuch, einen Scherz zu machen, doch er zeigte nicht einmal die Andeutung eines Lächelns.
Da hast Du recht...ich...Du fehlst mir. Ich hätte nie gedacht, dass es für mich mal so wichtig sein würde, Deine Stimme zu hören, aber..., er brach ab. Scheinbar war es nicht nur für mich schwer, meine wahren Gefühle zu zeigen.
Warum belassen wir es nicht einfach dabei? fragte ich.
Wie meinst Du das? Belassen...im Sinne von vergessen wir den Streit und machen da weiter, wo wir aufgehört haben oder belassen im Sinne von verschwinde und komm nie wieder?
Ich mußte gegen meinen Willen lächeln, als tatsächlich für einen Moment echte Angst in seinen Augen aufflackerte.
Wie könnte ich Dich wohl einfach so wieder gehen lassen? Mal ganz abgesehen davon, dass Du sowieso niemals freiwillig gehen würdest, sagte ich also und ausnahmsweise war das die Wahrheit. Im Grunde wollte ich nicht, dass er wieder ging. Ich brauchte nur das Gefühl, dass er es nicht irgendwann doch tat.
Das Leuchten war mit einem Schlag in sein Gesicht zurück gekehrt.
Du wirst doch am Ende nicht noch vernünftig werden? sagte er neckend und fasste meine Hand etwas fester.
Ich befürchte, das hier ist alles andere als vernünftig, kicherte ich und blickte ihm wieder in die Augen.
Hinter seiner Stirn schien es zu arbeiten, dann schluckte er, schien sich innerlich zu straffen und sah mich mit festem Blick wieder an.
Ich würde Dich jetzt gerne umarmen...das ist...also...das wünsche ich mir schon so lange und nachdem wir das hier ja jetzt irgendwie geklärt haben...also..., er brach ab und schüttelte den Kopf.
Ich benehme mich wie der letzte Idiot, murmelte er vor sich hin und lies meine Hand los, um sich damit durch das Haar zu fahren.
Tust Du nicht, entgegnet ich leise und breitete etwas unbeholfen meine Arme aus.
Mit einem breiten Lächeln zog er mich an sich.
Gott...ich hätte nicht gedacht, dass wir es tatsächlich bis hierher schaffen, schnurrte er an meinem Ohr und drückte mich noch etwas fester an sich.
Ich ehrlich gesagt auch nicht, gab ich zurück und genoss einfach das Gefühl seiner Arme um mich, seines heißen Atems an meinem Hals, seines Herzschlages, den ich deutlich durch sein T-Shirt fühlen konnte und einfach die ungeheure Ruhe, die mich überkommen hatte.
Alex strich mir sanft über den Rücken und rückte dann ein Stück von mir ab, ohne mich allerdings wirklich los zu lassen.
Ist alles o.k.? fragte er.
Ich...denke schon...ich...muß mich wohl erst noch...na ja...etwas daran gewöhnen.
Das ist in Ordnung...Du hast alle Zeit der Welt, aber bitte versprich mir, dass Du sowas nicht noch einmal mit mir machst. Ich war in den letzten Wochen zu nichts zu gebrauchen.
Ehrlich? mein schlechtes Gewissen meldete sich laut und deutlich.
Ganz ehrlich...was meinst Du, warum ich hier bin? Ich meine...die Jungs haben mir nur frei gegeben, weil sie meinten, vorher könnten sie sowieso nichts mit mir anfangen.
Bedeutet das, dass sie jetzt ohne Dich...ich meine...ohne Dich auf der Bühne stehen? fragte ich erschrocken und lies ihn endgültig los.
Nein, nein. Wir hatten sowieso ein paar Tage frei. Nicht dass das jetzt schön gewesen wäre, aber eine Halle, in der wir auftreten sollten, ist kurz vor unserem Auftritt abgebrannt, von daher sind drei Konzerte ausgefallen, weil sie so schnell nicht für Ersatz sorgen konnten und na ja....die Zeit habe ich eben genutzt.
Du hast nicht zufällig etwas damit zu tun, oder? fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen und er lachte laut auf.
Sag mal, hast Du Dich mit Kevin abgesprochen? Der hat mich auch sowas ähnliches gefragt. Aber nein...habe ich nicht. Das war wohl Schicksal.
Er wurde wieder ernst und als er diesmal seine Hand ausstreckte, blieb ich vollkommen ruhig.
Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und legte den Kopf schräg.
Jetzt weiß ich, was Du mit Froschmund gemeint hast.
Als würde es irgendetwas nützen, zog ich meine Lippen zwischen die Zähne und presste sie auf einander, was Alex nur wieder zum Lachen brachte.
Hey...ich finde Deinen Mund wunderschön...sehr...nun ja...verführerisch, das letzte Wort hatte er mit rauer Stimme heraus gehaucht und meine Augen wurden wohl so groß wie Suppentassen. Was hatte er vor? Vor lauter Schreck vergaß ich sogar, meinen Mund weiterhin vor ihm zu verstecken, was er wohl als Aufforderung ansah.
Sein Gesicht kam meinem gefährlich nahe und wie von der Tarantel gestochen, sprang ich von der Couch auf.
I-Ich...also...ich werde mal sehen, ob ich Maria etwas helfen kann, sagte ich und war dabei schon halb aus dem Wohnzimmer geflüchtet.
Alex leises Lachen begleitete mich.
Als ich mit hochrotem Kopf und etwas außer Atem die Küche betrat, schaute Maria fragend von ihren Töpfen auf, in denen sie hingebungsvoll rührte.
Und? fragte sie unsicher. Bringst Du mich jetzt um oder sind wir weiterhin Freunde?
Wir sind weiterhin Freunde obwohl ich zugeben muß, dass ich zwischendurch tatsächlich an Mord gedacht habe.
Ihr fiel offensichtlich ein riesiger Stein vom Herzen, denn sie verließ ihren Posten am Herd, kam zu mir herüber und umarmte mich fest.
Dann, als sei ihr gerade etwas wichtiges eingefallen, schob sie mich abrupt ein Stück von sich und sah mich vorwurfsvoll an.
Du hast mir nie gesagt, wer er eigentlich ist.
Wie...wer er wirklich ist? ich wußte tatsächlich nicht, was sie damit meinte.
Na ja..., vorsichtig lugte sie um die Ecke um sich zu vergewissern, dass Alex uns nicht belauschte und senkte dann die Stimme zu einem Flüstern das er einer von den Backstreet Boys ist. Oh Mann, als er vor mir stand bin ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Wie konntest Du mir das nur verheimlichen?
Ich habe Dir nicht wirklich etwas verheimlicht, versuchte ich mich zu verteidigen und sie legte schnell einen Finger auf ihre Lippen und machte pscht...nicht so laut...am Ende hört er uns noch.
Ich lachte leise Maria...selbst wenn er uns hören kann, versteht er sowieso kein Wort.
Ihr Gesicht war göttlich und veranlasste mich dazu, laut los zu lachen.
Sie stimmte in mein Gelächter ein und knuffte mich freundschaftlich in die Seite mach Dich nur über mich lustig, aber ich sags Dir...der Typ ist hartnäckig! Würde mich nicht wundern, wenn er auf die Schnelle auch noch Deutsch gelernt hätte, nur um Dich besser verstehen zu können.
Jetzt übertreib aber mal nicht, entgegnete ich und trat an den Herd, um in die Töpfe zu schauen. Sie sollte nicht sehen, wie ich schon wieder rot an lief.
Das ist mein Ernst. Erst hat er meine Telefonnummer heraus bekommen und das obwohl ich eine Geheimnummer habe. Frag mich nicht, wie er das gemacht hat und dann hat er mich jeden Abend angerufen und mich bekniet ihm zu helfen.
Hat er das wirklich? ungläubig sah ich zu ihr hinüber.
Oh ja, das hat er. Also...er ist ja wirklich unglaublich nett, aber auch leider unglaublich in Dich verknallt. Also wieder nix mit meinen Chancen bei gutaussehenden, reichen Männern, lächelte sie und setzte sich dann an den kleinen, runden Esstisch.
Wie kommst Du darauf, dass er in mich verknallt ist? fragte ich und setzte mich ihr gegenüber. Alex, der momentan völlig alleine im Wohnzimmer saß, hatte ich vollkommen vergessen.
Also hör mal...erstens wäre das hier ja wohl alles etwas viel Aufwand für eine...sagen wir mal...normale Freundschaft und zweitens...sieh in Dir an. Der hat doch schon Herzchen in den Augen, wenn er Dich nur ansieht.
Meinst Du wirklich?
Anna...manchmal zweifle ich wirklich an Deinem gesunden Menschenverstand. Wie naiv kann man eigentlich sein?
Das liebe ich so an Dir, meinte ich ironisch immer ehrlich und so sanft dabei.
Maria kicherte Du brauchst das einfach, sieh es ein.
Wir lächelten uns noch einen Moment an, dann stand Maria auf, um sich wieder ihren Töpfen zu zu wenden.
Wo ist er jetzt eigentlich? fragte sie beiläufig, ohne im Umrühren inne zu halten.
Ähm...er sitzt drüben?
Alleine? Maria sah mich entsetzt an.
Natürlich alleine...es sein denn, Du hast hier vor meiner Ankunft noch ein paar Leute versteckt.
Doch sie ging auf meinen Scherz gar nicht ein Du kannst ihn doch nicht so einfach da drüben alleine sitzen lassen. Geh gefälligst wieder zu ihm.
Aber...
Kein Aber. So lange ich die Gastgeberin bin, sitzt keiner alleine in meinem Wohnzimmer und langweilt sich.
Wer sagt, dass er sich langweilt?
ICH sage das und nun Abmarsch. Der Ton in ihrer Stimme duldete keinen Widerspruch. Ich hatte also keine Chance ihr zu erklären, dass er gerade versucht hatte mich zu küssen und das es mir eigentlich lieber gewesen wäre, nicht zu ihm zurück zu müssen. Wer wußte schon, was er sich als nächstes ausdachte?
Doch schicksalsergeben erhob ich mich schließlich und schlurfte zurück ins Wohnzimmer.
Alex saß immer noch auf meiner Seite der Couch. Er schien sich, seit ich gegangen war, keinen Zentimeter bewegt zu haben.
Da bin ich wieder, sagte ich und blieb unschlüssig im Türrahmen stehen. Wo sollte ich mich denn jetzt hin setzen?
Würde er es als Aufforderung, mich wieder zu küssen, ansehen, wenn ich mich auf meinen alten Platz zurück setzte, oder sollte ich mich lieber an das andere Ende der Couch begeben? Aber das konnte er womöglich als Zurückweisung auffassen.
Er schien zu spüren, dass ich unschlüssig war, denn er klopfte neben sich auf die Couch und rückte dabei ein wenig zur Seite.
Setz Dich, ich verspreche auch, mich zu benehmen.
Bist Du Dir sicher? scherzte ich und nahm neben ihm Platz.
Ich denke schon, grinste er.
Und nun? fragte ich und verschränkte wieder meine Hände im Schoß.
Hm...also...es gibt da noch ein winzig kleines Problem.
Problem? ich horchte auf.
Nun ja...ich habe noch keinen Platz wo ich heute Nacht schlafen kann. Du hast nicht zufällig eine Couch übrig?
Für einen Moment zögerte ich, doch dann sagte ich mit fester Stimme auf meiner Couch ist immer Platz für Dich.
Danke.
Dabei nickten wir beide, so als hätten wir gerade ein stillschweigendes Abkommen geschlossen.
Ich wollte ihn in meinem Leben behalten und ich hatte ihm soeben den Platz dafür eingeräumt. Er versprach mir, sich anständig zu benehmen und sich vorerst mit der Couch zufrieden zu geben.
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