Kapitel 17
Ich versuchte erst einmal AJ zu ignorieren und ging ohne ein Wort zu sagen das kurze Stück durch den Flur und bog dann nach links in die Küche ab. Meine Gedanken rasten. Was sollte ich ihm sagen wenn er mich fragte, was da gerade eben passiert war? Die Wahrheit kam auf keine Fall in Frage. Das ging ihn nichts an. Es ging niemanden etwas an.
Als ich den Kühlschrank öffnete und nach dem Kanister mit der Milch griff, hörte ich, wie er hinter mir die Küche betrat. Immer noch schwieg ich und scheinbar war ihm auch nicht nach Reden zumute. Also tat ich das, was auch mein Vater schon immer getan hatte, wenn einer von uns nicht schlafen konnte: Ich füllte Milch in einen kleinen Topf und stellte ihn auf den Herd um mir eine heiße Milch mit Honig zu machen.
Ich ignorierte AJ weiterhin, während ich das benutzt Geschirr spülte, damit ich eine saubere Tasse und ein Glas für die Milch hatte. Doch schließlich blieb mir nichts weiter zu tun, als mich zu ihm herum zu drehen.
Er stand mit dem Rücken an den Kühlschrank gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete mich schweigend. Er trug eine hellblaue Pyjama Hose und ein weißes T-Shirt. Ich blickte an mir hinunter. Hellblaue Pyjama Hose und weißes T-Shirt. Na super!
Kannst du nicht schlafen? brach ich schließlich das Schweigen und betete inständig, dass die Milch bald kochte, damit ich meinen nervösen Händen etwas zu tun geben konnte.
Hm, gab er unbestimmt zurück.
Tja, ist ja auch viel passiert heute.
Kann man so sagen.
Ich ging an ihm vorbei und kramte aus einem der Schränke ein Glas Honig hervor. Die goldene Flüssigkeit war schon vor einigen Wochen zu einer zähen, klebrigen Masse kristallisiert, aber für meine Milch sollte es reichen.
Und du? fragte er, stieß sich vom Kühlschrank ab und zog sich einen Stuhl unter dem Küchentisch hervor, auf den er sich dann schwer fallen lies.
Ich brauche nicht viel Schlaf, entgegnete ich, nahm die mittlerweile heiße Milch vom Herd und füllte sie in die Tasse und das Glas.
Mit einem Esslöffel schaufelte ich drei große Portionen Honig in meine Tasse, stellte das Glas mit dem Löffel vor AJ ab und wandte mich dann Richtung Flur.
Wer ist Jack?
AJs fast beiläufig klingende Frage lies mich mitten im Schritt inne halten. Was sollte ich darauf jetzt antworten?
Ein Freund, quetschte ich hervor ohne mich umzudrehen.
Du hast ... seinen Namen gerufen, sagte er leise.
Nun gut, wenn er es so haben wollte. Ich drehte mich zu ihm herum und funkelte ihn böse an. Das geht dich überhaupt nichts an.
Ich weiß.
Warum fragst du dann so blöd?
Er zuckte mit den Schultern und löffelte dabei seelenruhig Honig in sein Glas.
Kümmere dich lieber um deine eigenen Angelegenheiten. Außerdem würde ich vorschlagen, dass du hier verschwunden bist, bevor ich morgen früh wach werde. Am liebsten hätte ich ihn jetzt gleich vor die Tür gesetzt. Er hatte in diesem Teil meines Lebens nichts zu suchen, verdammt nochmal!
Es ist interessant, dass wir beide mit Angst ähnlich umgehen, sagte er und ich hatte das Gefühl, irgendwo zwischendurch einen entscheidenden Teil übersprungen zu haben. Von was redete er da?
Ich habe keine Ahnung, was du mir damit sagen willst, aber ... ,
Ich will damit sagen, unterbrach er mich und richtete nun den Blick seiner dunklen Augen auf mich. Dass du auch sehr gut darin bist, deine Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen und sie auszuschließen. Ich kenne das. Aber es tut nicht gut. So viel kann ich dir jetzt schon sagen.
Ich habe keine Ahnung, warum du zu deinen Mitmenschen unausstehlich bist, aber ich bin es, weil sie mich schlicht und ergreifend nerven. Das hat mit Angst überhaupt nichts zu tun.
Wie du meinst. Aber man kann dein Herz bis hierher schlagen hören. Du hast eine Scheiß Angst und beteuerst dabei doch immer wieder, dass es dir prima geht und alles in bester Ordnung ist. Kommt dir das irgendwie bekannt vor?
Es ist mir scheißegal was du über mich denken magst Mr. Hobby-Psychologe. Ich gehe jetzt auf jeden Fall wieder ins Bett. Gute Nacht, und damit drehte ich mich auf dem Absatz herum und strebte meine Schlafzimmer entgegen. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein?
Die Nacht dehnte sich endlos vor mir aus. Immer wieder döste ich kurz ein, nur um gleich darauf mit klopfendem Herzen in die Höhe zu schrecken. Ich wollte um nichts in der Welt noch einmal von Jack träumen und diesmal hatte das relativ wenig mit dem Traum an sich zu tun. AJ lauerte sicherlich im Wohnzimmer nur auf eine weitere Chance seine Binsenweisheiten von sich zu geben und darauf hatte ich überhaupt keine Lust.
Als der Morgen graute hörte ich schließlich Geräusche im Flur und in der Küche. Gleich darauf wurde die Haustür geöffnete und leise wieder zugezogen. Sollte AJ wirklich gegangen sein?
Leise stand ich auf, durchquerte lautlos den Flur und lugte um die Ecke ins Wohnzimmer. Eine Wolldecke lag sauber zusammengefaltet am Fußende der Couch, darauf ein Kopfkissen. Von AJ war nichts zu sehen, allerdings stand sein Koffer immer noch in der Zimmerecke. Er hatte doch hoffentlich nicht vor, wieder zu kommen?
Zumindest konnte ich mich jetzt wieder einigermaßen entspannen und ich fühlte die bleierne Müdigkeit, die sich sofort über mich legte. Seufzend schlufte ich zurück ins Schlafzimmer und lies mich auf das Bett fallen.
Ich hatte das Gefühl gerade eben erste eingeschlafen zu sein, als mich das Klingeln des Telefons erneut weckte. Ein kurzer Blick auf den Wecker verriet mir, dass es bereits zehn Uhr war und ich somit noch fast vier Stunden geschlafen hatte. Leider fühlte es sich überhaupt nicht so an.
Dementsprechend brachte ich auch nur ein sehr undeutliches Hm? zustanden, nachdem ich mir den Hörer ans Ohr gedrückt hatte.
Guten Morgen Lexi. Na, schon ausgeschlafen?
Nicht wirklich, nuschelte ich und war froh, Hanks Stimme zu hören.
Nun, vielleicht kann ich dir dann beim Aufwachen behilflich sein, schmunzelte er. Ich habe die Ergebnisse der Fingerabdrücke auf deinen Briefen.
Bin wach, sagte ich aufgeregt und setzte mich in meinem Bett auf.
Leider hat Marissa nichts gefunden. Die Abdrücke sind unserer Datenbank vollkommen unbekannt.
Na wunderbar, entgegnete ich enttäuscht. Es hätte ja auch mal was positives sein können.
Es wird noch schlimmer. Wir haben die gesamte McLeansche Villa auf Fingerabdrücken untersucht. Einen einzigen haben wir am Türknauf der Haustür gefunden, aber der ist so verwischt, dass nicht mehr einwandfrei feststellbar ist, ob er zu denen von den Briefen passen.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit?
Du weißt doch wie das ist. Nur die Fragmenten nützen uns gar nichts.
Habt ihr denn wenigstens eine einzige Übereinstimmung gefunden? Irgendetwas? Wirklich Hank, ich glaube langsam an eine Verschwörung.
Wir haben zwei Übereinstimmungen gefunden, aber ... , bremste er gleich mein erfreutes Aufatmen Du weißt so gut wie ich, dass das gar nichts zu bedeuten hat. Wahrscheinlich würden sich zwischen unseren Fingerabdrücken noch mehr Übereinstimmungen finden lassen.
Ich weiß. Aber lass es uns einfach als ... uhm ... gutes Omen sehen. An irgendetwas muß ich mich doch aufrecht halten.
Wenn du meinst. Aber sind wir ehrlich ... es bringt dich nicht wirklich weiter.
Das stimmt, seufzte ich. Habt ihr mit der Putzfrau schon gesprochen?
Ja, Neil hat das heute morgen übernommen. Aber sie weiß von nichts. Sie hat wie üblich zwei Mal die Woche in dem Haus sauber gemacht und als sie das letzte Mal da war, ist ihr weder ein voller Aschenbecher, noch der Parfümgeruch aufgefallen.
Vielleicht gibt sie das ja auch nur nicht zu, weil das dann bedeuten würde, dass sie nicht richtig gearbeitet hat.
Wenn es nur der Aschenbecher wäre, würde ich dir sogar recht geben. Aber diesen Gestank hätte niemand übersehen, oder sagen wir besser überriechen können.
Hm ... trotzdem. Meinst du, ich könnte noch einmal mit ihr reden? Ich meine ... ich würde mir einfach gerne selbst ein Bild von ihr machen.
Nur zu, tu, was du nicht lassen kannst. Aber sei nicht enttäuscht, wenn dabei nichts heraus kommt.
Ich bin verzweifelt Hank, von daher greife ich im Moment nach jedem Strohhalm.
Na, na. Wer wird denn so schnell die Flinte ins Korn werfen? Dieser verrückte Fan wird irgendwann einen Fehler machen und so wie ich dich kenne, wirst du genau dann zur Stelle sein.
Danke für die Aufmunterung, aber du vergisst, dass ich diese Gelegenheit bereits hatte. Es wurde sogar schon ein Foto von mir geschossen, ohne dass ich das mitbekommen hätte. Manchmal glaube ich, dass meine Erfolge bei der Polizei nur auf Jack zurück zu führen sind. So unfähig wie ich mich im Moment anstelle ... ,
Jack war ein guter Polizist, entgegente Hank sanft und ich mußte schlucken. Aber du warst und bist es auch. Gib dir ein bißchen Zeit. Es klappt eben nicht immer alles von Anfang an. Aber du bist zäh. Ich weiß, dass du es schaffen wirst und dann bist du auch diesen nervigen Popstar wieder los.
Oh, da sagst du was. Er ist doch tatsächlich gestern Abend hier aufgetaucht und hat sich bei mir einquartiert.
Tatsächlich? Hank lachte auf. Lexi, Lexi. Was soll ich mit dir nur machen? Wenn du einsam bist, brauchst du es mir doch nur sagen. Ich schicke dir meine beiden Kinder vorbei, die halten dich schon auf Trab.
Ob du es glaubst oder nicht, AJ ist da auch nicht viel besser. Wirklich, der Typ bringt mich noch zur Weißglut. Wenn er also irgendwann tot aufgefunden wird, kann es durchaus sein, dass man meine Fingerabdrücke am Tatort finden wird.
Dafür bist du zu schlau. Aber vielleicht sollten wir den Teufel nicht an die Wand malen. Immerhin gibt es im Moment tatsächlich eine sehr reale Bedrohung für ihn, auch wenn diese noch nicht wirklich in Erscheinung getreten ist.
Du hast recht. Es ist nur ... ach, ich schüttelte den Kopf. Was redete ich hier eigentlich? Ich war Sophie Lexington. Eine knallharte Polizisten, die mit Gefühlsdusselei und dem ganzen Mädchenkram noch nie was am Hut gehabt hatte. Ich sollte AJ McLean einfach als das betrachten, was er war: Ein Opfer, das es galt zu schützen, aber nicht mehr. Und schon gar nicht durfte ich ihn noch tiefer in mein Leben hinein lassen, was bedeutete, dass er unter keinen Umständen eine weitere Nacht auf meiner Couch verbringen würde.
Du wirst das schon richtig machen Lexi. Lass dich von ihm nicht in die Enge treiben. Er kann dir doch gar nicht das Wasser reichen.
Wo du recht hast, hast du recht, entgegnete ich und konnte dabei schon fast wieder lächeln.
Ich muß dann auch wieder los. Lass es mich wissen, wenn bei der Putzfrau noch etwas heraus kommt. Ansonsten Hals und Beinbruch.
Danke Hank. Du bist wirklich ein Freund.
Ich weiß. Und du schludest mir jetzt schon mindestens zwei Bier, dass das klar ist.
Oh, wenn die Sache hier vorbei ist geht ein Abend in Lucies Tavern auf mich. Darauf kannst du einen lassen.
Ich werde es mir merken, lachte er.
Er nannte mir noch die Adresse von Mia Gonzales der Putzfrau, dann verabschiedeten wir uns und ich lies mich zurück auf das Bett sinken. Alle Spuren waren bisher im Sande verlaufen und ich fragte mich so langsam, wie das sein konnte.
Wenn hier tatsächlich ein verwirrter Fan am Werk war, dann hatte dieser entweder unheimlich großes Glück oder war schlauer, als die meisten Verbrecher, die damit ihren Lebensunterhalt verdienten. So viele Dinge passten einfach viel zu gut zusammen. Es konnte in meinen Augen also unmöglich sein, dass AJ diese Person nicht kannte. Vielleicht sollte ich in dieser Richtung doch noch einmal bei ihm nachbohren. Man wußte ja nie.