Kapitel 33

Die junge Frau, die ein letztes Mal mein Ticket kontrollierte bevor ich den langen Schlauch betreten konnte, der mich zum Einstieg des Flugzeuges bringen würde, hatte meine Bordkarte bereits in der Hand, als ich jemanden meinen Namen rufen hörte.
„Sam! Warte!“
Ich fuhr mit rasendem Herzen auf dem Absatz herum und sah, wie A.J. sich schwer atmend einen Weg durch die noch wartenden Passagiere hinter mir bahnte. Was suchte er denn hier?
Als er mich erreicht hatte blieb er keuchend stehen und fasste nach meiner Hand.
„Bitte ... ,“ japste er, lies meine Hand los und stützte sich mit den Händen auf seinen Knien auf um besser Luft zu bekommen. Dann versuchte er es erneut „bitte ... flieg nicht.“
„Wie bitte?“ geistesabwesend nahm ich mein Ticket von der junge Frau entgegen und starrte völlig verstört auf ihn hinunter.
„Bleib hier ... bei mir ... ich ... ,“ er hustete einen Moment und richtete sich dann auf „ich habe es gewußt,“ sagte er schließlich „ich hätte mit dem Rauchen schon vor langer Zeit aufhören sollen.“
„Deine Rauchgewohnheiten interessieren mich einen feuchten Dreck,“ sagte ich kalt, drehte mich herum und strebte dem Eingang des Tunnels zu.
„Sam, bitte warte,“ er hielt mich am Arm fest und drehte mich mit sanfter Gewalt zu sich herum.
„Es tut mir so unendlich leid. Ich habe mich wie der letzte Idiot benommen. Ich ... ich möchte Dich nicht verlieren. Bitte ... ,“
Ich schüttelte den Kopf „tut mir leid, Du kommst zu spät. Irgend so ein Mistkerl hat mir nämlich gesagt, dass er lieber mit seiner Freundin zusammen sein will und ich in seinem neuen Leben keinen Platz habe. Du wolltest es so, also komm’ mir jetzt nicht auf die Tour.“
Ich war fast ein wenig erschrocken über meine heftige Reaktion. Natürlich hatte ich mir heimlich ausgemalt wie es sein würde, wenn er urplötzlich auf dem Flughafen auftauchen und mich bitten würde zu bleiben. In meinen rosaroten Träumen hatte ich ihm immer großmütig verziehen und wir lebten glücklich bis ans Ende unserer Tage.
Doch die Realität sah anders aus. Er hatte zu viel zerstört, mein Herz ohne mit der Wimper zu zucken in zwei Teile gebrochen. Er hatte keine Gnade zu erwarten.
„Bitte Sam. Flieg nicht. Bleib bei mir. Ich ... ich liebe Dich.“
Eigentlich hätte ich jetzt glücklich sein müssen. So lange hatte ich auf diese drei Worte gewartet, doch gerade in diesem Moment bedeuteten sie gar nichts.
„Nein A.J.. Du kannst nicht immer alles haben. Vielleicht habe ich Dich sogar einmal geliebt, aber das hast Du alles zerstört. Geh’ nach Hause zu Sarah und werde mit ihr glücklich. Wir beide haben keine Zukunft.“
Ich riss mich von ihm los und bevor er noch irgendetwas sagen konnte, war ich bereits durch den Tunneleingang getreten und er blieb hinter mir zurück.

Ich saß an meinem Platz an Fenster und schluckte immer wieder heftig. Eine unbedachte Bewegung, einmal falsch Luft geholt und ich würde hier auf der Stelle in Tränen ausbrechen. Was dachte er sich nur dabei hier in letzter Sekunde auf zu tauchen? Hatte er wirklich geglaubt, er könnte alles was geschehen war mit einer kleinen Entschuldigung wieder gut machen? Und was meinte er damit, dass er mich liebte? Wie eine Freundin? Wie ein Mann eine Frau? Doch es war wohl müßig darüber nach zu denken. Es änderte nichts an meinem Entschluss oder meinen Gefühlen.
Ein kleiner Tumult entstand am Eingang des Flugzeuges, ich hörte ein lautes „Ohne Ticket dürfen sie hier nicht herein Mister,“ und gleich darauf lief A.J. durch den Gang und lies seinen Blick suchend über die Sitzreihen wandern. Eine aufgebrauchte Stewardess rannte hinter ihm her und versuchte ihn auf zu halten, allerdings mit wenig Erfolg.
Ich rutschte ganz tief in meinen Sitz und hoffte, er würde mich übersehen, aber das tat er natürlich nicht. Die Frau, die neben mir saß staunte nicht schlecht, als A.J. plötzlich vor ihr stand und sagte „es tut mir leid, hätten sie etwas dagegen, wenn ich mich für fünf Minuten auf ihren Platz setze?“
„Natürlich habe ich etwas dagegen,“ fuhr sie auf und ihr Gesicht lief sofort krebsrot an. Scheinbar hielt sie ihn für einen rüpelhaften Unruhestifter und wenn er nicht aufpasste, würde sie ihm im nächsten Moment eins mit Ihrer Handtasche überziehen. Doch da kannte sie A.J. schlecht.
„Hören sie. Es tut mir leid, wenn ich ihnen Umstände bereite, aber neben ihnen sitzt die Frau meines Lebens und ich habe nur fünf Minuten um sie davon zu überzeugen doch bei mir zu bleiben,“ dabei setzte er seinen berühmten A.J. McLean Hundeblick auf und ich konnte förmlich dabei zu sehen, wie sie dahin schmolz. Mittlerweile hatte ihn auch die Stewardess erreicht und fuhr ihn wütend an „was haben sie sich eigentlich dabei gedacht? Machen sie, dass sie hier raus kommen oder ich rufe den Sicherheitsdienst.“
„Kindchen,“ die Frau neben mir hatte ihren beleibten Körper mittlerweile aus ihrem Sitz gehoben und schob sich nun mit einiger Anstrengung zwischen A.J. und die Stewardess „geben sie dem jungen Mann fünf Minuten. Hier geht es um Liebe, da sollten wir einmal ein Auge zu drücken.“
Ich bekam nicht mehr mit, was die Stewardess antwortete, denn die Frau schob sie einfach unerbittlich vor sich her den Gang hinunter. Gleich darauf lies sich A.J. neben mir in den Sitz fallen.
„Was ... ,“ begann ich, doch er unterbrach mich.
„Gib mir nur fünf Minuten, bitte. Mehr verlange ich gar nicht.“
„Du hast überhaupt nichts zu verlangen,“ sagte ich und funkelte ihn wütend an.
„Ich weiß. Gott Sam. Es tut mir so unendlich leid,“ er hatte sich in seinem Sitz aufgerichtet und war ein Stück nach vorne gerutscht um mich so direkt ansehen zu können. Seine Hand hielt meine umfasst und während er sprach, fuhr sein Daumen immer wieder über meinen Handrücken, was mir einen wohligen Schauer über den Rücken rieseln lies. Ich ärgerte mich darüber. Er sollte nicht diese Macht über mich haben. Zumindest nicht jetzt, wo es für mich hieß hart zu bleiben. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie ein paar Augen zwischen den Ritzen der Reihe vor mir durchlinsten.
„Bitte. Ich habe einen gigantischen Fehler gemacht, das weiß ich. Ich dachte, ich müsste Sarah und mir noch eine Chance geben und war bereit dafür alles zu tun. Sogar, Dich auf zu geben und Dich damit zu verletzen. Das hätte ich niemals tun dürfen und ich kann gar nicht oft genug wiederholen wie leid es mir tut.
Bitte, Du darfst nicht gehen. Ich liebe Dich, wie ich noch niemals einen Menschen zuvor geliebt habe.“
Er wußte scheinbar nicht mehr was er sagen sollte. Er atmete stoßweise und sah mich die ganze Zeit mit großen Augen an, die in Tränen schwammen. Er hätte einen Stein zum Erweichen gebracht und seltsamer Weise glaubte ich ihm sogar. Doch es änderte nichts an der Tatsache, dass er mich und meine Gefühle mit Füßen getreten hatte und das konnte ich ihm nicht so einfach verzeihen.
„A.J., das ist alles gut und schön, aber so funktioniert das nicht,“ sagte ich also etwas sanfter und berührte ihn leicht am Arm.
„Aber ich liebe Dich doch,“ sagte er kläglich und eine Tränen rollte ihm dabei über die Wange.
„Das mag ja sein, aber das reicht mir nicht. Du liebst mich vielleicht im Moment, aber wer garantiert mir, dass das morgen auch noch so sein wird?“
„Ich!“ gab er heftig zurück, was mich lächeln lies. Manchmal benahm er sich wirklich wie ein zu groß geratenes Kind.
„Was ist überhaupt mit Sarah?“ Im Grunde kannte ich die Antwort bereits.
„Ich habe mich von ihr getrennt. Es ... hat nicht funktioniert. Ich mußte immer an Dich denken und ... na ja ... ich denke es war das beste so.“
„Immerhin hast Du das wenigstens richtig zu Ende gebracht,“ gab ich zu.
„Bitte bleib bei mir,“ bat er noch einmal.
„Nein, A.J.. Du weißt genau so gut wie ich, dass das im Moment nicht funktionieren würde. Du brauchst Zeit für Dich um heraus zu finden, wer Du eigentlich bist und was Du wirklich willst. Dabei kann ich Dir leider nicht helfen.“
Er schwieg eine Weile um über das nach zu denken, was ich eben gesagt hatte. Ich sah ihm an, dass er verstanden hatte und wußte doch gleichzeitig, dass er es noch nicht wahr haben wollte.
„Sam, bitte. Flieg nicht,“ flüsterte er und ich schüttelte erneut den Kopf.
Dann beugte ich mich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuß auf die Lippen.
„Ruf mich an, o.k.?“ sagte ich leise und er nickte widerstrebend. Für einen Moment sahen wir uns fest in die Augen, verloren uns in der Weite darin, dann brach ich den Blickkontakt ab.
„Und jetzt geh’, bevor sie Dich doch noch verhaften lassen.“
Er rührte sich nicht und hielt immer noch meine Hand.
„Es tut mir so leid,“ sagte er erneut.
„Ich weiß A.J., ich weiß.“
Dann holte er tief Luft, lies meine Hand los und nickte „ich werde Dir beweisen, dass ich Dein Vertrauen wert bin,“ sagte er fest.
„Das wäre schön.“
Er erhob sich und blickte noch einmal auf mich hinunter. Bevor ich wußte wie mir geschah beugte er sich herunter, nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich zärtlich.
„Du wirst mich nicht los,“ sagte er mit rauer Stimme, was ich mit einem Lächeln erwiderte. Dann schob er sich aus der Sitzreihe und ging langsam den Gang entlang in Richtung Ausgang. Als er an der Stewardess vorbei kam, die ihn vorhin durch den gesamten Gang gejagt hatte, beugte er sich zu ihr hinunter und gab ihr einen schmatzenden Kuß auf die Wange.
„Vielen Dank,“ hörte ich ihn sagen und die junge Frau schien sichtlich überrascht, denn sie sagte keinen Ton mehr.
Am Ausstieg drehte er sich noch einmal zu mir herum.
„Ich liebe Dich,“ formte er mit den Lippen.
„Ich lieb Dich auch,“ flüsterte ich zurück, allerdings war er zu diesem Zeitpunkt bereits aus meinem Blickfeld verschwunden.

Kapitel 34