Kapitel 32

Die letzte Woche in L.A. flog nur so dahin. Ich hatte unglaublich viel mit den Vorbereitung für meine Reise und dem Umzug zu tun.
Für’s erste würde ich in London bei einer zukünftigen Kollegin unterkommen, also mußten meine gesamten Möbel erst einmal eingelagert werden. Außerdem hatte ich einen Makler beauftragt, mein Haus zu verkaufen und zwischen bereits gepackten Koffern und Kartons führte ich einige Interessenten herum.
Wie der Makler mir versprochen hatte, dauerte es nicht lange, bis ich einen Käufer gefunden hatte. Ein junges Ehepaar war ganz entzückt von dem kleinen Häuschen und sie waren auch bereit den Preis zu bezahlen, den ich mir vorstellte.
An meinem letzten Abend führte mich Miranda groß zum Essen aus. Wir saßen an einem der hinteren Tische in einem gut besuchten Steakhaus und genehmigten uns eine Flasche Rotwein.
Nach meinem letzten Erlebnis mit dem Teufelszeug Alkohol war ich allerdings vorsichtig geworden und nippte den gesamten Abend an einem einzigen Glas, während Miranda den Rest leerte.
„Oh Mann, wird das langweilig werden ohne Dich,“ seufzte sie gerade und knabberte an einem Salatblatt.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Gesellschaft so überaus erstrebenswert ist,“ gab ich grinsend zurück.
„Hey, immerhin kennst Du gewisse Berühmtheiten. Es war immer sehr interessant.“
„Na vielen Dank. Wenn ich nicht mehr zu bieten hatte, war das ja mehr als traurig.“
Sie lachte „Du weißt, dass es so nicht gemeint war.“
„Ich weiß,“ gab ich lächelnd zurück und hob mein Glas.
„Auf die Zukunft und die Vergangenheit. Möge das eine wunderschön sein und das andere in Frieden ruhen.“
„Oh Gott, wie pathetisch,“ kicherte sie und stieß mit mir an.
„Und Du hast tatsächlich nichts mehr von A.J. gehört?“ fragte sie dann und das Stück Fleisch in meinem Mund schmeckte plötzlich wie Pappe.
„Nein. Das war ja nun wohl auch nicht zu erwarten gewesen, oder?“
Sie seufzte „ich hätte ihm wirklich mehr Geschmack zu getraut.“
„Ja, manchmal entpuppen sich die liebsten als die schlimmsten.“
„Ich frage mich, an welchem Punkt es anfing, schief zu laufen,“ sinnierte sie.
„Vergiss es. Das versuche ich schon seit drei Wochen heraus zu finden. Leider mit mäßigem Erfolg. Ich glaube, dass die Sache mit dem Kuß ein gewaltiger Fehler war, aber im Endeffekt wäre es wahrscheinlich auch ohne ihn so weit gekommen.“
„Warum bereust Du es dann? Ich meine ... es hat doch Spaß gemacht. Das ist etwas, was Du in Deinen Erinnerungen behalten solltest. Verschandele es nicht damit, dass Du darüber nachdenkst was gewesen wäre wenn.“
Ich lächelte. Das war einer der Gründe, warum ich Miranda so gern hatte. Sie gewann auch noch der schlimmsten Situation etwas positives ab.
„Du hast wahrscheinlich recht. Ich kann immerhin behaupten, ich habe A.J. McLean geküsst, was auch immer das Wert sein mag.“
„Was ist es Dir wert?“
„Mir ... hm ... ,“ ich dachte eine Weile über ihre Frage nach. Wenn ich ehrlich war verging kein Tag, an dem ich nicht an diesen Kuß zurück dachte. Im Nachhinein verklärte sich wohl ein wenig mein Blick, aber ich war der Meinung, noch nie so leidenschaftlich geküsst worden zu sein.
„Ich glaube, es ist mir eine ganze Menge wert,“ antwortete ich langsam und lies meinen Blick in die Ferne schweifen.
„Na, dann ist ja alles klar,“ grinste sie „und jetzt wollen wir keinen Gedanken mehr an den Mistkerl verschwenden sondern uns netteren Themen zu wenden.“
„Du hast recht. Er hat hier heute Abend nichts zu suchen.“

Ich hatte Miranda schließlich irgendwie dazu überredet, mich nicht zum Flughafen zu bringen. Ich hasste Abschiede. Es war schon schlimm genug, sie nach dem Essen bei ihr zu Hause ab zu setzen. Wir weinten beide ein bißchen und versprachen, uns ganz oft an zu rufen und wenigstens einmal im Jahr zu sehen. Ich zweifelte zwar daran, dass eine Frau wie Miranda länger als vier Wochen an mich denken würde, doch ich versuchte positiv auf mein neues Leben zu zu gehen.
Schließlich hob der Taxifahrer meine Koffer aus dem Kofferraum auf einen Gepäckwagen, kassierte seinen Fahrpreis und wünschte mir dann viel Glück in Europa.
Als ich das Terminal betrat, erfasste mich so etwas wie unbändige Vorfreude, die sogar das Gefühl der Angst für eine Weile vertreiben konnte. Ich war auf dem Weg nach Europa, an eine neue Schule mit neuen Aufgaben und neuen Menschen, die, durfte ich meiner zukünftigen Mitbewohnerin glauben, sich schon alle riesig auf den Importschlager aus Amerika freuten.
Entsprechend beschwingt gab ich also mein Gepäck auf und begab mich dann durch die Sicherheitskontrollen zu den Abflughallen. Eine Weile bummelte ich noch an den Duty-Free-Shops entlang, kaufte mir zwei Zeitschriften und die London Times und setzte mich dann in die Wartehalle.
Mein Blick wanderte durch die große Glasfront hinaus auf das Rollfeld. Unzählige, riesige Maschinen standen dort draußen, rollten auf die Startbahn oder landeten gerade. Es war unglaublich aufregend das alles zu betrachten und sich bewußt zu machen, dass ich ein Teil dieser ganzen Maschinerie war.
Nach einer ganzen Weile wurde mein Flug dann endlich aufgerufen und ich stellte mich in die lange Schlange der einsteigenden Passagiere. Noch einmal warf ich einen Blick zurück und verabschiedete mich innerlich von meinem Heimatland. Ich wußte, ich würde eines Tages zurück kehren und das machte mir den Abschied dann doch um einiges leichter.

Kapitel 33