Kapitel 31

Ich kroch bei Harrison zu Kreuze und verschaffte mir zwei Wochen Urlaub. So sehr ich auch die Abwechslung hätte gebrauchen können, um so unmöglicher erschien es mir, mich in meinem Zustand vor eine Klasse zu stellen. Natürlich würde das die Gerüchteküche noch weiter anheizen, aber das war mir im Moment herzlich egal.
Ich verbrachte viel Zeit am Strand, saß entweder auf meinem Felsen oder wanderte endlose Stunden am Rande des Wassers entlang. Ich versuchte mich von den Gedanken an A.J. ab zu lenken, in dem ich nach einer neuen Strategie für mein Leben suchte. Etwas mußte sich ändern. Ich konnte unmöglich an dieser Schule bleiben und in meinem Haus fühlte ich mich auch nicht mehr wirklich wohl, da mich jedes Möbelstück an A.J. erinnerte.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dem Ganzen nicht gewachsen zu sein, dass ich mir einfach zu viel zugemutete hatte und dann war ich kurz davor, Miranda an zu rufen. Doch ich wollte nicht, dass sie mich so sah und ihre gut gemeinten Ratschläge hätte ich wahrscheinlich im Moment auch nicht ertragen.
So formte sich langsam aber sicher eine Idee in meinem Kopf und in der Mitte der zweiten Woche begann ich meinen Plan in die Tat um zu setzen.
Ich führte unzählige Telefonate mit ehemaligen Kommilitonen, mit diversen Schulen, mit dem Konsulat, verschiedenen Botschaften und am Ende mit einer Fluggesellschaft und einer Umzugsfirma.
Innerhalb von drei Tagen hatte ich mein neues Leben organisiert und am Montag Morgen betrat ich mit festem Schritt das Schulgebäude. Seit Tagen fühlte ich mich wieder einigermaßen real, hatte so etwas wie Zuversicht und Lebensmut wieder gefunden und der erste, der das zu spüren bekommen würde, war Harrison.
Ich trat ohne an zu klopfen in sein Büro und überhörte seinen bissigen Kommentar. Am liebsten hätte er mich wohl wieder hinaus geschickt, um das mit dem Anklopfen noch einmal zu üben, aber scheinbar genügte ihm ein Blick in mein entschlossenes Gesicht, um sich das diesmal zu verkneifen.
Ich setzte mich ihm gegenüber und machte mir nicht die Mühe, meine Jacke aus zu ziehen.
„Ich wollte, dass sie das hier bekommen,“ sagte ich lächelnd und reichte ihm ein Stück Papier.
„Was ist das?“
„Eine Kopie meiner Beschwerde an die Schulaufsichtsbehörde. Glauben sie mir, die waren sehr interessiert an meinem Bericht über ihre Führungsmethoden.“
„Die werden sicherlich nicht mehr so erfreut sein, wenn ich ihnen mitteile, dass sie einer Drogensüchtigen geglaubt haben,“ gab er leichthin zurück und lies das Blatt Papier auf den Tisch sinken.
„Erstens haben sie rein gar nichts gegen mich in der Hand,“ entgegnete ich „und zweitens habe ich denen bereits erzählt, was für eine Show sie hier ab gezogen haben. Im Zuge dessen habe ich auch gleich erfahren, wie sie meine Vorgängerin hier heraus geekelt haben und ich muß sagen, dass war wirklich nicht die feine Art.“
„Sie hat sich den Kindern unsittlich genähert, so etwas musste ich melden.“
„Sie hat den Schülern lediglich kostenlose Nachhilfestunden gegeben, das wissen sie ganz genau und die Schulbehörde auch. Ich gehe davon aus, dass sie sicherlich heute noch Besuch bekommen werden.“
Mit diesen Worten stand ich auf, was Harrison dazu veranlasste, ebenfalls von seinem Stuhl auf zu springen.
„Sie werden damit nicht durch kommen,“ rief er.
„Wenn sie das glauben möchten, mir auch recht,“ gab ich schulterzuckend zurück und drehte mich an der Tür noch einmal herum.
„Ach, hier haben sie übrigens noch meine Kündigung. Ich nehme mal an, das wird sie sicherlich freuen.“
Ungläubig starrte er auf das Blatt Papier, das ich ihm gereicht hatte.
„Sie gehen ... freiwillig?“
„Ja, ich gehe. Ich habe ein Angebot aus London, das ich unmöglich ablehnen konnte.“
Damit schlug ich ihm buchstäblich die Tür vor der Nase zu und fühlte mich dabei so gut, wie schon lange nicht mehr.

„Du gehst nach London?“ Miranda sah mich mit großen Augen an und kippte aufgeregt mit ihrem Stuhl nach vorne.
„Ja. Ein ehemaliger Kommilitone hat mir den Job mehr oder weniger besorgt. Nachdem sich die Schulbehörde jetzt mit Harrison beschäftigt, werde ich sicherlich auch ein gutes Zeugnis bekommen.“
„Das ist fantastisch! Und unsagbar traurig. Was mache ich denn hier ohne Dich?“
„Komm’ doch mit. So ein bißchen Europa tut Dir sicherlich auch gut.“
„Ich weiß nicht. Das Essen soll da nicht so besonders sein und dann dieser Linksverkehr und immer nur Regen. Ich glaube nicht, dass das etwas für mich wäre.“
„Du hast aber keine Vorurteile, oder?“ lachte ich und sie stimmte mit ein.
„Nicht das ich wüsste.“
Mir war danach, sie zu umarmen und als ich es dann auch tat, schaute sie ziemlich verdutzt aus der Wäsche.
„Was war das eben?“ fragte sie verlegen.
„Hm ... sagen wir, das war ein kleines Dankeschön für Deine Unterstützung in der letzten Zeit.“
„In der letzten Zeit ist gut. Ich habe seit zwei Wochen keinen Pieps von Dir gehört.“
„Ich weiß. Mir ... ging es nicht so gut.“
„So viel zu dem Thema Unterstützung,“ schnaubte sie.
„Hey, ich habe gewußt, dass Du für mich da wärst, nur das alleine zählt.“
„Warum bist Du dann nicht vorbei gekommen? Was ist überhaupt passiert?“
„A.J. hat beschlossen zu Sarah zurück zu gehen.“
„Oh, das tut mir leid,“ sagte sie sofort und legte mir mitfühlend eine Hand auf den Arm.
„Das ist noch nicht einmal das Schlimmste. Er hat außerdem beschlossen, dass wir uns nicht wieder sehen sollten.“
„Wie bitte?“
„Sie hat ihm wohl ein Ultimatum gestellt und er hat es befolgt.“
„Ein Ultimatum? So nach dem Motto „sie oder ich“?“
„Genau so. Er hat sich für sie entschieden und nachdem ich jetzt zumindest wieder in der Lage bin seinen Namen aus zu sprechen ohne das ich sofort in Tränen ausbreche, muß ich sagen, dass das vielleicht noch nicht einmal das Schlechteste war.“
„Ich glaube ich habe mich verhört. Nicht das Schlechteste? Er hat Dich abserviert, einfach so und nach allem was Du für ihn getan hast, dieses Schwein. Der soll mir mal zwischen die Finger kommen, ich werde ... ,“
„Miranda,“ ich drückte ihre Hand und lenkte so ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich. „Überleg’ doch mal. Ich hätte es wahrscheinlich niemals aus eigener Kraft geschafft von ihm los zu kommen. Irgendwann wäre ich als alte Jungfer einsam und alleine gestorben und das alles für einen Mann, der noch nicht einmal zu schätzen weiß, was er da eigentlich hat. Also hat er mir im Grunde einen Gefallen getan.“
„Samantha, ich glaube, jetzt bist Du völlig durchgedreht,“ sagte sie mit echter Überzeugung in der Stimme und ich mußte lachen.
„Nein Miranda, ich glaube nach langer Zeit tue ich endlich wieder das Richtige.“
„Glaubst Du, vor Deinen Gefühlen weg zu laufen ist der richtige Weg?“
„Hör auf so pessimistisch zu denken. Ich erweitere meinen Horizont, werde viele neue Leute kennen lernen und endlich ein Leben ohne Mr. McLean beginnen. Du wirst sehen, in einem Jahr erkennst Du mich nicht wieder.“
„Wer’s glaubt ... ,“ schnaubte sie und lies ihren Stuhl wieder nach hinten sinken.
„Du wirst mir fehlen,“ sagte sie schließlich leise.
„Du mir auch,“ gab ich zurück und umarmte sie erneut. Diesmal lies sie es anstandslos geschehen.
Theoretisch hörte sich mein Plan perfekt an, in der Praxis war das natürlich alles lange nicht so einfach. Sicherlich hatte Miranda recht: Auf eine gewisse Art lief ich davon, aber ich sah keine andere Möglichkeit. Ich mußte von vorne anfangen und das schien mir hier nicht möglich. In London erwartete mich ein neues Leben, eine weiße Weste und die Möglichkeit, Ordnung in meine Gedanken zu bringen und das würde ich mir von niemandem nehmen lassen.

Kapitel 32