Kapitel 30
Der Tag in der Schule war einer der längsten, den ich jemals dort zubringen musste. Ich hatte das Gefühl, dass mich ständig ein dutzend Augenpaare beobachteten, egal wo hin ich ging.
Natürlich hatte sich die Geschichte auch bei den Schülern wie ein Lauffeuer verbreitet und ich beantwortete den restlichen Tag unzählige Fragen zu Drogentests, meiner Beziehungen zu A.J., dem Tabu und tausend anderer kleiner Dinge.
Nach dem letzten Klingeln verschwand ich so schnell ich konnte und gönnte mir für den Heimweg ein Taxi, da ich keine Lust hatte, im Bus auch noch wegen meiner Drogenvergangenheit an gesprochen zu werden.
Als ich schließlich völlig erschöpft zu Hause ankam, blinkte der Anrufbeantworter hektisch. 10 Anrufe waren in meiner Abwesenheit eingegangen und ich ahnte nichts Gutes, als ich auf die Wiedergabetaste drückte.
7 Anrufe waren von aufgebrauchten Eltern. Die eine Hälfte verlangte auf der Stelle einen persönlichen Gesprächstermin, die andere begnügte sich damit, mir mit dem Tod zu drohen, sollte ihren Kindern irgendetwas passieren. Zwischendurch erklang die Stimme meines Versicherungsagenten, der mir nahe legte, demnächst einen Gesundheitscheck machen zu lassen, damit er die Prämie für meine Lebensversicherung halten konnte. Wahrscheinlich war das der Punkt, an dem ich langsam begriff, was für Ausmaße Harrisons Aktion angenommen hatte.
Sicher, im Grunde war die Welt ein Dorf und wenn es in der hiesigen Schule so etwas wie einen Skandal gab, sprach sich das eben herum. Aber wie war die Geschichte bitte schön bis zu meiner Versicherung durch gedrungen? Und das so unglaublich schnell? Ob Harrison da seine Finger im Spiel hatte? Im Endeffekt traute ich es ihm tatsächlich zu.
Als nächstes hatte meine Apothekerin angerufen um mir zu sagen, dass der Nachschub meiner Herztabletten eingetroffen sei und dann füllte plötzlich A.J.s Stimme den Raum aus.
Hi Sam. Tut mir leid, dass ich gestern nicht mehr vorbei gekommen bin. Sarah und ich hatten ein recht langes und ausführliches Gespräch und ... na ja ... es haben sich da einige ... ähm ... Dinge ergeben, die ich gerne mit Dir besprechen möchte. Also ... uhm ... wenn es Dir recht ist, werde ich heute Abend mal vorbei schauen. Wir ... haben ... so viel zu bereden und ... Du fehlst mir ... und ... ähm ... ja also ... bis später dann.
Es hatten sich also einige Dinge ergeben, aha. Na, darauf durfte man ja dann wohl gespannt sein. Mein Herz pochte heftig. Er würde hier bald auftauchen und ich mußte mich irgendwie innerlich darauf einstellen. Ich wollte nicht noch einmal sprachlos vor ihm stehen, ich wollte vorbereitet sein, wollte meine Argumente für unsere Freundschaft parat haben und ihn im Endeffekt davon überzeugen, dass wir zu unserem ursprünglichen Zustand zurückkehren konnten, auch wenn ich mir dessen selbst nicht ganz sicher war.
Ich sprang also schnell unter die Dusche, räumte noch ein wenig auf und wartete dann mit klopfendem Herzen und nervös zitternden Händen darauf, dass es an der Tür klingelte.
Als es das dann schließlich tat, fuhr ich vor Schreck auf meinem Stuhl in die Höhe und mit weichen Knien ging ich in den Flur um ihm zu öffnen.
Er sah so gut aus wie immer, in meinem Bauch begannen die Schmetterlinge zu fliegen und mit einem Lächeln bat ich ihn herein.
Wäre ich nicht so aufgeregt gewesen, hätte ich vielleicht gleich den Ausdruck von Unbehagen in seinen Augen gesehen, aber in diesem Moment war ich schon froh wenn mir einfiel, was ich als nächstes tun musste.
Einen Schritt vor den anderen setzten, ihn in die Küche bitten, fragen ob er etwas trinken möchte, Stuhl heran ziehen, mich ihm gegenüber setzen und versuchen nicht zu hyperventilieren.
Es kommt mir vor, als sei ich Ewigkeiten nicht hier gewesen, eröffnete er das Gespräch und drehte dabei nervös sein Glas Saft in den Händen.
Es ist auch eine Ewigkeit. Eine gute Woche würde ich sagen, lächelte ich.
Ja. Dann schwieg er, starrte weiterhin in sein Glas und schien nicht zu wissen, wie er weiter sprechen sollte. Mein Herz gefror zu einem eisigen Klumpen aus hartem, festen Stein. Er war nicht gekommen um mir zu sagen, das alles gut werden würde, so viel begriff in diesem Moment sogar ich.
Sag es einfach, sagte ich also deshalb leise und das erste Mal sah ich direkt in seine Augen. Der Ausdruck darin erschreckte mich zutiefst. Es schien, als würden sie in Tränen schwimmen und trotzdem lag darin eine gewisse Entschlossenheit, die mich frösteln lies.
Ich bin gekommen um ... Lebewohl zu sagen, sagte er schließlich und für einen Moment hatte ich das Gefühl, als hörte die Welt sich auf zu drehen. Alles lief in Zeitlupe ab und ich sah sämtliche Details ganz klar vor mir.
Seine Hände, die das Glas nun so fest umkrampften, dass die Knöchel weiß hervor traten, die Muskeln an seinem Kiefer, die so angespannt waren als versuche er ein Stück Granit durch zu beißen, die Blässe, die sein Gesicht überzogen hatte und die kleine Ader an seinem Hals, die mir verriet, wie unglaublich schnell und heftig sein Herz schlug.
Was? fragte ich erschrocken.
Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, gestand er und löste langsam seine Hände von dem Glas um sich müde durch das Haar zu fahren.
Aber ich ... ich dachte ... also ... Gott A.J., es war doch nur ein Kuß. Ich meine ... Du mußt doch nicht gleich unsere Freundschaft ... ,
Darum geht es doch gar nicht Sam, unterbrach er mich.
Um was dann?
Er schwieg und sah mich einfach durchdringend an.
Sarah? hauchte ich und er nickte.
Sie hat mir noch einmal eine Chance gegeben ... ich meine ... sie ... sie liebt mich, verstehst Du?
Ich wollte ihm entgegen schreien, dass auch ich ihn liebte, mehr als mein Leben, aber kein Ton kam über meine Lippen.
Und ich liebe sie, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu und ich mußte mich beherrschen um mich nicht auf meinem Stuhl vor Schmerz zusammen zu krümmen.
Das ist doch ... schön für Euch, brachte ich irgendwie heraus aber was hat das mit uns zu tun?
Sie hat eine einzige Bedingung gestellt, sagte er leise und ich mußte eigentlich nicht nachfragen welche, trotzdem tat ich es.
Was verlangt sie?
Das ich mich von Dir fern halte.
Aber wieso? Ich klang tatsächlich so verzweifelt wie ich mich fühlte. Mit aller Macht kämpfte ich gegen die Tränen an. Er würde mich nie wieder weinen sehen, das schwor ich mir in diesem Moment und wußte gleichzeitig, was für ein Witz das eigentlich war. So wie es aussah, würde ich ihn sowieso nie wieder sehen. Er würde mich weder weinen, noch lachen, noch sonst irgendetwas tun sehen. Es war vorbei.
Sie glaubt, dass Du mir wichtiger bist als sie und damit kann sie nicht umgehen.
Aber so ist es nicht. Es war eine Feststellung, die er nicht kommentieren mußte.
Sie sieht das wohl ein wenig anders.
Und Du lässt Dir von ihr tatsächlich vorschreiben, mit wem Du Dich triffst? Versuchte ich ein letztes Mal ihn um zu stimmen, doch ich sah sofort in seinen Augen, dass er fest entschlossen war, das hier bis zum bitteren Ende durch zu ziehen.
Ich habe sie betrogen und belogen. Ich habe ihr mehr weh getan, als ich es mir je werde vorstellen können. Ich bin dankbar, dass sie mir diese Chance gibt. Ich weiß, ich klinge wie ein Schwein. Ich hoffe nur ... , er brach ab.
Du hoffst, dass ich Dich verstehen kann, Dir nicht böse bin und Dir verzeihe, sagte ich sarkastisch und mein kurzes Lachen klang eher wie ein Schrei.
Weißt Du McLean, ich dachte eigentlich immer, Du wärst kein schlechter Kerl, jemand, dem man vertrauen kann, der zu einem steht, wenn es schlecht läuft und jemand der ein Herz hat. Scheinbar habe ich mich geirrt.
Sam, ich ... ,
Halt die Klappe und verschwinde, sagte ich ruhig und stand auf.
Aber ... lass uns doch nicht so ... ,
Hör auf damit. Du hast recht, Du bist ein Schwein. Also verschwinde.
Er stand langsam auf.
War es das? fragte er leise und sah mich dabei an wie ein verwundeter Welpe.
Darf ich Dich daran erinnern, dass nicht ICH diesen Zirkus hier veranstalte sondern DU? Natürlich war es das. Was hast Du erwartet?
Ich weiß es nicht, gestand er. Ich weiß nur, dass mir gerade das Herz bricht und das ich noch nie im Leben etwas derartig ... elendiges, gemeines, widerwärtiges und ... und ... , die ersten Tränen rollten nun doch über seine Wange.
Das alles ändert nichts an den Tatsachen A.J., sagte ich hart und fragte mich gleichzeitig, wo ich diese Stärke im Moment her nahm.
Er nickte, schob feinsäuberlich seinen Stuhl unter den Tisch und versenkte dann seine Fäuste in den Hosentaschen.
Ich werde Dich nie vergessen, sagte er leise.
Schön für Dich, und damit lies ich ihn einfach stehen, durchquerte das Wohnzimmer und rannte die Treppe zu meinem Schlafzimmer hinauf. Noch bevor ich richtig auf das Bett gefallen war hörte ich, wie unten die Hautür zu schlug und gleich darauf, wie sein Wagen davon fuhr.
Dann vergrub ich mein Gesicht im Kissen und schrie so laut, dass ich für einen Moment Angst hatte, meine Stimmbänder würden auseinander bersten.
Irgendwann, als die Realität langsam wieder in mein Bewußtsein drang, fand ich mich auf meinem Felsen wieder. Das Meer war heute rau und aufgepeitscht und passte somit hervorragend zu meiner Stimmung. Einen kurzen Moment fragte ich mich, wie ich eigentlich hier her gekommen war, doch das wurde sofort von dem alles durchdringenden Schmerz hinweggefegt.
Ich saß ein Stück von der Kante entfernt, hatte die Decke um mich geschlungen und konnte damit leider nicht die Kälte vertreiben, die meinen Körper erfasst hatte. Ab und an rieselte ein feiner Sprühnebel der Gicht auf mich herab und das Salzwasser vermischte sich mit meine Tränen, die einfach nicht aufhören wollten zu fließen.
Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so elend gefühlt. Selbst als damals meine Mom starb hatte ich wenigstens noch gewußt, das es irgendwie weiter gehen würde.
Damals war A.J. bei mir, hatte mich Ewigkeiten im Arm gehalten, beruhigend auf mich ein geredet, mich getröstet ... war einfach für mich da gewesen. Nun war er fort, hatte sich herum gedreht und war aus meinem Leben gegangen. Nein, korrigierte ich mich laut er hat Dir einen festen Tritt in Dein Herz gegeben und Dich so aus seinem Leben gekickt.
Wie hatte er das nur tun können? Er hatte doch immer behauptet, ich sei ihm so wichtig. Er hatte gesagt, dass in der Beziehung zwischen Sarah und ihm etwas nicht gestimmt hatte und dass ich ihn, im Gegensatz zu ihr, verstand.
Warum hatte sich das verändert? Wäre es auch so gekommen, wenn ich ihn nicht geküsst hätte? Hatte er ihr davon erzählt? Wie kam sie überhaupt darauf, ihn von mir fern halten zu wollen? Ich war doch nun wirklich keine Konkurrentin für sie, da gab es ganz andere.
Das alles schoß mir durch den Kopf und formte sich in meinem Gehirn zu Bildern aus der Vergangenheit. Ich sah ihn als kleinen Jungen mit dunklen Locken und den großen, runden Augen auf einer Theaterbühne stehen, den Raum überstrahlend trotz seiner Jugend. Er hatte sie alle an die Wand gespielt. Er war eben für die Bühne bestimmt gewesen.
Ich hatte ihm durch die Schule geholfen, ihm die Daumen gedrückt, wenn er wieder mit seiner Mom zu einem Casting fuhr, hatte ihn wieder und wieder getröstet wenn sein Vater versprochen hatte, ihn zu besuchen und dann doch nicht gekommen war.
Ich sah ihn als Jugendlichen vor mir. So voller Energie und Humor, so positiv und vertrauensvoll in seine Zukunft. Er hatte nie daran gezweifelt, dass einmal etwas ganz großes aus ihm werden würde und ich hatte ihn in seinen Träumen bestärkt.
Ich sah unser erstes Date, in dieser fürchterlichen Bar, über die wir im Nachhinein noch sehr viel gelacht hatten. Ich sah ihn wieder im Musiksaal sitzen und hörte ihn singen. Dieser Zauber der von ihm ausgegangen war, diese unbändige Kraft, aber auch die Unsicherheit, die er vor jedem verstecken konnte, nur nicht vor mir.
Und ich sah die letzten beiden Wochen. Das Häufchen Elend, dass vor meiner Tür gestanden hatte, unseren Kuß und der unnachgiebige Scheißkerl, der vorhin aus meinem Haus und damit auch aus meinem Leben spaziert war.
Und so sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte ihn nicht hassen. Hass schmerzte lange nicht so sehr wie dieses Gefühl des Verlustes, die Leere, die er in mir zurück gelassen hatte oder das Gefühl der Taubheit, dass sich langsam in meinem Herzen aus zu breiten begann.
Langsam stand ich auf, die Decke viel dabei unbeachtet zu Boden, und langsam trat ich an die Kante des Felsens heran. Es wäre so einfach. Noch einen Schritt weiter, hinein in ewiges Vergessen, hinunter in das Ende des Schmerzes und weg von all meinen sonstigen Problemen, die mich innerlich auffraßen.
Doch natürlich tat ich es nicht. Vielleicht war ich zu feige, vielleicht aber auch zu mutig. Ich würde nicht auf diesem Weg davon laufen, mir einen anderen Pfad aussuchen, auch wenn das bedeutete, noch eine Weile mit diesem riesigen Loch in mir leben zu müssen.