Kapitel 29

Ich wartete nicht nur eine Stunde sondern drei und gab dann frustriert auf. Was auch immer passiert war, es hatte ihn davon abgehalten bei mir vorbei zu schauen und ich konnte mir sogar sehr gut vorstellen was bzw. wer das gewesen war.
Sarah hatte es ganz und gar nicht gepasst, dass ich plötzlich vor der Tür gestanden hatte und wenn sie noch einen letzten Anstoß gebraucht hatte um A.J. endlich zurück zu nehmen, so hatte ich ihr den wohl gegeben. Nichts war gefährlicher als eine eifersüchtige Frau. Sie würde ihn nicht so einfach aufgeben. Eigentlich hätte mir das von Anfang an klar sein müssen. Das ganze Gerede von ihrem Plattenvertrag, die Ausladungen für die Hochzeit ... sie hatte ihm nur vor Augen geführt, was ihn ohne sie erwartete. Scheinbar hatte das Wirkung gezeigt.
So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte mich nicht für ihn freuen. Ich hatte das ungute Gefühl, dass er nicht wirklich glücklich mit ihr werden würde, auch wenn ich das ihm gegenüber niemals zugegeben hätte. Er mußte seine eigenen Fehler machen und mich würde er dabei sicherlich vergessen.
Wie schon so oft schnappte ich mir eine warme Wolldecke und stieg in mein Auto. Eine dreiviertel Stunde später saß ich auf meinem Felsen über dem Meer und versuchte A.J. mit einer ganzen Menge Tränen aus meinem Herzen zu spülen.

Am nächsten Morgen stand wieder Schule auf dem Programm. Ich war schon lange nicht mehr so glücklich gewesen, mich in meine Arbeit stürzen zu können. Wenigstens würde mich das eine Weile von meinen trüben Gedanken ablenken.
Leider lief ich als erstes Direktor Harrison über den Weg.
„Guten Morgen Miss Foster. Kommen sie bitte mit in mein Büro.“
Ohne meine Antwort ab zu warten drehte er sich herum und ging den langen Flur hinunter, scheinbar sicher, dass ich ihm folgen würde.
Ich schloss die Tür und setzte mich erneut auf den harten Holzstuhl ihm gegenüber. Ich stellte meine Tasche neben mich und zog meine Jacke aus. In der Zwischenzeit nippte Harrison an einer Tasse Kaffe und betrachtete dabei ein Blatt Papier in seinen Händen.
„Welche Schreckensnachricht haben sie denn heute wieder für mich,“ sagte ich schließlich als er weiterhin schwieg. Ich gebe zu, nicht unbedingt die beste Gesprächseröffnung, aber im Moment war mir sowieso alles egal.
„Gehe ich recht in der Annahme, dass wir uns darauf geeinigt hatte, dass sie sich nicht mehr mit diesem drogensüchtigen Popstar abgeben?“
„Sie haben sich vielleicht auf irgendetwas geeinigt, aber ganz sicher nicht mit mir,“ gab ich trotzig zurück. „Wie sie sich vielleicht erinnern können, hatte ich ihnen gesagt, dass sie mein Privatleben nichts angeht.“
Er seufzte und streckte mir dann das Blatt Papier entgegen.
„Schauen sie sich das ganz genau an.“
Skeptisch runzelte ich die Stirn und griff nach dem Blatt Papier. Schon wieder Fotos. Schon wieder A.J. und ich, vorgestern Abend in und vor dem „Tabu“ aufgenommen. Unter anderem sah man eindeutig, wie ich das Glas Tequila in einem Zug hinunter kippte. Wo kamen diese Fotos nur wieder her? Gab es tatsächlich Menschen, die in einen überfüllten Club mit einer Kamera hinein spazierten um dort wildfremde Menschen beim Trinken zu fotografieren?
„Gut, Fotos. Und?“ wollte ich wissen und legte das Blatt Papier zurück auf seinen Tisch.
„Ich möchte, dass sie das hier voll machen,“ er zog einen weißen Plastikbecher aus seiner Schublade hervor und stellte ihn mir gegenüber an die äußerste Kante seines Schreibtisches.
„Wie bitte?“ Ich konnte nicht glauben, was er hier von mir verlangte.
„Wir werden sie jetzt einem Drogentest unterziehen und sollten sich auch nur die kleinsten Rückständen finden, sind sie schneller gefeuert als sie „ich war’s nicht“ sagen können.“
Ich schüttelte entgeistert den Kopf.
„Das dürfen sie gar nicht,“ sagte ich heftig und sprang von meinem Stuhl auf.
„Oh doch, das darf ich. Lesen sie die Schulordnung. Wenn ich einen begründeten Verdacht habe, dass eine meiner Lehrkräfte unter Drogeneinfluss steht, darf ich das sehr wohl. Und der Verdacht liegt mehr als nahe,“ dabei zeigte er mit einem süffisanten Grinsen auf das Blatt Papier vor sich.
„Sie wollen wirklich, dass ich ihnen ... da rein ... ?“ Ich deutete mit zitternden Fingern auf den weißen Becher und wußte nicht mehr, was ich sagen sollte.
„Ganz genau da rein. Ein Techniker der hiesigen Polizei sitzt bereits im Lehrerzimmer und wartet dort auf sie und die Probe.“
„Im Lehrerzimmer?“ meine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Natürlich war mir klar, dass er nichts finden würde, aber die Geschichte hätte die Runde gemacht, noch bevor der Tag zu Ende ging und damit war ich erledigt. Welche Eltern ließen ihr Kind schon von einer Lehrerin unterrichten, die im Verdacht stand, Drogen zu konsumieren?
„Das können sie nicht machen.“
Ich spürte Panik in mir aufsteigen als mir bewußt wurde, dass er das sehr wohl konnte.
„Und wenn ich mich weigere?“ sagte ich und mein Blick sprang hektisch zwischen dem Becher und Harrisons Gesicht hin und her. Ein breites Grinsen erhellte sein rundes Gesicht „einen größeren Gefallen könnten sie mir gar nicht tun. Dann kann ich sie mit sofortiger Wirkung suspendieren und glauben sie mir, ich würde nichts lieber tun.“
„Warum hassen sie mich?“ fragte ich leise.
„Oh, ich hasse sie nicht,“ sagte er und seine erstaunte Miene hätte ich ihm beinahe abgenommen „ich kann nur Inkompetenz und Arroganz nicht ausstehen.“
Ich schüttelte den Kopf. Was hätte ich auch darauf noch sagen sollen? Jedes Wort wäre hier zu viel gewesen.
Mit einer unendlich langsamen Bewegung griff ich nach dem Becher, nahm meine Tasche und meine Jacke und öffnete die Tür.
„Viel Spaß,“ lachte er und ohne ein weiteres Wort verlies ich sein Büro.

Als ich das Lehrerzimmer betrat, hörte ich gerade noch, wie Miranda eine Hasstirade über den jungen Mann ausschüttete, der in aller Seelenruhe seinen Aktenkoffer aufklappte, in dem sich mehrere, kleine Geräte befanden. Unbeeindruckt drückte er ein paar Knöpfe und piepsend erwachten die Geräte zum Leben. Neben ihm stand eine junge Frau mit kurzen, blonden Haaren, die ohne eine Miene zu verziehen Miranda ignorierte und ihren Kollegen bei der Arbeit beobachtete.
Als Miranda mich erblickte lief sie mir entgegen.
„Wage es ja nicht in diesen Becher zu pinkeln und ihn dann diesem Menschen da zu überreichen.“ Mit zitternder Hand deutet sie auf den Polizisten, der mich gelangweilt musterte.
„Mir bleibt nichts anderes übrig Miranda. Sonst werde ich gleich suspendiert.“
„Das darf nicht wahr sein. Sam, das darfst Du Dir nicht gefallen lassen!“
„Was soll ich denn bitte schön machen?“
„Lass Dich meinetwegen suspendieren und dann ziehen wir vor Gericht.“
Ich schüttelte den Kopf. Vergeblich suchte ich in mir nach einem letzten Rest Kampfeswillen, aber erschreckender Weise war es mir relativ gleichgültig, was jetzt mit mir geschah. Sollten sie doch alle ihren Willen haben.
Harrison seinen Drogentest und A.J. seine Sarah.
Mittlerweile drängte sich die gesamte Lehrerschaft in dem kleine Raum und verfolgte gespannt, was hier passierte.
„Habt ihr eigentlich nichts zu tun?“ ereiferte sich Miranda und versuchte die Anwesenden mit hektischen Armbewegungen aus dem Zimmer zu drängen, doch sie wichen keinen Schritt zurück und schließlich fasste ich Miranda am Arm.
„Lass es einfach. Bringen wir das hier hinter uns und dann können wir wie gehabt weiter machen.“
Sie schüttelte den Kopf „ich verstehe Dich nicht. Was ist denn nur los mit Dir?“
Ein langer Blick in meine Augen gab ihr wohl alle Antworten, die sie brauchte denn von da an blieb sie stumm.
Ich stellte meine Tasche ab, hängte meine Jacke über einen Stuhl und ging dann zu den beiden Beamten hinüber.
„Guten Tag. Ich bin Samantha Foster. Erklären sie mir, was jetzt passiert?“
Der junge Mann schüttelte meine ausgestreckte Hand und stellte sich als Sergeant Davis und seine Kollegin als Officer McCoy vor. Dann deutete er auf die Geräte in seinem Koffer. „Wir werden ihre Urinprobe hiermit analysieren und in weniger als 30 Sekunden wissen wir, ob sie in den letzten zwei Wochen irgendwelche Drogen konsumiert haben. Es tut nicht weh und wir sind auch, wie gesagt, gleich fertig.“
Bei den Worten „es tut nicht weh“ verzog ich das Gesicht und warf einen Blick zu Miranda hinüber. Man sah ihr deutlich an, dass sie dem jungen Mann am liebsten den Hals herum gedreht hätte, aber schließlich konnte er auch nichts dafür.
„Gut,“ ich nickte und wollte mich auf den Weg zur Toilette machen, als mich die Stimme von Seargent Davis zurück hielt.
„Officer McCoy wird sie begleiten.“
„Was? Wieso?“
„Nun, wir möchten vermeiden, dass sie die Probe eventuell austauschen. Reine Vorsichtsmaßnahme.“
Ich warf Officer McCoy einen fragenden Blick zu und sie lächelte.
„Keine Sorge. Wir machen das schnell und diskret.“
Ich sah mich demonstrativ im Lehrerzimmer um.
„Diskret??“
„Nun ja ... ,“ sie schien etwas verlegen.
„Würden sie jetzt bitte mit Officer McCoy mitgehen?“ schaltete sich Seargent Davis ein und immer noch ungläubig wandte ich mich Richtung Tür. Ich musste mich dazu an meinen Kollegen vorbei schieben und vermied es dabei, ihnen in die sensationslüsternden Gesichter zu blicken.
Ich bin mir ziemlich sicher, noch nie etwas derartig demütigendes erlebt zu haben. Officer McCoy sah mir tatsächlich dabei zu, wie ich den Becher füllte und lies auch danach das gute Stück nicht eine Sekunde aus den Augen.
Zehn Minuten später standen wir alle gespannt um den Koffer herum und sahen Sergeant Davis dabei zu, wie er ein Wattestäbchen in den halb gefüllten Becher tauchte und einige Tropfen meines Urins auf eine Art Löschblatt träufelte. Dann legte er das Blatt in eine Klappe und schloss den Deckel. Danach lehnte er sich entspannt zurück und wir warteten.
Tatsächlich ertönte nach ca. 20 Sekunden ein leises Ping und an der rechten Seite des Koffers begann ein dünner Streifen Papier hervor zu quellen.
In diesem Moment ging die Tür zum Lehrerzimmer auf und Harrison trat ein. Es hatte längst zum Unterricht geläutet, aber die meisten Lehrer befanden sich immer noch hier und eigentlich war ich mir sicher, dass er gleich ein paar scharfe Worte an seine Untergeben richten würden. Doch er hob nur beschwichtigend die Hände als die ersten hektisch versuchten, sich an ihm vorbei zu drücken.
„Bleiben sie ruhig. Jetzt können wir auch das Ergebnis noch abwarten.“
Er führte sich auf, als wäre dieser Drogentest so eine Art Jahrmarktsattraktion. Mein Gott, er mußte wirklich unglaublich überzeugt davon sein, dass sich tatsächlich etwas in der Probe finden lies. Auf einmal war ich unglaublich froh, dass mich Officer McCoy begleitet hatte. Harrison konnte somit nicht behaupten, ich hätte geschummelt.
Seargent Davis riss nun den Streifen Papier ab und starrte eine Weile mit vor Konzentration gerunzelter Stirn darauf. Mittlerweile wurde es mir selbst mulmig. Konnten diese Geräte Fehler machen? Was würde ich tun, wenn Davis mir jetzt gleich verkündete, dass er etwas gefunden hatte?
Ich spürte, wie Miranda nach meiner Hand fasste und dankbar sah ich zu ihr hinüber. Egal was passierte, sie würde zu mir halten ... hoffte ich zumindest.
„Also ... ,“ Davis rieb ich das Kinn „kein THC, kein Koks, keine härteren Drogen, keine Amphitamine ... scheint alles normal zu sein ... ,“ er beugte sich noch etwas tiefer über das Papier in seiner Hand und ich hatte das Gefühl gleich in Ohnmacht zu fallen. Hatte er doch noch etwas entdeckt?
„Der Alkoholwert ist etwas erhöht, aber kaum nachweisbar. Das kommt schon einmal vor.“
Er richtete sich auf und sah Harrison an. „Es ist alles in Ordnung.“
Er strahlte ihn dabei an, als erwartete er, dass der sich darüber freuen würde, doch ich sah ganz deutlich, dass für ihn innerlich eine Welt zusammen brach. Er war sich so sicher gewesen!
„Gut. Dann können wir ja jetzt wieder an die Arbeit gehen,“ sagte er knapp, drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand aus dem Lehrerzimmer.
„Na also,“ sagte Miranda laut neben mir, aber auch sie sah so aus, als wäre ihr gerade ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.
Das Lehrerzimmer leerte sich langsam und mehr als eine Hand klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. Ich fragte mich, ob sie das auch getan hätten, wenn Davis etwas gefunden hätte, doch ich verfolgte den Gedanken nicht weiter. Fürs erste war ich also noch einmal davon gekommen.

Kapitel 30