Kapitel 28

Ich erwachte am späten Nachmittag mit hämmernden Kopfschmerzen, einem Magen, der sich anfühlte als sei er mit Salzsäure gefüllt und schmerzenden Gliedern. Stöhnend richtete ich mich langsam auf der Couch auf und sah mich um. Von Miranda war keine Spur zu sehen, also schlug ich die Decke zurück und stand vorsichtig auf.
Was war denn bitte schön in dem Tequila gewesen? Lebte ich überhaupt noch oder schmorte ich bereits in der Hölle? Während ich mich ins Bad begab fielen mir nach und nach die Geschehnisse des gestrigen Abend wieder ein und wäre mir nicht sowieso schon schlecht gewesen, wäre mir spätestens jetzt übel geworden.
Ich putzt mir mit etwas Zahnpasta und meinem Zeigefinger die Zähne, verwendete Mirandas Haarbürste und hielt mein Gesicht so lange unter kaltes Wasser bis ich meinte, gleich zu erfrieren. Doch die Radikalkur half. Als ich zurück ins Wohnzimmer schlich fühlte sich mein Magen zwar immer noch nicht besser an, aber wenigstens war ich einigermaßen in der Lage, klar zu denken.
Ich faltete die Decken zusammen, legte das Kissen feinsäuberlich obenauf und suchte dann meine Kleider zusammen.
Schließlich stand ich in der Küche, aber von Miranda war immer noch nichts zu sehen. Dann fiel mein Blick auf den Kühlschrank. Sie hatte eine Nachricht für mich hinterlassen.

Guten Morgen Sam,

wollte Dich nicht wecken. Bin unterwegs. Mach es Dir gemütlich und bleib so lange Du möchtest. Fühl’ Dich einfach wie zu Hause!

Miranda

Als erstes kochte ich mir einen starken Kaffe, förderte aus dem Kühlschrank einen Joghurt und einen Apfel zu Tage und begab mich damit hinaus auf die Veranda vor dem Haus. Eine alte Hollywoodschaukel hing von einem der Deckenbalken und vorsichtig lies ich mich darin nieder.
Ich bemühte mich, nicht all zu sehr hin und her zu schaukeln, zog die Beine unter meinen Körper und starrte dann hinaus auf die Straße, auf der sich an diesem Sonntagnachmittag nichts regte.
A.J.! Nur bei dem Gedanken an seinen Namen zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen. Wie hatte ich nur ... wie konnte ich nur ... wieso hatte ich nicht ... Ich seufzte und biss in meinen Apfel. Nun gut ... schön der Reihe nach.
Wir hatten einen netten Abend und eine noch schönere Nacht zusammen verbracht. Wir waren uns so nahe wie noch nie gewesen, hatten viel gelacht, uns wohl gefühlt. Wie war es dann bitte schön zu dem Kuß gekommen?
War diese Spannung von Anfang an da gewesen? Wenn ich ehrlich war, konnte ich mich an nicht mehr viel aus dem Club erinnern. Ich wußte noch, dass ich mit irgendjemand getanzt hatte und das da etwas mit Nick und Paige gewesen war. Warum hatte ich mich nicht gleich von A.J. nach Hause bringen lassen? Dann wäre das alles nicht passiert.
Andererseits ... ich schüttelte den Kopf um die Gedanken an den Kuß zu verdrängen, doch es gelang mir nicht. Im Gegenteil, um so mehr ich versucht nicht daran zu denken um so deutlicher stand mir jedes noch so kleine Detail vor Augen. Seine Hand auf meiner Wange, sein schneller Atem, der kleine Seufzer den er zwischendurch leise ausgestoßen hatte ... seine Hände auf meinem Körper. Es war so wunderschön gewesen und ich hatte tatsächlich das Gefühl gehabt, dass das alles nicht einfach nur eine Laune war.
Doch irgendetwas hatte sich plötzlich geändert. Bei mir oder bei ihm? Waren es meine Gedanken, die uns auseinander getrieben hatten oder etwas, das er gedacht oder getan hatte? Ich konnte es nicht sagen.
Meine Reaktion war dann leider mehr als unangemessen gewesen. Im Nachhinein mußte ich Miranda leider recht geben. Wer war so blöd und lief einfach davon? Die Antwort lautete ganz eindeutig: ICH!
Eigentlich war das gar nicht meine Art. Ich lief vor Problemen nicht davon und ich ging keinem Konflikt aus dem Weg. Doch gestern hatte ich es getan. Natürlich war mir klar, dass ich in Panik verfallen war. Ich hatte Angst vor dem, was er sagen könnte, Angst, den Ausdruck von bereuen in seinen Augen lesen zu müssen. Doch war die jetzige Ungewissheit nicht noch schlimmer?
Was machte er wohl gerade? Versuchte er mich zu finden oder war er froh, dass er der ganzen Sache so leicht entkommen war? Aber wäre er dann hinter mir her gerannt?
Mein Handy fiel mir ein, das ich in einer kurzen Anwandlung von Durchblick noch schnell ausgeschaltet hatte, bevor ich mich auf Mirandas Couch kuschelte. Ich erhob mich, tapste zurück ins Haus und zog das kleine Telefon aus meiner Jackentasche hervor. Ich schaltete es ein, wartete einen Moment und sah dann zu, wie immer mehr neue Nachrichten eingingen. Insgesamt hatte er ganze 15 Mal versucht, mich zu erreichen.

Ich lenkte meinen Wagen an den Straßenrand und sah zu dem erleuchteten Haus auf der anderen Straßenseite hinüber. Ein Taxi hatte mich nach Hause gebracht und nachdem ich mich geduscht und umgezogen hatte fühlte ich mich in der Lage, mein Vorhaben in die Tat um zu setzen.
Es hatte keinen Sinn dieses Gespräch noch länger aufschieben zu wollen. Je länger ich A.J. aus dem Weg ging, um so schlimmer wurden die Gedanken, die ich mir machte. Was konnte mir denn schon passieren? Im schlimmsten Fall würde er mir sagen, dass es ihm leid tat, dass wir einen Fehler gemacht hatten und doch lieber Freunde bleiben sollten ... zumindest wäre das die Antwort, die mir am besten gefallen würde. Ich mußte mir eingestehen, dass es auch durchaus sein konnte, dass er mich nie wieder sehen wollte. Immerhin hatte ich ihn und unsere Freundschaft schändlich missbraucht.
An eine andere, positive Möglichkeit verbot ich mir zu denken. Er liebte Sarah. Selbst wenn er mir versuchen würde zu erklären, dass er sich in mich verliebt hatte, konnte ich ihm das nicht glauben. Ich war nur ein Ersatz, auch wenn er sich da vielleicht etwas anderes einredete.
Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich ihm in diesem Fall tatsächlich widerstehen konnte und der Hoffnungsschimmer, der ganz tief in meinem Herzen glomm, war leider nicht zu übersehen. Trotzdem öffnete ich die Wagentür, straffte mich und ging die Auffahrt zu seinem Haus hinauf. Ich würde ganz ruhig bleiben, mir anhören, was er zu sagen hatte und ihm dann unmissverständlich klar machen, dass mir unsere Freundschaft zu wichtig war um sie einfach so auf zu geben. Vorausgesetzt natürlich, er wollte überhaupt noch etwas mit mir zu tun haben.
Mit jedem Schritt, den ich dem Haus näher kam wurden meine Knie weicher und mein Herzklopfen rauschte laut in meinen Ohren.
Als ich die Haustür erreicht hatte, zögerte ich einen Moment. War das hier wirklich eine gute Idee? Ich hatte mich schon halb herum gedreht als mir auffiel, dass ich schon wieder dabei war weg zu laufen. Verdammt! Ich war eine erwachsene Frau und egal was er sagte, ich würde danach weiterleben.
Entschlossen drückte ich also auf den Klingelknopf, bevor ich es mir endgültig anders überlegen konnte, und wartete.
Nach einer Weile hörte ich Schritte und gleich darauf wurde die Tür aufgerissen.
„Sam?“ war das erste was er sagte und ich versuchte vergeblich im Dämmerlicht seinen Gesichtsausdruck zu deuten.
„Hallo. Ich ... es tut mir leid ... dass ich einfach so davon gerannt bin. Ich glaube, wir sollten tatsächlich reden ... ,“ ich wußte nicht mehr weiter und schwieg.
„Du hast recht, allerdings ist jetzt vielleicht der falsche ... ,“
„A.J.? Wer ist denn da?“ hörte ich plötzlich eine weibliche Stimme und gleich darauf das Geräusch von hochhackigen Schuhen, die auf den Marmorfliesen näher kamen.
A.J. hatte sich bei ihren Worten halb herum gedreht und sah mich jetzt wieder an.
„Es tut mir leid,“ sagte er leise, während sich eine Hand von hinten auf seine Schulter legte.
„Hallo,“ begrüßte mich die Frau mit einem breiten Lächeln und dann sagte sie an A.J. gewandt „möchtest Du uns nicht vorstellen?“
„Uhm ... ja natürlich ... Sam, das ist Sarah, Sarah, das ist Samantha.“
Sie war sehr hübsch. Hohe Wangenknochen, volle Lippen und eine traumhafte Figur. Sie war nur etwa zwei Zentimeter größer als er, doch mir schien es, als überrage sie ihn um einen halben Meter. Sie hatte eine unglaubliche Ausstrahlung. Resolut, vertrauen erweckend und zielstrebig. Alles das, was ich im Moment nicht hatte.
Ich musterte sie noch für einen Moment und hätte schwören können, dass sich ihr Gesichtsausdruck beim Klang meines Namens verdunkelte, doch ihr Lächeln blieb weiterhin freundlich.
„Oh, etwa die Samantha? Ich habe schon so viel von Dir gehört. Möchtest Du nicht herein kommen?“
Ich schüttelte automatisch den Kopf und wußte nicht, was ich jetzt sagen sollte. Ich wollte nur von hier fort und gleichzeitig packte mich eine ungeheure Wut auf A.J.. Von wegen er machte sich Sorgen oder hatte sich gar auf die Suche nach mir gemacht!
Sie starrten mich nun beide an, als erwarteten sie irgendetwas von mir.
„Ich ... uhm ... muß dann wieder los,“ sagte ich und machte bereits den ersten Schritt rückwärts.
„Das war aber ein kurzer Besuch,“ lächelte Sarah.
„Sam warte,“ sagte A.J. und trat einen Schritt auf die Veranda hinaus, dann drehte er sich zur Sarah herum.
„Würdest Du uns bitte einen Moment alleine lassen?“
Jetzt sah sie wirklich wütend aus, aber alles was ihr wohl auf der Zunge gelegen hatte, schluckte sie erfolgreich hinunter, drehte sich herum und verschwand im Inneren des Hauses, ohne mich auch nur noch eines Blickes zu würdigen,.
A.J. wartete noch einen Moment bis er sich sicher sein konnte, dass Sarah außer Hörweite war und versuchte dann nach meiner Hand zu fassen. Ich wich ihm aus und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Es tut mir leid,“ sagte er erneut „sie ist vor einer halben Stunde einfach so hier aufgetaucht. Sie will mit mir reden, keine Ahnung was sie vor hat.“
„Ist schon in Ordnung. Eure Versöhnung ist jetzt erst einmal wichtiger.“
Ich schaffte es tatsächlich, dass meine Stimme frei von Spott, Wut oder Enttäuschung war.
„Nein,“ er schüttelte den Kopf „Du bist wichtiger ... wir sind wichtiger ... ich ...,“
„Lass gut sein,“ unterbrach ich ihn. „Vergessen wir einfach was da heute morgen passiert ist. Ich weiß auch nicht was in mich gefahren ist. Lass uns einfach wieder Freunde sein. Ruf mich an, wenn Du das mit ihr geklärt hast.“
Ich drehte mich auf dem Absatz um und stapfte die Auffahrt hinunter. Tränen schossen mir in die Augen und ich versuchte krampfhaft Haltung zu bewahren, als er mich sanft am Arm fasste.
„Samantha,“ sagte er leise „Du glaubst doch selbst nicht, was Du da eben gesagt hast.“
Ich blieb stehen, den Blick krampfhaft auf meine Schuhspitzen gerichtet.
„Doch. Ich will es glauben. Ich möchte nicht, dass unsere Freundschaft vorbei ist. Du bis mir nämlich sehr wichtig.“
„Wer sagt denn, dass unsere Freundschaft jetzt beendet ist?“
Ich lachte freudlos „komm’ schon. So wie wir uns hier anstellen, sind wir kurz davor alles kaputt zu machen. Ich bin ... es tut mir leid, ich habe alles falsch gemacht ... ich ... ,“
„A.J.?“ Sarahs Stimme hallte zu uns herüber. A.J. verdrehte die Augen und drehte sich zu ihr herum.
„Was ist?“
„Kommst Du jetzt bitte wieder rein? Wir haben einiges zu besprechen.“
„Sie liebt Dich, was?“ sagte ich ironisch.
„Ich weiß nicht so genau,“ gab er zurück ohne mich an zu sehen.
„Ich komme gleich, o.k.?“
Sie verschwand wieder im Haus und er drehte sich wieder zu mir herum.
„Hör’ zu. Im Moment ist es wirklich äußerst schlecht. Ich komme nachher bei Dir vorbei, o.k.?“
„Wenn Du das möchtest?“
„Natürlich möchte ich,“ lächelte er sanft.
„Nun gut,“ ich nickte und hielt meinen Blick wieder starr auf den Boden gerichtet.
„Hey,“ er legte mir sanft einen Finger unter das Kinn und zwang mich so ihn an zu sehen. „Wir kriegen das schon hin, versprochen!“
„Ich wäre mir da nicht so sicher,“ gab ich leise zurück.
„Aber ich. Jetzt setz’ Dich in Dein Auto, fahr’ nach Hause und in einer Stunde oder so, bin ich bei Dir.“
„In Ordnung.“ Vorsichtig erwiderte ich sein liebevolles Lächeln und gab ihm dann einen leichten Klaps auf den Arm.
„Jetzt geh’ schon, bevor sie Dich mit Haut und Haaren frisst.“
Er lachte leise, beugte sich zu mir hinunter und hauchte mir einen Kuß auf die Wange. Dann lies er mich endgültig los und ging rückwärts zur Haustür zurück. Kurz bevor er darin verschwand hob er noch einmal die Hand, dann schloß sich die Tür und ich stand alleine in der dunklen Auffahrt.
Was hatte das nun wieder alles zu bedeuten?

Kapitel 29