Kapitel 27

Das Taxi mußte ganz in der Nähe gewesen sein, denn ich hatte noch nicht richtig aufgelegt, da schoss der gelbe Wagen bereits um die Ecke. Als ich einstieg warf ich einen Blick zurück. A.J. kam im Laufschritt die Auffahrt hinunter und hektisch schlug ich die Tür hinter mir zu.
„Fahren sie los, schnell!“
Der Taxifahrer drückte aufs Gas und das letzte was ich sah, war A.J.s Hand, die er direkt neben meinem Gesicht auf die Fensterscheibe legte. Gleich darauf bog das Taxi um eine Ecke und A.J. blieb hinter uns zurück. Der Abdruck seiner fünf Finger war noch eine kleine Weile zu sehen und automatisch legte ich meine Hand darüber.
„Ärger?“ fragte der Taxifahrer, doch ich antwortete nicht. Mein Atem ging immer noch stoßweise, meine Lippen brannten von unserem zärtlichen Kuß und in meinem Kopf wirbelten die Gedanken, ohne dass ich sie hätte wirklich fassen können. Ich versuchte ein heftiges Schluchzen zu unterdrücken und presste meine heiße Stirn gegen die kalte Fensterscheibe.
„Wo soll es denn hin gehen Miss?“ drang die Stimme erneut in mein Bewußtsein.
„Fahren sie einfach weiter ... ich ... muß noch darüber nachdenken,“ gab ich zurück und sah, wie der Mann vor mir mit den Schultern zuckte. Sicherlich hatte er nichts dagegen sich jede Menge Geld zu verdienen.
Nach Hause konnte ich nicht. Dort würde A.J. zu erst auftauchen, mein Felsen schied auch aus, da er mich das letzte Mal schon dort gefunden hatte, Nick hatte seine eigenen Probleme und ansonsten kannte ich hier kaum jemanden.
Sollte ich mir ein Hotelzimmer nehmen? Irgendwie kam ich mir lächerlich vor. Ich war schließlich eine erwachsene Frau und spielte hier Verstecken mit meinem besten Freund ... oder wohl eher ehemals besten Freund.
Erneut drohte mich die Verzweiflung zu übermannen. Ich hatte in einer unüberlegten Sekunde alles weggeworfen was mir bisher so unglaublich wichtig gewesen war. Jahrelang hatte ich meine Gefühle für ihn unterdrückt, hatte mich hinter der Maske der guten Freundin versteckt. Warum, verdammt nochmal, war mir das heute Nacht nicht gelungen? Warum hatte das passieren müssen? War mein Leben nicht schon kompliziert genug?
Plötzlich wußte ich, wo ich hin konnte. Ich nannte dem Fahrer die Adresse und sah dann zu, wie die Lichter von L.A. an mir vorbei rauschten. Es wurde immer heller und als wir schließlich vor dem kleinen Reihenhaus an hielten, war der Tag bereits angebrochen.
Ich bezahlte das Taxi und stieg aus. Unschlüssig blieb ich einen Moment stehen. War es wirklich so klug hier her zu kommen? Andererseits hatte ich keine andere Wahl.
Langsam ging ich auf die Haustür zu, zögerte noch einen Moment und drückte dann auf den Klingelknopf. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bevor die Tür langsam aufschwang und mich ein sehr verschlafenes Paar Augen ansah.
„Mein Gott Sam! Was ist passiert?“ rief Miranda aus, während ich mich in ihre Arme ziehen lies und nun hemmungslos drauf los heulte.

Es dauerte eine ganze Weile bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte und Miranda die ganze Geschichte erzählen konnte. Sie hatte uns Tee gekocht und saß nun neben mir auf der Couch in ihrem Wohnzimmer.
Ich war noch nie hier gewesen und fragte mich jetzt, warum eigentlich. Warum hatte ich diese Mauern um mich herum errichtet? Warum niemanden in meinem Leben geduldet?
Aber wahrscheinlich war jetzt der falsche Zeitpunkt um mir darüber Gedanken zu machen.
„Du bist also einfach davon gelaufen ohne ihm die Möglichkeit zu geben mit Dir zu reden?“ fragte Miranda gerade mit gerunzelter Stirn und ich fiel schmerzhaft in die Realität zurück.
Statt einer Antwort nickte ich und nippte an meinem Tee.
„Entschuldige dass ich so offen bin, aber wie blöd kann man eigentlich sein?“
„Na vielen Dank. Das ist genau die Aufmunterung die ich gebrauchen kann,“ sagte ich sarkastisch und warf ihr einen bösen Blick zu.
„Wirklich Sam. Du solltest ganz schnell Deinen gesunden Menschenverstand wieder einschalten. Schon mal darüber nach gedacht, dass er vielleicht genau so in Dich verliebt sein könnte, wie Du in ihn?“
„Das ist nicht möglich,“ gab ich bestimmt zurück.
„Wieso nicht?“
„Er wollte heiraten ... vor nicht einmal zwei Wochen. So schnell lassen sich Gefühle nicht an und aus knipsen. Er war vielleicht einsam ... er vermisst sie bestimmt sehr. Da kam ich ihm gerade recht.“
„Nein, das glaube ich nicht,“ sie schüttelte energisch den Kopf „nach allem was Du mir von ihm erzählt hast kann ich das einfach nicht glauben. Ihm ist Eure Freundschaft genau so wichtig wie Dir. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die so einfach aufs Spiel setzt.“
„Er ist eben ein Mann. Vergiss nicht, ich habe ihn zu erst geküsst. Ab einem gewissen Zeitpunkt können sie einfach nicht widerstehen.“
Sie wiegte den Kopf hin und her und schien über meine Antwort nach zu denken.
„Eigentlich sollte ich Dir recht geben, aber mein Gefühl sagt mir etwas anderes.“
„Miranda ... glaub es mir. Nie im Leben würde sich A.J. McLean in mich verlieben. Ich spiele einfach nicht in seiner Liga, verstehst Du? Du solltest sein Haus sehen. Es ist einfach riesig ... eine riesige Villa mit allem Schnick-Schnack den man sich nur vorstellen kann. Und dann der Abend im Club. Ich gehöre da nicht hin und das weiß er genau so gut wie ich.
Ich dachte immer, wir wären uns in bestimmten Dingen ähnlich ... doch das ist nicht so. Wir sind vollkommen verschieden. Ich bin die biedere Lehrerin und er der schillernde Popstar.“
„Ich befürchte, wenn er Dich jetzt hören könnte, wäre er zutiefst enttäuscht. Du weißt doch ganz genau, dass sie genau so Menschen sind wie Du und ich. Das alles ist doch nur Fassade. Sie können sich eben viel leisten mit ihrem Geld, was nicht heißt, dass sie keine normalen Menschen sind. Hör’auf, ihn auf ein Podest zu stellen. Er hat genau so Schwächen und Fehler wie wir alle.“
Erneut schüttelte ich den Kopf. Sie verstand nicht was ich sagen wollte und das war wohl auch nicht anders zu erwarten gewesen. Sie kannte ihn nicht und die eine Nacht, die sie mit Nick verbrachte hatte, machte sie auch nicht zur Expertin.
„Du solltest ganz dringend mit ihm reden,“ sagte sie eindringlich. Als ich nicht reagierte, sonder weiterhin vor mich hin starrte, umfasst sie mein Kinn und zwang mich so, sie an zu sehen.
„Hörst Du mir zu? Du mußt mit ihm reden, das aus der Welt schaffen.“
„Das kann ich nicht,“ entgegnete ich kläglich „ich werde ihm nie wieder unter die Augen treten können. Nie! Wieder!“
Ein leises Lächeln umspielte Mirandas Mundwinkel „glaub mir, wenn er nur einen Funken Anstand im Leib hat, wirst Du darum nicht herum kommen.“
„Wie meinst Du denn das jetzt bitte schön?“ Sie machte mir Angst mit dieser Gewissheit in ihrer Stimme.
„Wenn Du nicht zu ihm kommst, wird er zu Dir kommen. Früher oder später kannst Du nicht mehr davon laufen.“
Sie hatte verdammt recht und mir wurde auf der Stelle furchtbar schlecht. Das durfte nicht passieren! Zumindest nicht ... in den nächsten hundert Jahren. Er sollte mich vergessen, mich einfach abhaken und sich um sein Leben kümmern. Doch so naiv war noch nicht einmal ich um nicht zu begreifen, dass Miranda recht hatte. Wie lange würde ich ihm wohl aus dem Weg gehen können? Und machte ich damit nicht noch alles viel schlimmer?

Kapitel 28