Kapitel 26
Ich weiß nicht, wie viele CDs wir in dieser Nacht hörten. Immer wieder zog einer von uns neue Musik aus dem Stapel hervor, immer wieder mit einer ausführlichen Begründung, warum gerade dieses Lied eines der besten war.
Wir stellten bald fest, dass wir in vielen Dingen einer Meinung waren und auf der anderen Seite himmelweit von einander entfernt lagen.
Wir redeten viel über unsere Vergangenheit, unsere Ziele, Träume, Erfahrungen, die Menschen die in unserem Leben wichtig waren und schwelgten in Erinnerung an die guten alten Zeiten.
Wir lachten viel, lagen manchmal für eine Weile einfach nur nebeneinander und lauschten der Musik oder tanzten und sangen zu den schnellen Rhythmen. Es war einfach eine wundervolle Nacht, die, wenn es nach mir gegangen wäre, nie hätte enden müssen.
Doch irgendwann sah man durch die großen Terrassentüren die ersten grauen Schleier des neuen Tages und ich gähnte ausgiebig. Mein Kopf war mittlerweile wieder klar und die Müdigkeit hatte darin erneut Einzug gehalten.
Nun gut, sagte A.J. schließlich. Ein letzter Song und dann gehen wir ins Bett, o.k.?
Ich sollte mir vielleicht ein Taxi rufen, sagte ich eher halbherzig. Die Vorstellung um diese Uhrzeit durch die halbe Stadt zu fahren behagte mir nicht wirklich. Andererseits wollte ich seine Gastfreundschaft nicht zu sehr in Anspruch nehmen.
Du bleibst schön hier, oder glaubst Du etwa meine Gästezimmer sind nur zum Anschauen da?
Nein ... natürlich nicht ... ich dachte nur ... ,
Die gute Sam dachte, dass sie ihrem besten Freund nicht weiter zur Last fallen sollte, ergänzte er meinen Satz und es war mal wieder unheimlich, wie gut er mich kannte.
So etwas in der Richtung, ja, gab ich also zu und beobachtete ihn, wie er die CD in den CD-Player schob.
Wann begreifst Du eigentlich, dass es für uns in dieser Beziehung keine Grenzen gibt? fragte er sanft.
Ich ... weiß ... nicht.
Er schüttelte lächelnd den Kopf und nahm das CD-Cover in die Hand, nur um es gleich darauf wieder an seinen Platz zurück zu legen. Die ersten Worte von Ready for love erklangen aus den Boxen und sofort machte sich eine Gänsehaut auf meinen Armen breit. Ich liebte dieses Lied, India Aries Stimme und dieses unglaubliche Gefühl, dass sie in jedes ihrer Worte legte.
Begeistert drehte ich die Lautstärke weiter auf, bis ich das Gefühl hatte mich komplett in der Musik zu befinden.
Eine Unterhaltung war bei dieser Lautstärke nicht mehr möglich, aber das machte nichts. Wir hatten für diese Nacht genug geredet. Ich wollte einfach ganz nahe bei ihm sein, seine Hände in meinen fühlen und mir keine Gedanken darum machen, was nach diesem Lied sein würde.
Ich rutschte also ein Stückchen an ihn heran, fasste nach seiner Hand und legte meinen Kopf auf seine Schulter. Ich spürte, wie er tief ein- und wieder ausatmete und dann saßen wir eine ganze Weile ganz still beieinander. Irgendwann fühlte ich, wie er mir sanft über die Wange strich und ich sah zu ihm auf.
Den Ausdruck in seinen Augen hatte ich noch nie zuvor gesehen. Er wirkte so ernst und dabei unglaublich aufgeregt. Ich konnte förmlich sehen, wie sein Herz unter seinem T-Shirt hämmerte und ich fühlte seinen warmen Atem auf meiner Wange, als er mir einen sanften Kuß darauf hauchte. Was passierte hier mit uns?
Ohne darüber nach zu denken hob ich ebenfalls meinen Arm und legte ihn um seine Taille. Seine Hand streichelte immer noch sanft meine Wange und sein Gesicht war keine zehn Zentimeter von meinem entfernt. Wir verharrten in dieser Haltung eine halbe Ewigkeit, das Lied lief bereits zum zweiten Mal durch und wir waren nicht in der Lage unsere Blicke länger als eine Sekunde voneinander zu lösen.
Er schien in meinem Gesicht nach etwas zu suchen. Seine Augen huschten über meine Nase, hinunter zu meinem Mund und wieder zurück zu meinen Augen, wo sie einen Moment verharrten und ihre Wanderung dann wieder aufnahmen. Schließlich biss er sich auf die Unterlippe, nahm scheinbar widerstrebend seine Hand von meiner Wange und rückte ein Stück von mir ab.
Irgendwo in meinem Gehirn machte es in diesem Moment Klick. Ehe ich etwas dagegen tun konnte, hatte ich mich zu ihm hinüber gebeugt, meine Hand in seinen Nacken gelegt und meine Lippen auf seine gepresst.
Für einen Moment schien er überrascht, doch noch bevor ich mir wirklich darüber klar wurde, was ich hier eigentlich tat, begann er den Kuß leidenschaftlich zu erwidern. Seine Lippen fühlten sich unbeschreiblich weich an, ich schmeckte noch einen kleinen, süßen Rest des Orangensaftes und mein ganzer Körper stand in Flammen.
Jeder Rest von gesundem Menschenverstand verabschiedete sich in dieser Sekunde. Eng umschlungen sanken wir auf den weichen Teppich. A.J. streichelte zärtlich meinen Arm, während sich seine Zunge in meinen Mund schob.
Ich hatte jahrelang von diesem Augenblick geträumt, hatte mir unzählige Male ausgemalt wie es sein würde und doch nie daran geglaubt, dass es wirklich passieren könnte. Hatte ich mich so in ihm getäuscht?
Ungewollt begann mein Gehirn sich wieder zurück zu melden. Was - oder besser warum taten wir das hier? Er liebte Sarah, nicht mich. War ich nur ein billiger Ersatz? Würde er so leichtsinnig unsere Freundschaft aufs Spiel setzen? Warum eigentlich nicht? Immerhin tat ich doch genau das Gleiche.
Ich versuchte mich wieder auf ihn und unseren nicht enden wollenden Kuß zu konzentrieren, doch die Gedanken waren nun einmal da und ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner Haut.
Plötzlich stützte sich A.J. auf seinen Ellbogen auf und sah mich besorgt an.
Ist ... alles in Ordnung? fragte er mit rauer Stimme.
Ich ... glaube ... nicht ... , gab ich stockend zurück und versuchte gleichzeitig mein wie wild klopfendes Herz und meine Atmung wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Ungeschickt wand ich mich unter ihm hervor, setzte mich auf und strich mit fahrigen Bewegungen meine Bluse glatt.
Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen. Das alles war mir unglaublich peinlich. Was mußte er jetzt nur von mir denken? Ich hatte mich auf ihn gestürzt, ihn einfach so geküsst. Er würde mich jetzt sicherlich verachten und unsere Freundschaft war dahin.
Hey. Red mit mir, sagte er leise.
Ich ... sollte ... jetzt wohl besser gehen, entgegnete ich und stand auf.
Nein Sam. Bitte. Lass uns reden, o.k.? Er klang eindeutig verzweifelt, doch immer noch wagte ich es nicht ihn an zu sehen.
Ich muß nachdenken, sagte ich, fuhr herum und stürmte aus diesem riesigen Haus und die Einfahrt hinunter. Ich hörte ihn hinter mir rufen, aber ich ignorierte ihn einfach.
Noch während ich die Nummer der Taxizentrale wählte, liefen mir die ersten Tränen über die Wangen. Was hatte ich nur getan?
Kapitel 27