Kapitel 25
Ich war beinahe eingeschlafen, als mich das Öffnen der Wagentür hochfahren lies. A.J. stieg ein und reichte mir meine Jacke.
Und? Hast Du Paige noch getroffen? fragte ich, während er den Wagen startete.
Nein. Scheinbar ist sie an uns vorbei während wir uns mit Nick unterhalten haben ... oder ich habe sie in dem Gedränge übersehen.
Er lenkte den Wagen vom Parkplatz und reihte sich gleich darauf in den fließenden Verkehr ein. Sein Ziel war eindeutig meine Wohnung.
Eigentlich habe ich noch keine Lust nach Hause zu gehen, sagte ich, einfach weil ich nicht wollte, dass er mich so schnell wieder alleine lies. Jetzt, nachdem wir aus dem Club heraus waren, im gemütlichen Dunkel des Wagens, genoss ich einfach seine Nähe und wollte diese auch nicht so schnell wieder aufgeben.
Was möchtest Du denn stattdessen machen? fragte er und warf mir einen kurzen Blick zu.
Hm ... schlafen, denke ich, antwortete ich wahrheitsgemäß, was A.J. zum Lachen brachte.
Also nach Hause willst Du nicht, aber schlafen wäre gut. Was machen wir da nur?
Keine Ahnung. Lass Dir was einfallen, grinste ich und lehnte meinen Kopf entspannt gegen die Kopfstütze.
Also gut. Dann ist jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen um Dir die Casa McLean zu zeigen, lächelte er, wartete eine Lücke im Verkehr ab und wendete dann mitten auf der Hauptstraße.
DAS klingt doch gut, murmelte ich, während mir die Augen erneut zu fielen. Verdammter Alkohol!
Ich hatte sein Haus noch nie gesehen, geschweige denn betreten. Er hatte mich ein, zwei Mal eingeladen, aber immer wieder war etwas dazwischen gekommen und irgendwann hatten wir es wohl beide aufgegeben.
Dementsprechend beeindruckt war ich, als A.J. mich sanft an der Schulter rüttelte und ich die Augen aufschlug.
Wir standen auf einer gut beleuchteten Einfahrt, die von Bäumen umstanden war, direkt vor einer massiven Eingangstür die zu einer riesigen Villa gehörte.
Mit offenem Mund stieg ich aus und lies meinen Blick über das dreistöckige Gebäude schweifen. Lebte er hier wirklich allein? Der Gedanke beunruhigte mich etwas, aber ich lies mir nichts anmerken.
Langsam ging ich hinter ihm her und beobachtete, wie er den Schlüssel ins Schloss steckte, aufschloß und gleich darauf ein paar Zahlen in ein kleines Display hinter der Tür eintippte.
Als er das Licht einschaltete blieb ich erneut fasziniert stehen. Die Eingangshalle, in deren Mitte ein runder Tisch, mit einem monströsen Blumengebinde darauf stand, war einfach riesig. Hier hätte locker mein komplettes Wohn- und Schlafzimmer hinein gepasst.
Wie ein Fremdenführer lief er vor mir her. Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, Spielzimmer, fünf oder sechs Schlafzimmer, drei Bäder, Fitnessraum, Tonstudio und sogar ein eigenes Kino ... mir verschlug es endgültig die Sprache.
Ich hatte gewußt dass er berühmt war, ich wußte, dass er eine Menge Geld besaß, aber bis zu diesem Moment war mir nicht klar gewesen, in welcher Welt er wirklich lebte.
Ich hatte das Gefühl die Wohnung eines Fremden betreten zu haben. Das war nicht der A.J. den ich kannte. Er war ein Mann, der mit einer einfachen, guten Pizza zufrieden war, der ausgedehnte Standspaziergänge liebte, sich gerne eine Film mit mir zusammen auf der Couch angeseah und nicht dieser Multimillionär, der sich hier sein eigenes, privates Schloß gekauft hatte.
Schließlich landeten wir wieder im Wohnzimmer und ich lies mich auf dem Boden im Schneidersitz nieder. Die riesigen Ledersofas übersah ich ebenso wie die unbequem aussehenden Designerstühle im angrenzenden Esszimmer.
Und, was denkst Du? fragte er, während er zu der überdimensionalen Stereoanlage hinüber ging und Musik auflegte.
Du ... wohnst hier wirklich alleine? gab ich statt einer Antwort zurück.
Klar. Wieso? Ist daran etwas aus zu setzen?
Nein ... natürlich nicht, ich blickte schnell in eine andere Richtung um mein Entsetzen nicht all zu deutlich zu zeigen. Alleine, in diesem riesigen Haus mußte man ja irgendwann durch drehen.
Was denkst Du wirklich? fragte er schmunzelnd.
Für einen Moment kam ich um die Antwort noch herum, da er in der Küche verschwand, allerdings gleich darauf mit zwei Gläsern und einer Flasche Orangensaft zurück kam.
Nun ja ... es ist ... ziemlich ... groß.
Und?
Fühlst Du Dich hier wirklich wohl? Ich meine ... ich kann verstehen wenn man sich hier so ganz alleine recht einsam fühlt.
Er reichte mir ein gefülltes Glas und sah mich aufmerksam an.
Du meinst, es passt nicht zu mir?
Ja, so ähnlich.
Weißt Du, ich glaube, dass wir viele Dinge noch nicht voneinander wissen. Das hier ist eines davon. Ich fühle mich hier wirklich wohl. Man hat viel Platz um Unordnung zu machen, lachte er viel Raum um sich aus zu toben, genug Ecken in die man sich zurück ziehen kann und es ist groß genug um sich eine Weile darin zu verstecken ohne Platzangst zu bekommen.
Verstecken?
Nun ja ... manchmal wird mir die Welt dort draußen einfach zu viel. Egal welchen Schritt ich mache, am nächsten Tag weiß es die halbe Welt. Es ist beruhigend einen Ort wie diesen zu haben. Meine eigenen, kleine Welt in die wirklich nur die hinein dürfen, die ich auch darin haben möchte.
Ich nickte langsam. Ich verstand was er meinte und augenblicklich lastete das riesige Haus nicht mehr so schwer auf meiner Seele.
Es ist nur ... ich habe das Gefühl, dass ich Dich gar nicht richtig kenne ... oder zumindest diese Seite an Dir.
Das alles, er machte ein ausladende Handbewegung sind nur Äußerlichkeiten, die im Grunde nicht viel zu bedeuten haben. Vielleicht hast Du mich noch nie in dieser Umgebung erlebt, aber in meinem Herzen bin ich immer noch der selbe A.J. den Du kennst.
Ich sah ihn aufmerksam an und für einen Moment verloren wir uns in den Augen des anderen. Ich wollte mich einfach davon überzeugen, dass er tatsächlich noch der Gleiche war, auch wenn das vielleicht völlig unlogisch klang. Natürlich hatte er sich nicht innerhalb eines Abends komplett verändert, trotzdem suchte ich nach etwas Vertrautem und der Glanz seiner Augen beruhigte mich ein wenig.
Bist Du sehr müde? fragte er schließlich leise und ich war überrascht, als ich feststellte, dass von meiner Müdigkeit nichts mehr übrig geblieben war.
Ich schüttelte also den Kopf im Moment bin ich zu allem bereit, lächelte ich und er schmunzelte.
Was hast Du Dir denn so vorgestellt?
Keine Ahnung. Aber andere Musik wäre für den Anfang nicht schlecht, grinste ich und erhob mich um das Gekreische um was auch immer es sich hier handeln mochte durch einen gezielten Knopfdruck zum Schweigen zu bringen.
Ich lies mich vor einem riesigen Berg CDs, der wild auf dem Boden verstreut lag, auf die Knie sinken und begann sie nacheinander durch zu sehen.
Kann ich Dir irgendwie behilflich sein? fragte A.J. und lies sich neben mir nieder.
Nein. Ich komme durchaus zu recht, lächelte ich. Wie wäre es, wenn Du Deine momentane Lieblingsmusik auflegst, vorausgesetzt das eben war sie nicht gerade.
Er schüttelte den Kopf ich weiß gar nicht, was Du daran aus zu setzen hattest. Mir gefällt das.
Er begann ebenfalls in den CDs zu kramen und zog schließlich eine hervor.
Wie wäre es denn mit Alicia Keys für den Anfang? fragte er und öffnete den CD-Player.
Ich hatte schon befürchtet, Du hättest überhaupt keinen Geschmack, neckte ich ihn, was er mit einem kurzen Schnauben quittierte.
Dann saßen wir in trauter Zweisamkeit zusammen und genossen die wundervolle Musik und die Nähe des Anderen.
Kapitel 26