Kapitel 23

Das Gefühl A.J. so nahe gewesen zu sein verflüchtete sich langsam und nach einer viertel Stunde war ich soweit, dass ich die Musik wieder genießen konnte, als plötzlich ein fremdes Gesicht neben mir auftauchte.
Der Typ war ungefähr so alt wie ich, hatte kurze, dunkelblonde Haare und ein offenes Lächeln. In der Hand hielt er ein Glas Tequila und beugte sich dann unvermittelt zu mir herunter.
„Mein Freund traut sich nicht Dich an zu sprechen. Also bin ich hier mit einem Friedensangebot,“ sagte er, richtete sich wieder auf um meine Reaktion zu testen und hielt mir dabei den Tequila unter die Nase.
„Dein Freund?“ fragte ich mit einem leisen Lächeln und griff automatisch nach dem Glas.
„Er sitzt da drüben,“ sagte der Fremde und deutete mit ausgestrecktem Arm hinüber zur Bar.
Ich drehte mich herum und sah dort einen jungen, schlanken Mann mit dunklen Haaren, die ihm immer wieder widerspenstig in die Stirn fielen, auf einem der Barhocker sitzen. In diesem Moment hob er sein Glas und prostete mir zu.
Ich warf einen kurzen Blick zu A.J. hinüber, doch der schien brennend an einer Blondine interessiert zu sein, die bedenklich nahe an seinen Hüften tanzte.
Also hob ich ebenfalls mein Glas und stürzte dann den Tequila in einem Zug herunter. Der Alkohol brannte wie Feuer in meiner Kehle und zog eine glühende Spur bis hinunter in meinen Magen wo er sich festsetzte und mich scheinbar leichter als Luft werden lies. Das Zeug schmeckte zwar nicht, aber es beseitigte meine letzten Hemmungen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht wirklich viel Alkohol vertrage?
Ich drückte dem Fremden neben mir das Glas in die Hand und sah dann herausfordernd zu dem Mann an der Bar hinüber.
Er lächelte und schien sich nicht sicher zu sein, wie er jetzt reagieren sollte. Kurz entschlossen bahnte ich mir einen Weg durch die Menge, fasste ihn bei der Hand und zog ihn hinter mir her auf die Tanzfläche.
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und brüllte in sein Ohr „ich bin Sam und wer bist Du?“
„Ich heiße Max,“ sagte er und ich schüttete mich beinahe aus vor Lachen. Die Namensgleichheit mit meiner imaginären, großen Liebe war eigentlich nicht wirklich lustig, aber in diesem Moment konnte ich einfach nicht an mich halten.
„Was ist so witzig?“ fragte Max auch prompt.
„Nichts ... es ist ... nichts ... ,“ gab ich zurück und warf dabei erneute einen verstohlenen Blick zu A.J. hinüber. Mittlerweile hatte er sich zu dem Mädchen hinunter gebeugt und flüsterte irgendetwas in ihr Ohr, wobei er seine Hände auf ihrer Taille liegen hatte.
Nun gut, wenn er sich amüsieren konnte, dann konnte ich das auch.
„Ist nett Dich kennen zu lernen,“ sagte ich etwas verspätet und rückte näher an Max heran.
„Finde ich auch,“ grinste er und legte mir die Arme um die Taille. Von irgendwo her tauchte erneut ein Glas Tequila neben mir auf und auch dieses leerte ich in einem Zug.
„Bist Du öfter hier?“ fragte er, während ich meinen Kopf an seine Schulter lehnte, weil plötzlich die Tanzfläche begann, sich um mich herum zu drehen.
„Das erste Mal,“ gab ich wahrheitsgemäß zurück und kicherte albern.
„Warum lachst Du?“ fragte er grinsend.
„Ich habe keine Ahnung. Ich befürchte ich bin den Alkohol nicht gewöhnt.“
„Weißt Du was in diesem Fall das Beste ist?“
„Was denn?“
„Weiter trinken.“
„Bist Du Dir da so sicher? Ich glaube, eigentlich habe ich genug.“
„Das mußt natürlich Du wissen, aber der Barkeeper macht wirklich richtig gute Drinks. Es muß ja kein Tequila mehr sein.“
„Na gut, überredet,“ lachte ich und lies mich bereitwillig von Max an die Bar führen. Ich zwang mich förmlich dazu, mich nicht mehr nach A.J. und seiner neuen Errungenschaft um zu sehen. Ich hatte keine Lust mir noch tiefer in mein Herz schneiden zu lassen. Außerdem fand ich die Aufmerksamkeit von Max in diesem Moment sehr wohltuend. Endlich ein Mann, der sich tatsächlich ausschließlich für mich interessierte und dem ich nicht wie ein Idiot hinterher rennen mußte.
Er bestellte etwas, was ich noch nie in meinem Leben gehört hatte und gleich darauf standen zwei Gläser mit einer undefinierbaren, grünen Flüssigkeit vor uns.
„Du willst mich vergiften,“ stellte ich fest und beäugte misstrauisch das Gebräu vor mir.
Max lachte „nein, ganz bestimmt nicht. Du bist viel zu hübsch dafür.“
Ich sah zu ihm auf, hatte aber mühe ihn genau zu fixieren.
„Echt?“ Irgendwie rollte das Wort so komisch über meine Zunge.
„Echt!“ lachte er und hob sein Glas. „Auf die hübscheste Frau des Abends.“
Ich grinste dämlich und hob ebenfalls mein Glas. Es fehlte nicht viel und ich hätte sein Glas nicht getroffen. Gleich darauf lehnte ich den Kopf zurück und etwas ekelhaft süßes und klebriges rann meinen Hals hinunter.
Angewidert verzog ich das Gesicht.
„Dann doch lieber Tequila,“ sagte ich.
Erneut lachte er und irgendwie machte ihn mir das sehr sympathisch.
„Machst Du das eigentlich öfter? Wildfremde Frauen in Clubs an sprechen um sie dann gleich mit Alkohol zu betäuben?“
„Nein,“ er schüttelte den Kopf „normaler Weise läuft das umgekehrt. Ich dachte mir, dass es doch endlich an der Zeit wäre, mir meine Begleitung selbst aus zu suchen.“
„Arrogant auch noch. Nenn’ mir einen Grund, warum ich bei Dir bleiben sollte,“ gab ich lächelnd zurück. So unglaublich es klingen mag ... dieser Max war ungeheuer interessant. Vielleicht lag das aber auch nur am Alkohol, doch darüber wollte ich im Moment nicht nachdenken.
„Lass uns noch eine Runde tanzen, spätestens dann wirst Du wissen was Du an mir hast“ grinste Max und führte mich zurück auf die Tanzfläche. Meine Knie fühlten sich unangenehm weich an und ich hatte Mühe die Lücken zwischen den tanzen Menschen zu erkennen. Doch in dem Gedränge schien es keinen zu stören dass ich wie eine Flipperkugel von einem zu anderen torkelte, bis sich Max zu mir herum drehte und mich an sich zog.
Toni Braxtons „He wasn’t man enough for me“ klang aus den Boxen und er umfaste mich noch ein wenig fester.
Ich fühlte mich unglaublich wohl in dieser Umarmung. Ich war eine Frau! Ich war begehrenswert! Und ich konnte gar nicht schlecht tanzen! Irgendwie brachte ich das selbst in meinem benebelten Zustand noch einigermaßen hin.
Max war ein sehr guter Tänzer, auch wenn ich A.J.s geschmeidige Bewegungen, seine starken Arme und vor allen Dingen seinen liebevollen Blick vermisste.
„Du bist wirklich niedlich,“ hörte ich Max leise Stimme dicht an meinem Ohr und gleich darauf streiften seine Lippen meinen Hals.
„Du bist auch nicht übel,“ gab ich zurück und versuchte über seine Schulter hinweg A.J. zu entdecken. Doch er war nicht mehr hier. Auch Paige und Nick waren verschwunden.
„Darf ich Dich küssen?“ hörte ich Max plötzlich fragen und völlig in Gedanken sagte ich „Ja.“
Gleich darauf fühlte ich seine Lippen auf den meinen, die fordernd über meinen Mund strichen. Erst als sich seine Zunge in meinen Mund schob wachte ich auf.
Erschrocken schob ich ihn von mir und voller Unverständnis sah er auf mich hinunter. Was tat ich hier eigentlich verdammt?
„Es ... es tut mir leid ... ,“ stammelte ich und sah mich erneut nach meinen Freunden um. Doch sie waren nirgends zu entdecken.
„Ich ... glaube nicht, dass das etwas für mich ist ... ich ... suche nach etwas Anderem, weißt Du?“
Max nickte langsam und sah dabei überhaupt nicht so aus, als würde er auch nur ein Wort von dem verstehen was ich versuchte mit meinem Gestammel aus zu drücken.
„Es liegt nicht an Dir ... Du bist wirklich nett ... also ... ,“
„Ist schon o.k.,“ sagte er sanft und strich mir über die Wange „tut mir leid. Ich war wohl etwas zu ... uhm ... schnell.“
Scheinbar hatte er diesen Abend mit mir noch nicht ganz aufgegeben. Es tat mir fast leid ihn enttäuschen zu müssen.
„Nein ... nein ... das ist es nicht ... ich .. bin verliebt, verstehst Du? Zwar aussichtslos verliebt ... aber trotzdem. Es ist als würde ich ihn betrügen. Das ... ist nicht richtig.“
„Ich verstehe,“ Max senkte den Blick und tatsächlich schien ihm gerade auf zu gehen, dass er auf einen heißen Abend mit mir verzichten musste. Doch dann nahm er meine Hand und sagte „Er hat Dich gar nicht verdient.“
Ich mußte gegen meinen Willen lächeln „vielleicht. Trotzdem ist er alles was ich will ... alles was ich brauche.“
Er nickte nur und sah mich dann wieder an.
„Es war trotzdem schön Dich kennen zu lernen. Du ... Du küsst wirklich sehr gut,“ dabei stahl sich ein verschmitztes Grinsen auf sein Gesicht, was zwei kleine Grübchen auf seinen Wangen zum Vorschein brachte.
„Wenn Du irgendwann genug von dem Typen hast, rufst Du mich an?“ fragte er und lächelte schief.
„Sehr gerne,“ gab ich zurück, sehr wohl wissen, dass ich ihn ganz bestimmt nicht anrufen würde.
Er kramte eine zerknitterte Visitenkarte aus seiner Hosentasche hervor und drückte sie mir in die Hand.
„Danke,“ sagte ich, stellte mich auf die Zehenspitzen, küsste ihn auf die Wange und lies ihn dann einfach stehen.

Kapitel 24