Kapitel 22

„Kennst Du Nick und A.J. schon lange?“ fragte Paige gleich nachdem wir uns gesetzt hatten. Ich lehnte mich entspannt in die Polster zurück und antwortete „ich kenne A.J. schon seit ich klein bin. Wir sind sozusagen miteinander aufgewachsen. Nick lernte ich etwas später kennen, als das mit der Band los ging.“
Paige nickte und so langsam schien auch sie sich zu entspannen.
„Und Nick und Du? Wie habt ihr euch kennen gelernt?“
„Oh ... viele Zufälle,“ gab sie zurück und ein leises Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. „Das erste Mal standen wir nebeneinander an einer roten Ampel und er hat mich herausgefordert.“
„Herausgefordert?“
„Er wollte ein Rennen. Dieses typische Männergehabe, Du kennst das sicher. Sie sind die größten, tollsten und besten und natürlich können sie wesentlich besser Auto fahren als wir Frauen.“
Ich mußte lachen. Das klang original nach Nick. Er war noch nie ein guter Verlierer gewesen. Egal ob bei einem Playstation-Spiel, bei einem Wortgefecht oder eben bei einem Rennen (und davon hatte es einige in der Anfangszeit der Band gegeben), er mußte immer die Nase vorne haben.
„Ich verstehe sehr gut was Du meinst. Und dann?“ fragte ich interessiert weiter.
„Ich habe ihn hinter mir gelassen und natürlich gewonnen,“ sagte sie grinsend und ihre Stimme drückte aus, dass sie auch nichts anderes erwartet hatte.
„Gut gemacht,“ lobte ich und sah mich suchend nach den Jungs um, da mein Glas mittlerweile leer und mein Mund knochentrocken war. Doch von den beiden war nichts zu sehen. Höchstwahrscheinlich besprachen sie gerade die Taktik für den heutigen Abend.
„Wie ging es dann weiter? Hat er Dich gleich nach Deiner Nummer gefragt?“
„Oh nein,“ lachte sie, beugte sich dann ein wenig zu mir hinüber und sagte leise mit einer Spur Bedauern in der Stimme „ich habe versucht ihn zu küssen und er ist auf und davon gerannt.“
„Ist nicht wahr?“ fragte ich mit großen Augen und sie nickte bekräftigend.
„Genau so war es, ich schwöre,“ zur Bekräftigung hob sie eine Hand „Im Nachhinein tut es mir leid,“ fuhr sie fort. „Ich dachte einfach, er wäre für jeden Spaß zu haben, aber im Grunde will er auch nur ein gut funktionierende Beziehung und niemanden der ihn nur für eine Nacht benutzt.“
„Das kann ich sogar verstehen,“ sagte ich und dachte an die sensible Seele die in ihm wohnte, die man nur leider meistens übersah, weil er gerne den Clown heraus hängen lies und so tat, als könne ihm keiner etwas.
„Ich dachte eigentlich ich würde ihn nie wieder sehen,“ fuhr sie fort und schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein „aber dann ... noch am selben Abend trafen wir uns zufällig auf einem Parkplatz. Er nahm mich mit auf eine Party, die leider auch nicht wirklich so verlaufen ist, wie ich mir das vorgestellt hatte und na ja ... dann haben wir uns noch einmal zufällig am Strand getroffen ... und ... na ja ... er hat nicht locker gelassen und nun bin ich hier.“
Ich sah sie erstaunt an „ihr habt Euch tatsächlich DREI Mal einfach so irgendwo getroffen?“
„Genau! Unglaublich oder? Ich meine ... wann passiert das schon einmal? Und dann auch noch ausgerechnet in L.A..“
„So etwas nenne ich doch mal Schicksal.“
„Ich nenne es Zufall. Was daraus wird wird man sehen,“ gab sie vorsichtig zurück und sah sich ebenfalls nach den Jungs um, aber wohl eher um meinem wissenden Blick zu entgehen.
„Und nun? Ich meine ... hm ... ,“ ich wußte nicht, wie ich es am besten ausdrücken sollte. Mein Problem war schon immer, dass ich alles ganz genau wissen mußte und dafür manchmal recht unangenehme Fragen stellte.
„Uhm ... wie stehst Du zu ihm? Ich meine ... ,“
„Ob ich in ihn verliebt bin?“
„Ja.“
„Das sage ich Dir dann, wenn ich es weiß,“ gab sie zurück und sah dabei kein bißchen gekränkt aus. Sie war eine wirklich bemerkenswerte Frau und ich konnte gut nach empfinden was Nick an ihr anzog.
„Und Du und A.J.? Was läuft da?“ fragte sie und ich bin mir sicher, dass ich für einen kurzen Moment blass wurde.
„Da ist nichts. Wir sind einfach nur gute Freunde. Sehr gute Freunde ... das schon ... aber er ist in Sarah verliebt und ich habe da auch so jemanden im Auge.“
„Tatsächlich?“ Paige hob eine Augenbraue und sah dabei nicht so aus, als würde sie mir meine Geschichte abnehmen. Doch mehr würde sie aus mir nicht heraus bekommen.
Plötzlich schwebte ein Glas Weißwein vor meinem Gesicht.
„Die Getränke sind da,“ verkündete Nick und setzte sich neben Paige auf die Couch, während A.J. sich neben mir nieder lies.
„Alkohol? Für mich?“ fragte ich irritiert.
„Hey, das ist eine Party,“ sagte A.J. als redete er mit einem kleinen Kind. „Nur weil ich das Zeug nicht mehr anrühre heißt das doch nicht, dass Du darauf verzichten mußt.“
„Aber leichter macht es das für Dich auch nicht, oder?“
„Ach, mach Dir mal um mich keine Gedanken. Ich habe das im Griff.“
„Bist Du Dir sicher?“
„Wenn wir keine Freunde wären, würde ich Dir jetzt etwas sehr gemeines antworten, aber da wir uns nun einmal doch ein bißchen verstehen sage ich jetzt einfach mal ... Ja!“
„Ein bißchen verstehen ... ,“ gab ich schmunzelnd zurück und nahm einen kräftigen Schluck von meinem Wein. Er war angenehm kühl und ich spürte sofort, wie mir der Alkohol in die Blutbahn schoß.
Plötzlich erklangen mir sehr vertraute Beats aus den Boxen.

I love to love you baby
I love to love you baby
I’m feelen sexy, I wanna hear you say my name, boy
If you can reach me, you can feel my burning flame

Paige sprang unvermittelt auf und sah sich in der Runde um.
„Ich liebe dieses Lied! Wer geht mit tanzen?“
Ich stand noch einen Moment vor Nick auf und A.J. erhob sich ebenfalls. Gemeinsam stiegen wir die Stufen hinunter und wurden gleich darauf von der wogenden Menge auf der Tanzfläche verschluckt.
Paige schmiegte sich sofort an Nick, als hätte sie noch nie etwas anderes getan und als ich A.J.s Hände an meiner Taille spürte, wehrte ich mich nicht dagegen.
Ich fühlte mich, als wäre ich von einen auf den anderen Moment in eine andere Welt abgetaucht. Die laute Musik durchdrang meinen Körper und meine Beine, Arme und Hüften bewegten sich in dem aufreizenden Rhythmus.
Ich fühlte mich genau so, wie Beyoncè es in ihrer leicht rauchigen Stimme sang.

Tonight, I’ll bee your naughty girl
I’m calling all the girls
I see you look me up and down
and I came to party

Ich hatte meine Unsicherheit über Bord geworfen und versank einfach im Rhythmus und seinen dunklen Augen, die mich zu hypnotisieren schienen.
Ich hatte vorher schon einige Male mit ihm getanzt: Auf diversen Schulbällen und in Discotheken und trotzdem war es niemals so wie jetzt gewesen. Wir hatten immer den entsprechenden Abstand gewahrt, hatten uns nur als Freunde betrachtet und genau so getanzt.
Doch diesmal schien das anders zu sein. Er folgte jeder meiner Bewegungen, zog mich noch ein wenig enger an sich, war mir mit seinem Gesicht ganz nahe und bei all dem lag ein geheimnisvolles Lächeln auf seinem Gesicht.
Ich spürte, wie seine Hände meine Rücken streichelten und ich schlang meine Arme um seinen Nacken.
Es existierte nichts mehr um mich herum und für den Bruchteil einer Sekunde war ich versucht einfach meine Lippen auf seine zu pressen. Es hätte gepasst ... es hätte sogar genau so passieren können ... wenn nicht in diesem Moment das Lied zu Ende gewesen wäre und Destinys Child angefangen hätten darüber zu singen, was sie alles überleben konnten.
A.J. lies mich los, trat einen Schritt zurück und passte sich scheinbar mühelos dem neuen Rhythmus an. Neben uns waren Nick und Paige immer noch in ihrer ganz eigenen Welt versunken und ich begann zu frieren obwohl es hier drin unglaublich warm war.
Mal wieder hatte ich in Gedanken den vollkommen falschen Weg eingeschlagen. Wie kam ich denn bitte schön auf den Gedanken ihn zu küssen? Er hatte sich nicht anders verhalten als sonst. War der nette, aufmerksame Freund der mit mir ausging um mir „die große weite Welt“ zu zeigen und mich möglichst mit einem der hier anwesenden Herrn zu verkuppeln.
Höchstwahrscheinlich war ich heute Abend nur aus einem einzigen Grund hier: A.J. suchte nach einem Mann für mich, damit er die Verantwortung für mich abgeben und sein schlechtes Gewissen beruhigen konnte.
An diesem Punkt angelangt zwang ich mich an etwas anders zu denken. Es war einfach zum verzweifeln. Wenn ich nicht gerade in meinen Gefühlen für ihn badete unterstellte ich ihm die niedrigsten Beweggründe. Ich sollte dringend noch etwas trinken!
Äußerlich lies ich mir von dem Gedankenchaos in meinem Kopf nichts anmerken. Ich tanzte weiter, lächelte A.J. an und versuchte das Gefühl fest zu halten das mich überkommen hatte, als er mich noch im Arm gehalten hatte.

Kapitel 23